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»Peter Baylens Philosophisches Wörterbuch«
300 Jahre einer Enzyklopädie der Aufklärung
Ausstellung zu Pierre Bayle: Dictionnaire historique et critique.
Rotterdam 1696.
Vom 15. November 1996 bis 10. Januar 1997
Idee und Realisation:
Prof. Dr. Sebastian Neumeister, Institut für Romanische Philologie,
Freie Universität Berlin;
Thomas Jakob, Stud. phil., Freie Universität Berlin.
... ich verlor mich aber in ein noch größeres Labyrinth,
als ich Baylen in meines Vaters Bibliothek fand ...
(Goethe, Dichtung und Wahrheit, II, 6)
Pierre Bayle (Le Carla / Ariège 1647 - 1706 Rotterdam) gehört zusammen mit den Protagonisten der sog. "Querelle des Anciens et des Modernes" zu den Autoren, die durch ihre kritische Arbeit die Aufklärung vorbereitet haben, zunächst in Frankreich und dann in ganz Europa. Schritt für Schritt werden dabei die theologischen, philosophischen und kulturellen Konzepte, auf die sich der absolutistische Staat in Frankreich stützt, überprüft, kritisiert und im Zeichen der Toleranz zur Disposition gestellt. Nach den noch eher literarisch zu nennenden Vorgefechten der Querelle ist es vor allem Pierre Bayle, durch dessen wissenschaftliche Tätigkeit "Kritik und Krise" (Reinhart Koselleck) in einen unauflöslichen Zusammenhang treten. Was in der Mitte des 17. Jahrhunderts die unbezweifelte ideologische Basis des Gemeinwesens ist, sieht sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts ebenso selbstverständlich der Kritik ausgesetzt oder schon von ihr ruiniert. Am Ende dieser Entwicklung steht die Französische Revolution von 1789.
Pierre Bayle ist Theologe, nicht Historiker, Philologe oder Philosoph.
Persönlicher Anstoß seines Tuns ist die Aufhebung des
Edikts von Nantes, die 1685 ihn und Zehntausende seiner hugenottischen
Glaubensbrüder ins Exil treibt. Der Intoleranz der mit Unterstützung
des Staates wiedererstarkenden katholischen Kirche in Frankreich
gelten daher zahlreiche Schriften Pierre Bayles, so etwa die Streitschrift
Ce que c'est que la France toute catholique von 1686, zu
deren Niederschrift ihn der Tod seines Bruders im Gefängnis
bewegt, und vor allem die Lettre sur la Comète von
1682, die unter dem Titel Pensées diverses sur la Comète
bis 1704 zahlreiche erweiterte Neuauflagen erlebte.
Als Professor der Theologie an der Akademie von Sedan ist Bayle
zugleich aber auch Wissenschaftler und Humanist. Mit der 1681
erzwungenen Übersiedlung nach Rotterdam tritt dieser Teil
seiner Begabung in den Vordergrund. Pierre Bayle wird zu einem
der bedeutendsten Köpfe der europäischen Gelehrtenrepublik.
Er steht in intensivem brieflichem und persönlichem Kontakt
mit Wissenschaftlern aller Disziplinen in Frankreich, England,
Holland und Deutschland. Die von ihm zwischen 1684 und 1687 herausgegebenen
Nouvelles de la République des Lettres, ein Referateorgan,
das dem Journal des Savans in Paris und den Acta eruditorum
in Leipzig Konkurrenz macht, sowie eine umfangreiche Korrespondenz
zeugen von dieser Tätigkeit.
Zu einem geistesgeschichtlichen Faktor von epochalem Rang wird
die wissenschaftlich-kritische Tätigkeit Bayles aber erst
mit der Verwirklichung einer ungewöhnlichen enzyklopädischen
Idee, der Sammlung aller Fehler der Nachschlagewerke seiner Zeit,
insbesondere der des Grand Dictionnaire historique von
Louis Moréri (1674 u. ö.). Der Dictionnaire historique
et critique (DHC) von 1696, der daraus hervorgeht, wächst
sich im Laufe seiner zahlreichen Auflagen zu einem die Fachwelt
beeindruckenden Monument der Aufklärung aus. Seine Wirksamkeit
reicht weit über seine ursprüngliche Funktion als Fehlerlexikon
hinaus, ja er wird zu einem Bestseller des 18. Jahrhunderts. Voltaire
und die Autoren der Encyclopédie berufen sich auf
Pierre Bayle, Katharina die Große von Rußland hat
das Werk angeblich ganz durchgearbeitet, Johann Christoph Gottsched
läßt den DHC ins Deutsche übersetzen, und der
junge Goethe findet ihn in der Bibliothek seines Vaters.
Auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem DHC ist nicht
gering einzuschätzen. Eines der wichtigsten philosophischen
Werke der europäischen Aufklärung etwa, Leibniz' Théodicée
(1710), geht u. a. auf Gespräche zurück, die der Philosoph
und Gründer der Berliner Akademie der Wissenschaften 1702
mit der preußischen Königin Sophie Charlotte im Schloßpark
von Charlottenburg über Passagen aus der gerade erschienenen
zweiten Auflage des DHC geführt hatte. Bayle antwortet übrigens
auf Leibniz' Vorstellungen von der prästabilierten Harmonie
(harmonie préétablie) im Artikel "Rorarius"
seines Dictionnaire. Die Gebildeten Europas lesen den DHC,
solange die Vorherrschaft der französischen Kultur in Europa
anhält, also bis zur Romantik und darüber hinaus. Noch
1820 erscheint eine hervorragend kommentierte Neuauflage des DHC
und 1838 widmet der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach Pierre
Bayle eine Monographie.
Die erste Ausgabe des DHC erschien vor nunmehr genau 300 Jahren,
im Herbst des Jahres 1696, in zwei Bänden in Rotterdam (Datierung
auf dem Titelblatt: 1697), und dann, wie bemerkt, noch mehrfach
bis 1820 in 4 bzw. 16 Bänden. Die Universitätsbibliothek
der Freien Universität Berlin präsentiert ihren Benutzern
aus diesem Anlaß eine kleine Auswahl der Werke Pierre Bayles
und der Ausgaben des DHC zusammen mit einigen Zeugnissen der nachhaltigen
Wirkung, die er gehabt hat, ausgewählten Werken der Bayle-Forschung
und zwei Schriften zu dem allen Lesern wissenschaftlicher Literatur
wohlvertrauten Phänomen der Fußnote - Pierre Bayle
hat sie bekanntlich in seinem DHC in extremer Weise kultiviert.
Die kleine Ausstellung soll dazu beitragen, die europäische
Gelehrtengemeinschaft des 18. Jahrhunderts und das Echo, das ihre
Arbeiten bei den Gebildeten Europas gefunden haben, in Erinnerung
zu rufen, als Augenfreude und als Anregung, die Tradition aufklärerischer
Tätigkeit fruchtbringend fortzuführen.
Die in der Ausstellung gezeigten Bücher
Werke:
Louis Moréri: Le grand dictionnaire historique ou le Mélange
curieux de l'histoire sacrée et profane.
Nouvelle édition, rev., corr. & augmentée par
Étienne François Drouet. 10 Bde, Paris: Libraires
associés 1759. Signatur FUB, Lesesaal: I 194/20
Pierre Bayle: Projet et fragmens d'un dictionnaire critique.
Réimpression de l' édition de Rotterdam 1692, Genf:
Slatkine 1970. Signatur FUB: 18 / 71 / 106461
Pierre Bayle: Dictionnaire historique et critique.
3e éd., rev., corr. et augmentée par l'auteur. Rotterdam:
Bohm 31720. Signatur FUB: 2º 2 E 1203.
In FUB, Lesesaal außerdem: 4. Aufl. 1730, Signatur I 195
und Ausgabe Paris 1820-1824 in 16 Bänden als Reprint Genf:
Slatkine 1969. Signatur: I 195/10
Pierre Bayle: Historisches und critisches Wörterbuch.
Nach der neuesten Auflage von 1740 ins Deutsche übersetzt,
auch mit einer Vorrede und verschiedenen Anmerkungen versehen
von Johann Christoph Gottschedden. Nebst dem Leben des
Herrn Bayle vom Herrn Desmaizeaux. 4 Bde., Leipzig: Breitkopf
1741-1744. Signatur FUB, Lesesaal: I 195/5
Peter Baylens Philosophisches Wörterbuch oder die philosophischen Artikel aus Baylens Historisch-kritischem Wörterbuch. In deutscher Sprache abgekürzt und herausgegeben zur Beförderung des Studiums der Geschichte der Philosophie und des menschlichen Geistes von Ludwig Heinrich Jakob, 2 Bde, Halle/Leipzig: Ruff 1797 [Auswahl]. Signatur FUB: 8 G 477
Pierre Bayle: Système de philosophie contenant la logique
et la métaphysique. Berlin: Pitra 1785.
