Geistlich und weltlich
Von Julius Stinde
(Aus der Familienzeitschrift
„Daheim“, 39. Jahrgang (1903) Nr. 7, Seite 14-16 und Nr. 8, Seite 20-23,
mitgeteilt von Ulrich Goerdten)
Tönendes Erz! Ist der Glockenklang wirklich nichts mehr als von becherartig geformten Metallmassen in Schwingungen versetzte Luft, die auf das Trommelfell und die feinen Nervenfasern des Ohres einwirkt? Ich meine: Glocken singen, und gar verschieden ist ihr Sang. Glockensang begleitet uns durch das Leben; wer wäre wohl, dessen Herz er noch nicht getroffen, sei es in Freude, sei es in Leid? Da allerdings, wo das Getobe der Großstadt sich bemüht, die ernst Stimme zu überschreien, verhallt sie nur zu oft ungehört, aber um so eindringlicher erfaßt sie das Gemüt zu den Zeiten, wenn der Lärm verstummt und das Herz wartet, wie um Weihnachten und um die Jahreswende.
Glocken haben etwas Geheimnisvolles. Wer sie je dort oben im Turm besuchte, wo sie schweigend hängen, kennt das eigentümliche Gefühl der „Glockennähe“: ihn überkommt eine ehrfürchtige Scheu vor den ehernen Gebilden, die aufleben und laut werden, sobald es ihres Amtes ist.
Und wurden sie nicht Lebenden gleichgeachtet seit alter Zeit? Man hat ihnen Namen gegeben, sie wurden getauft und geweiht, und berühmte Glocken sind im Volke weit und breit unter ihrem Taufnamen bekannt, wie die Susanne der Münchener Frauenkirche, die Sigismundis zu Danzig, die Maria zu Aachen und viele andere mehr. Jüngsten Datums ist die zur Krönungsfeierlichkeit für St. Mary’s Church in London gestiftete Glocke, die auf ihrem Rande die Inschrift trägt: „My name is Edward VII“.
Wann die Glocken für kirchliche Zwecke im Abendlande in Gebrauch kamen, das läßt sich auf das Jahr genau schwer feststellen. Um das Jahr 524 sollen bereits in Rom viele Glocken gewesen sein; unter Karl dem Großen wurde für die Versorgung der Kirchen und Klöster mit Glocken geeifert.
Vor dieser Zeit wurden die Mönche durch Anklopfen an die Türen der Zellen zu den nächtlichen Andachten und Morgendiensten geweckt oder durch eine hölzerne Klapper zusammengerufen, wie solche in Holstein und Mecklenburg noch jetzt auf einzelnen Gütern zur Ansage der Mahlzeiten für die Leute benutzt wird.
Auf solches Klopfen ist die Entstehung des Wortes Glocke zurückzuführen, zumal das Zeitwort „klocken“ nach Grimm nicht nur klopfen, sondern auch schallen bedeutet, so daß in dem mönchslateinischen Clocca sowohl das bisherige Weckklopfen als auch der wohlklingende Schall der neuen Ruferin bezeichnenden Ausdruck fanden.
Die Stimme der Glocke reichte weiter als das Klappern des Holzes und des Blashorns, womit an etlichen Orten ebenfalls das Zeichen zum Gottesdienst gegeben wurde; durch die Glocke trat das Heiligtum in deutlicheres Vernehmen mit der Gemeinde. Die Kirche rief jetzund laut und regelmäßig; sie teilte den Tageslauf durch die Stunden des Gebetes, die die Glocke verkündete. So richtete in der uhrenarmen Zeit sich weltliches Geschäft nach der kirchlichen Zeiteinteilung, und vielfach gibt auf dem Lande die Betglocke noch immer das Zeichen zum Beginn der Arbeit, zur Mittagspause und zum Feierabend. Damit gewann die Glocke großen Einfluß. Sie war wie die Stimme eines, der Sorge für die Menschen trug, ihnen sagte, was an der Zeit sei, und sie gleichzeitig ermahnte, vor jedem Beginn, den Sinn im Gebet, auf den zu richten, in dessen Hand alles Wohlgelingen steht. Wer das wunderbare Bild von Millet sieht, das berühmte Angelus, empfindet mit dem einfachen Feldarbeiterpaar den Seelenfrieden, den ihnen der Glockensang im Abendläuten bringt.
