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Friedrich II. von Hohenstaufen. Der universale Herrscher.
Ausstellung zum 750. Todestag des Kaisers
vom 1.12.2000 - 31.1.2001
von Sebastian Neumeister, Institut für Romanische Philologie
der Freien Universität Berlin.
vom 1.12.2000 - 31.1.2001
von Sebastian Neumeister, Institut für Romanische Philologie
der Freien Universität Berlin.
Der Ruhm Friedrichs II. von Hohenstaufen (1194-1250), König von Sizilien und Kaiser der Deutschen, hat die Jahrhunderte überdauert. Schon zu seinen Lebzeiten wurde er gefürchtet und verehrt, verherrlicht und verklärt. Die Chroniken der Zeit, aber auch die höfischen Sänger und die zeitgenössischen Erzähler legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Sie entrücken ihn bald in das Reich der Legende, in das auch schon sein Großvater, Friedrich I. Barbarossa, eingegangen war. Als kühner, wenn auch zuletzt vom Kriegsglück verlassener Heerführer, als geschickter, wenn auch nicht immer erfolgreicher Politiker, als Herr und Reformer eines Staatswesens, das Züge einer erstaunlichen Modernität trägt, aber auch als wissenschaftlich und literarisch interessierter Herrscher und Mäzen gehört Friedrich II. zu den großen Gestalten des Abendlandes.
1. Friedrich II. als Herrscher und Mensch
Friedrich II., einziger Sohn Kaiser Heinrichs VI. und seiner Frau Konstanze von
Sizilien, ist früh Vollwaise geworden. Unter fast anarchischen
Verhältnissen wächst er in Palermo auf, ein weitgehend sich selbst
überlassenes Mündel des Papstes und bis kurz vor seiner
Volljährigkeit Geisel und Gefangener deutscher Ritter. Friedrich bleibt
auch noch Spielball fremder Interessen, als er vierzehnjährig 1209 mit der
Schwester des Königs von Aragón, der
fünfundzwanzigjährigen Konstanze, verheiratet wird. Doch dann
ergreift der Jüngling mehr und mehr selbst die Initiative, beginnend mit
der triumphalen Fahrt, die den jungen König 1212 zum ersten Mal nach
Deutschland führt. Am 23. Juli 1215 wird er in Aachen zum König
gekrönt und am 22. November 1220 in Rom zum Kaiser des Heiligen
Römischen Reiches deutscher Nation.
Friedrich ordnet in straffen Verwaltungsreformen die Verhältnisse in
Sizilien, er läßt 1222 seinen Sohn Heinrich zum deutschen König
krönen und unterwirft in jahrelangem Kleinkrieg die rebellierenden
Sarazenen Siziliens. Es folgen fast zwei Jahrzehnte eines zähen und
wechselvollen Kampfes mit den norditalienischen Städten und vor allem mit
dem Papst. Der jahrzehntelange erbitterte Streit mit den römischen
Päpsten, die Friedrich II. zweimal exkommunizieren und einmal für
abgesetzt erklären, zeigt im Prinzip nur eines: daß für ihn
alles, auch das Verhältnis zu den drei großen Religionen, unter dem
Primat der Politik steht. Es geht um die Vorherrschaft in Italien. Der Sieg von
Cortenuova, in dem Friedrich 1237 über die Lombardischen Städte
triumphiert, ist der Höhepunkt, aber auch der Wendepunkt in diesem Streit.
Jahre eines erbitterten Hin und Her zwischen Friedrich II. und dem Papst
folgten, unterstützt von einem aufwendigen Propagandakrieg beider Seiten.
Die Rückeroberung Jerusalems durch die Araber fällt in diese Zeit,
der Papst erklärt den Kaiser 1245 auf dem Konzil von Lyon für
abgesetzt. Im Februar 1248 erleidet Friedrich eine schmerzhafte Niederlage bei
Parma, 1249 fällt sein Sohn Enzio den Bolognesen in die Hände. Am 13.
Dezember 1250, vor genau 750 Jahren, stirbt der Kaiser in Fiorentino bei
Lucera, der vor ihm selbst gegründeten Sarazenenstadt. Ein Leben, eine
Person, ein Herrscher von fast übermenschlichen Ausmaßen finden ein
Ende, das zugleich der Beginn einer Legende ist: "Vivit, non vivit!"
(Er lebt und lebt nicht!) (Vaticinium Sibillae Erithreae).
