Pienchens Brautfahrt.
Von
Julius Stinde.
(Neue durchgesehene Ausgabe.)
Berlin, 1892.
Verlag von Freund & Jeckel.
(Carl Freund.)
Ernst von Wildenbruch
in Freundschaft
zugeeignet.
Erstes Kapitel.
Es war an einem milchwarmen Juli–Abend, als die Droschke zweiter Güte Nr. 8345 in nordwestlicher Richtung die Stallschreiberstraße durchrumpumpelte, dieselbe Richtung in der Seydelstraße beibehielt und dann in den Spittelmarkt einbog.
In der Stallschreiberstraße erheben sich rechts und links Häuser, reihenartig angeordnet, mit Fenstern und Thüren. Einige Fenster waren frisch geputzt, einige zum letzten Male vor acht Tagen. Hier und dort standen Thüren geöffnet; die Thüren, im Winter kalt anzufassen, im Sommer warm, jetzt fühlten sie sich 22½ Grad Celsius an, denn das war die herrschende Temperatur.
Der Kutscher der Droschke Nr. 8345 hatte einen Hut auf, einen wachsledernen von schwarz glänzender Farbe. Sein dunkelblauer Rock war nicht mehr neu, jedoch zum Wegwerfen noch nicht alt genug; es war ein Rock, wie so ein Droschkenkutscherrock ist: an den Ellbogen ordnungsliebend geflickt, vorn an der Brust mit Fett– und Weißbiertröpfelungen, in die sich feiner grauer Staub eingenistet, verfleckt, und mit glitze–glatze–blanken Knöpfen. Das Knopfputzen hatte unser Droschkenkutscher vom Militär her sicher in den Fingern, wie Hans von Bülow die Beethoven'schen Sonaten: es war ihm unmöglich, sie anders als vollendet sauber zu halten.
In der einen Hand hielt er die Peitsche, mit der andern lenkte er das Roß. Das Pferd hatte vier Beine, zwei Ohren und einen langen, schwarzen Schwanz. Sein Fell war mit rothbraunen Haaren besetzt, nur mitten auf der Stirn bildeten weiße Haare ein unregelmäßiges, häßliches Mal. Das Pferd war überhaupt häßlich, schrecklich häßlich, ganz abscheulich häßlich.
Als das Gefährt das Asphaltpflaster des Spittelmarktes erreicht hatte, hörte das Rumpumpeln des klapprigen Wagenkastens auf; die Räder glitten wie mit Kunstbutter geschmiert über den geebneten Straßendamm dahin; deutlich vernahm man nun den Gang des Pferdes. Klack, klack, klick, klack– klang es– klack, klack, klick, klack. Aus dem "klick" konnte ein feinsinniger Beobachter heraushören daß das Hufeisen an dem linken Hinterfuße nicht fest saß, denn sonst hätte es ebenso klacken müssen wie die andren drei Eisen und nicht klicken.
Der Kutscher der Droschke zweier Klasse Nr. 8345 erhob die Hand, welche die Peitsche hielt, einen halben Meter hoch und ließ sie rasch wieder fallen. Durch diese Bewegung ward das obere Ende der Peitsche gezwungen, einen Bogen zu beschreiben, dessen Krümmung wiederum auf die am äußersten Ende des Stockes befestigte Schnur übertragen wurde. Es war eine ledergeflochtene Schnur, vorn mit einer Schmitze aus starken, durch den Gebrauch theilweise zerfitzten Hanffasern.
Ph–t, fluppte die Schnur, als sie die Luft durchschnitt und auf die magere Flanke des Gaules niederfuhr.
Der Droschkenkutscher verzog keine Miene; auch ließ der mit vogelflugartiger Geschwindigkeit erledigte Vorgang das Pferd vollkommen kalt.
Sie waren beide in dem entmenschenden Sumpfe der Großstadt gleichgültig geworden gegen die Einzelheiten realistischer, vom sehenden Poeten unmittelbar dem Leben zu entnehmender Beobachtung, sie fühlten nicht, daß die möglichst naturgetreue Abbildung und Einzelmalerei des allbekannten Alltäglichen die wahre Kunst ist, welche dem Naturalisten dieselbe erhebende Empfindung verursacht, als wenn er sich ungewaschen und ungekämmt im Spiegel sieht.
Sie konnten sich nicht zu dem Seelengenusse aufschwingen, den das geistige Erfassen des Kleinsten in der Wirklichkeit gewährt; die realistische Analyse der einfachsten Thatsachen war ihnen total Hekuba.– Was dagegen macht ein Realist aus einem einzigen Peitschenschlage! Er braucht noch nicht einmal zu knallen, sondern blos pht–t!
So fuhren sie poesielos in die anbrechende Nacht hinein ein Droschkenkutscher und ein Droschkengaul, blind gegen sich selbst, gegen ihre eigene realistische Erscheinung im Dasein.
Auf dem Bocke unter den Füßen des Kutschers lag ein Segeltuchkoffer, neben ihm lehnte ein großer Schloßkorb.
„Jüh!“ rief der Kutscher dem Pferde zu, „sonst kommen wir zu spät!“– Das Pferd setzte sich in Trab, klack, klack, klick, klack!– Das elektrische Licht der Leipzigerstraße fiel mondscheinglimmrig auf das Gefährt und auf die in dem offenen Wagen Sitzenden. Es waren ihrer Drei: eine ältere Dame und zwei jüngere; muthmaßlich Mutter und Töchter. „Halt!“ schrie die Ältere plötzlich, „Kutscher, halt!“
Der Kutscher zog die Zügel an, das Pferd glitt mit den Füßen noch eine Strecke auf dem glatten Asphalt weiter, Dann stand es.
„Wir müssen umkehren,“ rief die Ältere. „Ich habe das Portemonnaie zu Hause vergessen.“
„Dann kommen wir nicht mehr zum Zuge zurecht,“ sagte der Kutscher.
„O, Mama!“ riefen die beiden Jüngeren wie aus einem Munde, „und Morgen früh geht das Schiff.“
Es waren nicht nur muthmaßlich Mutter und Töchter, sondern wirklich!
„Kinder, wir können doch nicht ohne Geld in die weite Welt reisen.“
„Ich hatte mich so unendlich gefreut,“ sprach die eine der Töchter. „Mama, daß Du auch immer und immer etwas liegen lassen mußt!“ Sie zog ihr Tüchlein aus der Tasche und weinte.
„Vorwärts, Kutscher! Vorwärts!“ rief die Ältere. Und klack, klack, klick, klack– – – – – – klack, klack, klick, klack – – – klack . . . klick . . . klack – – –
Ursprünglich fing diese „Pienchens Brautfahrt“ betitelte Geschichte ganz anders an und war auch ganz anders, als sie jetzt ist. Ich hatte sie kurz und bündig geschrieben, so wie es von Alters her Gebrauch war, wie ich es Denen nachzumachen versuchte, die man früher nachahmenswerth nannte, und gab mich der Hoffnung hin, mit Fleiß und umsichtiger Beachtung der Sprachregeln eine Erzählung zu formen, die, wenn auch nicht allen, so doch manchen meiner Nebenmenschen einige Kurzweil bereiten möchte. Ich hatte die Absicht, die allmälig heranwachsenden Gestalten meiner Einbildung so recht von Herzen lieb zu gewinnen, damit sie lebendig würden, denn wie im Dasein der Köperwelt allein die Liebe Leben giebt, so ist auch sie es, die den Schemen der Gedankenwelt Wesenheit verleiht, daß man sie abmalen und wiedergeben kann, als wären sie Fleisch und Blut. Ich wollte sie mit ausgesuchten Worten und fein gefeilten Sätzen so hübsch zeichnen, wie mir eben möglich, und sie in eine blühende Umgebung thun, in einen Garten, wo Goldregen und Schneeballen und junges Frühlingsgrün die natürliche Dekoration zu dem Vorspiel bilden sollten. Sonnenschein und Nachtigallensang dazu; der Sonnenschein am Tage goldig und rein, der Nachtigallensang am Abend wenn der Westen rosig dämmerte, als wolle er das Kommende ausplaudern. Das Kommende war nämlich die Rosenzeit. Wohin das Auge blickte Rosen, nichts als Rosen in den lieblichsten Farben. Sogar die alte Pappel war bis in die absterbende Spitze hinauf von Rosen umwunden. Mit den blüthenquellenden Ranken spielte die oben dahinziehende klare Luft, unten in dem Garten, inmitten der Rosengluth, von Rosenduft umwoben, wandelte ein seeliges Paar. Die Nachtigall schwieg, ihre Zeit war vorüber. Aber der Garten hallte von wonnigem Jubel wieder. "Ich liebe Dich, ich liebe Dich!" so klang es, und alle Rosen waren singende Engel, und was sie sangen, das war das ewige Lied der Liebe.
Mein Garten war das Menschenherz, und da die Liebe einzog, erblühten die Rosen in ihm.
Als ich die Geschichte in dieser Weise etwa bis auf die Hälfte gefertigt hatte, sandte ich sie mit einem ausgesucht höflichen Begleitschreiben an den Redakteur einer maß– und tonangebenden Zeitung, mit der allerdings verwegenen Bitte, meiner Feder Werk gütigst darauf zu prüfen, ob es sich für die p. p. Zeitung möglicherweise eigne, worauf ich alsdann, im Falle der gütigen Bejahung, den Schluß baldigst zu liefern mich zu verpflichten hoffen wagen dürfte.– Nicht ohne Zagen schrieb ich den Brief; ich hatte ihn nicht nur vorher in Kladde entworfen, sondern legte auch bei der Reinschrift ein Linienblatt unter. Mann kann Redakteuren gegenüber nie ergebenst genug sein. Denn Jeder von ihnen ist unverantwortlicher Herrscher in seinem Bereiche. Wenn ich nicht fürchtete, eine Majestätsbeleidigung zu begehen, würde ich mehr sagen, aber ich werde mich hüten. Sie mutzen es Einem nachträglich auf.
Nach einem endlosen halben Jahr brachte der Postbote mir das Manuskript wieder in das Haus. „Für unser Blatt völlig unbrauchbar,“ hieß es in dem Beischreiben. „Haben Sie denn überhaupt geschlafen, Verehrtester, (diese Herablassung that mir wohl), entging Ihnen denn gänzlich, daß eine Richtung, wie Sie eingeschlagen, heut zu Tage total abgethan ist? Wissen Sie denn nichts von dem Umschwunge in unserer Literatur? Haben Sie noch nichts vom Realismus gehört, nichts vom Naturalismus? Was wir verlangen, sind all' unseren Sinnen tönende, riechende Bilder der Wirklichkeit, so scharf wie nur möglich! Wahrheit, so nackt wie nur möglich! Natur, so natürlich wie nur möglich, wenn möglich noch natürlicher. Sie haben einiges Talent, der Stoff Ihrer Erzählung „Pienchens Brautfahrt“ scheint etwas herzugeben, bearbeiten Sie ihn naturalistisch! Wenn wir Sie voll und ganz zu den Unsrigen, zu den Verfechtern des Realismus zählen können, dürfen auch Sie ganz und voll auf uns rechnen. Ergebenst u. s. w.“
„Goldene Freiheit des Schaffens,“ rief ich schmerzerfüllt, „Dir soll ich entsagen! Der größte Tyrann der Menschheit, die Mode, befiehlt also. Sie hat das Joch aufgerichtet, unter das ich mich beugen muß, wenn ich mit in dem Ringe springen will, der moderne Literatur heißt, wenn ich nicht zu den Ausgestoßenen gehören will, die Niemand druckt, die Niemand liest. Alle Martern der Verdammten sind in Dante's Hölle geschildert bis auf eine. Das ist die Qual des ungedruckten und ungelesenen Autors. Sie war dem Florentiner zu grauenhaft, sonst hätte er Gebrauch von ihr gemacht.“
Nachdem ich den Brief gelesen und nicht wußte, was zu beginnen war, warf ich einen Blick auf Ta'alihene, damit der mich tröste und berathe. Er lieb aber stumm und richtete seine leeren Augenhöhlen ins Weite wie immer und winkte mit seiner spinnenfingerigen Hand „komm hierher“ wie immer. Ta'alihene ist nämlich in das Gehäuse der Pendeluhr eingesperrt; uns Beide trennt die durchsichtige Scheibe. Ich kann nicht zu ihm hinein, soviel er auch winkt, weil drinnen kein Platz für mich ist, und er kann nicht zu mir hinaus, weil er die Thür des Uhrkastens nicht zu öffnen vermag. Er hat gar keine Kräfte, er hält sich kaum auf den Füßen und ist immer dicht vor dem Umfallen. Und doch, wenn ich ihm seinen rechten Namen gebe, ist er stärker denn Alle. Nichts ist auf Erden, was er nicht meistere, darum heißt er Ta'alihene, das ist Arabisch und lautet auf Deutsch: „Komm hierher“. Sein Heimatland ist Japan. Dort hat ein fleißiger Handwerksmann ihn aus dünnem Draht, schmiegsamem Papier und weißer Farbe zusammengebastelt: ein allerliebstes kleines Todtengerippe, ein Hinstellfigürchen, wie es niedlicher für fünfzig Pfennige gar nicht sein kann. Ich kaufte es in einer Japanwaarenhandlung, weil es mir ungemein drollig vorkam. Als ich es jedoch zu Hause auspackte, fand man es grauenvoll. Es war auch in der Tasche verbogen und gleich einem Haufen Unglück. Als ich die Drahtbeine und Drahtarme ausgerenkt, sein Rückgrat und die Rippen anatomisch gerichtet, sag es annehmbarer aus. Ich sperrte es in den Uhrkasten. Mit der linken hocherhobenen Hand deutet es von unten herauf auf das Zifferblatt, mit der rechten winkt es: Komm her zu mir. Deshalb der Name Ta'alihene.
Die weibliche Partei unseres Hauswesens hätte Ta'alihene längst hinausgeworfen, aber Keine wagt es, ihn anzurühren. Darum muß ich die Uhr jetzt alle vierzehn Tage selbst aufziehen. Die Anna– unser dienendes Wesen– hat durchaus keinen Zeitsinn. Stets sagt sie, sobald sie etwas unpünktlich besorgt hat: „Ich dachte, es wäre erst sechs“ oder „schon vier“ oder wie Zeit und Auftrag zusammen liegen sollten. Ihr ist in Folge dessen das „Denken“ ein– für allemal untersagt. Trotzdem denkt sie jedesmal, wenn sie recht unüberlegt und übereilt gewesen ist, aber jedesmal hinterher.
Seit Ta'alihene in der Uhr wohnt, theilt sie die Zeit nur nach eigenem Gutdünken ein und behauptet, wegen des Schrecklichen darinnen könne sie überhaupt keine Uhr mehr ohne Schauder ansehen. Wird sie Abends zum Einholen geschickt, bleibt sie jetzt statt der halben Stunde, an die sie das Hauswesen allmälig gewöhnte, eine ganze Stunde aus und schiebt die Schuld auf Ta'alihene. Ich weiß es aber besser. Es ist ein schmucker Garde–Füsilier, bei dem sie in zärtlichem Geplauder die Zeit vergißt, während wir auf den Aufschnitt und die frischen Eier warten und mit jeder Minute hungriger werden.
Aus diesen und verwandten Gründen ward der dringliche Antrag gestellt, Ta'alihene dem Feuertode im Ofen zu überantworten.– „Nein,“ entschied ich kurz und bündig, „Ta'alihene bleibt; ich kann ihn nicht mehr missen. Punktum!“
Drei Tage finstere Gesichter.– Angebrannte Löffelerbsen. – Krach in der Küche mit der Anna, die zum nächsten Ersten zieht. – Drei Tage allmäliger Aufhellung. – Nudeln von unübertrefflicher Güte. – Die Anna wird wieder zu Gnaden angenommen. – Friede und Freude waren wieder ungetrübt. Nur ein leiser Mißklang stahl sich in die Harmonie der Seelen: die Frage, ob es sich nicht sehr hübsch ausnähme, wenn in dem Uhrkasten ein Vorhängelchen aus schöner grüner Seide angebracht würde. Grün sei überdies so wohlthuend für die Augen.
Wie vermöchte ich jedoch ferner mit Ta'alihene zu sprechen, wenn ein grüner Seidenlappen ihn meinem Anblicke entzöge? Wir sind die besten Freunde geworden. Ich frage ihn und sehe ihn an. Dann beantworte ich die Frage von seinem Standpunkte aus, so gut ich vermag. Er ist viel klüger als ich; keine irdische Eitelkeit trübt seinen Blick, er schaut die Dinge, wie sie sind. Und aufrichtig ist er. Wenn ich mit Wünschen und Hoffnungen, der Selbsttäuschung hingegeben, mich schmeichelnd belüge, dann lacht er. Ich frage, warum lachst Du, Ta'alihene? Er lacht und lacht, bis ich begriffen, welch ein Narr ich war. Hat er mich dahin gebracht, sieht er wieder ebenso japanisch papierköpfig aus wie immer.
Diesmal that er keine Äußerung. Ich stand vor einer Lebensfrage. Sollte ich dem eigensten inneren Leben für immer den Abschied geben, das den Schreibenden durchströmt wie die verborgenen Adern das Erdreich, welche als Quelle an den Tag drängen, oder sollte ich mit den Modewölfen heulen und, betäubt durch das Geschrei, mir einreden, gut getauscht zu haben?
Wieder fragte ich Ta'alihene. – Er grinste.
„Ei, mein Freund, ich verstehe Dich. Was ist die Zeitspanne literarischen Hexensabbaths gegen die weite rollende Ewigkeit? Ich mache ein Tänzchen mit. Siehst Du, wie Du lachst? – Ta'alihene, wenn ich Dich nicht hätte, welch' ein Trauerspiel wäre das Dasein!“
Nun stürzte ich mich in den Natura-Realismus und studirte mit Eifer die werke der neuesten Schule. Oft war es schwere Schmierstiefelarbeit, durchzukommen, so hatten sie den Unrath des Lebens angehäuft, die musenverlassenen Brüder. Manchmal auch schlief ich dabei ein, so breit waren die Schilderungen der gewöhnlichsten Dinge. Etliche Male wiederum erlustigten sie mich höchlich, aber da ich der Lernende war und die jungen Realisten die Unterweisende, zwang ich mich alsogleich zur Ernsthaftigkeit, denn wenn ein Schüler seine Herren Lehrer auslacht, das halte ich geradezu für sündhaft.
Es dauerte nicht lange, da hatte ich das Rezept heraus, wie Realismus gemacht wird. Munter schrieb ich drauf los und „Pienchens Brautfahrt“ war bald soweit gediehen, daß der neue Anfang an den Redakteur gesandt werden konnte, der mir so viel Hoffnungsreiches versprochen.
Erinnerungen lähmen zwar die Schwingen der Hoffnung und oft erfuhr ich schon, daß Versprechungen ebenso regenbogenfarbig schimmern wie Seifenblasen und ebenso leer sind, aber diesmal spannte ich die Erwartungen den Erfahrungen zum Trotz bis auf das Höchste: ich hatte die Forderung erfüllt und war zum Realismus übergetreten, er mußte halten, was er zugesagt, und mich voll und ganz in die Clique ziehen. Clique heißt auf Deutsch zwar etwa so viel wie Spießgesellschaft – auch Rotte – aber das schadet nichts; irgend einer anzugehören, war stets der Kern meines geheimsten Sehnens. Selbst Ta'alihene hatte ich ihn zu verbergen gesucht. Mich überlief ein Freudezittern bei dem Gedanken an den Augenblick, in dem ich von den Genossen feierlich aufgenommen und von ihnen ganz und voll anerkannt würde, wie sie sich gegenseitig patentiren.
Da aber kam der Postbote und brachte mir „Pienchen“ wieder zurück. Der Redakteur schrieb: „Als versuch recht brav, jedoch lange nicht realistisch genug. Hauptfehler: – viel zu viel Handlung. Sie müssen die Mutter erst vier Seiten lang beschreiben, bevor sie den Mund aufthut, und dann kommen mindestens drei Seiten Beschreibung auf die Tochter, ehe sie antworten darf. Verehrtester, beschreiben, beschreiben und noch einmal beschreiben ist der Hauptwitz des Realismus. Der Droschkenkutscher und der Gaul sind Ihnen ziemlich gelungen, nur wäre dieser noch etwas häßlicher zu wünschen. Das lose Hufeisen, welchen klick sagt, und das tief naturalistische Eingehen in die Mechanik des Peitschenschlages sind einfach groß, das würden unsere Besten nicht besser gemacht haben. Diese beiden Leistungen nehme ich von dem Übrigen aus. Der Rest ist . . . Geruchlosigkeit.“
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen riechende Bilder schreiben? Den Geruchsinn in die Literatur eingeführt zu haben, das ist das riesengroße Verdienst der Realisten. Jäger roch sich allmälig durch, bis er die Seele errochen hatte – wir sind auch nicht auf die Nase gefallen. früher genügte es, Mitgefühl zu erwecken, wenn Thränen aus den Augen des Lesers flossen, war der Autor entzückt. Verrückt würden wir heute sagen. Der Autor, bei dessen dunstenden Schilderungen der Leser sich die Nase zuhält, das ist jetzt der Meister, der hats erreicht. Also wo, wann, wie wollen Sie es in Ihrer Erzählung riechen lassen? – Ergebenst u. s. w.“
Mit wendender Post erwiderte ich: „Nichts leichter als das. In der Straße, durch welche die Droschke rüttelt, stehen bekanntlich einige Hausthüren offen, während andere geschlossen sind. Eine der geöffneten Thüren führt zu einem Konditorladen und ein kräftiger Geruch nach Schokolade erfüllt die Gasse. Ihr hochachtungsvollst ergebenster u. s. w.“
Nun war meine Geduld zu Ende. Ohne vorher mit Ta'alihene Rücksprache zu nehmen, machte ich Revolution. Ich empörte mich gegen den Zeitungstyrannen. Ich ballte die Hände, ich fluchte fürchterlich. dann nahm ich ein Postkarte, adressirte sie und schrieb darauf: „P.P.! Sie Zebu!“ Hochachtungsvoll u. s. w.
„Er mag mich verklagen,“ sagte ich zu mir selbst, „dann kommt die Angelegenheit an die große Glocke und das Publikum spricht sein Urtheil.“
Er aber klagte nicht. Wahrscheinlich war ihm fremd, zu welcher Thierfamilie das Zebu gehört, sonst hätte er den Staatsanwalt auf mich gehetzt. –
Mit den Realisten war ich fertig. Es giebt aber noch andere Richtungen und Cliquen. Auf gut Glück packte ich „Pienchen“ wieder ein und unterbreitete sie einem Feuilletonverwalter einer anderen Zeitung.
Das Manuskript kam sehr bald wieder in meine Hände. Schon die ersten Zeilen hatten sein Schicksal besiegelt. „Unser Blatt ist teutsch und allen Fremdworten abhold,“ schrieb der Rücksender; „Ihre Arbeit aber wimmelt von unteutschen Ausdrücken. Gleich in dem ersten Satze entrüstet uns das unteutsche „Juli-Abend“ statt des teutschen Heumond-Abend, darauf folgt das russische „Droschke“ und sofort das lateinische „Nummer“(numerus). Dergleichen dürfen wir unsern bereits zur Sprachreinlichkeit erzogenen Lesern nicht bieten, wenn wir nicht viele vorausbezahlt habende Vierteljahrabnehmer verlieren wollen. Gefallen hat uns jedoch, daß Sie das altdeutsche "rumpumpeln" wieder in seiner ganzen Vollklangswirkung anwenden, wie es bereits Grimm in dem 5. Stück seiner Hausmärchen that. Es ist ein vorzügliches Wort, vermuthlich ur-arischen Ursprungs, bei dem durch emsiges Spüren im Sanskrit jedoch noch festgestellt werden muß, ob die Wurzel rump oder die Wurzel pump zu Grunde liegt. Vielleicht auch kann es als seltenes Beispiel zwiegewurzelten Stammes gelten: ein Ähnlichkeitsfall zu den ebenfalls spärlichen, doppelt gewurzelten Mohrrüben. Welch ein Ackerfeld für wissenschaftliche Forschung!
Sollte dieses Zeitwort wider Erwarten auf ein ägyptisches _rmp_ oder _pmp_ zurückgeführt werden, dann wäre es als nichtarisch, mithin als unteutsch in seinen allerersten Anfängen, wie die übrigen Fremdworte einfach hinauszuwerfen. Vor dem endgültigen Bescheide der Fachgelehrten können wir uns daher mit Ihrer Erzählung nicht weiter befassen. Warten Sie den Austrag der Streitfrage ab. Ergebenst u. s. w.“
„Ta'alihene,“ rief ich, „haben wir zu solchem Warten Zeit?“ – Ta'alihene schüttelte sein Todtenköpfchen. So schien es mir. Ich wenigstens an seiner Stelle hätte also verneint, denn streitende Gelehrte sind noch nie einig geworden. Und wenn der Tod ihnen Sand in den Mund stopfte, nähme der Streit dennoch kein Ende: einmal Ausgesprochenes ist nicht zu ertödten. Das lebt. Nur im Vergessen könnte es Ruhe finden. Wer aber kann vergessen, wann er will? So viele Mühe er sich auch giebt, schließlich muß er doch bekennen, daß das Gedenken mächtiger ist als das Vergessen. Das erfuhr ich auch diesmal. Unsanft aus dem erträumten Cliquenhimmel gestürzt, erwachte ich wieder zur Besonnenheit, holte reuevoll die erste Bearbeitung von Pienchens Brautfahrt hervor, sie unbekümmert um Realisten, Naturalisten und Germanisten zu Ende zu führen.