Nicht ihnen allein, den beiden auf jenem Bilde Dargestellten. Während ein Abschnitt der Erde sich bereits im Schatten befindet, sinkt die Sonne erst für den folgenden unter den Horizont und kommt für diesen Längengrad der Abend. Überall aber, wo die Christenheit Kirchen erbaute, ertönt die Abendglocke zu ihrer Zeit, bei unseren Antipoden wenn wir erwachen und die Sonne neu begrüßen. So schweigt auf Erden zu keiner Zeit der Friedensgruß nach vollbrachter Tagesarbeit, und wer außerhalb der Erde stände, mit so feinem Gehör, daß er es vernehmen könnte, dem sänge unser Planet ununterbrochen das Glockenlied von jenem Frieden, den allen Völkern zu bringen die Weltaufgabe des Christentums ist.
Im Gegensatz zu der Alltagsglocke hatte die Festglocke die Tage und Stunden erhöhter Feier anzuzeigen, und es begann, teils aus wohlverständlichem Bedürfnis zur Auszeichnung der hohen Zeiten, teils aus dem nicht minder begreiflichen Trachten sich vor anderen hervorzutun, unter Kirchen und Klöstern ein Wettstreit um Geläute, sowohl in der Anzahl, wie besonders auch in der Größe der Glocken. Der Ruf einer Kirche hing in der Tat von der großen Glocke ab.
Das Glockengießen erhob sich zu einer anerkannten Kunst, und es entwickelte sich ein förmlicher Glockenkultus. Abgesehen von der Metallmischung – man gab sogar Silber in den Schmelzofen – von der Form, den Verzierungen und Inschriften suchte man den höchsten Ruhm in der Größe und Schwere der Glocken, und so wurden Frömmigkeit und Ehrgeiz die Eltern wahrer Erzriesinnen.
Deutschlands größte Glocke ist die Kaiserglocke zu Köln, im Gewicht von 525 Centnern. Sie wurde aus dem Metall französischer Kanonen gegossen.
Rußland hat den Vorrang, nicht nur die meisten, sondern auch die größten Glocken zu besitzen. Die vielen Türme der griechischen Kirchen geben hinreichend Gelaß für Glocken – Moskau soll ihrer allein über 1700 zählen – und der Turm Ivan Weliki enthält in seinen vier Stockwerken für sich allein schon 37, darunter „Bolshoi“, die dicke und größte, welche geläutet werden kann. Die allergrößte Glocke ist der Kaiser der Glocken „Zar Kolokol“. Ihr Gewicht wird auf 3962 Centner angegeben. Sie steht auf einem gemauerten Kranze, zu dem eine Thür führt. Als sie 1737 bei einer Feuersbrunst herabstürzte, brach ein Stück aus, wodurch eine Lücke entstand, so groß, daß zwei Erwachsene zugleich eintreten konnten. Nächst Rußland hat China die größten Glocken, die nicht geläutet, sondern mit hölzernen Hämmern angeschlagen werden; in ganz Asien, zumal wo der Buddhadienst verbreitet ist, sind große und kleine Glocken im Gebrauch, die jedoch in der Gestalt von denen des Abendlandes abweichen. Ihr Klang dient weniger zum Zusammenrufen der Gläubigen als zum Herbeirufen guter Geister und zur Vertreibung böser Dämonen. Der Orientale schreibt dem Glockenklange magische Kräfte zu.
Aber auch im Abendlande galt – und gilt noch – die Glocke als ein mit heiliger Kraft ausgerüstetes Wesen. Sie hat eine Seele.
Auf der 1481 gegossenen Glocke der alten Genfer Kathedrale steht die Inschrift: Mentem Sanctam Spontaneam Habeo Honorem Dei Et Liberationem Patriae invoco. (Ich habe eine eigene heilige Seele, zu Gottes Ehre und für die Befreiung des Vaterlandes erhebe ich meine Stimme.) In Rom, in Burgund, in England, in Frankreich sind ebenfalls Glocken, deren Randschrift mit den Worten „Mentem sanctam habeo“ beginnt.
Als seelenbegabtes Wesen konnte die Glocke getauft werden. Die Einzelheiten der Ceremonie stehen im Ponteficale romanum in dem Kapitel: De benedictione Signi vel Campanae. Fischart sagt davon in seinem ‚Bienenkorb’: „Die Glocken werden auch getauft, und man stellet ihnen auch Gevattern zur Taufe, welche das Seyl, daran sie gebunden, halten, und auf dasjenige, was der Statthalter des Bischofs die Glocke fraget, Amen sagen müssen. Alsdann bekleidet man die Glocke mit einem neuen Rocke (von wegen des Reimes) und beschwört sie zu Vertreibung aller Teufel Macht und zu Wohlfahrt der abgestorbenen Seelen. Auch sind die Glocken so heylig, daß man sie nicht läuten darf, so lang als eine Kirche oder ein Volk im Banne ist.“
Bei der Taufe erhielt die Glocke endgültig ihren Namen. Eine der berühmtesten Taufen ist die vom Papst Johann XIII., an der großen Glocke des Lateran zu Rom im Jahre 968 vollzogene, wobei dem Täufling der Name des Täufers St. Johannes gegeben wurde. Nach der Reformation hörte in protestantischen Ländern die Glockentaufe auf und wird, wenn gefordert, durch eine einfache Weihe ersetzt.