2. Der Staat
Friedrich II. hat nach dem einhelligen Urteil der Historiker in Sizilien einen Staat geschaffen, der schon im 13. Jahrhundert Zeichen einer viel späteren Rationalität und Effektivität trägt, in der Verwaltung und Gestaltung eines Territoriums ebenso wie in den Außenbeziehungen. Früh gereift durch eine bewegte Jugend und begabt mit einer überragenden Intelligenz, aber auch cholerisch und autoritär, nimmt Friedrich schnell die Zügel des ihm zugefallenen sizilianischen Staates in die Hand und reformiert ihn entschlossen. Das geschieht in mehreren Etappen, aber auch in Gestalt eines nie nachlassenden Herrschaftswillens von unerhörter Konsequenz und auch Grausamkeit. Am Beginn dieses Prozesses stehen die sogenannten Assisen von Capua, mit denen Friedrich II. alle Privilegien, Titel und Schenkungen im Königreich seit dem Tode Wilhelms II. des Guten 1189 für ungültig erklärt und neu verteilt: ein absolutistisch zu nennender Akt. Ein zweiter wichtiger Schritt ist die Niederwerfung der Sarazenen zwischen 1222 und 1225. Der dritte und vielleicht wichtigste Schritt besteht in der Schaffung eines umfangreichen Gesetzeswerkes, der sogenannten Konstitutionen von Melfi, mit denen ein bis ins Detail organisierter Beamtenstaat begründet wird. Mit ihm versucht Friedrich II. die personalen, lokalen und regionalen Abhängigkeiten in der zeitgenössischen Gesellschaft endgültig zu durchbrechen. Entscheidend dafür ist die Schaffung einer Beamtenschaft, die zwar privilegiert ist, doch immer vom Kaiser abhängig bleibt - eine Abhängigkeit, die jede Eigenständigkeit ausschloß. Friedrichs Beamte mußten fähig sein, unbestechlich, gerecht, vor allem aber loyal. Die Neigung Friedrich II., den Staat ganz auf sich und seine Person auszurichten, läßt ihn als einen eisernen Autokraten erscheinen, doch sie macht auch seine Modernität aus: ein hochorganisierter Absolutismus, den wir so erst wieder im 17. Jahrhundert finden.
3. Autor, Mäzen und Bauherr
Es ist viel geschrieben worden über Friedrich II. als Förderer und
Vermittler des Wissens, der schönen Künste und der Literatur in
seiner Zeit. Sein Falkenbuch De arte venandi cum avibus (Über die
Kunst, mit Vögeln zu jagen) ist zweifellos der wichtigste Beitrag, den er
selbst für die aufblühenden Naturwissenschaften erbracht hat.
Höchst verdienstvoll ist auch die Reform des Bildungswesens, die in der
Gründung der Universität Neapel gipfelt, der eifersüchtig
gehüteten Kaderschmiede des neuorganisierten Staates. Friedrich II.
versammelt hier und am eigenen Hof die berühmten Gelehrten seiner Zeit,
darunter auch arabische, und diskutiert mit ihnen über Musik und
Mathematik, Vogelkunde und Rechtswesen.
Dafür setzt Friedrich II. die literarische Tradition der Trobadors fort,
die die erste volkssprachliche Dichtung Europas geschaffen hatten, und gab so
den Anstoß zu einer eigenen Dichterschule, der berühmten
"scuola siciliana". In ihr wetteiferten er selbst, wie übrigens
auch schon sein Vater, Kaiser Heinrich VI., und die Beamten der kaiserlichen
Verwaltung, die an der Universität Bologna im studium generale
ausgebildet waren, im Dichten höfischer Liebeslieder. Die Gedichte der
Beamten Friedrichs II. begründen die italienische Lyrik.
Außerdem aber und nicht zuletzt gehört Friedrichs II. ausgedehnte
Bautätigkeit hierher. Die unzähligen Bauten, die während der
Regierung Friedrichs II. entstanden sind und zumindest als Ruinen die
Jahrhunderte überdauert haben, sind vor allem als Herrschaftszeichen und
Symbole der Macht gemeint. Doch sie fügen sich zusammen mit den Burgen
nördlich der Alpen zum glänzenden Zeugnis eines Bauwillens, der
stilbildend gewirkt hat, ja nach der Meinung mancher Experten schon in die
Renaissance weist. Orient und Okzident, Tradition und Fortschritt, Anspruch und
Ausdruck gehen hier, wie in der Vielfalt der wissenschaftlichen Interessen des
Kaisers, in einzigartiger Weise eine Einheit ein, die die Zeiten
überdauert hat.
4. Endzeit und Ende
Nicht das Ende eines Herrschers entscheidet über seinen Nachruhm und
seinen Platz in der Geschichte, sondern die Summe seiner Taten, der bewahrenden
wie der verändernden. Erfolg und Niederlage wechselten dabei in schneller
Folge. Der Glaube an die eigene Sendung läßt Friedrich immer wieder
die Kraft und die Mittel finden, sich zu behaupten. Erst als das
Reichsgebäude auch innen Risse zeigt, wirkt der Kaiser verunsichert. 1246
kommt es zu einer Verschwörung unter seinen Provinzverwaltern,
möglicherweise vom Papst inszeniert, und Friedrich schlägt
unerbittlich strafend zurück. Und 1249, gut ein Jahr vor seinem Tod,
läßt er sogar Pier della Vigna als Verräter verhaften, den
obersten Richter und Kanzleichef, dem er über 25 Jahre lang bedingungslos
vertraut hatte. Die Zeichen sind deutlich: seine Uhr ist abgelaufen.