Signatur FUB: 7 G 324
Pierre Bayle: Pensées diverses sur la Comète. Éd. critique avec une introduction et des notes publiée par A. Prat. 2 Bde, Paris: Droz 21939 (Société des textes français modernes). Signatur FUB: 6 G 4512
Pierre Bayle: Lettres choisies, avec remarques. T. 1-3, Rotterdam:
Fritsch & Böhm 1714.
Signatur FUB: 38 / 72 / 104510
Einige Rezeptionsbeispiele:
Leibniz in Berlin. Ausstellung im Schloß Charlottenburg, 10. Juni - 22. Juli 1987. Hg. von Gerd van den Heuvel, Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Berlin in Zusammenarbeit mit dem Leibnizarchiv der Niedersächsischen Landesbibliothek Hannover. Berlin 1987. (Aus Berliner Schlössern - Kleine Schriften IX). Privatbesitz
Gottfried Wilhelm Leibniz: Theodicee; das ist, Versuch von der
Güte Gottes, Freyheit des Menschen und vom Ursprunge des
Bösen. [Essai de Théodicée sur la bonté
de Dieu, la liberté de l'homme, et l'origine du mal.],
bey dieser 4. Ausgabe durchgehends verbessert, auch mit verschiedenen
Zusätzen und Anmerkungen verm. von Johann Christoph Gottschedden.
Statt einer Einleitung ist die Fontenellische Lobschrift auf den
Herrn von Leibnitz von neuem übersetzt [L'éloge de
Monsieur Leibnitz]. Hannover & Leipzig: Förster 1744.
Signatur FUB: 15 B 4064
Friedrich der Große: Extrait du dictionnaire de Pierre Bayle. Vorrede zum Auszug aus dem historisch-kritischen Wörterbuch von Bayle (1764). In: Philosophische Schriften. Hg. von Gustav Berthold Volz, deutsch von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. In: Die Werke Friedrich des Großen. Mit Illustrationen von Adolph von Menzel, 10 Bde, Berlin: Hobbing 1913/14, hier Bd. 8, 40-43. Signatur FUB: 40 2 F 83-8
Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. [2. Teil, 6. Buch] In: Goethe's Werke. Stuttgart: Cotta 1816-22, 26 Bde, hier Bd. 18 (1818). Signatur FUB: 14 L 351 - 18
Ludwig Feuerbach: Pierre Bayle. Ein Beitrag zur Geschichte der
Menschheit (1838).
In: Sämtliche Werke. 10 Bde., Leipzig: Wiegand 1846-66, hier
Bd. 6. (1848). Signatur FUB: 1 G 302
Über Pierre Bayle:
Elisabeth Labrousse: "Une fois, une loi, un roi?" Essai
sur la révocation de l'Édit de Nantes.
Genf: Labor et fides 1985. Signatur FUB: 18 / 86 / 30772
Elisabeth Labrousse: Pierre Bayle et l'instrument critique. Paris: Editions Seghers 1965. (Philosophie de tous les temps 16). Privatbesitz
Reinhart Koselleck: Kritik und Krise. Suhrkamp Taschenbuch Verlag 1973. Privatbesitz (Freiburg / München: Alber 1959. (Orbis academicus) Signatur FUB: 8 C 206)
Luc Weibel: Le savoir et le corps. Essai sur le dictionnaire de
Pierre Bayle. Lausanne: L'Age d'homme 1975
(Collection: Lettera). Signatur FUB 18 / 77 / 31119
Jean Firmin Goetinck: Essai sur le rôle des Allemands dans le Dictionnaire Historique et Critique (1697) de Pierre Bayle. Paris: Editions Jean Michel Place 1982. (Etudes littéraires. 22). Signatur FUB: 18 / 84 / 18395
Sebastian Neumeister (Hg.): Frühaufklärung. München: Wilhelm Fink Verlag 1994. (Romanistisches Kolloquium. 6). Privatbesitz
Zur Fußnote:
Robert K. Merton: Auf den Schultern des Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. Frankfurt am Main: Syndikat 1980. Privatbesitz
Peter Rieß: Vorstudien zu einer Theorie der Fußnote. Berlin / New York: Walter de Gruyter 1984. (Jahresgabe 1983/84, Kopie). Privatbesitz
Anthony Grafton: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. Berlin: Berlin-Verlag 1995. Privatbesitz