Aus ihren Inschriften wird ersichtlich, welche Aufgabe die geweihte resp. getaufte Glocke zu erfüllen vermag. Von den vielen, die so ziemlich dasselbe sagen, seien zwei hervorgehoben, die sich gleichzeitig durch ihren Wohlklang auszeichnen, und das singende Schwingen der Glocke tonmalend vortrefflich wiedergeben. Die erste: Laudo Deum verum – Plebem voco – Congrego Clerum – Festa decoro – Defunctos ploro – Pestes Daemonemque fugo (den wahren Gott lobe ich – das Volk rufe ich – die Geistlichkeit sammle ich . die Feste verherrliche ich – die Toten beklage ich – die Pest und den Dämon (Teufel) vertreibe ich).
Die zweite: Funera plango – fulmina frango – Sabbata pango – Excito lentos – Dissipo ventos – Paco cruentos (die Toten beklage ich – die Blitze breche ich – die Feiertage kündige ich – die Trägen ermuntere ich – die Winde verjage ich, die Zürnenden besänftige ich).
Die Festglocke und die Trauerglocke: ihr Sang ist uns allen so vertraut, daß wir der Inschrift nicht bedürfen, um zu wissen, wie sie ihres Amtes wartet in Freud und Leid. Wir wissen auch, daß sie Priester und Gemeinde zur Kirche ruft, daß sie erklingt zum Lobe Gottes, daß ihr ernstes Hallen die Seele aus dem Schlummer der Gleichgültigkeit erweckt und daß es von Sorge und Leid, Unruhe und Groll zu Ergebung und Rast lenkte. Hat es doch zum Bundesgenossen im Gemüte des Menschen die Erinnerung an die Freuden der Kindheit und den Morgenglockenklang des Lebens.
Wie aber die Glocke die Blitze – Das Wetter – bricht, wie sie den Teufel, Dämonen und die Pest vertreibt, das ist des Verfolgens um so mehr wert, als wir hieran ersehen, wie Reste des Heidentums an den Glocken haften, für so urchristlich sie auch gehalten werden.
Durch den orientalischen Völkerglauben, durch die ganze Heidenwelt zieht sich wie der Faden einer Perlenschnur die Furcht vor bösen Geistern, vor Dämonen. Diese unsichtbaren Wesen verursachten alles Böse. Die schreckensvolle Seite der Natur, das Wüten der Elemente, Sturm und Flut, Gewitter und Finsternisse wurden als unheimliches Spiel boshafter Dämonen aufgefaßt, die dem Menschen zu schaden trachten, ihm Unheil zufügen, wo sie können, ihn und die Seinen und sein Vieh krank machen. Die Dämonen zu beschwören, ihr Treiben zu hintertreiben, ihre Macht zu brechen, sie zu überwältigen, darin bestand die Kunst der Magie, von der sich in zahlreichen abergläubischen Bräuchen noch bis jetzt Spuren erhalten haben. Frei vom Dämonenglauben war kein Volk. Die Klarsten der griechischen Philosophen dachten über das Wesen der Dämonen nach, die Römer bauten ihnen Tempel, und die alte Arzneikunst war mehr oder minder ein Kampf mit dämonischen Gewalten. Wo die Arzneimittel versagten, wandte man Amulette, Beschwörungen und magischen Hokuspokus an.
Auch die Juden saßen voller Angst vor Dämonen, selbst nachdem sie Jehova erkannt hatten, den einigen Gott, den David in den Psalmen als den Mächtigsten preist, über den kein Feind – auch nicht der unsichtbare, wie der Dämon der Seuchen – Macht hat. Der Talmud ist voller Dämonenspuk, er sagt u. a.: „Wenn dem Auge die Schärfe verliehen würde, alles zu sehen, könnte kein Geschöpf vor dem Anblick der Gespenster bestehen. Sie stehen um uns herum und lauern, daß der Mensch einen Fehler gegen das Gesetz begehe, der sie ihnen überliefert.“ Gegen solch Dämmergespenst war der Klang von Glocken wirksam. Der israelitische Priester trug Schellen am Kleide beim Aus- und Eingehen in das Heilige, um nicht zu sterben. Nach einzelnen Auslegern galt das Klingeln aber nicht dem Herrn, sondern den Geistern des Einganges. In Rom schlug der Hausvater eherne Becken zusammen, um die Lemuren zu bannen; die Griechen ließen Beckenklang ertönen, um die Seelen Abgeschiedener vor der Macht finsterer Geister zu schützen. Erzklang war gegen unsichtbare Mächte wirksam wie die Erzwaffe gegen körperliche Feinde. Aus Erz waren die Waffen, mit denen die Helden und Ahnen Siege erfochten; sein heller eigenartiger Klang mußte jene Gewalten besiegen, die sich durch Heulen und Brausen, durch unheimliche Geräusche kund gaben, durch unsichtbare heimtückische Angriffe auf Leib und Leben.