Bald merkte ich jedoch zu meinem Schrecken, daß die Fortsetzung sich dem Anfange nicht gleichartig anschloß. Gröber war das Gefüge der Gedanken und diese selbst waren wie verschüchtert und wagten sich kaum zu zeigen.
Ich sah einmal eine Schaar spielender Kinder, die festtäglich gekleidet am ersten sommerlichen Maiensonntag auf dem Anger vor dem Thore singend, haschend, blumenpflückend sich froher Kinderseligkeit hingaben, als plötzlich ein betrunkener Landstreicher unter sie taumelte. Wohl befreiten Erwachsene die Kinder von dem Unhold, allein die harmlose Fröhlichkeit war verdorben; scheu unterbrachen die Kleinen ihre auf Zureden wiederbegonnenen Spiele und blickten um sich, ob etwa ein neues Garstiges von irgendwo daherkäme. So sollte, was ich zu sagen gedacht, auch nicht wieder froh werden und die vorher klar erschauten Bilder erschienen trübe und fleckig. Die Rosengartenschreibweise war mir verloren gegangen, da ich sie verleugnet hatte.
Das war eine rechte Noth. O hätte ich vergessen können.
Das Lesen wirkt auf uns ein, ohne daß wir es merken; allgemach hängt es uns Grundsätze an, die wir nicht mit derselben Leichtigkeit los werden, wie sie sich einschlichen. Was anfangs Bedenken hervorrief oder gar Ekel, verliert das Abstoßende durch tägliche Wiederkehr und vergnügt zuletzt. Wenn aber das Gemeine gefällt, dann wird es durch Gewohnheitserziehung zur Sitte.
Ein großes Weh überkam mich, als ich erwog, daß unser Volk hinausgetrieben werden könnte auf die staubige Landstraße des schmucklosen Alltagslebens, und es nur das wahr, schön und höchste Kunst wähne, was eben so elend und niedrig, wie das Thierische im Menschen und das Unreine auf Erden. Wird es dann der Noth inne werden, in die es gerieth?
Gottgesegnet alsdann der Dichter, der die unentweihte Godharfe rührt und die Sehnsucht nach dem Rosengarten des Herzens weckt.
Wie aber, wenn ich im Unrecht wäre, wenn die neuen Anschauungen als Frucht der Zeitläufte unabwendbar den Sieg behaupteten und alle diejenigen sich irrten, welche der rücksichtslosen Abzeichnung der natürlichen, selbst der krankhaften Geschehnisse nicht beistimmen? Denn es sind tüchtige Männer unter den vordringenden Vertretern des Neuen, und die Geschichte weiß, wie heftig befehdete Geistesrichtungen über allen Widerstand triumphirten und Recht behielten.
„Ta'alihene,“ fragte ich, „auf welche Seite schlägst Du Dich? Wo wird der Tod, wo wird das Leben sein? Wofür entscheide ich mich?“ – Er gab kein Zeichen. – „Ich hätte Dein Schweigen voraussehen müssen,“ sprach ich. „Deine Stunde ist Dein Geheimniß.“
So war ich denn auf meine Nebenmenschen angewiesen, daß der Kundigen Einer die Zweifel löse. Da reifte der Entschluß in mir, mich geradezu an einen Professor der neueren Literatur zu wenden, Der mußte es wissen.
Professoren sind die geistigen Leuchten, welche der Staat auf geeignete Plätze stellt, wie der Magistrat die Laternen der Stadt. Da giebt es Thranlampen, Öllampen. Petroleumlampen, Gasflammen, elektrische Glühlichter und das Alles überstrahlende Bogenlicht, in das man nur durch eine Schutzbrille hineinschauen kann. Sie alle erhellen das Dunkel der Nacht wie die Professoren das Dunkel der Unwissenheit. Der Magistrat stellt die Laternen nicht aus lauter Freigebigkeit hin, daß Verspätete den Weg finden und Schwankende sich an dem Pfahl halten können, sondern legt für solche Nutzeinrichtungen die Steuer auf des Bürgers lastgewohnte Schulter. Deshalb hat auch Jeder, der dem Steuereinnehmer offen ins Gesicht sehen kann, das Recht, seinen Antheil der Nachtbeleuchtung in Anspruch zu nehmen, wie es ihm paßt. Dieses Verhältniß übertrug ich auf die geistigen Leuchten des steuereinziehenden Staates und kam zu dem Ergebniß, daß ich ebenfalls ein Anrecht auf Erhellung hätte. Allerdings schmolz mein Recht, als ich mein Bischen Steuer durch alle Professoren, Soldaten, Beamte, Kunstwege, Kanäle, öffentliche Bauten u. s. w. dividirte, auf ein Millionstel Pfennig zusammen, aber trotzdem ging ich. Denn ob der Anspruch groß oder klein . . . Recht bleibt Recht.
Das Licht der neueren Literatur nahm mich mit achtungsgebietender Liebenswürdigkeit an. Ich legte ihm den Zwiespalt, der mich beunruhigte, in dringlicher Rede vor, ich sagte ihm Alles, was mich bewegte, – vielleicht zu viel für den Millionstel Pfennig – aber ich benutzte die Gelegenheit wie Jemand, der in fremdsprachigem Orte einen Landsmann trifft. Als ich geendet, erwiderte er: „Was Sie mir soeben sagten, ist höchst interessant, aber ich vermag Ihnen keinen Rath zu geben, denn ich gehe nur bis Goethe inklusive.“ – Schüchtern entgegnete ich: „Meine Meinung war, daß die Wissenschaft sich auch um die Gegenwart kümmere. Wie soll unser Volk aus dem Wirrsal finden, in das es Gefahr läuft zu verrennen, wenn es einseitiger Führung überlassen wird? Ist das Schriftthum nicht dasselbe für das Gemüth, was die Umgebung für den Körper? Selbst der Gesündeste empfängt in Fiebergegenden die Keime der Krankheit und druchseuchte Orte setzen dem Festesten zu, wo der Schwache ganz erliegt. Die Hygiene strebt, das Volk zu bewahren, daß es körperlich erstarke und von Schaden befreit bleibe, wer erbarmt sich der Seele des Volkes?“
„Mit den Tagesfragen sich zu beschäftigen, ist nicht die Aufgabe der strengen Wissenschaft; sie würde dadurch von ihren Zielen abgelenkt werden,“ war die Antwort. „Die Gegenwart ist als fließend aufzufassen, als ein unruhiges, unfertiges, der Forschung sich entwindendes Objekt. Ein heute gefälltes Urtheil über das Werdende kann morgen durch das Gewordene ad absurdum geführt werden und mit ihm die Autorität des Gelehrten. Goethe dagegen ist konsolidirt und ein unverrückbarer Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung, die an ihm fortwährend Entdeckungen macht. Ihr Vertrauen soll jedoch das meinige nicht beschämen, ich will Ihnen jetzt schon mittheilen, was einer späteren Veröffentlichung vorbehalten bleibt: nämlich, daß Goethe wahrscheinlich am vierten Februar 1780, zwei Tage bevor er sich zum 'Tasso' niedersetzte, Makkaroni mit Parmesankäse gegessen hat. Die Tragweite dieser, von mir mit unsäglicher Mühe aufgespürten Thatsachen, ist von ungeheuer wissenschaftlicher Bedeutung. Sie wirft ein helles Licht auf die innersten Beziehungen zwischen dem Dichter und seinen Schöpfungen.“
Ich dankte gerührt für die gütige Erleuchtung und verabschiedete mich von der Laterne, um Entschuldigung bittend, daß ich ihre vom Staate besoldete Leuchtkraft im Rückwärtsscheinen unterbrochen hätte. Mit überlegenem Lächeln ward ich entlassen.
„Jetzt ist mir alles einerlei,“ murmelte ich auf dem Nachhausewege. „Pienchen wird nun so, wie sie geräth. Die Hauptsache ist ein Verleger. Lebenfristendes Chausseesteinklopfen habe ich nicht gelernt, palasterbauendes Bierbrauen ebenso wenig, ich muß schon beim Schreiben bleiben.“ – Ich bürstete meinen Hut und ging auf die Suche. Das Geschick wollte mir wohl.
Der Verleger hatte nicht nur Zeit, die Vorlesung des begonnenen Werkes zu gestatten, sondern auch Lust zu Unternehmungen. Das ist selten. Gewöhnlich sind die Pressen vollauf beschäftigt und die Zeiten für den Verlag der gerade angebotenen Arbeit ungünstig. Als ich eine Weile gelesen, rührte der Verleger die elektrische Klingel, und der alsbald erscheinenden Maid befahl er, Gänseleberpastete und eine Flasche Wein aufzutragen.
Meinem Erstaunen begegnete er mit der Erklärung: „Was Sie hier auf dem Tische sehen, ist meine sogenannte praktische Kritik. Lobe ich einen Autor mit den Ausdrücken superlativster Anerkennung, wird er eitel, darauf anmaßend und stellt dann Forderungen, auf die ein solider Verleger bei dem jetzigen niedrigen Zinsfuß nicht eingehen kann. Drücke ich dagegen meinen Beifall in Gänseleberpasteten und in Bordeaux oder in Kaviar, Hummersalat und altem Rhenwein aus, so verpflichte ich mich erstens durch kein ausgesprochenes Wort und futtere zweitens den Autorendünkel nicht an, weil drittens jedes einigermaßen dankbare Gemüth die Kosten des Gebotenen bei den Honorarbedingungen in Anschlag bringt und sich in den Grenzen hält, welche ein ersprießliches Geschäft ermöglichen. Befriedigt das Geschriebene mich weniger, giebt es statt der Pastete Leberwurst aus dem Budikerkeller und ein Weiße. Unbrauchbare Autoren bekommen garnichts, die sitzen so lange trocken, bis sie gehen.“
Ich fand diese Art der Kritik vortrefflich und aß und trank. Es war eine Kritik ohne Bitternisse, denn die Galle wird von der Pastetenleber sorgsam abgetrennt. Das Schwarze darin waren, wie der Herr Verleger mich versicherte, Trüffeln.
Nach dieser höchst angenehmen Unterbrechung ward die Vorlesung des Manuskriptes wieder aufgenommen. Der Verleger schwieg. Dann kam es mir vor, als wenn er die Pastete allmälig immer weiter schob und aus meinem Armbereiche zu entfernen suchte. Das machte mich besorgt. Gefiel ihm die Fortsetzung nicht? Auch den Kork drückte er fest in die Mündung der Weinflasche und mir damit den Stachel der praktischen Kritik in die freudeschwellende Brust.
„Sind Sie unzufrieden?“ fragte ich kleinlaut.
„Es muß mehr Humor hinein,“ entgegnete er, „das Publikum will lachen.“
„Lachen?“ fragte ich bestürzt. „Wenn ich es irgend ernst meinte, dann ist 'Pienchens Brautfahrt' ein Zeugniß dafür. Aber ich bescheide mich. Ich bin im Besitze einiger älterer unfehlbarer Scherze. Die kann ich hinein geben.“
Die Pastete kam wieder näher. Ebenso die Flasche.
„Ich fürchtete, die Ungleichheit der Schreibeweise habe Ihr Mißfallen erregt,“ fuhr ich fort. „Theils ist sie modern beeinflußt, theils althergebracht. . . „
„Das macht nichts,“ unterbrach er mich, „der Deutsche kümmert sich nicht um die Form, der liest schlankweg. Im Gegentheil, gerade das Durchwachsene halte ich für günstig. Mir scheint jedoch, als wenn der Stoff für einen Band zu knapp wäre. Haben sie ein Loch offen gelassen, damit wir auf zehn bis zwölf Bogen kommen?“
„Gewiß,“ rief ich. „Ein wirkliches Loch, nämlich die Doktorengrube.“
Er schenkte ein und legte mir eigenhändig von der Pastete vor. Ich war zu gerührt, daß ich essen konnte; aber ich aß doch.
„Ich habe noch eine Bedingung,“ begann er.
„Die wäre?“
„Sie dürfen keine der Hauptpersonen verloben. Die Nebenfiguren dagegen können Sie so viel verheirathen, wie Sie Lust haben.“
„Jeder Leser wird erwarten, daß Pienchen . . .“
„Wie wollen Sie einen zweiten Theil schreiben, wenn Pienchen verlobt ist?“ entgegnete er und räumte den Tisch ab.
„Ich möchte Pienchen so gern mit Myrthen kränzen,“ war meine Antwort. „Ich glaube ja, daß manches Mädchen aus buchhändlerischen Rücksichten zwei Bände lang warten und weinen muß, bis sie im dritten den Mann kriegt, der ihr von Anfang an zugedacht war, aber haben Sie Mitleid mit Pienchen.“
Er klingelte unerbittlich. Die Maid kam und schleppte die huldreiche Kritik hinaus.
„Überlegen Sie,“ sprach er.
Ich war an das Fenster getreten und blickte hinab auf das Gewühl der Straße. Omnibusse, Pferdebahnwagen begegneten einander, die Leute, welche darin saßen, kannten sich nicht, theilnahmslos fuhren sie vorüber. Die Menschen auf dem Bürgersteige eilten daher, keiner kümmerte sich um den andern, jeden leitete sein eigenes Vorhaben. Keiner verrieth, was ihn trieb, ob Sorge, ob frohe Erwartung; für den Ausgang legt das Antlitz die Maske der Straßenglätte an. „Mache es ebenso, wie die da drunten,“ raunte eine innere Stimme mir zu. „Verlobe Pienchen heimlich, aber sage es nicht. Sei weltklug.“ – Da fiel mir die Leberpastete schwer aufs Gewissen. Nein, einen solchen Verleger konnte ich nicht hintergehen.
„Gut,“ sprach ich. „Nur mit Ihrer Einwilligung wird Pienchen verlobt. Lassen Sie mir jedoch die Hoffnung, daß Sie selbst als Mitpflegevater ihr den Segen geben.“
„Einverstanden. Wenn die Autoren nur immer auf die Buchhändler hören wollten, stände es besser mit ihnen;“ sagte er milde, „sie würden wenig Anlaß zum Klagen haben. Aber wie schwer ist ihnen beizubringen, daß schließlich Alles in der Welt Geschäft ist. Machen sie sich fleißig an die Arbeit; sobald der Sommer kommt und die Reisen beginnen, muß Pienchens Brautfahrt fertig sein.“
„Pienchen mit den Schwalben zugleich!“ rief ich fröhlich aus. „Was wohl Ta’alihene dazu sagen wird? Wissen Sie allerhöchstgeschätztester Herr Verleger, man kann ihm Vieles einreden, aber daß schier alles in der Welt Geschäft sei, das glaube ich, glaubt er nicht. Ta’alihene wenigstens läßt nicht mit sich handeln.“
„Ist das ein Freund von Ihnen?“
„Wir sind unzertrennlich bis an den letzten Tag!“
„Sie sollten sich einen zeitgemäßeren Freund anschaffen,“ sagte der Herr Verleger. „Es fehlt ihm an Lebenserfahrung, sonst würde er praktischer denken. Sehen Sie Stanley, das ist der Mann des Tages; er wäre es nicht, wenn er kein so außerordentlicher Geschäftsmann wäre; ja, man kann sagen, er ist das Afrika durchquerende Geschäft. Deshalb findet er eben so viele begeisterte Anhänger. Und unter uns gesagt: Der Naturalismus ist nur eine Art von literarischem Guanogeschäft. Es giebt einige Leute, die machen aus Geschäft Patriotismus, andere Umsturz und so weiter. Öffnen Sie nur die Augen.“
„Das weiß Ta’alihene viel besser,“ entgegnete ich. „O, er ist der Klügste. Denn Sie wissen, wer zuletzt lacht . . .“
„Lacht er denn?“
„Immer und immer.“
„So – “
Da ich nun bereits längere Zeit trocken gesessen hatte, fühlte ich den Augenblick des Abschiedes gekommen. – Als ich auf der Straße war, versuchte ich vergebens, meinem Gesichte die übliche Ausgehverfassung zu geben; ich pfiff mir sogar ein Liedchen, ein Spottlied auf die Tyrannen, die mein Pienchen so schnöde abgewiesen hatten.
Ich durfte pfeifen, denn ich hatte einen Verleger.
Zweites Kapitel.
In dem Wartesaale zweiter Klasse des Lehrter Bahnhofes saßen an einem Tischchen, nicht weit von der zu dem Bahnsteig führenden Thüre, die verwittwete Frau Emilie Lahmann und ihre beiden Töchter Pienchen und Hille. Auf dem Tische lagen neue Handtäschchen von jener Art, wie sie eilig und unhöflich in Dreimarksbazaren verabfolgt werden, daneben auf einem Stuhle mit neuen Riemen umschnallte neue Plaids. Den drei grauen leichten Stoffmänteln der Damen sah man an, daß sie soeben der Nähmaschine entrissen, und die Hüte hatten alle drei dieselben vorstehenden kohlenschippenartigen Ränder, welche kürzlichst aufgekommen waren. Frisch eingekleidet, machten Mutter und Töchter, im Gegensatze zu der praktischen Schäbigkeit gewohnter Eisenbahnfahrer, den Eindruck jungfräulicher Reiseneuheit.
„Wir werden uns zu Dritt noch ein Glas Echtes bezähmen,“ sprach die Mutter. „Hille, mein Kind, geh und bestell eins.“
Hille ging an die Schenke. Ihre Stiefel trampsten; die waren auch neu.
„Es wird Dir gut thun,“ wandte sich die Mutter an Pienchen, „Du siehst wieder mächtig miesepetrig aus.“
„Der Schreck von vorhin,“ erwiderte Pienchen. „Wenn wir nun nicht mitgekommen wären? Die kleinste Aufregung zittert lange in mir nach. Wo hattest Du denn das Portemonnaie eigentlich?“
„Hinten in meinem Kleide, in der diebssicheren Patenttasche, die ich mir anschnacken ließ; an die dachte ich nicht gleich. Ein Dieb kann nicht heran, aber man selber auch nicht. Hille mußte sie mir in der Damengarderobe aufschneiden, da hatten wir es. So Patente sind doch recht umständlich.“
Hille brachte das Echte.
„Wir knapsen uns nichts ab,“ sagte die Mutter und that einen achtbaren Schluck aus dem Becherglase. Dann nippte Pienchen. Dann trank Hille.
„Ich fürchte, die Eisenbahn wird voll,“ sagte die Mutter, welche die Eingangsthür beobachten konnte. Jeden Ankommenden betrachtete sie mit feindlichem Blicke als einen abscheulichen Eindringling, mit dem sie um ihren Wagenplatz zu kämpfen haben werde. „Daß auch gerade heut so viele Menschheit mitfährt,“ grollte sie. „Aber drängen lassen wir uns nicht.“ –
Die Thüren zum Bahnsteig wurden geöffnet. Die Wartenden überkam die Hast, und die Rücksichtslosigkeit, welche der Eilverkehr unserer Zeit als wenig angenehme Beigabe gebracht hat, und der Wettbewerb um bequeme Unterkunft in dem Zuge begann. Man stieß sich mit Handkoffern und Schirmbündeln in dem Ausgange, man stürzte auf die erleuchteten Wagen zu, als sei das Zeichen der Abfahrt bereits gegeben, und wer zögerte, konnte erleben, daß ihm der fast erreichte Eckplatz noch im letzten Augenblicke weggesessen wurde.
Frau Emilie Lahmann schritt mit den Töchtern den Zug ab, es war ihr jedes Kupee zu voll. „Wohin?“ fragte der Schaffner. – „Nach Hamburg, Zweiter.“ – „Bitte hier einsteigen.“ – „Da drinnen wird geraucht.“ – „Im Damenkupee sind noch zwei Plätze.“ – „Wir sind zu Dritt.“ – Der Schaffner half suchen. Die Lokomotive gab das zweite Zeichen. „Einsteigen. Einsteigen!“ – „Ist noch ein Kupee Zweiter frei?“ rief der Schaffner seinem Kollegen zu. „Jawohl, ganz hinten.“ – „Bitte rasch, meine Damen.“ – Jetzt mußten sie laufen, mit dem Handgepäck beladen, von der Angst des Zurückbleibens gejagt. Frau Lahmann hat in späteren Jahren oft versichert, „wie sie in das Kupee hineingekommen wäre, das wüßte sie nicht, genug, sie wäre drinnen gewesen und habe nur noch soviel Besinnung gehabt, ihrer Jüngsten zuzurufen: „Hille, stelle Dich vor, daß Niemand mehr einsteigt“, bis sie die Hutbänder hätte aufkriegen können und Luft schnappen. Da wäre ihr dann wieder etwas menschlich geworden, wohingegen Pienchen, großartig schwach in die Ecke gesunken, gestammelt hätte, wenn die Reise so weiter ginge . . . das würde sie nicht überleben. So wäre ihr nichts übrig geblieben, als selbst die Sachen wegzupacken, die Plaids, die Täschchen, die Schirme und was sonst eingewickelt mitgenommen war. Und dabei so warm, so warm.
Hille sah zum Fenster hinaus, wie ihr gesagt worden. Wußte die Mutter nicht, daß ein junges hübsches Mädchen anzieht, anstatt abzuschrecken oder hielt sie Hille nicht für hübsch genug, daß ihretwegen ein heißblütiger Jüngling in das Familienkupee einzudringen wagte? Frau Lahmann urtheilte verschieden über ihre Töchter, je nach Umständen und Laune. Oft sagte sie: „Kinder, wer Euch kennte, müßte einsehen, was für Schätze Ihr seid; Du Pienchen, mit den in der Schule gelernten Bildungsgraden, um erstaunt zu werden, und Du, Hille, mit einer gleichermaßenen Begabung, ohne die Talente für das Hausstandliche nicht mit gerechnet.“ Eben so oft sagte sie: „wer Euch mal heirathet, der bringt Euch am nächsten Tage retour, aber ich will mich hüten und Euch wieder annehmen. Seht Euch doch im Spiegel. Gott weiß, wo Ihr Eure Gesichter her habt? Ich in meiner Jugend war bildschön.“
Warfen die Töchter ein Echo entgegen, dann ward die Mutter heftig und verscheuchte mit lauten Worten den Frieden des Hauses, der überhaupt nie ganz ablegte, sondern in Überzieher und Stiefeln schlief.
„Wäre ich nur fort, fort,“ seufzte dann Pienchen, „ich halt’ es nicht länger aus.“ – „Schön ist was Anderes,“ stimmte Hille bei. „Aber sie giebt sich wieder.“
Am folgenden Morgen wurde Versöhnung gefeiert. Die Mama ließ Windbeutel mit Schlagsahne holen, oder Mohrenköpfe, Erdbeer- oder Kirschtörtchen, je nach der Jahreszeit, nannte die Töchter „süße Engel“ und war mit Nachgiebigkeit und Zärtlichkeit wie vollgepfropft. „Mama explodirt heute vor lauter Milde,“ sagte Pienchen einmal bei solcher Gelegenheit. Kurz vorher hatte sie einen Schulaufsatz über den Einfluß der Sprengstoffe auf die sittliche Entwicklung des Menschengeschlechtes gearbeitet und die zweithöchste Auszeichnung bekommen.
Frau Lahmann schien, wenn sie den Fall überhaupt bedacht hatte, Hille in ihrer Eigenschaft als Aushängschild nicht für gefährlich zu erachten, und Hille dachte sich auch weiter Nichts. Sie sah auf den Bahnsteig hinaus, auf die Menschen, welche dort standen, die den Ihrigen das Geleit gaben. Weit vorne, am Ende des Zuges, waren Studenten. Sie brachten einen Kommilitonen weg und sagen das Lied: ‚Leibfuchs, Leibfuchs, Leibfuchs mein, lebe, lebe wohl und gedenke mein, lebe lebe wohl und vergiß mein nicht, bis Dein treues Auge bricht’. Das klang gar eigenthümlich in der großen Halle, wie verloren in dem Raume und dem Herzen dennoch ausdrucksvoll vernehmlich, trotz des Zischens der Lokomotive und der lauten Rufe der Bahnbeamten. Andere scherzten und lachten und wünschten viel Vergnügen. Viele standen still und stumm. Der letzte Kuß hatte ihre Lippen geschlossen und an den Wimpern hingen schwere Thränen. Das bleiche elektrische Licht sammelte sich in den klaren Tropfen und strahlte zu den Scheidenden hinüber. Das sah Hille. „Warum haben wir Niemand zum Abschiednehmen?“ dachte sie, „wie hübsch wäre das.“
Und plötzlich erröthete sie. Dort stand Einer, der sie unverwandt anblickte und der nun auch roth ward, da sie ihn erkannte. Was wollte der junge Mann? Jemand an den Zug bringen? Wen? Sollte er gar ihrethalben gekommen sein? Ob sie ihm zunickte?