Mit Friedrichs Tod am 13. Dezember 1250 endet mehr als nur das Leben einer
außergewöhnlichen Person. Sein Tod läutet vielmehr auch das
Ende der Staufer-Dynastie ein, ja sogar - so wenigstens stellen es einige
seiner Chronisten dar - das Ende der Zeiten. Denn während die einen, die
Anhänger des Papstes, in Friedrich II. einen Vorläufer des Antichrist
sahen (dem das Jüngste Gericht unmittelbar folgen müßte),
stellte die Kanzlei des Kaisers ihren Herrn als den von Gott gesandten
Herrscher der Endzeit dar. Am deutlichsten formuliert dies im Jahrzehnt vor
Friedrichs Tode der Abt Nikolaus von Bari, wenn er das Staufer-Geschlecht in
die Nachfolge König Davids stellt und Friedrich einen "Sproß
aus der Wurzel Jesse" nennt, eine Bezeichnung, die eigentlich Christus
vorbehalten ist.
Nikolaus von Bari vergleicht auch Friedrichs Sohn Konrad in Anlehnung an das
Lukas-Evangelium mit Christus: "Benedictus fructus ventris tui rex
Conradus..." (Gebenedeit sei die Frucht deines Leibes, König
Konrad...). Doch die Wiederauferstehung bleibt diesmal aus: Friedrichs Sohn
Konradin wird als Konrad V. der letzte Stauferkönig sein, da dessen Sohn
Konradin 1268, nach der verlorenen Schlacht bei Tagliacozzo, gefangen und
enthauptet wird.
5. Echo, Nachklang, Mißbrauch und Versöhnung
Friedrich II. hat weit in die Nachwelt hineingewirkt. Die
Geschichtsschreibung hat sich des Kaisers ebenso angenommen wie Volkssage und
Legende, aber auch Dichtung und Prosa von Walther von der Vogelweide bis Stefan
George, vom Novellino bis Horst Stern. Und es konnte auch nicht ausbleiben,
daß Friedrich II. für ganz unterschiedliche Ideologien in Anspruch
genommen worden ist, so etwa für die Sache des Protestantismus, als
früher Vertreter einer gegen das Christentum gerichteten geistigen
Autonomie bei Nietzsche, als Leitfigur einer konservativen Renaissance nach dem
ersten Weltkrieg oder als Legitimationsfigur germanischen Eroberertums im
Nationalsozialismus.
Die Geschichtsschreibung ist von diesen Strömungen nicht unberührt
geblieben. Am ehesten läßt sich noch die ablehnende Haltung des
Chronisten Salimbene von Parma rechtfertigen, der die Belagerung der Stadt
durch Friedrich II. im Jahre 1248 selbst miterlebt hatte. Das Lob der
Protestanten für die papstfeindliche Haltung Friedrichs II. stützt
sich auf eine frühe Chronik, entstanden noch zu Lebzeiten des Kaisers, und
erscheint ebenso verständlich wie die reservierte Haltung der Romantiker
angesichts eines Herrschers, der so gar nicht ihrem Bild von einem deutschen
Mittelalter entsprach. Weniger nachvollziehbar ist dann, wie Friedrich
Nietzsche und Stefan George aus diametral entgegengesetzter, wenn auch
stilistisch verwandter Sicht Friedrich II. für sich in Anspruch nehmen.
Beide, Nietzsche wie George, haben ihre Spuren in der deutschen
Geschichtsschreibung hinterlassen, insbesondere Stefan George, aus dessen Kreis
die große und auch stilistisch eindrucksvolle Biographie hervorging, in
der Ernst Kantorowicz 1927 Friedrich als "Weltkaiser" darstellte. Von
da wie von der an Nietzsche orientierten Deutung des Kaisers "als
Vorzeichen und Vorgeburt der höchsten deutschen Wirklichkeit" durch
den Historiker Wolfram von den Steinen war es, ohne daß die beiden
Autoren dafür verantwortlich gemacht werden könnten, nur noch ein
Schritt bis zum Mißbrauch des Hohenstaufen durch den
Nationalsozialismus.
Der Streit der Meinungen ist seither leiser geworden, und die
Geschichtsschreibung hat sich, wie die Arbeiten der letzten Jahrzehnte zeigen,
wieder ihrer eigentlichen Aufgabe, der soweit möglich unvoreingenommenen
Deutung der Quellen zugewandt. Sie zuerst können uns, wie etwa die im
Jubiläumsjahr 2000 erschienene Sammlung von Klaus van Eickels und Tania
Brüsch beweist, vom Leben des großen Staufers erzählen, eines
deutsch-italienischen Europäers und Weltbürgers avant la
lettre.