Die christliche Kirche nahm aus dem Judentum und Griechentum die Dämonen auf. Religion und Wissenschaft, Christentum und Philosophie waren sich darin einig, daß Dämonen existierten. Die Kirchenväter behaupteten, daß sie mit göttlicher Erlaubnis Macht hätten, dem Menschen zu schaden, namentlich ihn zum Abfall vom Glauben zu bringen. Ein Christ war deshalb beständig der Verfolgung ausgesetzt und mußte kräftige Waffen gegen die Dämonen haben.
Eine solche Hilfe gegen die Unsichtbaren bot auch der Glockenklang. Wo bei heiligen Handlungen die Glocke ertönt, wehrt ihr Klang alles Unreine und Dämonische ab. So steht auf der großen Glocke zu Erfurt: „Die große Susanne treibt die Teufel von danne.“ Das Sterbe- oder Zügenglöcklein, das gezogen wird, wenn jemand im Sterben liegt, soll die Teufel vertreiben, die sich der abgeschiedenen Seele bemächtigen wollen. Die Seuchen, zumal die Pest, galten als dämonische Krankheiten, von bösen Geistern gebracht. Glockenklang sollte ihnen – wie die Inschriften sagen – wehren. So weit der Hall der Glocke reicht, so weit reicht auch ihr Schutz, und da das Gewitter ebenfalls Dämonen zugeschrieben wurde, Hagel und Regen sogar von Hexen gemacht werden konnte, darf man sich nicht wundern, wenn das Wetterläuten vielfach noch heute üblich ist. Denn nichts ist zäher, als die Überlieferung, und der Glaube, daß Glockenläuten Gewitter abwenden, Hagel in Regen umwandeln könne, steht noch eben so fest in manchen Gegenden, wie die Überzeugung, daß es wettermachende Hexen gibt. Gegen solche Meinung hilft leider keinerlei Geläut. In Italien heißt es allgemein beim Anziehen der Glocken während eines Gewitters, es geschehe per cacciare il diavolo, um den Teufel zu verjagen.
Der Ton der Glocke ist ein anderer, wenn sie ruhend angeschlagen wird, als wenn sie schwingt. Die vorhin angeführten Inschriften geben rhythmisch den Schwinglaut wieder. Den Schlaglaut malt die Inschrift der Feuerglocke in Pontoise mit den Worten: Unda, Unda, Unda, Unda, Unda, Unda, Unda, acurrite cives. Wie man auch teilen mag, die siebenmalige Wiederholung des Unda (Wasser) läßt sich nicht in ruhiges Teilmaß zwängen, und da, wo der Schluß stehen müßte, ertönt das: Herbei ihr Bürger. Die ängstliche Unruhe des Feuerrufes kann nicht besser ausgedrückt werden als durch diesen Wortschritt. Das Volk legt dem Glockensange mit Vorliebe Worte unter. Der Deutsche hat für das einfache Geläut die Silben bim bam oder auch bim bam bum; der näselnde Franzose hört die Glocken din, don. Die Glocken von Vendôme singen ihm
Orléans, Beaugency,
Notre-dame de Paris,
Vendôme, Vendôme,
Wobei die letzten beiden Worte den Tiefklang der großen Glocke wiedergeben.
In Italien sagen die Glocken häufig: dami et ti daro . . . Gibst du mir – geb’ ich dir. Vom Rhein erzählt man, daß ein Pfarrherr sich an den Bischof von Mainz wandte und um Versetzung bat, dieweil er das Geläut seines Kirchleins nicht vertragen könne. Befragt, wie sein Anliegen zu verstehen sei, antwortete er treuherzig: „Wenn ich am frühen Morgen am offenen Fenster meines Studierstübleins sitze, dann höre ich von Mainz herüber die Domglocke, wie sie singt: vinum bonum, vinum bonum, und so ich dem herrlichen Klang lausche, beginnt das Glöcklein meiner Kirche: „äppelwei’, äppelwei’, äppelwei’, äppelwei’ . . . es ist eben nicht zum Aushalten.“
Wie es geworden ist, darüber schweigt die Geschichte, der es genügt, den Klang der großen Glocke mit vinum bonum (guter Wein) zu malen und den des Glöckleins mit dem dürftigeren äpfelwein. Wie der Sprengel, so das Geläute und so auch die Pfründe.