Sie sah weg; er sah auch weg. Hille schämte sich, ihn freundlich und erfreut zu grüßen. Sie hatte ihn in der letzten Zeit zu schlecht behandelt, das heißt einige Grade kälter als gewöhnlich, und das kam ihr jetzt schlecht, recht schlecht vor. Hatte sie sich nicht über alle Gebühr mit der bevorstehenden Reise gespreizt und ihrer Freundin Minna Müller lang und breit auseinandergesetzt, während Theodor Müller, der Bruder, zugegen war, daß Umwälzungen bevorständen, welche sie und Pienchen auf höhere, wenn nicht sehr hohe Bahnen lenken würden und zwar, wie Pienchen gesagt hätte . . . eruptiv? „Es wird mir sehr leid thun, Dich dann nur selten zu sehen, liebe Minna,“ schloß Hille ihre schleierhaften Bekenntnisse, „aber Mama sagt, es wäre Zeit, daß wir das Schicksal in die Hand nähmen. Und das siehst Du selbst ein, nicht wahr?“
Minna Müller schwieg. Sie wußte nicht, was sie einsehen sollte, und Theodor Müller, der Bruder, war auch nicht aus Hille’s Orakelei klug geworden. Er dachte nur: wenn Hille meine Schwester nicht mehr besucht, wo habe ich dann das Glück, ihr zu begegnen?
Ihm war nicht unbekannt, daß Mama Lahmann Hille’s Umgang mit den Müllers ungern sah. Der verstorbene Lahmann war Kaufmann und Müller senior Klempnermeister mit einem Blechladen nach der Straße zu und der Werkstatt auf dem Hof im Keller. Und wenn Müllers auch zur Herbstzeit nicht blos Sonntags, sondern öfter eine Gans im Bratofen und nicht blos Auskommen, sondern sogar Überkommen hatten . . . . der Rang, den der selige Lahmann hinterlassen, zog eine Grenze zwischen den beiden Familien. Kaufmann und Handwerker standen nach Frau Lahmanns Anschauung fast unnahbar gegenüber und Müllers waren auch der Meinung, Kaufmann sei doch wohl mehr als Blechschmied, weshalb sie zu Lahmanns von unten auf sahen und diese auf jene von oben herab.
Vater Müller war zu altväterisch ehrlich, um sich selbst Fabrikant und seinen Blechladen Musterniederlage des Müller’schen Metallwaaren-Etablissements zu nennen. Sohn Theodor und Tochter Minna wagten nicht anders zu denken, als ihr Erzeuger und Erzieher, der es verstanden hatte, seine Kinder in den ersten Lebensjahren ruhig zu schlagen . Sie muckten nicht, sobald der Meister seinen Willen kund gethan.
Wenn Hille ihre Freundin Minna besuchte – es war je nur ein Katzensprung hinüber – und bei ihr im Hinterstübchen des Blechladens saß, dann dauerte es nicht lange, bis Theodor antrat und sich im Laden zu schaffen machte. Daß er alsdann die Arbeitsschürze abgelegt, den guten Rock angezogen und die Klempnergesellenhände gewaschen, fiel nicht Hille, wohl aber Minna auf. Bald wußte Minna, daß ihr Herzensbruder in ihre liebste Freundin verliebt sei, ohne daß er es ihr mit Worten gestanden. Und sie vermied jegliche Anspielung darauf im Ernst wie im Scherz. Sie waren beide ruhige Naturen.
Blieb Theodor bei solchen Besuchen aus, - es kam vor, daß die Arbeit ihn an die Werkstatt fesselte – fehlte Hille etwas. So dumm war sie nicht, daß sie die stille Huldigung des Klempnergesellen übersehen hätte. Daß er jedoch ernstlich in sie verliebt sein könnte, das zu vermuthen, dazu war sie . . . zu jung.
Liebe! Nach ihrer Ansicht war die Liebe ein nothwendiges Vorübel, ohne welches es keine Verlobung und Hochzeit gab, wenigstens nicht in den Romanen. Hätte ihr Jemand gesagt, Minna’s Bruder hege die Absicht, sie zu heirathen, Hille würde ihn ausgelacht haben.
Liebe! Was ist Liebe? Doch unmöglich eine Verehelichung mit Theodor Müller!
An ihn hätte Hille nie und nimmer gedacht, als sie bedauerte, Niemanden zum Abschiedsgeleit zu haben, und nun, da sie ihn gewahrte, fiel es ihr lästig, ihm dankbar zu sein. Ein Gruß, ein freundlicher Wink kostet so wenig, aber er wird schwer, wenn sich nur ein ganz wenig Scham daran hängt. Hille sah rechts.
Und Theodor, als wenn er bei unrechtem Thun ertappt wäre, sah links.
Dann aber fanden ihre Blicke denselben geraden Weg.
Unter all den vielen Fremden war er der einzige, der sich um sie kümmerte, so bescheiden fern er sich auch hielt. Sie nickte ihm zu. Er schlug die dunklen Augen auf und seine Züge verklärten sich.
Da pfiff die Lokomotive gellend und der Zug setzte sich in Bewegung. Unverwandt hafteten Hille’s Blicke an dem leuchtenden Frohmut, den ihr Gruß erweckt, und die wenigen Sekunden, welche ihr das schnaubende Eisenthier dazu vergönnte, waren ihr groß und herrlich, wie das Weilen an dem schönsten Aussichtspunkte der Erde.
Der Zug fuhr in die dämmerhelle Sommernacht hinein. Berlin mit seinen künstlichen, über der gashellen Stadt schwebenden Nordlichtschein rückte mehr und mehr in den dunklen Horizont ein; er ward kleiner und kleiner.
„Hille, Kind, setz Dich. Was hast Du an dem zugigen Fenster zu stehen? Es ist ja doch nichts Bekanntes da.“
„Wie Du Dich irrst, Mama. Theodor Müller . . . “
„Von die Klempnergesellschaft willst Du jetzt reden?“
„Von der Gesellschaft, Mama, von der!“ rief Pienchen aus ihrer Ecke.
„Bist Du wieder munter? Na na, so wie Du Dich einigermaßen fühlst, fällst Du über mich her.“
„Die Präposition ‚von’ regiert den Dativ:“
„Das kommt bei Klempners nicht darauf an. Die Leute sind uns viel zu nuttig, wir stehen höher und dürfen uns nichts vergeben, also laßt sie, wo sie sind. Zu einer Badereise schwingen die sich niemals auf, oder sie müssen es machen, wie die pensionirte Räthin aus der Beuthstraße mit ihrer Tochter. Die hatten ja überall erzählt, sie gingen nach Ostende oder da so herum, wo doch Bekannte sie nachher in Pankow sommerwohnen trafen. Und was thaten sie, um die Nachbarn zu betimpeln, sie wären wochenlang von Seeluft gebräunt? Sie wuschen sich jeden Morgen mit Cichorienkaffee.“
Pienchen und Hille lächelten überlegen. Zu solchen Ausflüchten brauchten sie nicht zu greifen. Sie saßen im Kupee Zweiter und fuhren wirklich ins Seebad und waren eine Masse mehr als andere Leute.
Mama Lahmann haute aus Plaids und Decken ein Nachtlager, für das sie den Rücksitz in Beschlag nahm. Pienchen und Hille theilten sich in den gegenüberliegenden Sitz. Nachdem Hille den blauen Schirm über die Glasglocke der Lampe an der Decke gezogen, thaten alle Drei, als wenn sie schliefen.
Der Zug rasselte durch die Nacht.
Nach einer Weile fragte die Mutter, wie von eigenen Gedanken erschreckt: „Es wird doch Keiner mehr einsteigen? Das wäre abscheulich!“
Als keine Antwort erfolgte, fuhr sie fort:
„Im Sitzen kann ich nicht schlafen, Kinder, ich opfere mich für Euch auf. Und die Kosten, bedenkt die Kosten.“
„Mein Wille war es nicht,“ entgegnete Pienchen. „Weswegen fahren wir denn? Der Arzt sagte, Du müßtest gekräftigt werden.“
„Ich wollte, ich wäre todt.“
„Mit einem Male? Wo Du Dich doch all’ die Tage auf die Reise gefreut hast? Kinder, seid blos nicht verschroben.“
Mutter Lahmann richtete sich auf, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „In einem Seebade trifft man Leute. Wen trifft man denn in Berlin? Doch nichts Gescheidtes? Sie wollen Vermögen wissen, Bildung ist Nebensache. Es ist Bande. Denke blos, Pienchen, wenn Du Einen kennen lernst, der Dir gefällt!“
„Die Männer sind alle so flach heut zu Tage.“
„Aber wenn er was hat? Und dabei hübsch ist?“
„Mit einem schwarzen Schnurrbart,“ warf Hille ein.
„Den mag ich nicht,“ entgegnete Pienchen. „Nein, er muß blond sein und lockiges Haar haben und blaue, seelenvolle Augen.“
„Blos keinen solchen Dichterkopf mit nichts dahinter,“ entschied die Mutter. „Das Äußere allein ist oft Täuschung. Wir müssen uns genau erkundigen, wie er dasteht. Auch Einer in gesetzten Jahren ist nicht übel.“
„Einen Alten nehme ich nicht,“ sagte Pienchen.
„Ich auch nicht,“ stimmte Hille bei.
„Ihr seid verrückt,“ schalt die Mutter. „Habt Ihr eine Idee vom Leben? Dankt Eurem Schöpfer auf den Knien, wenn Ihr überhaupt Einen abbekommt. Das Bischen, was wir haben, langt eben, damit ’rum zu kommen. Soll das Elend denn ewig dauern?“
„Mama,“ nahm Pienchen nach kurzer Pause das Wort, „ich habe mich gequält und habe gearbeitet wie ich nur vermochte und habe das Lehrerinnen-Examen bestanden. Kann ich dafür, daß meine Kräfte zu Ende sind? Ich will ja verdienen, ich sehne mich nach einer passenden Stellung. Zur Last fallen will ich Dir nicht. O Gott, wie bin ich unglücklich.“ Und Pienchen brach in lautes Weinen aus.
Die Mutter stand auf. „Pienchen! Pienchen! Kind, so war es ja nicht gemeint.“
Sie küßte die Weinende und streichelte ihr Haupt und Wangen. „Ich würde sogar zu einem Lieutenant einwilligen, wenn einer mit unser bischen Armuth vorlieb nehmen wollte, nur damit Du nicht weinst, Pienchen.“
„Ich nehme einen von den blauen Husaren,“ sagte Hille.
„So?“ fragte Pienchen spitz. „Dann nehme ich einen von der Garde.“
„Und ich einen Hauptmann.“
„Und ich einen Major.“
„Und ich einen Oberst.“
„Und ich einen General.“
Mama, Pienchen will schon wieder Alles für sich haben.“
„Kinder, l.aßt doch das Gekabbele sein. So reichlich giebt’s keine Generäle und Majöre. Ein gediegener Zahlmeister wäre auch nicht zu verachten, aber die heirathen mehrstens in hinterlegte Staatspapiere. Ja, wenn Onkel Chlotar rechtlich an uns gehandelt hätte, stände es besser mit uns. Was er hinterließ, war ja kaum das Nachzählen werth, wo wir ihm doch in jeder Beziehung entgegenkamen.“
„Jawohl,“ rief Hille. „Seinen alten gräßlichen Namen habe ich, das ist Alles.“
„Du mußt nicht über Dinge reden, die Du nicht verstehst. Euer seliger Vater und ich hatten es genau überlegt und glaubten, er würde sich verpflichtet fühlen, wenn wir ihn zu Deinem alleinigen Gevatter bäten und seinen Namen auf Dir verewigten. Chlotarine ist auch fein; blos das Kindermädchen war zu dämlich, indem es Dich immer Cholerine nannte. Sie war aus Rixdorf und naschen that sie dazu; ausverschämt ging sie an die Butter und die heimlichen Stullen stach sie in ihr Bett. Als das neue Mädchen kam, nannten wir Dich Hille, weil es niedlich klingt und Du so ein behendes Kind für Dein Alter warst. – Der Zug hält. Wo sind wir denn eigentlich?“
Hille ließ das Fenster hinab und sah hinaus. “Neustadt an der Dosse,“ meldete sie.
„Weiter noch nicht? Na, die Nacht wird lang werden.“
„Es wetterleuchtet,“ berichtete Hille weiter.
„Ich kann keine Blitze sehen,“ sagte Pienchen ängstlich, „Wenn das Gewitter in den Zug schlägt!“
„Eben hat es gedonnert,“ verkündete Hille.
„Wie fürchterlich. Eisen zieht das elektrische Fluidum aus physikalischen Gründen an. Ich bleibe nicht in der Eisenbahn, ich will hinaus..“
„Pienchen, beruhige Dich.“
Ein blendender Blitz flammte daher. Mit einem lauten Schrei sank Pienchen auf ihren Sitz. Langsam zog die Lokomotive an und vorwärts ging es mit zunehmender Hast.
Der Zug fuhr in das nächste Gewitter hinein.
Blitz folgte auf Blitz, ihr heller Schein durchzuckte das Kupee und machte die bleichgewordenen Gesichter der bange Schweigenden nur noch bleicher. Dicke Regentropfen schlugen gegen die geschlossenen Fenster; mit dem Getöse des Zuges mischte sich das Grollen des Donners.
Gemach aber legte sich das Unwetter, die Blitze wurden flauer und seltener, und nach einer halben Stunde schienen am hellen Sommernachtshimmel schwach leuchtende Sterne.
Wie das Gewitter erstarb, so schwanden auch Furcht und Erregung. Unwiderstehliche Mattigkeit überkam Pienchen, Ihre Augenlider senkten sich schwer.
„Sie schläft,“ flüsterte die Mutter, schob ein Kissen unter Pienchens Haupt und bedeckte sie behutsam mit einem Plaid. „Komm herüber zu mir, Hille, wir richten uns ein, so gut es geht. Pienchen hat vom Examen einen Knacks weg.“
Einen langen, prüfenden Blick heftete sie auf das blasse Kind, und ihre herben Züge wurden linder in Sorge und Kümmerniß.
Der Schlaf nimmt dem Menschen die Tagesmaske ab und die Seele waltet ungehindert formend und gestaltend. Litt sie Pein, prägt sie dem Antlitz die Furchen des Schmerzes ein, ließ Freude sie schwellen, giebt sie Liebreiz und Blüthe. Ward sie von Leidenschaften gerissen, zerreißt sie der Mienen Eintracht und belanglos bleibt das Gesicht, wenn weder Liebe noch Haß die theilnahmslose Seele bewegt.
Unmerklich wirkt sie, kaum nimmt das forschende Auge die ersten Spuren wahr und dennoch ist der Mienen Prägung wie über Nacht geschehen. Suche Herzensqual zu verstecken, inneres Glück zu bewahren, es ist vergebens, die Seele kündet sie . . . über Nacht.
Allmälig hellte sich der Osten auf, ein Lichtflor deckte der Sterne matten Schimmer. Die Morgenwolken erglühten roth und röther. Feuriges Gold umsäumte ihre Ränder. Dann schoß ein blendender Strahl reinen heiligen Lichtes über die weite Ebene. Die Königin des Lebens stieg empor, der neue Tag war geboren.
Hell war es in dem Kupee geworden, in dem die Drei schlafend dem nächsten Reiseziele entgegenfuhren. Sie waren einander ähnlich. Die Mutter mußte in ihrer Jugend ausgesehen haben, wie die beiden Töchter, ebenso klein und schwächlich von Wuchs, ebenso blond und ebenso alltäglich. Hille erschien ein ganz klein wenig hübscher als Pienchen. Das mochte wohl daran liegen, daß sie die Jüngere war und der Liebreiz sorgloser Kindlichkeit ihr unbewußte Anmuth verlieh; nicht viel Anmuth, aber für bescheidene Ansprüche ein immerhin dankenswerthes Maß.
Pienchen war nur zwei Jahre älter als Hille und dennoch gab Jeder, der sie sah, ihr eine Reihe von Geburtstagen zu. Und nun erst nach der halbverwachten Nacht, unerquickt vom oft unterbrochenen ungemüthlichen Einsenbahnschlaf, erschien sie vor der Zeit gealtert und verblüht. Welches Leid hatte ihr die Frische der Jugend genommen, woher kam der Schmerz, der wie verhaltenes Weinen aus ihren Zügen sprach, der sie selbst im Traume nicht ließ?
Ein Sonnenstrahl huschte über ihre geschlossenen Augenlider hinweg. Sie fuhr auf und blickte erschrocken um sich.
„Du bist wach?“ fragte die Mutter.
„Ich hatte solche Angst,“ erwiderte Pienchen. „Ich hatte die Merowinger ganz genau gelernt und mit einem Male konnte ich sie nicht. Da schrak ich auf.“
„Kümmere Dich nicht mehr um die alten ekligen Thiere,“ sprach die Mutter besänftigend; „Du hast die Plackerei ja hinter Dir. Hätte ich geahnt, daß es Dich so mitnehmen würde, Du hättest niemals Lehrerin studirt.“
„Ich mußte, Mutter, ich mußte. Was sollte sonst aus mir werden?“
„Komme auf andere Gedanken, Kind, sie reißen Dich so ab. Sieh, wie die Sonne scheint; es wird ein wundervoller Tag. Wie grün die Bäume sind und die kleinen Vögel fliegen auch schon umher. Es ist doch eigentlich garnicht nöthig, daß Ihr sie ein bei ein auswendig wißt.“
„Die Merowinger sind keine Thiere, das waren fränkische Könige. O Mama, thu mir den einzigen Gefallen und rede nicht wissenschaftlich, wenn Fremde zugegen sind. Du bringst mich in tödtliche Verlegenheit.“
„Das ist recht, schäme Dich Deiner Mutter. Undankbares Geschöpf. Man thut, was man kann, und was ist der Lohn? Man muß sich Malicen sagen lassen.“
„So hab’ ich es nicht gemeint. Mama, sei nicht böse.“ Pienchen streckte der Mutter die Hand verzeihungbittend entgegen.
Diese aber blickte schmollend zum Fenster hinaus und oberhalb ihrer Nasenwurzel wurden zwei tiefe Grimmfalten sichtbar. Über Pienchens bleiche Wangen rollten große Thränen.
Hille schlief ruhig weiter.
Drittes Kapitel.
Mein Verleger hatte mich wegen einer Besprechung zu sich bestellt.
„Ta’alihene,“ sagte ich, „dies kann Gutes bedeuten und auch Schlimmes; jedenfalls ist was ein Brodherr zu besprechen hat immer höchst wichtig. Sollte er günstig gestimmt sein und sich vielleicht sogar zu einem Vorschuß bewegen lassen, dann bringe ich Dir etwas Hübsches mit.“
Ta’alihene sah mich sehr, sehr ungläubig an. „Was soll das heißen?“ fragte ich. „Bezweifelst Du den Vorschuß oder meinst Du ich fände in ganz Berlin Nichts, woran Du Deine Freude haben könntest? Nur Geduld, wir werden abwarten, wir alle beide.“
Es mußte etwas geschehen. Der weibliche Theil der Hausgenossen hatte keine Furcht mehr vor Ta’alihene und betrachtete ihn wie irgend ein Ausgestopftes oder Porzellanglasirtes, und das wurmte mich. Sie nannte ihn sogar verächtlich den alten Henne.
Als Ta’alihene einzog, war er Respektsperson; es ist kaum möglich, daß der lebende Dionys seiner Zeit von der Hochburg Syrakus mehr beklemmende Angst verbreitete, als anfangs das Bischen japanische Drahtgestell von seinem Uhrkasten aus. Allmälig kam aber die Gewohnheit, die Demokratin, und machte ihm die Herrschaft streitig. Die mit Milchwagenpünktlichkeit sich einstellenden Scheerereien des Lebens, das Geplage um Speise und Trank, die täglich wiederkehrenden Winzigkeiten liefen ihm den Rang ab. Die gaben den Ausschlag wie zuvor und über den Tag wurden die Tage vergessen. Denn wo bleiben die Tage? Wer nahm den niedergegangenen Tag? Ta’alihene. Er hat auch die Jahre, die aus den Tagen, Wochen und Monaten geworden sind, und giebt sie nicht wieder heraus. Nur was in der Zeit für das Ewige gethan wurde, das kann er nicht nehmen. Das lebt!
Es war daher nöthig, daß Ta’alihene sich auf’s Neue in Erinnerung brachte. –
Mein Herr Verleger empfing mich mit weltmännischer Artigkeit. Auf dem Frühstückstische lag ein weißes Tafeltuch mit dem altdeutsch eingewirkten Spruche ‚Unser täglich Brod gieb uns heute’. Zwiebelgemusterte Teller waren darauf gesetzt, und sogar eine Speisekarte entdeckte meine Hungrigkeit mit raschem Blicke. „Was es wohl setzt?“ dachte ich. „Etwa gar Kaviar? Ich wollte, ich wäre noch einmal so hungrig.“
„Bitte nehmen Sie Platz,“ sagte er. „Sie sind recht gleißig gewesen.“
„Wenn man von seiner Feder lebt, . . .“ begann ich stammelnd, denn die Zunge stolpert auf dem Wege nach Vorschuß.
„Das ist es eben,“ unterbrach er mich. „Man will verdienen und ergiebt sich der Massenproduktion. Ich bitte Sie. Das erste Kapitel ist fertig und noch sind Sie nicht weiter gekommen, als kaum über Neustadt an der Dosse. Wenn Sie so beibleiben, wird das Buch ja eine Postille.“
„Der Realismus verlangt genaue Beschreibung der Einzelheiten,“ vertheidigte ich mich schüchtern.
„Wo sind die Einzelheiten?“ fragte er. „Haben Sie den Lehrter Bahnhof geschildert, wie es sich gehört? Wo ist der Fahrkartenschalter, wo die Gepäckwage, wo der Kleistertopf für die Kofferzettel? Kein Fußboden ist vorhanden, keine Decke, keine Wand. War nirgendwo ein Fahrplan hingehängt?“ Er warf einen prüfenden Blick auf die Speisekarte.
„Diese Dinge setze ich als bekannt voraus. Ich weiß wohl, daß die neue Richtung sich gerade mit dem Quark beschäftigt, gegen das kein Kind mehr läuft, aber ich dachte, als deutscher Schriftsteller dürfte ich es nicht so machen. Der Ausländer kann freilich thun, was er will; selbst wenn er noch so breit und öde ist, wird er bedeutend gefunden. Werden in Berlin doch Stücke hundertmal aufgeführt, die in Paris als geschmacklos durchfielen.“
„Wir haben starke Nerven,“ sagte er. „Was verträgt der Deutsche nicht Alles vom Auslande!“
Hierauf wußte ich Nichts zu erwidern.
„Sie können doch nicht leugnen,“ begann der Herr Verleger, nachdem er die Speisekarte eine Weile betrachtet hatte, „daß ein Franzose die Eisenbahnfahrt viel eingehender behandelt haben würde als Sie? Von der Lokomotive zum Beispiel schweigen Sie ganz. Sind etwa keine Räder daran, kein Wasserstandszeiger, kein Schornstein, keine Siederohre, kein Aschkasten, kein Injektor, dein Krummzapfen, kein Dampfkasten, kein Manometer, keine Schmierbüchsen, keine Kohlenschaufel, kein Schüreisen?“
„Erlauben Sie, es war Nacht, als der Zug abfuhr, man konnte nichts erkennen. Aber wenn Sie wollen, liefere ich die Lokomotive bei Tage nach. Ich leihe ein Buch, worin sie mit allen Hebeln und Ventilen abgebildet ist. Genau soll sie werden, dem Leser kommt keine Schraube abhanden.“
„Wenn Sie nicht selbst eine Fahrt auf der Lokomotive mitmachen, hat Ihre Beschreibung keinen Werth. Augenschein ist für den Realisten unerläßlich. Selbsterlebt muß sein, was der Schriftsteller darstellt.“
„Wie aber, wenn er einen Todtschlag verarbeitet? Muß er da Jemand umbringen? Und wie benimmt er sich bei einem Selbstmorde? Wenn er sich aufhängt, kann er hinterher doch nicht mehr schreiben. Glauben Sie mir, verehrtester Herr Verleger, die Realisten treiben mit ihrer sogenannten Naturwahrheit gräulichen Schwindel.“
„Findet aber Anklang und wird von maßgebenden Persönlichkeiten vertreten.“
„Auf wie lange? Muß man nicht über die Leute lächeln, welche meinen, durch zeitweilige Leitung unselbständiger Gemüther auch das Urtheil kommender Geschlechter zu bevormunden? Was aus früheren Jahrhunderten blieb, was befruchtend die Entwicklung der Menschheit förderte, ist geisterzeugt und geht lebendig von Geist zu Geist; das Übrige hat Ta’alihene gefressen. Und so wird er es auch ferner halten.“
„Das sind Ihre Privatansichten, wir sprechen jetzt über „Pienchens Brautfahrt“, und kommen zum Klempner Müller. Den Blechladen haben Sie sich entgehen lassen. Kenner werden ungehalten sein, daß er nicht mit aller Sorgfalt ausgemalt wurde.“
„Ein Stück Blech sieht ebenso blank aus wie das andere. Allerdings hängen auch grüne Botanisirtrommeln dazwischen und braune Butterbrotdosen mit bronzegelber Inschrift. Desgleichen holzgemaserte Spüleiner, aber die haben mit der Geschichte nicht das geringste zu schaffen und deshalb pinsele ich sie nicht ab.“
„Denn nicht.“
Wieder fesselte die Speisekarte seine Aufmerksamkeit.
Daß es mit der Kaviarhoffnung nichts war, fühlte ich immer deutlicher. Wäre mein Brodherr hoch entzückt gewesen, hätten wir schon längst geschmaust und gezecht, er als wohlwollender, praktischer Kritiker, ich als aufgemunterter Verfasser. Und wie hätte es uns geschmeckt. Geben und nehmen, beides macht ja selig.
„Vielleicht hat er Hummersalat vorgemerkt,“ dachte ich weiter, „und er schwankt nur noch, ob weißer oder rother Wein dazu getrunken werden soll?“
Er hub seine Augen auf und fragte: „Steht der betreffende Theodor Müller immer noch auf dem Bahnsteig?“
„Nein,“ entgegnete ich, „der ist nach Hause gegangen.“
„Das erfährt man aus Ihrem Geschriebenen nicht. Mir däucht, Sie muthen der Phantasie des Lesers mehr zu als üblich ist. Hierin muß ich Ihnen Vorsicht anrathen.“
„Müller ging gleich nachdem der Zug abgefahren war,“ berichtete ich. „Als er zu Hause ankam, schliefen die Eltern längst; man steht im Hause Müller früh auf. Nur die Schwester wachte noch wartend. Er hatte ihr nicht gesagt, was er vorhatte, aber sie wußte trotzdem, wohin er gegangen. In dem Laden brannte eine kleine Petroleumlampe und aus allen Ecken und Winkeln, von den Borten, von den Wänden warfen die gebogenen Metallflächen der blanken Blechsachen leuchtende Streifen und blitzende Lichtpunkte in das Halbdunkel zurück. Minna saß und häkelte. Zuweilen hielt sie mit der Arbeit inne und starrte wie in weite Ferne vor sich hin. Dann dachte sie an ihren Bruder und an Hille und daß doch wohl nichts daraus würde. Hille paßte nicht in die Klempnerwirthschaft. Sie war zu gebildet, in dem von Waaren beengten Laden einzuhüten, die Kundschaft zu bedienen und im Hausstande mit anzugreifen. Jetzt allerdings machte Theodor sich fein, sobald Hille zum Besuch kam, später würde er ihretwegen das Schurzfell nicht ablegen und im Sonntagsrock arbeiten können. Die Arbeit ging vor. Anders kannten sie es nicht, von Jugend auf. Der Bruder würde ihr zu rußig sein. Es ging nicht.
Von außen wurde leise an die Thür gepocht. Minna öffnete vorsichtig und der Bruder trat ein. Wie froh blickte er sie an, wie glänzte sein Auge, wie hübsch er war.“
„Sie hätten ihn sehen müssen, wie er diente. Diese schlanke kräftige Gestalt; als rechter Flügelmann zierte er die ganze Kompanie. Müllers besitzen eine Photographie von ihm aus jener Zeit. Ich dachte, die könnte in Öldruck vervielfältigt und als Prämie beigegeben werden. Ich bin fest überzeugt, es würden sich Viele in ihn verlieben.“
„Da wundert es mich, daß der p.p. Müller nicht schon längst heirathete. Wenn er Auswahl hat, warum ist er so auf Hille versessen, die ihn mit keinem Wink ermuthigt?“
„Die Liebe ist ein eigen Ding. Fragt Jemand sich, weshalb er liebt, dann liebt er überhaupt nicht. Sie giebt sich keine Rechenschaft, sie ist wie ein Wunder, das aufhört zu sein, sobald der Verstand es erklärte. Es giebt wohl Verstandesehen, aber keine Verstandesliebe. Und hier liegt die Sache folgendermaßen. Hille und Minna sind Freundinnen und Schwester und Bruder lebten von klein auf für einander. Vater Müller ist ein strenger Mann, seine Ansichten sind Hausgesetz. Pflichttreu ist er und ehrsam, von altem Schrot und Korn, genau gegen sich selbst, genau gegen seine Umgebung. So hat er die Kinder erzogen und nicht verzogen. Seine Strenge schmiedete ein festes Band um die Geschwister, schweigend litten sie gemeinsam, wenn der starke Wille des Vaters kindische Thorheit brach, ebenso still theilten sie ihre kleinen Freuden miteinander. Wer daraus jedoch entnehmen wollte, die Familie vergähne ihr Leben in unfroher Sklaverei, der irrt gewaltig, denn unter dem Oberbefehl der Ordnung ist gut sein. Wo sie den Tag regelt, geht es gesund her, leiblich und geistig.
Wenn man dagegen die Fladdrigkeit und Fliddrigkeit bei Lahmanns bedenkt, diese Willkürsregierung der Alten. Pienchen und Hille haben am meisten unter der häuslichen Zerfahrenheit zu leiden. Die glücklicheren Dienstmädchen können wenigstens kündigen, sie aber sind durch natürliche Bande an die Mutter geknüpft. Und welch ein Wirrwarr von Banden: hin und wieder zerrissen und nur nothdürftig wieder verknüpft, verschlüchtert, als wären Katzen darüber her gewesen. Grausam ist die Alte zuweilen, spinnegrausam und gefühllos wie eine Kneifzange. Hinterher thut’s ihr leid und dann heult sie wie eine büßende Magdalena. Hierauf weht der linde Wind der Rührseligkeit durch das Haus, ein Thränenregenwind, aber nur Wind. Schießlich ist Alles wieder, wie es war, ebenso trüglich und ungewiß: was kommt, kommt unversehens und hat keinen Bestand. Wie gesagt, fladdrig und fliddrig.“
„Erlauben Sie,“ sprach mein Verleger, „daß ich Sie unterbreche. Sie wollten mir erklären, warum der junge Müller in die Hille Lahmann verliebt ist. Also bitte.“
Habe ich das noch nicht gethan? Ich sagte doch, daß Hille und Minna eng befreundet sind und Bruder Theodor und Schwester Minna so zu sagen freimauern und sich verstehen, ohne daß andere es merken. Da ist es doch natürlich, wie nur etwas, daß der Bruder die schwesterliche Freundin auch in seine Freundschaft hineinnimmt, ihr geneigter wird als den übrigen Millionen Jungfrauen Deutschlands, die er erstens garnicht kennt, nicht einmal dem Namen nach, und die zweitens seiner herzlieben Schwester eben so fremd sind wie ihm. Wo nun aber der Keim Neigung schwillt und Wurzelfäden aussendet, da weiß Niemand, wie er sich entwickelt, ob er nicht gar sprießt und wuchert wie in sonnenheißen Ländern die Lianen, von denen Naturkundschafter erzählen, daß sie den stärksten Baumriesen umweben und umgrünen, bis der Mächtige, um und um umfangen, zum Blüthenträger des rankenspinnenden Gastes wird. Und Theodor Müller, der frische Mann, der, wenn es ihm geheißen würde, eine Horde ostafrikanischer Reichsbrüder ganz allein auf sich nähme, ist nicht im Stande, die zarten Fäden zu zerreißen, die ihn binden: sie sind ja eitel Liebe.
Die Schwester blickte forschend zu dem Bruder auf, als er eintrat.
„Hast Du Briefbögen?“ fragte er.
„Wunderschöne,“ antwortete sie und stand auf. „Hille schenkte sie mir zum Geburtstage.“ – Dann ging sie leisen Schrittes und als sie wiederkehrte, brachte sie ein Kästchen, das sie behutsam öffnete, als sei es ein Kleinodienbewahrer. Darin waren Briefpapier und Umschläge aus sogenanntem augegrabenen Papier mit angebrannten Rändern und graugelblich von Farbe, als hätte es den Untergang von Pompeji zufällig überstanden. Die alte Lahmann hatte es als stilvoll für Pienchen gekauft. Pienchen mochte es nicht leiden und gab es Hille. Diese fand es abscheulich und verehrte es der Freundin. Da das Papier von Lahmanns kam, war es vornehm, so vornehm, daß Minna sich bis jetzt noch nicht getraute, einen Bogen zu verwenden. Nun aber war der rechte Zeitpunkt da, den Schatz anzugreifen.
Theodor setzte sich auf den Ladentisch, Minna nahm ihren alten Platz wieder ein. „Was willst Du ihr schreiben?“ fragte sie nach einer langen Pause.
„Daß es ein Ende haben muß,“ antwortete er. „Entweder Ja . . . oder Nein.“
„Und wenn sie Nein sagt?“
„Sie sagt Ja.“
„Und was dann? Wird Vater zugeben?“
„Ich habe ihn nie um Etwas gebeten. Diesmal bitte ich. Will er nicht, fange ich ein eigenes Geschäft an. Ich kann arbeiten.“
„Theodor!“
„Ich bin kein Kind mehr, ich weiß, was ich thue.“
„Das darfst Du nicht; das kannst Du nicht.“
„Er soll sehen, daß ich auch meinen Willen aufsetze.“
„Es wird böse werden, fürchterlich böse.“
„Oder gut. Was kann er gegen sie haben?“
„Ich fürchte, er glaubt, er müsse sich vor ihr scheniren. Bei uns geht es doch nur gewöhnlich zu.“
„Wenn sie mich liebt, wird sie auch den Alten leiden können und Alles hinnehmen, wie es ist. Und sie liebt mich, seit heut Abend weiß ich es. Minna, liebste Minna, wie bin ich glücklich.“
Die Schwester erhob sich, umarmte den Bruder und legte ihr Haupt an seine Brust. „Nicht wahr,“ flüsterte sie schmeichelnd, „Du bleibst bei uns? Vater würde es nicht verwinden, wenn Du gingest. Zürnt er . . . ich helfe Dir tragen.“
„Ich habe breite Schultern,“ entgegnete der Bruder lächelnd. „würde es Dir recht sein, wenn Hille zu uns käme?“
„Besseres könnte ich garnicht wünschen. Aber ihre Mutter, hast Du schon an die gedacht? Die strebt hoch hinaus. Und Pienchen wird den Mund schief ziehen.“
„Ei, Minna, bist Du verzagt. Vor der Kompagniemutter hatten sie mich vorher auch graulich gemacht, und was war’s bei Lichte? Bloß ein grober Feldwebel und wir kamen fein mit einander aus. Ich scheere mich um Nichts mehr und schreibe an Hille. Wer etwas will, mag herankommen.“ Er ballte die Hand, aber nur ein klein wenig.
Minna sah trostlos umher, als müßte sich irgend etwas Verderbliches unvermeidlich ereignen. In aller Sorge hatte sie die Hindernisse erwogen, die sich dem Glück des Bruders entgegenstellten, und ihn selbst erkannte sie kaum wieder, so trotzig vertheidigte er das Recht seines Herzens. Er wollte nicht begreifen, daß sie für Lahmanns zu gering. Sagte ihm denn nicht jedes Stückchen Blecharbeit, daß sie nur Klempners seien? War er denn blind geworden?
Welche Lust des Lebens, welcher Muth des Widerstandes ihm aber gekommen war, das errieth sie nicht.
Der eine stumme Gruß aus dem Kupeefenster hatte ihn weckend getroffen. Die Zukunft lag sonnig vor ihm. Hille die Seine, und er schaffend und wirkend für sie! Wie wollte er arbeiten. Alle die Blitzlichter des Ladens blinkten ihm vertraulich zu, als wären es Sterne, am klaren Himmel der Hoffnung aufgegangen.
Sie sagten einander gute Nacht. Es wetterleuchtete draußen. „Ein schlimmes Zeichen,“ sagte Minna. – „Nur ein Vororts-Gewitter.“ – „Übereile nichts,“ bat sie. – Er aber nahm das augegrabene Briefpapier, schwenkte es wie ein erobertes Siegeszeichen lustig über sich und sprach: „Ich frag’ dem Teufel darnach.“
„Sagen Sie mal,“ unterbrach mich mein Herr Verleger, „Sie wollen diese Müllerei doch nicht etwa gar in das Buch hineinschreiben?“
„Ich hatte allerdings die Absicht . . . aber wenn Sie meinen . . . Sie kennen den Geschmack des Publikums entschieden besser als ich. . . .“
„Also weg damit.“
Mein letztes baares Geld hätte ich in diesem Augenblicke für einen Schafbock gegeben, nicht für einen wirklichen wollenen, sondern für ein Mittel, Müllers vom Tode des Durchstreichens zu retten. Abraham sollte nur einen Sohn opfern, ich aber eine ganze Familie: Theodor, Minna, den Alten und die Alte Müllern. Daß dabei das blühende Klempnergeschäft zu Grunde ginge, die Gesellen brodlos, das Dienstmädchen auf die Straße gesetzt, der Hund Petti und der Kanarienvogel Justav verwaist würden, daran dacht ich mit jener Schnelle, welche Ertrinkenden in den letzten Augenblicken ihre ganze Lebensvergangenheit vorblitzt. Und wie sollte es mit Sittenfelds Neubau in der Mauerstraße werden, zu denen Müllers einen hübschen Posten Klempnerarbeit liefern: allerlei Architektonisches unter Theodors geschickter Führung gebogen und gelöthet? Ich wünschte, ich wäre ebenso muthig wie Theodor, seitdem er sein Herz entdeckt hat. Oder so schaffotfromm wie eine Kollegin von mir, eine durchscheinend ätherische Dame. Die im Leben keiner Fliege ein Leid zufügt, auf dem Papier aber Menschen umbringt, als wäre täglich Schlachtfest. Dolche und Schwerter sitzen bei ihr loser als Haarnadeln, und in ihren Schriften raucht das Blut nur so. Sie verdient aber recht hübsch damit.
Und da kam der Schafbock.
Es war weder Besuch, der eintrat, noch eine Idee, die wie ein Glühlicht plötzliche Erleuchtung in meine Gehirnfinsterniß brachte, sondern nur Dummheit, die mich verließ. Denn man ist immer dumm, wenn man nicht offen und ehrlich ist.
„Herr Verleger,“ sagte ich, „die Müllers müssen in das Buch hinein. Ich will Ihnen auch gestehen, warum. Sie wissen selbst, wie erbärmlich wenig Handlung ich für den sogenannten rothen Faden habe, der von Berlin nach Sylt gesponnen werden soll. Nun gehört das ausgegrabene Briefpapier mit zur Handlung. Nehmen Sie es mir fort, muß ich bankerott machen, darauf bin ich bereit, den Manifestationseid abzulegen. Mit dem Papier allein kann ich jedoch nichts anfangen. Müllers gehören unabweislich dazu.“
„Briefe sind ein stark verbrauchtes Mittel,“ warf er sehr sauermienig ein.
„Jawohl,“ entgegnete ich triumphirend: „solche auf Rosapapier und solche, die wie ein Frisörladen dunsten, aber haben Sie in der gesammten deutschen, englischen , italienischen, französischen, spanischen Literatur schon einen Brief auf ausgegrabenem Papier gefunden? Nein. Er ist ganz neu, so neu, daß es angezeigt wäre, ihn gesetzlich vor Langfingerei zu schützen. Gewiß,“ rief ich, von meinem Gegenstand hingerissen, aus, „das ist bei den unsicheren schriftstellerischen Verhältnissen unbedingt nöthig. Gleich gehe ich auf das Patentamt; gewähren Sie mir nur für die Kosten den erforderlichen Vorschuß!“
O Ta’alihene, was hatte ich gesagt!
„Hm, hm!“ antwortete mein Herr Verleger. – Es giebt Empfindungen, für die Worte fehlen. Mir war auch ganz trocken in der Kehle geworden. Vor Schreck nämlich.
Ein Schlücklein Trinkbares wäre jetzt sehr erquicklich gewesen, ein Häppchen dazu würde das Dasein nicht verschlechtert haben. Mein Herr Verleger studirte die Speisekarte wiederum eifrigst.
Er ließ aber nichts auftragen. Ob die Hausklingel in Unordnung war? Elektrizität hat so ihre Tücken.
„Noch ein Punkt muß zur Sprache kommen,“ begann er nach einer Weile. „Was Sie von der Seele sagen, wie sie als unsichtbarer Bildhauer gewissermaßen die menschlichen Gesichter modellirt, das ist grundfalsch. Ich habe einen Mediziner darum befragt, der sagte, so etwas könne man unmöglich drucken.“
„Die Sache hat dennoch ihre Richtigkeit. Wie mag es sonst wohl geschehen, daß einem Menschen sein Beruf im Gesicht steht, als wäre er darauf geschrieben? Je mehr die Seele am Berufe Antheil hat, um so sichtbarer prägt sie ihn aus. Der Geistliche, der Denker, der Schauspieler, jeder trägt die Züge seines Berufes, daß man ihn unter Hunderten gar leicht herauskennt. Weß Standes einer sei, sagt sein Antlitz. Man hat von zahlreichen Personen desselben Berufes Photographien genommen und aus diesen vielen ein einziges Durchschnittsbild hergestellt. Da ergab sich, daß der amerikanische Durchschnittsarzt dem deutschen gleicht, der Durchschnittsschulmeister eines Landes dem eines weit fernliegenden: es war das Berufsgesicht, das man auf diese Weise erhielt. Somit wäre die formende Arbeit der Seele photographisch bewiesen. Und haben Sie niemals Eheleute gesehen die in Liebe alt wurden? Was die eine Seele an der anderen liebt, das ward ihr zu eigen; aus inniger Liebe sproßte gemeinsames Empfinden. Gleiche Sorgen und gleiche Freuden waren der Seelenpulsschlag des Lebens und gemach im Laufe der Jahre wurden die beiden Alten einander so ähnlich, als seien sie eines Blutes.“
„Es giebt aber keine Seele, hat der Arzt versichert.“
„Er ist wohl Thierarzt?“
Nicht einer, nein ein ganzes Regiment Engel schwebte durch das Gemach.
„Hübsches Tafelgeschirr,“ sagte ich und deutete auf die Zwiebelmusterteller. – „Echt Meißen,“ sagte er.
Wieder flog ein Trupp Engel vorüber.
„Jetzt gehe ich nach Hause,“ sagte ich.
„Wir sind noch nicht fertig,“ sagte er und hielt mir die Speisekarte unter die Augen.
„O bitte,“ sprach ich mit jenem verschämten Lächeln, das noch während des Zugreifens bescheidenes Ablehnen heuchelt, „mir ist recht, wie Sie bestimmen. Außerdem, offen gestanden: ich bin ziemlich hungrig.“
Als ich nun nachsehen wollte, ob Kaviar auf dem Zettel stände – ich kenne ihn eigentlich nur aus Romanen, wo die reichen, schlechten Leute ihn immer essen, so daß sich der Wahn bei mir festsetzte, Kaviar müsse die allerhöchste aller Köstlichkeiten sein, obgleich einstmals eine damit bestrichene Wartesaalsemmel etwas nach schwarzer Seife und etwas nach Leberthran schmeckte und mir Würgethränen in die Augen trieb – sah ich zu meinem Schrecken, daß dieser Zettel kein Speisezettel war, sondern ein Register aller Sünden, wegen derer ich mich soeben zu verantworten gehabt. Hinter dem Wort ‚Seele’ bäumte sich ein Riesenfragezeichen, und dann kam noch ein halbes Dutzend solcher Gedankenhaken.
„Also?“ fragte er, „wie geht es weiter?“
„Pünktlich nach dem Sommerfahrplan,“ entgegnete ich verdrießlich.
„Mit Aufenthalt in Hamburg?“
„Gewiß- Da gehen sie an der Zollfestung vorbei und bewundern die Burggräben, die Brücken, die Wachtposten, und stellen Betrachtungen über den Wandel der Dinge an. Früher saß der Ritter hinter den Schießscharten und hielt seine Panzerhand über dem Handel, jetzt sitzt der Handel in der Veste und herrscht zu Wasser und zu Lande und vielfach angegriffene Zollmauern müssen heute den Ritter schützen. Pienchen kramt ihre Geschichtskenntnisse aus, Hille hört nicht darauf, weil all ihr Sinnen anderwärts ist, und der Alten läuft bei dem Gedanken an die Milliarden von Kaffeebohnen, welche in den Riesenspeichern lagern, das Wasser im Munde zusammen.“
„Kommen Sie zur Sache und verschleppen Sie die Handlung nicht unnöthig.“
„Ich kann die Alte doch nicht in den Sylter Sand setzen und Pienchen und Hille aus einem Luftballon hinterdrein fallen lassen. Nein, unsere Drei treten auf Sylt so feierlich an, wie es sich für die dortigen Verhältnisse geziemt. Es ist schon recht laut an dem Strande geworden, viele Badegäste sind da, und die Strandkörbe sind besetzt wie die Schwalbennester. Da wird geplaudert und gescherzt, die Kinder wühlen und graben im Sande, die Musik spielt, die Wagen rauschen und silbergraue Möven fliegen krächzend darüber hin. Es ist wonniges Weilen an dem Badestrand von Westerland, wer es einmal miterlebte, kann deß’ nimmer vergessen. Der frische Hauch der Seeluft weht allen dumpfen Staub aus Herz und Hirn, wem sollte das nicht wohlthun? Ich hoffe auch für Pienchen das Beste. An den Herren der Doktorengrube ist der Erfolg bereits ersichtlich.“
„Was sind das für Herren?“
„Hochgradig gebildete. Sie haben sich eine Grube gegraben, weit ab von den anderen Sandbauten, geformt wie ein Seestern. Jeder bewohnt eine Abtheilung. In der Mitte ist ein Sandhaufen, gegen den sie die Füße stemmen, und in dem Sandhaufen steckt die Fahnenstange mit einer blauen Flagge. Es sind ihrer fünfe: drei Doktoren, ein Malersmann und ein Gutsbesitzer. Die beiden gelten auch für Doktoren, man kann sie von den wirklichen garnicht unterscheiden, so braun gebrannt sind sie alle miteinander. Und nun bedenken Sie, wie fürchterlich geistreich die Fünf sich unterhalten können. Geradezu unermeßlich.“
Der Verleger schellte elektrisch.
„Endlich wird es Tag,“ sagte er vergnügt. „Nun sehe ich doch, daß die gelehrten Leser berücksichtigt werden. Die sind es nämlich, die das Buch machen, sie stempeln es durch ihr Urtheil sozusagen ab wie eine untersuchte Wurst, und die ungelehrten gehen dann mit Vertrauen daran.“
„Ich habe noch einen Professor,“ sagte ich, „den kann ich auch in die Grube thun.“
„Bringen Sie Sardinen in Öl,“ befahl er dem eintretenden Mädchen, „und eine Flasche Laubenheimer.“
„Außerdem habe ich die schönsten Anekdoten, die sich die Herren erzählen, wenn sie nicht gerade schlafen.“
„Austern,“ beorderte er.
„Wollen Sie eine Probe hören? Eine brachte ich zum Muster mit, der Rest liegt auf meinem Schreibtisch. Weil sie in einem Seebade spielt, paßt sie vorzüglich. Es geht da nämlich einer der Angestellten am Strande und trifft einen würdigen alten Herrn mit weißen Haaren, der am Dünenrande sitzt und das Damenbad durch ein meterlanges Fernrohr beschielt.
„Mein Herr,“ sagt der Beamte, „wie kommen Sie dazu, mit dem Fernrohr nach den Badenden zu sehen?“
„Es ist nicht meine Schuld, daß meine Augen so schlecht sind. Ich bin ein alter Mann und muß ein Glas gebrauchen,“ entgegnete der Greis milde und läßt sich nicht im Geringsten stören.
Wir lachten beide unmäßig. Er, weil ihm die Geschichte neu war, ich, weil ich ihn heiter sah. „Das ist etwas für das elegante Publikum,“ rief er, „das will dergleichen. Sehr gut. – Bringen Sie Kaviar,“ sagte er dem Mädchen, das die guten Lebensmittel auf den Tisch setzte, „und eine Flasche Sekt.“
Nun aßen wir und tranken wir und waren lustiger Dinge. Und doch schmeckte mir der Kaviar nicht, wie ich erwartet hatte. Er war erster Güte, aber ich war schlecht. Hatte ich die Geschichte nicht aus einem amerikanischen Buche herübergenommen, um nicht zu sagen stibitzt? Freilich ließ sich einwenden, daß die Amerikaner ohne Murren gleich die ganzen Bücher nachdrucken, aber darin sind sie gesetzlich geschützt, und sie thun dies ja auch bloß, um im fernen Westen Kultur zu verbreiten. Wenigstens behaupten sie so. Trotzdem hatte ich die Empfindung, Raub sei Raub und ich so schlecht wie nur je Einer, der geschriebenen Kaviar aß. Mir blieb nichts übrig, als das Gewissen zu betäuben. Hierzu eignet sich gekühlter Sekt vortrefflich.