Nicht tönendes Erz ist die Glocke, es ist ihr Sang, der zu uns spricht, der in Krieg und Frieden, in Leid und Lust seine Stimme erhebt, indem er mit Klängen, wie sie eben nur der Glocke eigen, uns von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Kein Abschnitt des Lebens, keine mit religiöser Erhebung verbundene Handlung, die nicht Glockensang einleitete.
Und wo der Glockensang ein Echo im Herzen findet, ist auch die Sehnsucht zur Heimat nicht erstorben.
Geistlich und weltlich
Von Julius Stinde
Die Kirche hütete von jeher sorgsam das ihr zustehende Verfügungsrecht über die Glocken; bedurfte die weltliche Obrigkeit des Geläutes, so mußte sie um Erlaubnis bitten. Wo jedoch die Interessen der Kirche und der Obrigkeit zusammengingen, wurde das Geläut profanen Zwecken gestattet, zumal dadurch weltliches Geschäft den Anschein gewann, als könne es ohne geistliche Leitung nicht gedeihen.
Als in früherer Zeit die Satzungen in den Städten strenge waren, mußten die Bürger dem wohlweisen Magistrat auf die Minute folgen, der verfügte, wann die Thore abends geschlossen, wann sie morgens geöffnet wurden, wann geräuschvolle Arbeit und Straßenlärm schweigen mußten, wann sie wieder aufgenommen werden durften. Er bestimmte, wann das Feuer auf den Herden einzuwallen (unter Asche zu bergen) war, wann der Wirt den Zapfen ins Faß zu schlagen und der Zecher heimzugehen hatte, Die Stadtväter waren damals wirkliche Väter der Stadt, denn sie sorgten für die Bürger wie für Unmündige.
Vor der Einführung der Glocken hielten die Städte Trommler und Pfeifer, die den Bürgern die Signale gaben, je nach der Landessitte. Nach der Einführung der Glocken kamen Obrigkeit und Kirche überein, Tag und Nacht der Bürger durch Glockenklang zu regeln, wie es noch an vielen Orten gang und gäbe ist. Trotzdem aber blieb viel alte Sitte mit jener Zähigkeit, die gewohnten Gebräuchen eigen ist. Bei und neben den Glockenzeichen erhielten sich die früheren Signale. So wurden in Straßburg Torschluß und Toröffnung, die Feuerdeckung und das Wecken nicht durch Glockenschlag allein angezeigt, sondern die Turmwache blies einen Trompetensatz von der Platform des Münsters dazu. In Hamburg wohnten oben in den Kirchtürmen Wächter, die sowohl bei Feuersbrünsten wie auch bei festlichen Gelegenheiten in ihr Tuthorn stießen. Sie hießen Torntüter. Aus jenen Zeiten stammen auch die Nachtwächter, die noch nach jedem Glockenschlage die Stunde absingen und greulichen Lärm mit der Rassel und unheimliches Brüllen vollführen, wozu sie sich eines Kuhhornes bedienen. In einer Stadt Holsteins gab der Wächter stündlichen Wetterbericht, indem er rief: Laue Luft – Regen – hell und klar, den Umständen gemäß. Man sagt, dieses nächtliche Toben des Wächters sei notwendig, damit man merke, daß er wache. Nun, wer fest schläft, hört und kontrolliert ihn nicht, wen er aufweckt, wird ihm des wenig Dank wissen, und wer stehlen will, schätzt nach dem Schalle, wo die Gegend nachtwächterfrei und seinem Vorhaben günstig ist. Bricht aber Feuer aus, so ist der Nachtwächter mit den vorhundertjährigen Schallgeräten der geeignete Wecker.
Für die Notglocke haben wir im allgemeinen den Namen ‚Sturmglocke’, der auf den alten Glauben hinweist, daß Glockengeläut Sturm und Gewitter abwenden und vor ihren Folgen, Feuer- und Wassersnot, bewahren könne. Jetzt verjagt der Glockenklang nicht mehr Dämonen und Elementargeister, sondern er ruft Menschen herbei, die ihren Mitmenschen nicht durch Magie helfen, sondern durch jene Kraft, die Pflicht und aufopferungsfähige Nächstenliebe verleihen.