Als ich meinem Herrn Verleger nun erzählte, daß ich ferner mit einigen Baronen aufwarten könnte, die augenblicklich auf das Wattenmeer hinausgefahren wären, Seehunde zu schießen, daß der Kollaborator Brömmer und der Kapitän Lotz in den Dünen spazieren gingen und die schöne Lüneburgerin gerade in der Strandhalle frühstückte, während ihre Verehrer an den Nebentischen sich gegenseitig haßten, und wie Pienchen, Hille und die Alte in die Gesellschaft kämen, da griff er in die Westentasche und legte mir blanken Vorschuß hin.
„Führen Sie die Doktorgrube mit Sorgfalt aus,“ ermahnte er.
Nun konnte ich Ta’alihene mein Wort einlösen und ihm mitbringen, worauf ich lange gesonnen. Ich versprach beim Gehen, mein Möglichstes zu thun. „Bald hätte ich den Indier vergessen,“ sagte ich, schon halb draußen auf der Treppe. „Eigentlich ist er kein Indier, aber er war lange in Madras, eine höchst mysteriöse Persönlichkeit, das heißt . . .“
„Davon das nächste Mal.“ –
Zu Hause angelangt, nahm ich Ta’alihene aus dem Uhrkasten, legte ihn auf den Tisch und stellte den Gummitopf daneben. Dann wickelte ich sein Geschenk sorgsam aus dem Seidenpapier – es war ein Paar kleiner Glasaugen – blaue Äuglein. Die leimte ich ihm in die leeren Höhlen, und als sie saßen und er mich anblickte, überlief mich ein Grauen.
Ich fing an ihm zu erzählen, wie es mir ergangen.
Er sah mich an.
„Ta’ali, was hältst Du von der Seele?“
Er gab keinen Bescheid. Seitdem er die Augen hatte, war er menschlich geworden, entsetzlich menschlich.
Viertes Kapitel.
Die „Freia lag an der Landungsbrücke und in Schaaren eilten die Passagiere herbei, seewärts mit dem prächtigen Schnelldampfer zu gehen, der alle Wettbewerber überholt, als habe er Flügel. Jedem Hamburger Kind ist die „Freia“ lieb, es erkennt sie schon von ferne, wenn sie aufkommt und eben sichtbar wird, so schön und eigenartig liegt sie zu Wasser.
Für Pienchen und Hille hatte das ungewohnte Treiben am Hafen außerordentlichen Reiz, daß sie der Nachtreise nicht mehr gedachten. Sie musterten die Ankommenden, wunderten sich, wie viele Menschen ein Schiff beherbergen kann und erwarteten sehnsüchtig die nächsten Stunden. Heute sollten sie das Meer sehen, das Meer, von dem sie wohl gehört und gelesen, sich aber keine Vorstellung machen konnten. Würde es breiter als der Elbstrom sein, mit auch so vielen Schiffen darauf, großen und kleinen und so raschen Booten, die hinüber glitten und herüber?
An der zweiten Landungsbrücke lag ein Dampfer, schwarz wie ein Stück Steinkohle. Aus dem Schlot wirbelten dicke Rauchmassen. Soeben ward eine Hammelheerde an Bord getrieben. Dann kamen Pferde, junge Thiere, kleiner Art, eine ganze Anzahl, je zu Zweit geführt.
„Das sind wohl Seepferde?“ fragte Mutter Lahmann einen Herrn, der in ihrer Nähe stand.
Der Herr lächelte. Pienchen warf der Mutter einen mißbilligenden Blick zu.
„Das sind Galizier, die gehen alle mit dem Engländer nach Hull in die Kohlenbergwerke,“ erklärte der Herr. „Da können sie keine größeren gebrauchen. Sind die Pferde einmal unten, kriegen sie das Tageslicht nie wieder zu sehen.“
„Wie schrecklich!“ rief Pienchen.
„Oh, das sind sie nicht anders gewohnt Die Damen wollen wohl ein bischen nach Helgoland?“
„Nach Sylt.“
„Sieh mal an.
Dann grüßen Sie meinen Freund Christian Lotz, wenn Sie ihn treffen, Kapitän
Lotz. Der ist mit seiner Frau da. Nette Frau, blos sie hat es so unbändig mit
den Nerven. Mein Name ist Büsing. C. F. A. Büsing.“
“Meine Töchter,” stellte die Alte vor, und während Hille und Pienchen sich huldvoll verneigten, setzte sie mit einer herablassenden Verbeugung hinzu “Wittwe Lahmann aus Berlin, Rentière.“
„Angenehm,“ sagte der Hamburger und lüftete den Hut.
„Wird das Meer sehr wogenreich sein?“ fragte Pienchen.
„Ach so? Sie meinen, ob die See hoch geht? Auf ein Bischen Dünung nach dem Gewitter diese Nacht können Sie am Ende rechnen; schlimm wird’s nicht. Essen Sie ein ordentliches Beefsteak mit Pickels und ein Glas Portwein dazu, das ist gut gegen die Seekrankheit.“
„Meine Töchter sind beide nicht für Scharfes veranlagt.“
„Dann nehmen Sie einen Cognac mit Angostura, der ist auch nicht schlecht.“
Die Glocke gab das letzte Zeichen. Die Dampfpfeife heulte, die Laufbrücke wurde abgeschoben, Räder und Schraube paddelten und langsam wich das Ufer zurück, als sei es ein Luftgebilde, das davongleite. Und dann ging es vorwärts, immer rascher und rascher. Wie in übermüthiger Lust schoß die „Freia“ dahin.
Altona war vorüber, nun kam das hohe Elbufer mit seinen gartenumhegten Landhäusern. Wie schön! Scheelsüchtige sagen, hier ließe Hamburg einen Zipfel seines Reichthums sehen. Geht in die Stadt, an die gewaltigen Kais, in die Kaufhäuser, in die Fabriken und seht Euch die Arbeit an, begleitet die Schiffe bis in die fernsten Häfen, wohin sie der Unternehmungsgeist sendet, dann wißt Ihr, was Hamburg groß macht. Freut Euch doch über jeden Fleck deutscher Erde, wo der Fleiß üppige Früchte trägt.
Mit Blankenese schloß das Panorama. Dann wurde das Ufer flach und einförmig. Die Fischerkähne, die Schlepper und die großen Dampfer, welche die „Freia“ überholte, gewährten dem Auge jedoch fortwährend Abwechslung; manche Landstraße ist mir Fuhrwerk nicht so belebt wie der Elbstrom mit den Schiffen aller Völker.
Die Luft war frisch, die Nähe der See machte sich geltend.
„Wollen wir die Tücher umnehmen?“ fragte die Mutter, „oder machen wir uns an das Beefsteak?“
„Wie Du meinst, Mama.“
„Dann kommt nur, Kinder. Die Seereise zehrt, ich fühle es. Ich weiß, wo die Restauration ist. Herr Büsing ging vorhin hinunter.“
Der geräumige Speisesaal war bereits ziemlich besetzt, sei es nun, daß die Passagiere wirklich Hunger hatten, oder die Zeit vertreiben, oder der Seekrankheit vorbeugen wollten. „Hier bleiben wir vorläufig wohnen,“ entschied die Mutter, „nobler findet man es nicht unter den Linden. Pienchen, mein Kind, bekommt Dir die Seereise?“
„Ausgezeichnet.“
Der Stewart bot Postkarten feil mit der Abbildung von Helgoland darauf. Hille kaufte eine. „An wen willst Du schreiben?“ – „An Minna Müller.“ – Das thu nur, die wird sich wundern, wo wir jetzt sind.“ – „ich halte sehr viel von Minna, sie ist wirklich meine liebste Freundin.“ – „Nur nicht zu intim. Weggeworfen ist sich leicht, aber sich wieder aufgerappelt, da klemmt es sich.“
„Reflexive Zeitwörter dürfen nicht mit dem Passiv konstruirt werden.“
„Laß doch das ewige Schulmeistern, Es ist zu eklig.“
„Mama, wenn wir uns zu den Gebildeten zählen, müssen wir auch gebildet reden.“
„Meinst Du, ich könnte das nicht, das mit den respektiven Zeitwörtern? Ich werd’ mir wegen Euch Plebs Mühe geben“ Aber laßt mich nur unter polirte Menschenklassen gerathen, da sollt Ihr was erleben.“
„O Gott!“ rief Pienchen.
Er war nicht schreckhafte Ahnung, die sich vordrängte, sondern ungebremste Bewunderung.
Der junge Mann, der zögernd auf der untersten Treppenstufe stand und Umschau nach einem Tischplatze hielt, war zu schön. Wie ein Bild erschien er, von der Thürfüllung umrahmt: feiner blanker Cylinderhut, feine blanke Schnabellackschuhe, hellgraue Beinfutterale tadellosen Schnittes, frisch vom Tulaschild, Westenausschnitt ideal-oval, Wäsche wie die Eierschale, Stehkragen rechts und links vom Adamsapfel niedergebogen, nicht zu viel und nicht zu wenig, genau abgewogen. Und nun erst der Shlips! Als wenn zarte Genien ihn auf Watte gebettet aus dem Laden hergebracht und mit ihren Elfenfingern dieses kaschmirene, weiß und graugestreifte Gedicht des Webstuhls, ohne ihm ein Fäserchen zu krümmen, um jenen Stehkragen geschlungen hätten. Es war keine Halsbinde mehr, es war ein Liebesstrick.
Über den Sitz des schwarzen Gehrockes aus feinstem Kammgarn würden Bildhauer gesagt haben. Wie gemeißelt; Maler: wie in Stahl gestochen; Architekten: wie abgeputzt. Pienchen hatte kein Wort dafür.
Die Handmanschetten mit den großen goldenen Monogrammknöpfen, die hellgelben Glanzlederhandschuhe ohne Kutschersteppnäthe auf dem Rücken, der vanilleeisfarbige Sommerüberzieher, das dunkelgraue, halb nach außen gekehrte Seidenfutter, der silberkrückige echte Rohrstock, das schlohweiße blaugeeckte Sacktüchlein in der äußeren Brusttasche; dies Alles war von einer so zauberhaften Gesammtwirkung, daß Pienchen unwillkürlich „O Gott“ rief und ihr Blick sich unverwandt auf den Eintretenden richtete, als sei er der Magnetberg und sie das willenlose Eisen.
Die Mutter folgte dem Augenwege der Tochter.
„Ein vermuthlicher Baron,“ flüsterte sie. „Paß auf, er setzt sich heran.“
Und so geschah es. – Höflich fragte der junge Mann, ob der Platz neben Pienchen frei sei? Pienchen nickte zustimmend und ward über und über roth, sogar die Ränder der Augenlider färbten sich. Befangen sah sie nieder; nicht um die Welt hätte sie sich ihm zuwenden können, nun da er an demselben Tische saß, so bildschön, unmittelbar neben ihr. Sie wagte kaum zu athmen. Verrieth denn nicht jede Bewegung, wie thöricht sie sei? Und doch konnte sie nicht anders, nie sah sie lebend je bevor so Überirdisches, so Herrliches. Was war hiergegen Herr Wergheim, der Naturwissenschaftslehrer, den sie alle vergötterten, den die ganze Klasse für den entzückendsten Menschen des Universums erklärte. Sie erzürnte sich einmal heftig mit Anna Kuntze, die sich zu behaupten erdreistete, Herrn Wergheim würde ein schräger Scheitel viel besser kleiden als der grade, und verwies ihr die lächerliche Anmaßung mit dem Hinweise, daß Herr Wergheim hoch über jedem perfiden Angriff stände. Wäre Anna Kuntze jedoch in diesem Augenblicke zugegen gewesen und hätte gefragt, was denn überhaupt an Herrn Wergheim sei, Pienchen würde mitgefragt haben: ja was eigentlich?
Man brachte vorhin bestellte Beefsteaks mit Ei und Bratkartoffeln. Pienchen sollte essen; essen in seiner Gegenwart, kauend sich sättigen, während er zusähe. Undenkbar!
„Drei Portwein,“ beorderte die Mutter, „vom Besten.“
„Für mich nicht, Mama.“
„Nur Zwei! – Du genehmigst ihn doch sonst immer.“
Pienchen wurde eine Schattirung röther.
„Delikates Beefsteak. Blos in Berlin giebt es mehr Soße. Pienchen lang’ doch zu, Deins wird ja kalt.“
Sie fühlte, längeres Weigern würde der Mutter und Hille auffallen . . . vielleicht auch ihm. Ob sie die Handschuhe auszöge? Sie spionirte heimlich über den Tisch, wie es die anderen Damen machten. Einige hatten die Handschuhe abgelegt, andere behielten sie während des Speisens an. Es waren unappetitlich schmierige darunter, mit denen wer weiß was schon angefaßt worden war, richtige Treppengeländerwischer. Pienchen hatte für die Reise ihre ältesten angezogen. Und seine Strohgelben waren so unverdorben neu. Verstohlen streifte sie unter dem Tische das Leder ab und steckte es verlegen in die Tasche.
Und dann aß sie, wie sie gewohnt war, zierlich und elegant mit dem Messer.
Das thaten alle Drei-
Hätte Pienchen Muth gehabt, ihren Seitenherrn anzusehen, würde sie wahrgenommen haben, mit welchem Entsetzen er das Messerterzett anstierte. Hätte sie die Gabe des Gedankenlesens besessen, wäre auch sie entsetzt worden, denn der junge, bildschöne Mann dachte in diesem Augenblicke: „Ist das eine unkultivirte Gesellschaft“, und rümpfte die Nase dazu. „Möglicherweise ist es eine Degenschluckerfamilie, die sich in ihrer Kunst übt,“ höhnte er innerlich weiter. „Am besten schaufelt die Alte. Das heißt, meine Nachbarin versteht es ebenfalls.“
Es war Pienchen niemals gesagt worden, daß Erziehung das Essen mit dem Messer ächtet, daß, wer es thut, damit zu erkennen giebt, in Kreisen, welche auf gesellschaftliche Formen Gewicht legen, nicht zu Hause sein. [!] Gute Manieren sind ein Freibrief für die Welt und mehr werth als Klaviergespiel, denn nicht überall steht ein Tastenkasten, und nicht immer ist passende Gelegenheit, das Gebet einer Jungfrau an den Mann zu bringen, zumal mancher schon nach dem ersten Aufhau davonläuft. – Nun ist das Eigenthümliche der guten Manieren, daß sie zugleich gefällige sind und Jeder weiß, daß, was gefällt, auch angenehm ist. Ein schönes Menschenkind verunziert sich durch Unmanieren, ein minder schönes wird schmuck durch gefälliges Benehmen. Es giebt eine Aristokratie der Umgangsform, die eigentlich so selbstverständlich sein sollte, wie richtig sprechen und fehlerfrei schreiben. Pienchen spricht und schreibt examensreif – die Mutter ist nicht ganz dativrein – aber wenn ihr ein Erzieherinnenposten wird, bringt sie den Zöglingen das Messeressen bei und sonstige Lebensunart, und macht sie unglücklich, denn die meisten Menschen urtheilen vorab nach dem äußeren Schliff und dann nach den Schulkenntnissen. Es wäre daher in anderer Leute Kinder Interesse wünschenswerth, Pienchen bekäme einen Mann.
Die Alte sperrte soeben den Mund auf, ein halbes, auf dem Messer balanzirendes Setzei zu jonglieren.
Das Schiff aber machte in demselben Augenblicke einen Satz, denn nun kamen die Meereswellen, welche von der Nordsee in die Elbemündung hineinschlagen, und das Ei fiel von dem glatten Messer an den Huthbändern herunter auf den neuen grauen Staubmantel. – „Mama’chen, Du hast Dich bekleckert,“ rief Hille.
„Es schunkelt ja so,“ entgegnete die Alte ärgerlich und wischte ergrimmt auf den Flecken herum. Sie gewann dadurch nicht an Liebreiz.
Die Bewegung des Schiffes nahm zu, es hob sich und senkte sich, als wenn es athmete. Pienchen legte Gabel und Messer fort. Das Essen machte ihr kein Vergnügen mehr und peinlich war ihr, stumm zu sitzen wie ein Stück Holz. Sie wollte sprechen. Aber was? Er hörte ja zu. Durfte sie irgend einen Alltagsausspruch über das Wetter loslassen, über die vielen Menschen, über das Schaukeln? Das wäre flach und abgeschmackt gewesen. Womit aber ein von höherer Bildung zeugendes Gespräch beginnen? Pienchen durchkramte ihr Gedächtniß. Unwillkürlich stieß sie auf die Merowinger. Die waren nicht brauchbar. Dann fiel ihr der Saturn in die Hände. Herr Wergheim hatte so prachtvoll fesselnd gerade von diesem Planeten unterrichtet: er bestand aus Blei und hatte vier Monde. Oder waren es Ringe? Oder war es der Jupiter? – Die Astronomie ward bei Seite geschoben. Literatur mußte zu weit hergeholt werden; sonst in der spanischen wußte sie ziemlich Bescheid. Calderon, Lopez de Vega, Cervantes waren die Hauptvertreter. Da gerieth sie auf ein taugliches Subjekt, und die Mutter fest anblickend, sprach sie: „Die Dampfschiffahrt ist weltbewegend, mittelst eines Theekessels von James Watt entdeckt, geboren 1736, gestorben im Jahre 1810.“
Die Mutter äugte den Gelbhandschuh an, als wenn sie fragen wollte: „Na, mein Junge, was sagst Du zu solchen Kenntnissen?“
Da der Gelbhandschuh jedoch nichts sagte und Pienchen Alles mitgetheilt hatte, was ihr über James Watt kund war, stockte das Gespräch, als wäre es todtgeschlagen.
Herr C. F. A. Büsing kam vorbei. Seine Gesichtsfarbe verrieth den stärkenden Einfluß der Unterdeck-Seeluft. „Frau Lahmann,“ grüßte er vertraulich, „sehr angenehm gewesen. Wir sind gleich in Cuxhaven, da steig’ ich aus. Wenn Sie auf Deck gehen, bleiben Sie mitten auf dem Schiff, da passirt Ihnen so leicht nichts von wegen der Seekrankheit. Glückliche Reise!“
Die Mutter rief den Steward herbei und berichtigte die Zeche. – „Mir wird hier so,“ sagte sie leise, „ich glaube, in der freien Luft giebt es sich.“
Sie standen auf. Der Gelbhandschuh machte höflich Platz. Es kam Pienchen vor, als ruhe sein Blick prüfend auf ihr. Sie fühlte, wie ihr der Nacken brannte, so roth ward sie. Sie wußte selbst nicht, wie sie die Treppe hinauf kam, ihr war, als hätte sie starken Wein getrunken.
Die „Freia“ legte bei Cuxhaven an. Viele Reisende verließen das Schiff. Auf der Landungsbrücke standen Erwartende, welche die Ankommenden begrüßten. Cuxhaven ist Hamburgs Badevorstadt. –
Als es weiter ging, suchten die drei auf dem Oberdeck einen gesundheitlichen Sitzplatz nach Herrn C. F. A. Büsings Anleitung aus. Hier war die Bewegung des Schiffes nicht so merkbar wie unten, in dem nach vorn gelegenen Speisesaal. „Ich habe Müllers von Euch gegrüßt,“ sagte Hille. – „Das war überflüssig.“ – „Ausstreichen kann ich es nicht mehr, die Karte ist im Briefkasten.“
„Ich weiß nicht,“ begann Pienchen, „gesehen habe ich ihn schon einmal; ich bringe nur nicht hin wo?“ – „Wen?“ fragte Hille. – „Dumme Frage, den Herrn, der sich zu uns setzte.“ – „Was geht der uns an?“ – „Unterhaltend ist er nicht,“ sagte die Mutter, „Herr Büsing gefällt mir besser. Seht, Kinder, vor uns ist blos Wasser und Himmel.“ – „Das Meer!“ rief Pienchen und erhob sich. Ja, das war das Meer.
Dunkel blaugrün lag es ausgebreitet, so weit das Auge reichte und die schneeweiß im Sonnenlichte erglänzenden Streifen, die auftauchten und wieder verschwanden, waren schäumende Wellen.
Nun zeigte die Freia ihre ganze Kraft – frei war das Wasser, frei der Weg – sie flog dahin.
Pienchen versuchte einige Schritte z u gehen, ihr war jedoch, als wiche der Boden unter den Füßen. Sie kehrte um und setzte sich.
„Du wirst so geistlich aussehen, Pienchen. Was ist Dir?“
„Oh, Nichts.“
„Wären wir lieber zu Hause geblieben,“ sagte die Mutter weiter, „wenn Du es nicht verträgst. Aber der Arzt meinte, Du müßtest an die See.“ – . . .
„Vielleicht hätte ein Landaufenthalt dasselbe gethan und mein Hutband wäre nicht ruinirt . . . Damals bei Onkel Chlotar bekam es Dir sehr gut.“
„Onkel Chlotar,“ sagte Pienchen, mit einem schwachen Versuche zu lächeln. „Es ist lange her.“
„Du warst kaum sechs Jahr alt. Kannst Du Dich noch auf ihn besinnen?“
„Fast garnicht. Wenn doch nur das Schaukeln aufhörte. Es hebt sich Alles in mir.“
Sie lehnte sich zurück. Auf ihrer Stirn perlte kalter Schweiß, die hellblonden Haare hingen zausig an den Schläfen herunter. Die Wangen waren fahl und die Augen verglast.
Pienchen war nicht die einzige Leidende. In nächster Nachbarschaft brach die Seekrankheit heftig aus und als das erste Beispiel gegeben, folgten andere nach. Die Stewardesse geleitete Wankende in die Damenkajüte hinab, Matrosen brachten Wassereimer und spülten das Deck. Schreckliche aber nützliche Blechpfannen kamen zum Vorschein. Auch Pienchen streckte die Hand nach einer solchen Pfanne aus, just da der Gelbhandschuh vorüberstolzte.
Mit raschem Seitensprung rettete er seinen Anzug aus übler Gefahr. Pienchen aber konnte nicht anders, konnte nicht anders.
Die Seekummer gewohnte Stewardesse trat hinzu. „Fräulein sollten sich unten auf ein Sopha legen,“ rieth sie.
„Mein Kopf,“ stöhnte Pienchen.
Pienchen wurde genommen und mit Hille’s Beistand in die Damenkajüte gebracht. „Ich sterbe,“ hauchte sie, „ich sterbe. Werft mich ins Wasser, ins Wasser.“
Kleine Eisstückchen wirkten lindernd. „Ihr Fräulein Schwester scheint nicht die Stärkste zu sein,“ sagte die Stewardesse. „Sie hat sich zu sehr mit den Büchern angestrengt,“ entgegnete Hille, „die ganzen Nächte saß sie und lernte.“ – „Bleiben Sie bei ihr, Fräulein. Es ist kein Wind, in einigen Stunden wird die See ruhiger und die Krankheit legt sich, der erste Schock ist der schlimmste; bei solchem Wetter erholen die Meisten sich bald. Halten sie sich nur tapfer, der feste Wille nützt mehr, als Medizin.“. Die ruhige Frau entschwand, anderen Leidenden Linderung zu bringen.
„Nun kann ich hier Wärterin spielen,“ maulte Hille, „eigentlich wäre das Mamas Sache.“ – Frau Lahmann war jedoch nicht im Stande, dieser Verpflichtung nachzukommen; eigene Hinfälligkeit entschuldigte sie genugsam.
Viele Krankheiten sind in der Welt, die barbarischste aber ist die Seekrankheit. Nicht daß sie gefährlich wäre, o nein, sie kommt und geht mit den Wellen und hinterläßt keine Nachwehen, aber sie ist entmenschend, weil sie, anstatt Mitleid zu erregen, die Spottlust der Verschontbleibenden reizt. Die Natur, weiser als der Mensch und minder hartherzig, hat jedoch dieser Krankheit in der grenzenlosen Gleichgiltigkeit gegen die Umgebung einen Schutz verliehen, der den körperlich Darniederliegenden vor Zerknirschung über seine Mißachtung gesellschaftlicher Haltung bewahrt. Und wer von denen, die jetzt lachend sich obenauf fühlen, weiß, ob nicht in der nächsten Stunde eine frische Brise daherweht, die den Übermuth in Verzagtheit wandelt, den Dünkel in Hilflosigkeit. Sturm und Unwetter aber macht Alle, bis auf wenige Ausnahmen, gleich. Schiffahrt ist ein Bildniß der Lebensfahrt. Wehe dem Schiffe, dessen Steuer zerschellte, wehe dem Volke, das sicherer Führung entbehrt. Eine Richtung weist die Kompaßnadel; unbeirrt bei Tag und Nacht, bei günstigem Winde, im wilden Orkan, führt sie zum Hafen. So führt nur Eins aus Volksnoth und Gefahr: die unbeirrte Liebe zum Vaterlande. Und wer da vermeint, das fremde Lande sei ein Paradies, der gehe dorthin, um zu erkennen, daß es kein besseres ist, als das eigene.
Am Rande des Horizontes ward jetzt ein Etwas sichtbar, das einem mißgeformten Schiffe ohne Maste und Takelage glich. Es hob sich mälig und wuchs empor. Helgoland war es, das Felseneiland. Wie es dem nahenden Auge größer ward, färbte es sich nach und nach im Sonnenlichte und schien backsteinroth daher. Früher, als noch die alten Götter regierten, war die Insel umfangreich und des Lichtgottes Baldur und der lieblichen Nanna Sohn, Forseti, wohnte dort in dem Palaste, dessen goldene Säulen ein mit silbernen Schindeln gedecktes Dach trugen. Jeden Zwist schlichtete Forseti, seine Gerechtigkeit wußte die bittersten Feinde zu versöhnen. Unverletzlich waren selbst die Thiere, welche in der Nähe des Tempels weilten und aus dem heiligen Brunnen tranken. Damals gab es keine Lästerallee, keine zur Gasse aufgestellten Badegäste, die von der Seekrankheit Zerzausten unter Blicken und Bemerkungen Spießruthen laufen zu lassen. Eine wohldenkende Obrigkeit hat zwar die Lästerallee untersagt, aber gelästert wird dennoch und wer recht bleich und elend ans Land wankt, nennen sie „Leiche auf Urlaub“. – Vor Helgoland warf die „Freia“ Anker aus. Boote ruderten herbei und Menschen und Gepäck wurden in die schwankenden Barken hinabbefördert. Sauber und farbig wie aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut grüßten Unterland und Oberland herüber. – Der größte Theil der Reisenden war am Ziel.
Die Unterbrechung der Fahrt gab den Heimgesuchten auf dem Schiffe Kräftigung. Mutter Lahmann schüttelte den Rest des Unwohlseins ab und ging zu Pienchen, die sich ebenfalls erholte. Die See war ruhiger geworden und das Ärgste überstanden. „Ich glaubte, es sei mit mir vorbei,“ sagte Pienchen, „es wäre mir auch recht gewesen. Nur ein Gedanke war mir unerträglich, Anna Kuntze nämlich. Die schwärmt sehr für Begräbnisse und folgt überall, wo sie irgend ankommen kann. Aber weil sie doch etwas kurz tritt, sieht es immer aus, als wenn sie hinter dem Sarge Kreuzpolka übte. Ich will sie nicht hinter mir haben. O Mama, siehst Du verweht aus!“
„Mit Dir ist auch kein Staat zu machen. Wie kann man in diesem Muff aushalten? Willst Du mit hinauf in die frische Luft? Es ist schön Platz, die hälften Passagiere sind ausgestiegen.“
„Der Baron auch?“
„Welcher Baron? Ach, den meinst Du. Nein, der sitzt und bewundert seine Lackstiefel.“
„Geh nur allein, Mama, ich bin hier ja ganz gut aufgehoben.“
Als die Mutter gegangen, weinte Pienchen bittere Thränen in ihr Tüchlein. Sie fühlte sich verlassen, unbeachtet und übersehen. Niemand kümmerte sich um sie, selbst die Mutter nur so viel als eben nothwendig; Hille vergabte ihre Zuneigung von jeher sparsam. Die Andern hatten mit sich selbst zu thun und der Einzige, ach, dessen Erscheinung sie geblendet, und verwirrt, in dessen Nähe ihr Herz gebebt, als stände es zwischen Leben und Tod . . . o, wenn er ihrer doch nie gedächte, niemals im Leben.
Die Mutter hatte von Glück geredet wie von abgefallenen Äpfeln. In Berlin fanden sie es bis jetzt nicht, aber draußen war es, einige Meilen von Berlin, irgendwo, sie brauchten nur hinzureisen, um es aufzusammeln. Das heißt, wenn es ihnen genügte. Es mußte wirkliches Glück sein, so etwas zum Großthun, neiderweckend, glanzvoll. Fuhr das Schiff solchem Glücke entgegen? Pienchen begann zu zweifeln.
Auf der ruhig gewordenen See das leichte Wiegen war sänftigend. „Wie es auch kommen mag,“ dachte Pienchen, „zu Hause bleib ich nicht länger.“ Sie empfand die Vergangenheit wie etwas Schmerzhaftes. Als der Vater noch lebte, war das Hausleben auch nicht freundlich gewesen. Das Geschäft hielt ihn vielfach fern. Brachte er Sorgen heim, hallten sie im Familienzimmer wieder; stimmte lohnender Erfolg ihn heiter, erstickte häuslicher Verdruß gar bald seine gute Laune; kein Vorfall der Zwischenzeit blieb ihm erspart, er mußte nachessen, was während seiner Abwesenheit eingebrockt worden war. Von einer Reise einstmals kehrte er nicht zurück. Verlusten vorzubeugen, war er trotz zunehmender Unpäßlichkeit gegangen, weit fort. Statt seiner kam Abends spät eine Depesche, die amtliche Todesanzeige. Am nächsten Morgen erfuhren die Schwestern, daß sie den Vater verloren, aber sie faßten nicht , was das bedeute, da sie ihn nicht vermißten. Für sie war er auf einer Geschäftsreise, wie so oft; sie warteten, bis er wieder einträte und rief: „Da bin ich!“ Über dem Warten verblaßte das Bild des Vaters allmälig, im Laufe der Jahre erlosch es. In die veränderten Lebensverhältnisse fügten sie sich mit Kindersinn; das Neue und Ungewohnte, die schwarzen Kleider, der Verkauf des Überflüssiggewordenen, der Umzug, das Alles kurzweilte sie. Als aber Pienchen der Kindheit entwuchs, als sie vor sich das Leben erschaute, da schreckte sie auf, und Bangen vor der Zukunft beschlich sie. Mit rastlosem Eifer ergab sie sich dem Lernen, Selbständigkeit zu gewinnen. Ihre Kraft überschätzend, hoffte sie, ihren Weg machen zu können; die Sorge war aber mächtiger als ihre Widerstandskraft. Die Nerven hätten gelitten, so sagte der Arzt, die müßten vorerst in Ordnung gebracht werden. Nie hatte Pienchen sich elender gefühlt als auf dieser wohlthätig und stärkend gerühmten Seefahrt.
„Alles ist Täuschung, Alles,“ sagte sie bitter, „ nur bei Onkel Chlotar war es gut.“
Sie schloß die Augen. Es ward schattig um sie her, die Gedanken verloren sich in dem Schatten und hörten auf, sie zu plagen. Durch das Grau brach es dann hell hervor, wie blauer Himmel. Kiesbestreute Wege, von Blumenbeeten eingefaßt, traten hervor, ein Haus auch, ein altmodisches Giebelhaus und hohes Baumwerk. Sie sah sich selbst dort auf den Wegen, an der Hand eines freundlichen Mannes, mit einem bunt gestickten Sammetkäppchen auf dem leicht ergrauten Haupte. Das war Onkel Chlotar. Er ging mit ihr zu den Himbeeren. Während sie dahinschritten, zeigte es ihr die Blumen auf den Beeten, seine Lieblinge. Er nannte ihr die Namen und sagte, welcher Pflege sie bedürften, jede nach ihrer Art. Er selbst zog am frühen Morgen das Unkraut aus und begoß die Gedeihenden mit eigener Hand. Ebenso akkurat wie in dem Garten war es in Hause. Auf dem Flur geradeaus war der Kramladen; die Messingstandwaage glänzte auf dem weiß gescheuerten Ladentische und Jegliches war entweder sauber geputzt oder mit lichtbrauner Ölfarbe gestrichen. Leute kamen und kauften. Am liebsten verhandelten sie mit Onkel Chlotar, sie fragten nach ihm, wenn Fritz, der Ladendiener, allein da war. Der durfte Pienchen Rosinen geben und Mandeln. Onkel Chlotar hatte es erlaubt.
Es war so gut dort und Pienchen war bei ihm. Aus dem Borne der Erinnerung stieg eine Welt auf, klar und silbern, die Welt der Träume.
Um die Zeit, welche Pienchen liebliche Traumbilder sandte, war das märkische Kirchdorf, wo Chlotar lebte, noch nicht von dem Strome des Werdens berührt, der sich über Deutschland ergoß; wie Alles gewesen, so blieb es. Chlotar, der ältere Bruder, übernahm das väterliche Grundstück mit dem Hause, dem Garten, den Äckern und dem einträglichen Kramgeschäft. Der jüngere Bruder strebte hinaus, ihm ward die Heimath zu eng. Chlotar blieb, ihn hielt die alternde Mutter, der er kindlich zugethan, willig in allen Wünschen folgte. Er war ein großes Kind, trotz seiner Jahre, und dachte dennoch alt mit der Mutter, die der Vergangenheit mehr lebte, als der Gegenwart. Die Zeit zum Heirathen versäumte er, und als die Mutter starb und begraben wurde, war ihm, als trügen sie sein Herz hinaus und die Kraft zum Lieben.
Bisher war er der Einzige im Ort gewesen, der Handel trieb. Eines Tages aber siedelte sich ein Konkurrent an, ein junger Mann, groß geworden in den Anschauungen und Griffen der Neuzeit. Der heirathete in eine der verzweigtesten Bauernfamilien hinein, damit er Anhang gewänne, und wußte die Kunden in heranziehender Weise zu nehmen. Die Kinder gingen zu ihm, weil er ihnen Naschbares schenkte, den Weibern gewährte er Kredit, den Männern setzte er ein Glas Branntwein vor, wenn sie einkauften. Auch die Nachbardörfer besuchte er, spielte den Geselligen und Gefälligen, und wußte leichtlich die Befangenen sich zu verpflichten.
So gelang es ihm, zahlreiche Kundschaft gar bald zu ergattern, während Chlotars Geschäft mehr und mehr zurückging. Er vergeudete seine Zeit nicht mit der Pflege duftenden Goldlacks und froh zierender Blumen, ihm war der Sang der Amsel gleichgiltig, er kannte weder Sonntag noch Festtag, – nur eins – den Groschen.
Als Chlotar einsah, daß er dem Gegenbetriebe unterliegen werde, verkaufte er sein Anwesen mit dem Bedinge, in dem väterlichen Hause wohnen zu bleiben bis an sein Ende. Schon längst war er bei der Schwägerin in Ungnade gefallen, seitdem sie erfahren, daß es rückwärts mit ihm ginge und er nicht mehr der Erb-Goldonkel sei. Wie sich der Nachlaß geringfügiger herausstellte, als sie erwartete, schmähte sie sein Andenken heftig.
Nun ruht er unter derselben Trauer-Esche neben der alten Frau, er, der nie weltklug ward, weil er in jeder aufbrechenden Knospe ein Wunder sah, dem Werktage Sonntagsstunden abgewann, die Blumen liebte und die Vögel und seine Mutter über Alles. –
Die Freya ankerte auf der Reede vor Wyk. Wer allhier zu bleiben gedachte, ließ sich ans Land setzen. Die Syltreisenden aber stiegen auf einen kleinen Dampfer über, der sich unmittelbar an das große Schiff legte, denn jetzt begann die Fahrt durch das Wattenmeer, das für tiefgehende Fahrzeuge zu flach ist.
In den zwischen Sandbänken, Austernbänken, Inselchen und Inseln sich durchwindenden Wasserfurchen hängt der Schiffer nicht nur vom Wetter ab, sondern auch von Fluth und Ebbe des Meeres, die ist es, welche ihm Abreise und Fahrt vorschreibt. In den zur Ebbezeit wasserarmen Rinnen fährt er leicht auf und muß warten, bis die nächste Fluth ihn wieder löst. Deshalb geht es nur langsam auf gefährdeten Strecken. Die Matrosen messen mit einer langen eingetheilten Stange vorn am Bug die Wassertiefen aus, und rufen dem Kapitän laut zu, wie viel Fuß hoch das Wasser steht. Je niedriger der Wasserstand, desto behutsamer wird der Gang des Schiffes. Die Reisenden schmälen und brummen und wollen vorwärts, denn sie sehen Sylt vor sich, wie ein im Kleinen nachgebildetes Alpengebirge, dessen weiße Schneegipfel aus dem blauen Meere tauchen, aber wie tobig würden sie werden, wenn das Schiff plötzlich aufsäße und, stundenlang vom Sande festgehalten, der befreienden Flut warten müßte? Wer reisen will, thut weise, das Kräutlein Geduld mit zu nehmen, denn erstens macht der übereifrig Drängende Andere murrsinnig und erntet Mißmuth, und zweitens hat Schimpfen und Schelten im Eisenbahnwagen je weder den Fahrplan plötzlich verändert, noch den Dampfdruck im Lokomotivkessel auch nur um ein tausendstel Gramm auf den Geviertzentimeter erhöht. Geduld ist auf Reisen eben so viel werth, wie ein Gummikissen . . .wenn nicht mehr.
Mutter Lahmann schlug sich auf die Seite der unzufriedenen Besserwisser. Warum fuhr man nicht geradezu, anstatt unglaubliche Krümmungen zu machen, warum heizte man nicht schärfer; warum war das Schiff nicht größer; warum wählte man keinen anderen Wag, als gerade diesen? Würde man überhaupt ankommen? – „Loddrige Zucht!“ gnetterte die Lahmann. Sie wußte es am allergenauesten, denn sie schwamm zum ersten Male auf Salzwasser. Wiederholt stieß das Schiff leicht auf den Grund, der Ruck war fühlbar und das knirschende Scheuern auf dem Sande deutlich hörbar. „Wir werden uns beschweren,“ rief ein Bürschchen, das wegen zu rascher Erziehung zum großen Herrn wie Bleichsellerie aussah. Der Kapitän redete kein Wort. Sein graublaues Auge war fest vorwärts gerichtet, er kannte das Fahrwasser, sein Schiff und seine Pflicht.
Pienchen freute sich der einbrechenden Dämmerung, sie wünschte zwischen sich und dem Gelbhandschuh dunkle schwarze Nacht. Wie ein Falter im Sonnenschein war er durch ihr Sehfeld gegaukelt, nun hatte er sich wieder in eine Raupe verwandelt, und zwar mit Hülfe eines dachmoosfarbigen Regenmantels. Weit ab von ihm barg Pienchen sich in einer Ecke, die Leidenszüge des Antlitzes von dichtem Schleier verhüllt. „Onkel Chlotar war gut“ mußte sie immer denken.
Der Leuchtturm von Kampen auf Sylt begann sein Licht auszustrahlen. Langsam nahm es zu, glühte in vollem Glanze wie ein großer Stern, dann glomm es ab, als ginge es aus. Nach einer Weile fachte es sich aus Neue an, erreichte höchste Kraft und erstarb allmälig wieder. So warnte es in das Meer hinaus.
Der elektrische Scheinwerfer des Schiffes erhellte die Wasserstraße zwischen den Untiefen. Die Reisenden waren schweigsam geworden, eingemummelt in Decken und Tücher ersehnten sie die Landung. Mit halber Geschwindigkeit folgte das Schiff dem Mondscheinlichte, das es vor sich hersandte. Nun machte es eine Biegung, und der Gang der Maschine beschleunigte sich, das tiefere Wasser war erreicht. Nach einer Weile, fügsam den Schiffsleuten gehorchend, schmiegte es sich an die Brücke von Munkmarsch. Dort wartete der Zug der Dampfspurbahn, der Reisende und Gepäck in einer knappen Viertelstunde nach Westerland brachte.
Da die Wohnung rechtzeitig bei der Badekanzlei bestellt worden war, konnte die Familie Lahmann unmittelbar nach ihrer Ankunft einziehen. Herr Eschels nahm seine neuen Hausgenossen selbst in Empfang und geleitete sie in die freundliche Wohnung. –
„So,“ sagte die Mutter, „das wäre überstanden. Aber Eins sage ich Euch, wenn ich all’ die Drangsalirung umsonst gehabt haben soll, dann erlebt Ihr Verschiedenes.“
„Mama“, entgegnete Pienchen mit ungewohnter Festigkeit und Ruhe, „ich weiß, was Du meinst. In mir irrst Du Dich aber.“
„In mir auch!“ fügte Hille mit Überzeugung hinzu.
Mutter Lahmann machte große, runde Augen und stemmte die Arme in die Seite. „Was hat das zu bedeuten? Gestern strittet Ihr Euch noch um die Generale und heute thut Ihr als wenn Ihr ins Kloster wolltet? Seid Ihr denn so dumm, daß Ihr Euch immer und jedes Mal in die verkehrte Pferdebahn setzen müßt? Aber wartet nur, Euch kommen die Würmer früh genug ins Gewissen.“
„Ich nehme nicht den ersten Besten,“ sagte Hille.
„Ich hasse die Männer,“ sagte Pienchen.
„Daß ich nicht lache,“ stieß die Alte höhnisch hervor. „Ihr seid wohl Prinzessinnen mit’n Loos zur Schloßfreiheitslotterie? Sehr doch an. Wo habt Ihr denn Eure Rittergüter zu liegen? Auf der Tegler Chaussee wehen sie herum, da ist der schönste Sand.“
„Mama,“ ergriff Hille das Wort, „nach jeder Landparthie bist Du ungemüthlich und nun nach der Seeparthie erst recht. Wollen wir nicht lieber in die Baba gehen?“
„Ich ungemüthlich? Denk nicht dran. Aber Ihr seid Rabenkinder, Euretwegen kann ich betteln gehen, Euch rührt das nicht. Woher ist denn das Geld für diese Reise? Aufnehmen hab’ ich es müssen. Was noch nachbleibt, davon können wir nicht weiter leben, also müßt Ihr darauf zustreben, daß Ihr versorgt werdet. Kinder, Kinder, verrechne ich mich in Euch, geht es uns miteinander schlecht.“
Der Ausdruck wahrhaftiger Ängstlichkeit, mit dem sie die Töchter forschend anblickte, erschreckte so Hille wie Pienchen.
„Mama!“ riefen beide.
„Nun wißt Ihr, wie’s steht. Thut, was Ihr nicht lassen könnt, Ihr war’t ja von jeher unvernünftig!“
Die Mutter hatte sich leer geredet, die Töchter fanden keine Worte nach der Eröffnung über die Lage der Dinge; es ward unheimlich still in dem Gemache, so still, als sei der Tod hindurch geschritten.
Der Nachtwind trug den Schall der Brandung her, das Rollen der Wogen, kraftvolles Rauschen.
Genesung sollte die See bringen.
Konnte sie auch den Gram hinwegrauschen, der zwei jungen Herzen das Leben bitter machte wie Galle?
Fünftes Kapitel.
Südwestwind, klarer Himmel mit langsam ziehenden Wolkenballen, dunkle, wogende See, darauf Lichtfäden wie goldenes Netzwerk flotten. In der Brandung richtet das Wasser sich auf, smaragdgrün vom Sonnenschein durchleuchtet. Der Welle trat kräuselt sich, und in mächtigem Sturze zerdonnert das ungestüme Gebilde hallend und schäumend am Strande. Die Kraft des Meeres tobt sich aus im Wellenspiel, zerstäubte Salzfluth, vom reinen Hauche der See getragen, breitet sich vor den Dünen aus und nebelt selbst das Nahe in bläulichen Fernduft ein. Athmenden Menschen ist die salzfeuchte Luft Heilgeberin, nur Brillensichtigen macht sie Beschwer, deren Sehgläser sie alsbald mit einer trübenden Krystallschicht überzieht. Das aber läßt sich ertragen.
Die kleine blaugestreifte Flagge der Doktorengrube flatterte im Winde, ein Merkmal, daß Jemand darin war. Wer zuerst kam, hatte die Verpflichtung, sie zu hissen, den Übrigen zum Zeichen.
Dr. Haller war der längste in der Doktorengrube und hieß deshalb das Kind. Obgleich noch jung an Jahren, ward er gesucht. Seine Kranken sagten, es ginge Ruhe von ihm aus, wenn er an ihr Bett träte; sie fühlten, wie das Mitleid in ihm sänne, zu helfen und zu heilen.
Dr. Addison, der Kürzeste, ward Schnellbeinchen genannt, weil er auf Treppen beängstigende Geschwindigkeit zu entwickeln verstand. Er hatte sich das in der Armenpraxis angewöhnt, bei der die Ärzte das Klettern lernen, sei es unter den Dachboden oder in höhere Ämter. Nebenbei spielte er vortrefflich Klavier. Die Beiden waren gut befreundet, konnten aber nicht leben, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit auseinander geriethen. Einen der beliebtesten Streitgegenstände bildete die Musik. Das Kind war notenfremd, hörte aber gern zu, wenn Töne erzeugt wurden. Dagegen liebte es nicht das Reden über Musik, und wollte sich nie Mühe geben, die neuen Weisen zu ergründen, in denen mehr Philosophie als Melodie verborgen sein soll. Schnellbeinchen versuchte oft, ihn zu überzeugen, aber dann ward er eigensinnig.
Der dritte Doktorengrubenmitbewohner war der Maler Carl Himeyer, mittellang und mitteldick, Anhänger jener Richtung, deren Jünger die Bilder der alten Meister zwar hochschätzen, sie aber am liebsten so hoch hängen möchten, daß ihre eigenen Werke an die besten Plätze kämen. Er hielt wenig von Historienbildern, die er für falsch erachtete, da Natur das Wenigste daran sei. Ihm galt die Natur als Meisterin in allen Dingen der Malerei. Sie nannten ihn Carlo Dolce.
Dr. Sattler – den körperlichen Verhältnissen nach zwischen dem Maler und Schnellbeinchen einzureihen – hatte sich selbst als Umsattler vorgestellt, weil er sein Fortkommen bei verschiedenen Wissenschaften versucht, das Reitthier aber gewechselt hatte, sobald er eingesehen, daß er es nicht bändigen würde. Der Vergleich der Wissenschaften mit Reitthieren läßt an Ehrerbietung viel zu wünschen, aber bei genauer Betrachtung ergiebt sich, daß gar Viele die einmal erwählte Wissenschaft als ihren Brot-Esel behandeln, der sie selbst und den Mehlsack schleppt, daß Manche sie als Renner zum Vorwärtsstreben gebrauchen. Und nicht Wenige, die zu spät begriffen, daß ihre Wahl eine Täuschung war, können nicht wieder herunter; des Lebens Noth schnallte das mürbe Zaumzeug. Ihre Sehnsucht erschaut lachende Gefilde, aber das Thier trottet auf wüsten Steinacker, wo die Disteln des verfehlten Berufes wachsen. Das ist denn ein trauriger Ritt.
Dr. Sattler war von Haus aus so gestellt, daß er des Unterhaltes wegen der Wissenschaft nicht bedurfte, und seine Achtung vor Wissen und Erkennen war so groß, daß sein Ehrgeiz nicht wagte, eine Trittleiter zum Ruhm daraus zu zimmern. Sein Vermögen bewahrte ihn vor der Herzfolter, die Widerspruch der Überzeugung mit Amt und Stellung wahrhaft Empfindenden anthut: er hatte nicht nöthig zu amten und zu dienen. Aber da die treibende Nothwendigkeit, das harte Muß, keinen Zwang auf ihn ausübte, kam er auch nicht dazu, einmal zu sagen: „Heute Ehre eingelegt oder nie!“ Lieber sattelte er um und tröstete sich mit Seneca: Besser, es fehle am Erfolge als an treuem Wollen.
Dr. Sattler war der Letztgekommene. Eben hatte er sich’s in der Grube behaglich gemacht.
„Ich sah Sie vorhin mit dem Indier im Gespräch, was ist das für ein Mann?“ fragte Dr. Haller.
„Mir gefällt er,“ antwortete Dr. Sattler.
„Ist es wahr, daß ihm die Tropensonne Schaden gethan hat? Ich meine, an seinem Denkvermögen?“
„Allerdings wird leicht für einen Narren gehalten, wer die allgemeine Narrheit nicht mitmacht. Er läßt sich nicht bewegen, über seine Vergangenheit zu sprechen, obwohl er gewiß viel Merkwürdiges von seinem Aufenthalt an den Ufern des Ganges berichten könnte. An den Vergnügungen des Badelebens nimmt er nie Theil, er gebraucht die Kur und studirt Sanskrit. Wenigstens traf ich ihn kürzlich in den Dünen in ein indisches Manuskript vertieft. Er zeigte mir es willig, als ich ihn darum bat. Als ich fragte, wovon es handele, antwortete er: „Vom Erwachen“ und fügte wie erklärend hinzu, „aus dem Träume des Lebens.“
„Also doch!“ sagte Dr. Addison.
„Was?“
„Verbrannt,“ erwiderte Schnellbeinchen und deutete mit dem Finger gegen die Stirn.
„Aus welchen Grunde?“ fragte das Kind.