Wohl klingt der ängstliche unregelmäßige Schlag der Feuerglocke bestürzend und erschreckend; unheimlich und furchtbar aber ist der Glocke Klang bei Wassersnot. Wind und Sturm bringt das Wasser auf, das rauschende. Mit dem Heulen des Windes mischt sich der flehende Hall der Glocke. Not, Not, Not jammert sie über die kalte, grausame Flut hinaus, die kein Erbarmen kennt, die hinabzieht, was sie erfaßte. Wo der Deich bricht, da bricht der Tod ein.
Wenn das Land in Gefahr war, wenn der Feind sich zeigte, rief die Sturmglocke das waffenfähige Volk zu Hauf. Man hatte vielerorts kleine scharfe Glocken zum Geben der Notzeichen und nannte sie wegen ihres hohen hellen Tones auch wohl Silberglocken. Es ist jedoch in abgefeilten Spänen solcher Glocken chemisch nur selten Silber nachgewiesen.
Straßburg hatte eine Notglocke, die die Mordglocke hieß. Ihre lateinische Inschrift lautete: O rex Gloriae Christe veni cum pace (O König der Herrlichkeit, Christus, komme mit deinem Frieden), ihre zweite deutsche:
Mein Schall thut kund der Städte Not,
Herr Gott behüt für Mord und Tod.
Diese Glocke wurde zur Revolutionszeit zertrümmert. Sie war im Jahre 1643 von Christian Quengelberger zu Straßburg gegossen.
Die Revolution räumte gewaltig mit Glocken auf; ein Dekret der Nationalversammlung vom 30. Juni 1791 ordnete die Verarbeitung der Glocken des Departements von Paris zu Münzen an. Das Einschmelzen kirchlicher Geräte und Statuen aus Bronze folgte. Um sie vor den Händen der Regierung zu retten, vergruben Gemeinden ihre Glocken. Eine seltsame Grabgeschichte wird von einer Glocke erzählt, die zu La Rochelle der protestantischen Kirche gehörte, nach der Einnahme der Stadt im Jahre 1685 jedoch von dem Leutnant des Königs als letzter Rest der zerstörten Kirche der Geistlichkeit von St. Barthélemy verkauft wurde. Um diese Glocke wegen ihrer, den Ketzern geleisteten Dienste zu bestrafen und ihr den Irrglauben abzugewöhnen, wurde sie zunächst einer kräftigen Geißelung unterworfen, dann begraben und wieder ausgegraben, damit sie ein neues Leben beginnen könne. Schließlich ward sie, nachdem ihre Paten in ihren Namen heilig versprochen hatten, nicht rückfällig zu werden, getauft, gesalbt, geweiht und in allen Ehren aufgehängt.
Als hierauf der Leutnant des Königs den bedungenen Preis verlangte, antwortete man ihm, daß diese Glocke Hugenotte gewesen, jetzt aber neu bekehrt sei und nach dem Edikt von Nantes von der Gnade des Königs Gebrauch mache, die jedem in den Schoß der katholischen Kirche Zurückgekehrten drei Jahre Frist zur Bezahlung seiner Schulden gewähre. Dem königlichen Offizier blieb nichts übrig, als sich solcher Auslegung des Gesetzes zu fügen und anzuerkennen, daß eine wie ein Mensch behandelte Glocke den königlichen Schutz für sich in Anspruch zu nehmen geeignet, ja sogar Schulden zu machen im stande sei.
Die Glocke, die am 24. August 1572 das Zeichen zum Beginn des Hugenotten-Gemetzels gab, gehörte der in der Nähe des Louvre gelegenen Kirche St. Germain l’Auxerrois. Ihm antwortete die Glocke vom Hôtel de Ville und dann stimmte die große Glocke vom Turm des Palais ein, die sonst nur bei freudigen Feierlichkeiten gezogen wurde, und nach und nach schlossen sich die Sturmglocken der übrigen Pariser Kirchen an. Und weiter drang der Mordruf ins Land; die Bluthochzeit ward nicht ausschließlich in der Hauptstadt begangen.
Als die Revolution hereinbrach, sollte ihr auch die Glocke von St. Germain l’Auxerrois zum Opfer fallen, allein der Glockengießer Flauhan rettete sie vor dem Prägestock der Münze und verkaufte sie später an den Direktor der Comédie Française. Das Théatre Français besitzt sie noch, und wenn eines jener Stücke gegeben wird, deren geschichtlichen Hintergrund die Bartholomäusnacht bildet, spielt dieselbe Glocke hinter den Kulissen mit und schrillt wie damals in jener Nacht, in der Ströme unschuldigen Blutes flossen. Von der Tragödie bis zur Komödie ist, wie man sieht, nur ein Schritt, und wenn auch Jahrhunderte dazwischen liegen.