„Weil ein vernünftiger Mensch sich nicht mit Dingen beschäftigt, die statt ins Helle der Aufklärung ins düstere Gebiet des Unbegreiflichen führen, das dicht neben der Gummizelle für Unheilbare liegt. Es ist bedauerlich, daß in unserem Zeitalter, in der Blüthe der Naturwissenschaften der Mystizismus anfängt epidemisch zu werden.“
„Das Volk macht es wie ich und sattelt um,“ sagte Dr. Sattler lächelnd. „Mich bedünkt, als sei es mit Kraft und Stoff und Affenabstammung überfüttert, und begehre statt der künstlichen Ernährung des kalten Verstandes Labe für das empfindende Gemüth, das schmachtete, da ihm von allen Seiten das Nichts geboten wurde. An die Brunnen, aus denen es sonst schöpfte, ward von Wissenschaft wegen angeschlagen ‚kein Trinkwasser’ und nun neigt es sich, wo eine Quelle rieselt, einerlei, ob das Wasser klar oder trübe. Mit anderen Worten: ihm wird vor seiner Thierähnlichkeit bange und es sucht Rettung vor sich selbst und flieht vom Wissen in Ungewisse. – Was übrigens den Indier anbetrifft – das heißt, er ist am Rhein geboren und ebenso wenig indisch wie Sie und ich – so möchte ich annehmen, daß er ein eigenartiges inneres Leben führt auf Grund seiner morgenländischen Studien oder Erfahrungen, wie Sie wollen, und keine Mühe würde ich mich verdrießen lassen, einen Einblick zu gewinnen. Aber er hütet es, wie der Kunstfreund eine Seltenheit vor dem Anfassen bewahrt.“
„Was verstehen Sie unter Volk?“ fragte das Kind.
„Die Durchschnittsmenschen.“
„Auf welche Weise stellen Sie diese fest?“
„Aber liebster Haller,“ rief Schnellbeinchen, „nicht bohren! Der Morgen ist so schön. . .“
„Wir sprechen heut Nachmittag weiter,“ sagte Dr. Haller. „Es liegt mir fern, zu stören.“
Die vier Grubenleute betteten sich in den Sand, jeder in seiner Abtheilung. Hinreichende Plaids dienten zur mumienartigen Umwicklung des Gestelles, den Kopf schützten billige Schirme gegen die brennende Sonne. Von Ferne sah es aus, als wenn vier große Pilze aus dem Sande hervorwüchsen, von denen man nicht wußte, ob sie vom Lichte gebleicht waren oder gebleicht werden sollten. Was unter den graugelben Runddächern geschah, das blieb den Vorüberwandelnden verborgen. Der Unbeweglichkeit des sichtbaren Körpers nach zu schließen, ergaben die Herren sich den tiefsinnigsten Betrachtungen, wie einst Archimedes. So ziemt es Doktoren.
Ob es dagegen Doktoren ansteht, sich gegenseitig und ihren Nebenmenschen Spitznamen beizulegen, als drückten sie noch die Schulbank, das ist eine andere Frage. Allerdings kommt wohl Keiner aus studentischen Kreisen in das Philisterland, dem nicht neben dem bürgerlichen Rufnamen ein Neckname angehängt worden wäre, auf den er ach so gerne hört, wenn er nach langen Jahren wieder an sein Ohr klingt. Denn der Name, so wüst, einfältig, unbegreiflich er auch an und für sich sein mag . . . einmal paßte er doch: damals zur hoffnungsfrohen Maienzeit und bis ins späte Alter hinein ist er das Wort zu dem Stell-Schlüssel, der den Heiligenschrein öffnet, darin, wenn auch bestaubt und bespinnwebt, goldgewandet und edelsteingeschmückt das Bild der Jugend steht.
Ob aber Doktoren nicht allemal gut thäten, jegliches Studentische abzustreifen und sich der ordentlichsten Ordentlichkeit zu befleißigen, das mögen sie mit Hinsicht auf ihr Fortkommen in Erwägung ziehen. Man beanstandet Abweichung vom Üblichen. Entschuldigen läßt sich das vom Standpunkt der Allgemeinbildung allerdings unverzeihliche Nachtaufen durch den Umstand, daß die Römer sich nicht scheuten, große Männer, selbst Kaiser und Könige, nach äußeren Zufälligkeiten zu benennen, wie Calligula, das Stiefelchen, Claudius, der Hinkepot, Varus, der Krummschenkel, Crassus, der Dicke, und der Weg ins Gelehrtenthum immer noch über Alt-Rom führt. Und dann liegt es zweitens in der menschlichen Natur, Namen nach eigener Erfindung zu geben. So macht es das Kind und ihm gleich das Volk, und so that Vater Adam, als auch er noch Kind war. Die Doktoren fühlten sich auf Sylt wie Ferien-Kinder, frei von der Arbeitslast, frei vom Zwange. Belebt von Sonne und See wühlten sie im Sande und waren unartig. Denn Nebenmenschen Necknamen anzuheften ist unartig.
Freilich ist zu bedenken, daß mancher Taufname gar bös paßt. Da heißt Eine Agathe, die Gute, und müßte eigentlich Xanthippe heißen, Friederike, die Friedreiche, hat sich zum Plageweib ausgewachsen, Clara, die Reine, ist eine Schlampe und Hulda eine Unholdin; wer Ernst heißt, hieße oft besser Hansnarr, Augustus der Erhabene richtiger Aujust und mancher Theodor weniger Gottesgabe als Teufelsbraten. –
„Da liegen sie und drusseln,“ sagt Kapitän Lotz zum Kollaborator Brömmer. Beide kamen vom Herrenbade nach den Strandhallen wandelnd, an der Doktorengrube vorbei. „Es sind nette Menschen. Ich unterhalte mich gern mit ihnen, wenn sie wach sind.“
„Sie haben sich gegen mich recht freundlich erwiesen,“ entgegnete Herr Brömmer, „und mir gestattet, an ihren Kolloquien theil zu nehmen. Leider vermag ich ihnen nicht auf alle Gebiete zu folgen . . .“
„Oha!“ Sie sind doch auch ein Gelehrter!“
„Philologe. Von der Medizin und den Naturwissenschaften verstehe ich nichts, und darin sind jene Harren vorzugsweise bewandert.“
„Aber der Maler ist doch blos ein Mensch. Mit dem klöhnt es sich sehr gemüthlich.“
„Die Kunst ist nicht mein Feld, obgleich der Konrektor in ihr zu Hause war und gelegentlich der griechischen Stunden die Erhabenheit der Plastik eines Phidias und Anderer rühmend pries. Dabei holte er aber den Schnupftabak aus der Westentasche, im Widerspruche mit der Formenschönheit, von der er redete. Auch sahen wir wenig von der Kunst der Alten, mit Ausnahme einiger verstaubter Gipsbüsten, die in der Aula auf einem Schranke standen. Soviel darüber, daß sowohl mir, wie meinen Mitschülern die Kunst nicht zu völligem Verständnisse aufging.“
Der Kapitän und Herr Brömmer waren Tischnachbarn an der Wirthshaustafel. Jetzt frühstückten sie selbander in Hamelau’s Strandhalle.
„Pflegen Sie sich nur tüchtig, Sie können es gebrauchen,“ sagte Herr Lotz.
Herr Brömmer erröthete.
Der Kapitän hatte nicht unrecht. Lohnender mochte es sein, einen verhungerten Haifisch zu mästen, als Herrn Brömmer rund zu füttern. Er war mager, zu mager. Man nannte ihn fast allgemein das Skelett. Wenn er in der Dämmerung die Strandtreppe hinaufging und das Licht der Laternen auf sein Angesicht fiel, graulte er die ihm Begegnenden jedesmal, besonders wenn er freundlich lächelnd den Hut zog. Das weiße Gebiß, die großen Augen und die hell beleuchteten Backenknochen, die bleiche Stirn sahen dann gar zu schädelhaft aus. Beim Baden hatte einmal Jemand gesagt, man solle ihn nach Afrika schicken, den ginge kein Menschenfresser an. Ein Anderer hatte gemeint, er würde als Skelettmensch bei Barnum ein Vermögen erwerben. Von daher stammte der Beiname. Einige nannten ihn, der wasserblauen Augen und der straff herabhängenden Haare wegen, auch den ertrunkenen Matrosen. Das Skelett behielt jedoch die Oberhand. Die Doktorengrube war bei dieser Umtaufe unbetheiligt, denn das Skelett ging bereits vor Gründung der Grube auf Sylt um.
„Sie haben doch so’n guten Appetit, aber die Kur schlägt bei Ihnen auch nicht ein Bischen an,“ sagte der Kapitän.
Herr Brömmer wurde wiederum roth.
„Liegt es an einem organischen Fehler? Es giebt manche, die werden nie satt.“
„Es liegt an den Nerven.“
„Ach Du lieber Gott, das kenn’ ich. Nerven sind ja meiner Frau ihr ganzes Leiden. Sehen Sie, es giebt zweierlei Nerven, nämlich innerliche und äußerliche. Sind sie innerlich, dann können sie garnichts vertragen, nicht’n Schluck Kaltes, oder Warmes, oder kein Schweinefleisch, oder kein Saures, mit einem Wort gesagt, der Magen ist so zu sagen in’n . . . in Unordnung. Sind die Nerven hingegen äußerlich, dann haben sie bei der geringsten Kleinigkeit was weg, en Loch in’n Strumpf, nicht größer, wie en Schwefelsticken dick, und sie haben eine Erkältung auf Leben und Tod. Meine Frau geht den ganzen Tag nicht aus dem Hause, weil ihre Nerven sonst Zug kriegen. Innerlich ist sie Gott sei Dank kerngesund, sie ißt und trinkt und thut . . . bloß der leiseste Windhauch und sie ist geliefert. Das kommt daher, weil sie sich nicht herauswagt, wegen der Verbrechen in den Zeitungen, die haben sie so bange gemacht, daß sie meint, sie thun ihr was, wenn sie eben vor die Thür geht. Nun haben die Ärzte sie hier nach Sylt in den Seewind geschickt, das hält sie ja garnicht aus.“
„Vielleicht, wenn sie sich daran gewöhnt . . . „
Kapitän Lotz blickte Herrn Brömmer durchbohrend an. Sein altes gutes rundliches Gesicht bekam etwas Medusenhaftes. „Herr,“ rief er, „Sie wollen eine Frau gewöhnen!? Eine Frau mit Nerven dazu? Sie sind wohl Ihr Lebtage nicht verheirathet gewesen?“
„Allerdings nein . . .“
„Na, dann rath ich Ihnen bloß, daß Sie so bald als möglich Anstalten machen. Mit Watte hat meine Frau alle Fenster- und Thürritzen kalfatert; sehen Sie, auf diese Weise gewöhnt sie sich an Seeluft! Sie sollten sich wirklich eine Frau nehmen, aber dies scheint mir ein Gebiet, wo Sie gar kein Bescheid auf wissen.“
„Oh doch; das heißt . . . .es ist eben sehr schwer, die rechte Wahl zu treffen. Und wenn man gewählt hat, ist die Zustimmung der Gegenpartei immer noch fraglich. Wenigstens habe ich die Erfahrung gemacht. Die Frauen sind unbegreiflich; einem Alkibiades liefen sie nach und dieser war von abschreckendem Leichtsinn.“
„Wenn Einer flott ist, das mögen sie.“
„Wie aber könnte ich Jenem in Verderbtheit nachstreben? Dies wäre mit meiner Stellung unvereinbar. Er lag Schwelgereien ob, ohrfeigte ehrenwerthe Bürger und schnitt seinem Hunde den Schwanz ab. Soviel von Alkibiades.“
„Das wird wohl ein Pinscher gewesen sein, die nehmen sich besser als Stumpfsteerte aus. Übrigens kreuzen hier junge Damen genug umher; wenn Sie es richtig anfangen, kann es Ihnen garnicht fehlen. Da sind erst welche wieder frisch zugekommen: eine Mutter mit zwei Töchtern, gut in Zeug, und wie ich taxire, auch vermöglich. Da sollten Sie sich heranmachen.“
„Aber wie werde ich bekannt mit ihnen? Ovid schreibt vor, sich im Zirkus so nahe wie möglich zu setzen, alsdann das Wort mit dem gewöhnlichen erst zu beginnen, hierauf eifrig zu erkundigen, wess’ Rosse da kommen, den Staub von ihrem Gewande zu schütteln, auch das Obergewand sorgsam von der Erde hu heben, hängt es zu tief. Wo aber ist hier ein Zirkus, die Regeln Ovid’s zu befolgen?“
„Wissen Sie, Herr Brömmer, das sind Grappen. Wir sagen einfach dem Oberkellner, er soll uns bei Tisch zusammendecken, sobald Welche abreisen und die Plätze verändert werden. Ihrethalben kann Renz doch nicht nach Sylt kommen? Wenn sie solche Ansprüche machen, bleiben Sie ewig ledig. Da können Sie sich auf verlassen.“
„Die ars amandi des Publius Ovidius Naso gilt als das Beste, was im Alterthum über Welterfahrenheit in der liebe geschrieben wurde,“ entgegnete Herr Brömmer verletzt.
„Ich will Ihnen mal was sagen,“ erwiderte der Kapitän wohlmeinend. „Hier kommt nur ein Alterthum in Betracht, und das ist die Altsche. Die bring ich mit meiner Frau zusammen, und Sie machen sich hinter die Töchter her. Wir laden sie zu einer Partie ein nach List oder Rantum, und wenn wir eine Bootfahrt unternehmen, können Sie sich so dicht heran setzen, wie es in dem Buche steht.“
Das Skelett lächelte vergnügt und zeigte die Zähne.
„Namentlich in der Abenddämmerung,“ fügte der Kapitän vorsorglich hinzu, da ihm dünkte, das Lächeln verschönere seinen Schützling keineswegs. „Und vergessen Sie nicht, zu erzählen, wieviel Einkommen Sie haben; das hilft.“
„Glauben Sie, dieser Vorschlag könnte mit Erfolg gekrönt werden?“
„Da ist kein Pott so schief . . . ich warum nicht? Unter die Haube wollen sie alle.“
Der Kapitän ergriff seine Portweinflasche und füllte das Glas des Kollaborators gestrichen voll. „Trinken Sie man mal. Nur Muth!“
Herr Brömmer schlürfte, dann seufzte er tief auf.
Haben Sie sonst noch was auf dem Herzen?“
„Ich dachte nur . . . Es wird ja doch fehlschlagen. Dem Tantalos vergleichbar, entweicht mir das Glück, wenn ich es zu fassen wähne, als zweifelten an der Redlichkeit meiner Absichten die, denen zu nahen mir ein Gott eingab. Fata viam inveniunt. Dies genüge hiervon.”
„Sie müssen ja und ja nicht dabei lachen, sonst meinen die jungen Damen, es soll bloß Spaß sein.“
„Derselben Meinung ist Ovid, indem er dem Liebenden Thränen anräth, und sind sie nicht zur rechten Zeit da, befürwortet er, mit feuchter Hand die Augen zu netzen.“
„Sieh mal an, was’n Schnürenmacher! Dann stecken Sie sich mal einen Schwamm mit Seewasser in die Tasche und wenn’s Zeit ist, drücken Sie los.“
Der Kollaborator blickte sein Gegenüber mißtrauisch an; der Kapitän schnitt ein zu listiges Gesicht. „Allerdings,“ sagte er, „war mir die feuchte Hand stets dunkel, da kein Kommentar sie erklärt, aber es sind doch noch erst, sowohl die griechischen, als auch die römischen Autoren gewissenhaft über den Gebrauch des Schwammes bei den Alten zu durchforschen, bevor dies Hülfsmittel für gerechtfertigt gelten kann. Da ich nun allhier, jeglicher bibliothekarischen Unterstützung entblößt . . .genaue Textvergleichung wäre in einem für mich so wichtigen Falle unerläßlich . . .“
„Wenn Sie gleich mit der goldenen Hochzeit anfangen wollen, dann bleiben Sie man so bei.“
Der Kollaborator schien sein Gegenüber nicht zu verstehen und schwieg.
„Ich muß mal nach meiner Frau sehen, das sind Gattenpflichten. Gehen Sie man’n bischen nach der Doktorengrube. Adje Herr Brömmer.“
Der Kapitän schob seinen Stuhl zurück und entfernte sich schleunig. Als er mit seinen Wallbeinen durch den Sand stapfte, murmelte er ein über das andere Mal: „So Einer will Jungs klug machen. Du meine Güte! Der ist ja tickerig, total tickerig..“
Der Kollaborator saß ernst dreinschauend vor dem Portwein. Oft hatte er sich verliebt, ohne Gegenliebe zu finden, nun war er zaghaft geworden, viel zaghafter als in den jüngeren Jahren. Ein Weib, ein liebendes Weib war sein Verlangen, aber eben so groß wie das Begehren, war die Furcht, wieder einmal abgewiesen zu werden, diese lebenzehrende Furcht, darunter seine Nerven litten. Er nippte. „Ich werde es dem Zufall überlassen,“ dachte er. „Vielleicht will er mir wohl.“ Er nippte wieder. „Taub sind die Mören dem Flehen der Sterblichen, alles Hoffen ist vergebens.“ – Trübsinnig starrte er in das Glas.
In etlicher Entfernung von ihm hatte soeben ein Satz älterer und jüngerer Damen sich angesiedelt. Er sah nicht hin und bemerkte nicht, wie sie ihn beobachteten. Er hörte nicht, wie sie tuschelten: „Seht doch das Skelett; da sitzt es und betrinkt sich.“ – „Eine ganze Flasche hat es leer.“
„Schrecklich. – Was bleibt ihm anders übrig, es ist immer allein.“ – „Ja, wenn man so aussieht.“
„Hielte es mehr auf sich, ginge es noch.“
„Es soll übrigens grundgelehrt sein.“ – „Jedenfalls müßte es zum Frisör.“ – Und die Jüngste that einen Zug aus ihrem Deckelkruge, als hätte sie einen Korpsstudenten zur Gouvernante gehabt.
Der Kollaborator trank aus. Wie er aufstand, verstummte das Gespräch. Als er kaum zur Thür hinaus war, hörte er übermüthiges Lachen. Er wußte nicht, daß es ihm galt, und doch schnitt es ihm ins Herz. –
Die Doktorengrube war unterdessen vollzählig geworden, der fünfte Mann, Herr Runft, Gutsbesitzer, mittelgroß, dunkelhaarig, schwarzbärtig, von Spuren beginnenden Schneefalles leicht angesprenkelt, hatte die Denker munter gestört, wofür sie ihm nicht gerade Dank wußten. Spitz fragte daher Dr. Addison: „Nun, lieber Herr Runft, wieder ein Stündchen vergebens geschmachtet?“
„Sie haben Recht, ich hätte vernünftiger gethan, auch ein Sandschläfchen zu machen.“
„Ich kann Ihren Schönheitssinn nur loben,“ sagte Himeyer, „die schöne Lüneburgerin ist wirklich schön.“
„Es wird Götzendienst mit ihr getrieben,“ sagte Dr. Sattler.
„Sogar ältere Geheimräthe knien vor ihr“, fügte Dr. Addison hinzu.
„Hübsches Motiv für ein Genrebild,“ meinte Himeyer.
„Hast Du gesehen, daß Geheimräthe vor ihr knieten?“ fragte das Kind.
„Es können auch Ungeheime gewesen sein.“
„Hast Du gesehen, daß überhaupt Jemand vor ihr kniete?“
„Nun ja, . . . wie man so von knien spricht.“
„Wann hast Du das gesehen?“
„Den Tag weiß ich nicht mehr.“
„Wo geschah das?“
„Auf den Knien.“
„Du willst mich absichtlich nicht verstehen.“
„Und Du bohrst wieder und . . . “
„Meine Herren, keine Mißhelligkeit, ich bitte Sie!“ rief der Umsattler. „Wir Deutsche, die wir uns von Fremden viel zu viel gefallen lassen, sind untereinander gar übelnehmerischer Natur. Wie bei der Influenzmaschine eine Spur von Elektrizität die ihr entgegengesetzte erregt, und dann beide während des Drehens sich steigern, bis der Funke herausschlägt, so löst oft ein geringfügiger Anlaß gegenseitige Empfindlichkeit aus, die durch Worttreiberei erhitzt, in Beleidigung endigt. Um ein Nichts fielen Leben, wurden holdeste Hoffnungen erschlagen, verblutete Freundschaft. Um Nichts.“
„Mir war nur darum zu thun, daß würdige Geheimräthe nicht in falschen Verdacht gebracht werden, unter dem gleichzeitig der Ruf einer jungen Dame leiden könnte. Ich gebe zu, daß die Schönheit der Betreffenden in höchstem Grade anziehend, ich möchte sagen bezaubernd wirkt,“ erwiderte Dr. Haller, „und die zwanglosen Umgangsverhältnisse des Badeortes die Bildung eines Trabanten-Trosses gestatten, der sich um sie und ihre Verwandten schaart, aber gerade deshalb ist es Pflicht, Alles zu meiden, was ihrem Rufe im entferntesten Unglimpf zufügen könnte.“
„Das war nicht meine Absicht,“ sagte Dr. Addison. „Ich sprach nur bildlich und scherzando.“
„Glauben Sie mir,“ fuhr Dr. Haller fort und sein edelgeschnittenes, jugendliches Antlitz erglühte in warmherziger Erregung, „ein harmloser Vorgang kann als todeswürdiges Verbrechen erscheinen, wenn die Verleumdung ihn verbreitet, und sie zu leicht hingeworfenen Worten die That erdichtet. Von vielen Seiten beneidet ist die Schönheit der Mißgunst in erhöhtem Maße ausgesetzt und Neid und Mißgunst sind die Eltern der Verleumdung; man darf ihr keinerlei Nahrung zuführen.“
„Lieber Freund, Du faßt meine arglose Äußerung von vorhin wirklich zu tragisch auf.“
„Ich spreche nur im Allgemeinen.“
„Unser Kind ist auch in sie verliebt,“ rief Herr Runft.
„Ich finde die junge Dame schön wie eine Statue, aber ebenso marmorkalt,“ entgegnete Dr. Haller, „und denke, Sie haben dieselbe Erfahrung gemacht!“
„Bis jetzt hatte sich der Rechte nicht gezeigt,“ erwiderte Herr Runft, „nun ist er da. Ein Modeflapps ersten Grades, ein gelbhandschuhiger Narr. Für den hat sie Augen. An uns Übrigen sah sie immer vorbei.“
„Werden Sie sich nach einer Andern umthun?“ fragte Schnellbeinchen. „Sie stehen doch auf der Liste der Heirathskandidaten?“
„Ich überlasse Ihnen den Vortritt.“
„Es ist Auswahl genug.“
„Und fortwährend treffen Neue ein, sagte Dr. Haller. „Haben Sie nicht die Mutter mit den beiden Töchtern bemerkt, die Mittags an der zweiten Tafel uns schräg gegenüber sitzen? Es scheinen nette Mädchen zu sein.“
„Dicht an den Skropheln vorbei,“ bemerkte Dr. Addison.
„Ich möchte mich verbürgen, Sie würden keinen Korb bekommen, wenn Sie anfragten, Herr Runft.“
„Es liegt keine Rasse drin,“ entgegnete dieser.
„Und Sie, Herr Himeyer?“
„Lassen Sie mich aus dem Spiele . . . ich bin Maler.“
„Ich möchte, die Mädchen verlobten sich, denn ich fürchte, es wurden Ausgaben über ihr Vermögen gemacht, um einigermaßen auftreten zu können, Dieses Eindrucks kann ich mit nicht erwehren, obgleich die Mutter sich als Frau Lahmann, Rentière aus Berlin, eingeschrieben hat. Sind sie auch nicht so schön wie die umworbene Lüneburgerin, vielleicht sind sie liebenswürdig und reich an Herzensbildung, so recht dazu angethan, einen Gatten zu beglücken.“
„Wenn sie nicht zu anspruchsvoll sind, wüßte ich einen Mann für eine der beiden; den da, der geradezu auf unsere Grube lossteuert,“ rief Schnellbeinchen.
„Das gute Skelett!“
„Wir wollen ihm zureden,“ befürwortete das Kind.
„Aber ernsthaft bleiben,“ ermahnte Schnellbeinchen.
„Es wäre zu reizend, wenn es hieße: Das Skelett hat sich verlobt mit . . . mit . . . .“
„Mit dem jungen Lama,“ ergänzte Himeyer.
Das Kind wollte seinem Unwillen Worte leihen, aber schon stand das Skelett am Rande der Grube und wünschte freundlich grinsend guten Morgen.
Sechstes Kapitel.
Das ist Nichts, absolut Nichts, Garnichts!“ sagte mein Herr Verleger.
Auch auf dem Tisch war Nichts, nicht einmal ein Tischtuch. Sollte ich dies also dolmetschen: „Deinetwegen, mein Lieber, werden nicht die geringsten Umstände gemacht, betrachte Dich als beungnadet?“
Er bot mir weder Sopha noch Stuhl.
„So,“ dachte ich, „nun ist es aus. Morgen fängst Du einen Handel mit Fliegenstöcken an.“
Wem das Schicksal plötzlich einen Schlagbaum über den Lebensweg sperrt, der wird engsichtig und verfällt in der ersten Verbausung auf Ungereimtheiten. Darum sieht man so oft gescheiterte Existenzen von ihren eigenartigen Fähigkeiten Abstand nehmen und einen Beruf erwählen, zu dem sie ebenso wenig passen, wie der rechte Fuß in den linken Stiefel. Kein Wunder, wenn sie bei dem allgemeinen Fortkommenswettrennen weit zurückbleiben. Freilich erfordert der Fliegenstock-Handel wenig Anlagegelder und noch weniger Sachkenntniß – schwieriger ist es schon, Weinreisender, Versicherungsagent oder Abonnentensammler zu werden – aber wer garantirte, daß die Fliegen gut geriethen, und wer sorgte für den Fortgang des Geschäftes im Winter? Vom Staate beanspruchen, daß er zur kalten Jahreszeit die Stadt heizen ließe, damit die Fliegen lebten und ich mein Brot fände, wäre wohl ein wenig Viel verlangt, obgleich die Ansicht herrscht, jegliche Erwerbsthätigkeit zu schützen, zu unterstützen, zu hegen, zu pflegen, zu hätscheln, sei des Staates unabweisliche Pflicht und Schuldigkeit.