Merkwürdig ist auch die große Glocke des Kapitols insofern, als sie nur bei zwei Anlässen geläutet wird, die ihrer Art nach nicht zusammenpassen, nämlich beim Tode eines Papstes und bei der Eröffnung des Karnevals. Erst wenn bald nach Mittag die Glocke des Kapitols das Zeichen gibt, ist es dem Römer erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein. Warum ein und dieselbe Glocke den Statthalter Christi ausläutet und den Karneval einläutet, das mag seinen Grund vielleicht darin haben, daß das fröhliche Maskenfest von den altrömischen Lupercalien ausgeht, die in symbolischer Beziehung zu den Gründern der ewigen Stadt standen, zu Romulus und Remus, den von der Wölfin Gesäugten, und daß der Papst als Erbe der römischen Herrschaft aufgefaßt wird. Bei den bacchischen Festen, bei den Saturnalien und Lupercalien fehlte es nicht am Klange der Becken und Schellen, der schädigende Dämonen und böse Geister vertrieb, damit sie die Zeremonien, die auf den Segen der Fruchtbarkeit zielten, nicht unwirksam machten. Lärm, Blasen und besonders Schellen- und Glockenklang können die Dämonen nicht vertragen. Das wissen schon die Chinesen, die seit undenkbaren Zeiten Tamtam schlagen, mit Schellen rasseln, am hellen Tage Feuerwerk verpuffen, um bei Finsternissen den Drachen zu verjagen, der Sonne und Mond verschlingt, was ihnen denn auch so regelmäßig gelingt, daß sie von der dämonenscheuchenden Kraft ihres Getöses unerschütterlich überzeugt bleiben. Im Mittelalter hieß ein solch wüstes Lärmen charavallium, woraus die Franzosen Charivari bildeten, die Deutschen aber seit 1830 das Wort Krawall machten. Von der Katzenmusik, als Zeichen des Mißfallens, bis zur blutigen Demonstration war das charavallium nicht mehr ein Mittel zur Verjagung unsauberer Geister, sondern ein Druck gegen unliebsame Persönlichkeiten und Auflehnung gegen unerträgliche Verhältnisse. Auch hier haben sich Wandlungen vollzogen. Die Glocke schweigt, das gesprochene und gedruckte Wort bemächtigt sich der Gemüter, und die änderungen werden ohne viel Krawall erwirkt.
Anfangs waren hellklingende Becken – die Zimbeln – beim christlichen Gottesdienst in Gebrauch und dienten noch bis ins zwölfte Jahrhundert hinein zur Begleitung der Gesänge. Der Mönch Theophilus beschreibt sie und sagt von ihnen, daß sie nach der Tonleiter abgestimmt seien. Mit der Einführung der Orgeln verschwanden die Zimbeln nach und nach, wenn auch in manchen Orgeln der sog. Zimbelstern mit seinem Glockenspiel auf sie zurückweist. In der griechischen und koptischen Kirche haben sie sich jedoch erhalten. In ägypten habe ich bei einer koptischen Hochzeit Gelegenheit gehabt, den Gebrauch der Zimbeln zu beobachten.
Weißgekleidete Chorknaben wußten nicht allein die langatmigen schweren Melodien der Hymnen stundenlang in mannigfaltiger Abwechslung vorzutragen, sondern verstanden auch vortrefflich, durch bald leises, bald starkes Aufeinanderschlagen der napfförmigen Handbecken die Töne zu färben und sowohl angenehmes Piano wie auch ohrenbelästigendes Forte zu erzeugen. Die Armenier eines Klosters zu Jerusalem verstärkten ihren Osterchor nicht nur mit Zimbeln, sondern auch mit Glöckchen und Schellen. Obgleich ungewohnt, gefiel mir diese Art der Feier doch; es lag etwas Morgenländisches darin, das gut zu Ort und Zeit paßte, und rief den Gedanken wach, daß ähnlich wohl die altägyptischen Chöre geklungen haben mögen, wenn der Sieg des Lichtes über die Finsternis in Sonnengesängen gefeiert wurde und das Sistrum dazu in den Händen der Priester und der Priesterinnen ertönte. Selbst Königinnen schlugen das Sistrum vor dem Angesicht der Götter im Chor der heiligen Weiber.
Die vier klingenden Stäbe des metallenen Sistrums bedeuteten nach Plutarch die vier Elemente. Alles was bei diesen in Ordnung und Maß ist, verehrte man als von den guten Göttern bewirkt, Übermaß und Mangel in den vier Elementen ward dem bösen Typher zugeschrieben. Klangen nun beim Schütteln des Sistrums die Metallstäbe, so entstand symbolisch eine Harmonie der Elemente, ein göttlicher Akkord, an dem unheilbringendes Typhonisches keinen Anteil haben konnte, weil er rein klang. In solcher Weise sang das Sistrum den alten ägyptern von der Einhelligkeit des Geordneten mit dem Göttlichen und des Irdischen mit den Überirdischen.
Die abessinischen Christen Afrikas, die behaupten, rein urchristliche Gebräuche auszuüben, bedienen sich beim Gottesdienste noch heute des Sistrums, das wohl aus ägyptischem Tempeldienst angenommen worden ist, wie sie auch mancherlei aus dem israelitischen Ritus beibehalten haben; es gilt ihnen, da sie in öden Aberglauben versunken sind, jedoch als bloße Dämonenklapper.
Ohne irgendwelche symbolische Bedeutung erscheint im 14. und 15. Jahrhundert die Schelle als Zierat der Tracht. Vom Kopf bis auf die Schuhspitzen hinab wurde die Kleidung mit Schellen geputzt; selbst an ihren Turnierlanzen wußten die Ritter Schellenschmuck anzubringen.
Unter Schellen verstand man ehemals nicht ausschließlich die heutigen Schlittenrollen, wie sie auf der deutschen Karte abgebildet sind, sondern auch wirkliche Glöckchen und klingende Metallkörper von verschiedener Form. Wer Schellentracht anhatte, der kam mit „großem Schall“. Personen von Stande legten sich Schellen an, damit man ihnen im Gedränge Platz mache. Ob diese Erklärung richtig ist, das sei dahingestellt; so viel aber geht aus alten Bildnissen hervor – selbst der Lübecker Totentanz zeigt Vornehme in Schellentracht – , daß es Mode war, sich wie Narren mit Schellen zu behängen und wenn die Mode eine Narrheit befiehlt . . . wer wohl hätte den Mut, ihr zu trotzen? Anno 1411 verbot der Rat zu Ulm das Andacht störende Geklingel in der Kirche und verordnete: „Kein Mannsbild soll weder Federn, Kränze, noch Glocken und Schellen in die Kirche tragen.“
Hatten dieä Schellen ein solches Ansehen als Zier, so wird verständlich, wie sie zur Bezeichnung einer der vier Kartenfarben erwählt wurden, sind doch Stutzerei, Tanz und Spiel einander kameradschaftlich zugetan. –
Bei der Gerichtsbarkeit spielte die Glocke eine bedeutsame Rolle, da sie, zumal in den kleineren Gerichtsbezirken, wo sie überall gehört werden konnte, das Volk zur öffentlichen Versammlung auf den Markt vor das Rathaus rief. Stellte sich ein Beklagter nicht, schwieg er auf dreimalige Vorladung, dann ward in schweren Fällen die Acht über ihn ausgesprochen. Bei den Landgerichten im Rheingau trat der Richter mit Handschuhen, das bloße Schwert in der Hand, mit nach Osten gewandtem Gesicht auf den Malstein und sprach die Achtformel, während im ganzen Lande die Glocken eine Stunde lang geläutet wurden. Das Läuten der Schandglocke an der Börse über einen Bankbrüchigen ist nicht mehr Stil, seitdem ein Bankerott weniger als Schande, sondern mehr als nutzbringendes Geschäft angesehen wird und Pleitemachen das Gewissen nicht beschwert. Früher gab ein Fallissement den Stoff zu einem Drama, heute, dank der Befreiung von Vorurteilen, kaum noch zu einer Posse.
Die alten feierlichen Glocken haben nicht mehr die erste Stimme im Sange des Lebens. Lokomotiven pfeifen hinein, Pferdebahnglocken und Radfahrerklingeln wollen gehört sein, ist es doch der Tod, der die Signale des täglichen Lebens vor sich ertönen läßt. Wer ihm nicht ausweicht, den überrennt er.
Sogar auf dem weiten Meere warnt er vor sich selber. Durch den Nebel hallen die Schläge der Glockenboje her. Sie ist auf der Untiefe verankert, das Spiel der Wellen löst das Läutewerk aus, und der Schiffer meidet die Stelle der Gefahr.
Es ist ein ander Ding, die Glockenboje, als ehemals der Chor der Sirenen. So schön auch ihr Sang gewesen sein mag: ich lobe mir den Sang der Glocke in der Meereseinsamkeit, weil ich ihn aus der Zeit heraus empfinde, in der wir leben. Klingt aber Glockensang aus der Vergangenheit herüber, so lauscht das innere Ohr ihm gern, wie den Mären und Sagen der Vorzeit.