„Was denken Sie eigentlich?“ fragte mein Herr Verleger.
„Daß Sie unzufrieden sind.“
„Und mit Recht. Herr! Erst versprechen Sie wunder Was, und hinterher halten Sie nicht Wort. Von der Doktorengrube mußte ich Außerordentliches erwarten, und was haben Sie daraus gemacht? Etwas weniger als Nichts.“
„Sie ist genau nach dem Leben geschildert. Kann ich dafür, wenn es gerade so darin hergeht, wie es hergeht, und nicht anders?“
Sie versicherten, die Herren würden kitzliche Anekdoten abfeuern . . . wo sind die? Ich habe gesucht und gesucht und keine entdeckt.
„Ja so. Mit den Witzbrocken habe ich Unglück gehabt; sie lagen bündelweis ausgeschnitten auf meinem Schreibtische und glichen allerdings einem Häuflein werthloser Fetzen – Anekdoten sind eigentlich auch nur Fetzen – ich meine vom schriftstellerischen Standpunkte – und die Anna – das Dienstmädchen – hat sie zum Feuer anmachen gebraucht.“
„Unerhört!“
Die Anna schob die Schuld auf Ta’alihene. Es war geschehen, nachdem ich ihm die Glasaugen eingesetzt hatte, die schönen blauen Augen. Sie sagt, sie hätte geeilt, mein Zimmer in Ordnung zu bringen, weil sie sich über alle Maßen vor dem alten Henne gefürchtet . . . und da hätte sie in der Hast wohl die Papierschnitzel mit weggefegt; was ich mit dem Plunder wollte? Es ist ein Fehler unserer Volksschulen, daß sie nicht größere Achtung vor der Literatur erziehen, damit das Volk, Dienstmädchen zumal, jedes gedruckte Wort heilig hält. Wenn man sieht, wie in Markthallen und anderwärts mit Zeitungen umgegangen wird: die Haare möchten Einem zu Berge stehen. Jammer über Jammer, daß so viel geistige Arbeit so bald zum Wisch wird. Anstatt, daß ich die Doktorengrube mit den Anekdoten spickte, hat die Anna sie unter einem gespickten Lendenbraten verbrannt. Wir hatten Mittags Lendenbraten mit Kohlrabi und Quetschkartoffeln, von dem Vorschuß nämlich. Aber wenn es Ihnen gefällt, schalte ich an der Stelle, wo das Kind für die Lüneburgerin ins Zeug geht, die Geschichte von dem verleumdeten Mops ein . . .
„Wie ist die Geschichte?“
„Es kam einmal ein Bettler in der Regentenstraße vor ein Haus, um ein Almosen zu erbitten. Ein Schutzmann war gerade nicht in der Nähe. Da bellte ihn ein kleines Mopshündchen mit lautem Kläffen an, und da er sich nicht weiter darum kümmerte, wurde der Mops immer böser und frecher. Da kein Hundefänger sich zeigte, lief der Mops auf die Straße und biß dem Bettler ins Bein. „Geduld,“ sagte der Bettler, „ich will Dich nicht schlagen, aber ein bischen verleumden will ich Dich.“ Laut rief er und ängstlich: „Das Hündchen ist toll. Nehmt Euch vor dem Mops in Acht, er hat die Hundswuth.“ Sogleich lief das Gesinde herbei, der Hundefänger kam und der arme Mops wurde todtgeschlagen. Da kam der Schutzmann und schrieb Alle miteinander auf.“
„Herr!“ wetterte der Herr Verleger, „sind Sie bei Trost? Das ist ja eine Geschichte aus dem Potsdamer Kinderfreund.“
„Haben Sie das gemerkt?“
„Halten Sie mich für einfältig?“
„Und ich vermeinte, die Geschichte mit echtem, rechtem, sogenannten Berliner Hintergrund versehen zu haben, mit Lokalton und Erdgeruch, wie Sachverständige zu sagen pflegen. Ist denn eine Geschichte nicht schon berlinisch, wenn zwei bis drei reichshauptstädtische Straßennamen drin angeführt werden, ein bekanntes Restaurant und, wenn’s hoch kommt, noch die Siegessäule? Sie lesen wohl keine Berliner Romane, sonst würden Sie’s wissen. Und sind ein Schutzmann und ein Hundefänger in Hinsicht der Lokalfarbe nicht mindestens ebenso ausgiebig wie ein Dutzend Straßennamen, die Linden und den Pariser Platz unentgeltlich zugegeben?“
„Es kommt garnicht darauf an, wo eine Geschichte spielt, wenn sie nur gut ist, und die Mopsgeschichte ist nicht gut.“
„Ich bin entgegengesetzter Ansicht. Sie hat eine ausgezeichnete Moral, nämlich: Der Verleumder tut mehr Böses, als Derjenige, der offenbare Gewalt braucht.“
„Man will heutzutage Natürliches, Abschreckendes, Schaudervolles, Komisches, Durchgreifendes. Keine Moral, sondern Gewürze.“
„Bitte, es ist Alles drin: die Regentenstraße ist Natürliches, ein Mops ist komisch, ein Hundefänger schaudervoll, Tollwuth abschreckend und ein Schutzmann durchgreifend, eingreifend, ausgreifend, vorgreifend, nachgreifend, übergreifend, hineingreifend. Jeder kann sich aussuchen, wie greifend er ihn haben will.“
„Das sind Ausflüchte.“
„O, ich weiß recht wohl, was man Natur zu nennen beliebt . . . die sogenannten Nachtseiten der Natur. Sie aber hat auch den Tag mit seiner lichten Pracht geschaffen. Einer unserer Dichter sagt: „Wozu eine Malerei, welche poetische Seelen unterbricht, zarte verletzt und blos schlechte erquickt?“ Und für die letzte Sorte schreibe ich nicht; junge und alte Greise, dies sich an den Nacktheiten des Sezirsaales auflüstern, und solche, die höchstens darüber roth werden, daß sie erröthen könnten, finden ja auf dem Bücher- und Bühnenmarkte bei den literarischen Sanskülotten des sie Erbauenden die Fülle. Die sollen mich in Ruhe lassen.“
„Wie dankbar ich Ta’alihene bin, vermag ich kaum zu sagen. Er schaffte die Anekdoten ins Feuer, darunter etliche recht giftige waren, die ich in meiner Dummheit einsammelte. Nun aber Ta’alihene Augen bekommen, konnten wir Beide sehen, – er lehrte mich durch seine klugen Augen schauen – und da erkannte ich den Seelentod, den ich gepflückt und für meine Nebenmenschen aufbewahrt hatte. Am Tage vorher war einem Baumeister eine Kellerwohnung beanstandet, weil die Fenster darin einen halben Zentimeter tiefer lagen, als die Baupolizei vorschreibt, und das von Rechts wegen, denn wenn die Kellerleute um so viel Licht weniger empfangen, als die Halbezentimeterniedrigkeit abschneidet, könnte die Gesundheit ihres Körpers Schaden leiden. Wenn nun – so dachte ich – den Armen auch noch in ihre gesundheitswidrigen Wohnungen allerlei giftiges Lesezeug hineingeworfen würde, solches, das die Sinne betaumelt und jegliche Empfindung für das Reine und Heilige vernichtet, wie das Morphium, das dem daran Gewöhnten zuletzt sein Höchstes nimmt – die Menschenwürde – dann geht auch die Seele zu Grunde und stirbt elendiglich. Mein lieber, lieber Ta’alihene, viel frohen Dank. – Ich gestehe, daß ich irrte, als ich das Gift sammelte, doch mag mich entschuldigen, daß es bereits gedruckt war. Und das sage ich Ihnen, verehrtester Herr Verleger: wäre die Anna mir nicht zuvorgekommen, ich hätte es selbsthändig in den Ofen gesteckt.“
„Bitte nehmen Sie Platz,“ sagte mein Brodherr. „Begründete Ansichten taste ich nicht an, ich schätze die Überzeugung. Trotzdem kann ich Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß Sie sehr vergesserlich sind. Wo ist der Professor, den Sie in Aussicht stellten?“
„Der hat Abhaltung. Er sitzt an einer umfassenden Arbeit über die Fühler der Kohlweißlinge, und da gerade ein fettes Kohlweißlings-Jahr ist, kann er nicht nach Sylt, so nothwendig das Bad seiner Gesundheit wäre. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er sich vollständig aufreibt, aber versäumt er jetzt die Gelegenheit, wird sein Werk vielleicht nie vollendet. Diese Sorge fesselt ihn an das Mikroskop und den Studirtisch. Es wird ein höchst wichtiges Werk, da ihm der Nachweis gelungen ist, daß die Fühler der Kohlweißlinge sich anfangs aus Rundzellen bilden, die später in Langzellen übergehen, und daß dieser Übergang sich nicht immer verwischt, sondern bisweilen mehr oder minder deutlich erhalten bleibt. Ein anderer Forscher veröffentlichte jedoch jüngst, daß die Langzellen als selbständige Elemente aufzufassen wären und die Übergangstheorie unsers Professors absolut unhaltbar sei. Nun gilt es, den Gegner zu vernichten. Zweitausend, achthundert und elf Kohlweißlinge hat unser Professor bereits untersucht und dadurch ein geradezu erdrückendes Material erlangt. Sollte sich nun gar herausstellen, daß sein Widerpart statt des Pieris brassicae den Pieris rapae, den jenem sehr ähnelt, zur Untersuchung nahm, dann steht unser Professor glänzend da, denn beim P. rapae fehlen die anfänglichen Rundzellen überhaupt. Es wäre zu bedauern, wenn unser Professor trotz seines Sieges auf dem Schlachtfelde bliebe. Aber was liegt an dem Streiter, ist nur die Ehre der Wissenschaft gerettet.“
„Das Alles wegen der Kohlweißlinge?
„Nur wegen des Fühlers der einen Kohlweißlings-Art. Nun aber giebt es über fünfzehntausend Arten Schmetterlinge; es gehören Hekatomben von Professoren dazu, bis die Fühler aller dieser untersucht sind.“
„Und der Gewinn?“
„Die Förderung der Wissenschaft. Ist es doch die Wissenschaft, die den Menschen von Vorurtheilen befreit, ihn zur Wahrheit führt. Kann ein Mensch sich noch Mensch nennen, wenn ihm in jedem Kohlweißling ein ungelöstes Räthsel vorbeifliegt, wenn er sich sagen muß, wir wissen nicht, ob in seinem Fühler zuerst Rundzellen auftraten und dann Langzellen oder umgekehrt, und ob die einen in die andern übergingen?“
„Schade um solche Kraft; gerade so einer thäte der Doktorengrube noth. Er würde sich wirksam darin ausgenommen haben.“
„Ob die Andern das gelitten hätten? . . .“
„Ohne Frage; ein Professor hat doch mehr Rechte, als bloße Doktoren. Und wie wird es mit Pienchen?“
„Abwarten, Verehrtester. In den ersten Tagen lief die Familie Lahmann ohne jeglichen Anhang herum und fand unter dem Druck der Vereinsamung Sylt einfach abscheulich. Morgens beim Aufstehen schalt die Alte und beim Zubettgehen hat sie statt des Abendsegens mehrere Abendflüche gesprochen und das freundliche Westerland ein infames verdammtes Nest geschimpft, das liebe Westerland, dem Alle so gut sind, die einmal dort waren. Unterschiedliche Male hat es lauten Zank gegeben – die Flurnachbarn haben es gehört und Eschels Meike gleichfalls – als sie das Fußzeug von der Thürmatte holte – man konnte nur nicht verstehen, worüber sie sich in die Haare gerathen waren. Eschels Meike erzählte in der Küche, Eine hätte wahrhaftigen Gott auf den Tisch geschlagen, aber Frau Eschels sagte, wenn sie sich noch einmal unterstände, zu horchen, könnte sie ihre Plünnen zusammensuchen und machen, daß sie weg käme. Das ist denn nun der Meike schrecklich nahe gegangen, daß sie beim Putzen immer auf die Schuhe geweint hat, und weder die drei Paar Lahmann’schen ordentlich blank wurden, noch Herrn Runfts Stiefel, der ebenfalls dort wohnt.
Hille sagte; an der Tabledhote wäre es zu gemüthlich, weil die Mutter sich vor der Nachbarschaft scheute und das Mittagsbrod nicht verknurrte, wie immer zu Hause, wo alles mit Scheltsoße begossen würde und das beste Essen schlecht schmecke.
„Gestern die Frikadellen waren großartig,“ sagte Hille.
„Es heißt nicht Frikadellen, sondern Frikandellen mit nasalem ang,“ sagte Pienchen.
„Was sollte wohl? Frikadellen!“
„Frikandellen. Blamire Dich doch nicht.“
„Kinder, was wollt Ihr Euch über die alten ekligen Fremdwörter streiten,“ mischte sich die Mutter ein, „sprecht lieber Deutsch und sagt Bouletten.“
„Bouletten ist auch französisch.“
„Denkt nicht dran. So heißen sie schon von meiner Großmutter her. Wenn Du doch bloß nicht All’ und Jedes immer besser wissen wolltest, Pienchen. Das ist unerträglich!“
„Noch unverträglicher, wenn man nicht verstanden wird.“
„Hab’ Dich nur nicht.“ –
Hille hatte bereits ein bad genommen, die Alte wollte am folgenden Tage zu Wasser. Pienchen war zunächst auf den Luftgenuß beschränkt und sollte erst später im Warmbadehause sich auf die See vorbereiten.
Sie versprach dem Arzte, gewissenhaft folgsam zu sein, nicht in den ersten Tagen zu lange am Strande zu weilen, keine anstrengenden Spaziergänge zu unternehmen, sich durch die gediegene Küche nicht zum Übermaß verleiten zu lassen. Ihr Gedanke war: gesund werden, kräftig werden und dann . . . . fort. Wohin? Das war gleichgiltig, nur dahin, wo nicht genörgelt, nicht gekeift, nicht über jede Kleinigkeit gestritten und gelärmt würde. Nach Frieden lechzte ihre Seele, nach Frieden und Ruhe; um schwerste Arbeit wollte sie so köstliche Güter eintauschen. Gab es überhaupt Frieden? Ja, er war vorhanden. Im Traume, bei Onkel Chlotar hatte sie ihn selig empfunden.
Eschels Meike sagte: „Die Lahmanns Älteste fehlt was, ich stell’ ihr Morgens zum Kaffee auch immer den fett’sten Rohm hin. Herr Runft braucht ihm nich’ so dick, den geb ich das Unterste aus’n Topf.“
„Herr Runft geht mich eigentlich gar nichts an,“ sagte mein Herr Verleger.
„Mich auch nicht,“ erwiderte ich. „Aber er wohnt nun einmal bei Eschels, und ich habe nicht die Machtvollkommenheit, ihm das Logis zu kündigen. Und günstiger konnten Lahmanns es kaum treffen, da ein wohhabender Landbesitzer und Wittwer für eine Mutter mit zwei sehr vergebbaren Töchtern als Flurnachbar so gut wie eingelappt ist. Wenn sie ihn nur nicht scheu macht. Gelingt es ihr, ihm die Selige langsam auszureden, dann hat sie halb gewonnenes Spiel. Hier war aber das Fatale, daß Herr Runft dem näheren Verkehr geflissentlich auswich. Wittwer ahnen manchmal was.
Außerdem sagte er nach jenem Zankabend, er heirathe nicht in eine unter sich unruhige Familie, und wenn die Alte ihn noch so lakritzig anlächele. –
Hille war fröhlichen Sinnes. „Laß Mama nur brummen,“ sagte sie zur Aufmunterung ihres Selbst’s, „ich weiß, wo ich bleibe, und bei Müllers ist es reizend. Ich halte sehr, sehr viel von Minna. Sehr viel!“
Minna hatte bereits geschrieben, einen Dank für die Helgoländer Postkarte. Hille ward freudeglühend, als sie Minnas Schreiben las.
„Was hast Du da?“ fragte die Mutter. – „Eine Postkarte von Minna.“ – „Laß mal sehen.“ – Hille gab die Postkarte hin. „Liebe Hille,“ las die Mutter. „Wie schön muß es sein, daß Du die Welt zu sehen erhältst. Wir freuen uns sehr, daß es Dir so gut geht, liebe Hille. Wir haben Helgoland sehr bewundert. Ist es wirklich so roth? Liebe Hille, laß uns doch Deine genaue Adresse wissen. Lebe wohl, liebe Hille. Wir grüßen Dich viele tausende Male, liebe Hille. Deine aufrichtige Freundin Minna.“
„Daß Du Dich über das Geschreibsel so hast, begreife ich nicht,“ sagte die Mutter. „Es steht ja nichts drin. Garnichts Interessantes.“
„Ich werde ihr mittheilen, daß sie nächstens interessanter schreiben soll,“ entgegnete Hille gereizt. „Mich wundert nur, daß Du überhaupt eine Postkarte von Klempners in die Hand nimmst.“
„Pah!“ erwiderte die Alte verächtlich, „mir kann es ganz gleich sein, zu wem Ihr Euch haltet, hier kümmert sich doch kein Teufel um Euch.“
Hille wollte eine recht unkindliche Antwort herausschleudern, aber sie unterließ es. Ihr war, als sänge eine süße Engelstimme ihr leise ins Ohr: „Wir grüßen Dich viele tausende Male, liebe Hille.“ Da fiel der Gifttropfen des Unmuths hinab ins leere und nicht auf das Wort, und das Wort zerthaute in den milden Klängen.
Hille schwieg. „Wir grüßen Dich, wir, wir, wir,“ jubelte es in ihr. Daß außer Minna sie noch Jemand grüßte, das war’s.
„Ich habe meine Arbeitstasche in der Veranda liegen lassen,“ sagte sie und ging hinaus. Das war aber eine Nothlüge bodenlosester Art, denn die Tasche lag im Zimmer, mitten auf dem Tische.
Kaum aber hatte sie die Thüre hinter sich zugemacht, da nahm sie die Postkarte und küßte sie, und küßte sie immer wieder. So lieb hatte sie Minna. Sie mußte allein mit der Postkarte sein, sie hielt es drinnen nicht länger aus. Das war die Noth, aus der sie so handgreiflich log. Ich hoffe, diese Sünde wird ihr verziehen werden.
„Hille!“ rief die Mutter, „Deine Tasche liegt ja groß und breit hier.“
Hille kam und spielte die Unbefangene; ihre schauspielerische Begabung war aber nur eine schwache, und die Wirkung, die sie erzielte, der beabsichtigten gerade entgegengesetzt.
Die Mutter sagte nichts; sie dachte ihr Theil und nahm sich vor, aufzupassen. „Es wird wohl Zeit, an den Strand zu gehen,“ mahnte sie.
„Ich möchte zu Hause bleiben,“ lehnte Pienchen ab.
„Bewahre. Warum sind wir denn aus Berlin gegangen? Und wozu haben wir den Strandkorb gemiethet? Du kommst mit.
„Der Arzt sagte: Nicht zu viel Strand auf einmal.“
„Wenn Du genug hast, gehst Du wieder.“
„Der Strandkorb hat einen schlechten Platz.“
„Faxen. Er steht dichte bei der Musik, da hören wir etwas für unser Geld.“
Und doch stand der Korb nicht gut, nicht für Pienchen. In unmittelbarer Nähe war das Zelt der schönen Lüneburgerin. Pienchen sah von ihrem Platz im Korbe aus, wie Jener gehuldigt wurde. Wer an dem Zelte vorbeiging, suchte einen Blick hineinzuwerfen, wer die Berechtigung hatte, einzutreten, dessen strahlende Mienen verriethen schon auf dem Wege dahin das Glück der nächsten Augenblicke, vor so Vielen bevorzugt, von eben so Vielen beneidet, so holdseligem Wesen nahe zu sein.
Sie war auch wirklich ein Menschenkind, dem die Schönheit ihre Gaben verschwenderisch geschenkt. Goldblond das Haar, dunkel Augensterne und Brauen, feingeschnitten Mund und Nase. Und die süßen, kleinen Ohren, der schlanke Hals, die wohlgeformte Hand und der zierliche Fuß. Und Alles das mit Anmuth gepaart und mädchenhafter Schöne. Sie war noch jung, fast noch ein Kind, aber konnte sie noch kindlich sein, die so gefeiert ward, und zwar nicht immer taktvoll, sondern zuweilen recht plump? Mußte das auf sie gerichtete Begehren nicht doch schließlich auch in ihr Verlangen entzünden? War ihre Kälte nur Maske, oder setzte das Haschen nach Gunst die Männerwelt derart in ihren Augen herab, daß ihr der Einzelne ebenso gleichgültig war, wie die Gesammtheit? Hatte die Vergötterung sie in Stein verwandelt, war die Marmorschönheit Ursache ihrer Marmorkälte?
Herr Runft gehörte zu ihren Anbetern, er hätte sie gern heimgeführt, aber ihm ward keine Gnade vor ihren Augen. Trotzdem wanderte er jeden Morgen zu ihrem Zelte, begrüßte sie, empfing höflichkühlen Gegengruß, sprach mit dem Vater, der Tante, welche Mutterstatt vertrat, und dem Bäschen, das noch als Backfisch in die Welt sah und nach den größten Glücksgütern gefragt: „Chokolade mit Schlagsahne und Kirschtorte“ antwortete. Auch für Mohrenköpfe schwärmte sie, aber sämmtliche Mohrenköpfe, die Herr Runft der Kleinen mitbrachte, rührten die spröde Schöne ebensowenig, wie den König von Dahome eine Massenköpfung seiner schwarzen Unterthanen, welche die Landesgebräuche, wenn auch lebensgefährlich, so doch selbstverständlich finden.
„Was die Herren blos an ihr haben?“ grollte Mama Lahmann. „Es geht über alle Begriffe. Und Herr Runft, der sich um die Hausbewohner nicht die blasse Idee kümmert, schmachtet solcher Gans was vor. Nennt man das Bildung? Wie nur die Direktion dergleichen duldet? Am Ende weiß sie von Nichts, und es ist Pflicht, sich zu beschweren. Wir schreiben an die Badekanzlei; unseren Namen brauchen wir ja nicht darunter zu setzen.“
„Was hat sie Dir gethan, Mama?“
„Gefällt sie Dir vielleicht?“
Pienchen schwieg. Würde sie verstanden sein, wenn sie bekannt hätte: sie ist entzückend?
Als Pienchen ihr zum ersten Male bei dem Morgengange begegnete, mußte sie sich umsehen, das blonde Haar zu bewundern, das aufgelöst, frei über Schultern und Nacken wallte, dem trocknenden Winde zum Spiel. Welch’ ein Schatz die Schönheit solches Haar, das ohne Hülfe der ordnenden Hand so köstlich schmückte. Pienchen strich unwillkürlich über Stirn und Schläfe; es durchzuckte sie weh, als sie die eigene Dürftigkeit berührte, die dünnen Strähne, die nie saßen, wie sie sollten, und sich langsam und boshaft den Tag über aufdrehten.
Wer auch so schön wäre!
Pienchen hatte keine Freundin, dieser möchte sie befreundet sein. Mit jedem Sehen wuchs das Begehren, ihr zu nahen, mit ihr zu sprechen, ihr vertraut zu werden, sie Du zu nennen. Ob sie es wagte, sie anzureden? Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen bei diesem Gedanken. Nein, nein, unmöglich; sie würde ja kein Wort hervorbringen! Und doch, könnte nicht ein Zufall den zehrenden Wunsch der Annäherung erfüllen?
Der Zugfall aber führte ganz etwas anderes daher, ihn nämlich, den sie weit, weit wegwünschte, den Gelbhandschuh.
Für den hatte die Schöne freundliches Lächeln, von ihm nahm sie anmuthig dankend frische Blumen entgegen, Rosen und farbenprangende duftende Nelken. Ihr Auge leuchtete auf, wenn er kam. Das sah Pienchen von dem Strandkorbe aus, und deshalb hatte er den schlechtesten Platz von allen.
Es half kein Einwand, sie mußte sich der Mutter und Schwester anschließen. Als sie durch die Strandstraße gingen und an der Dröhse’schen Buchhandlung vorbeikamen, sagte die Mutter: „Pienchen, Kind, geh doch hinein und kaufe Briefpapier, ich hab’ die Schreibmappe in Berlin vergessen. Ich will unserm Mädchen schreiben, daß sie gut Acht giebt. Nachher fällt es mir vielleicht nicht wieder ein. Ich und Hille besehen so lange nebenan die Photographien.“
Pienchen ging in den Laden.
Drinnen war der Gelbhandschuh. Er stand mit dem Durchblättern eines Buches beschäftigt.
„Einiges Briefpapier,“ forderte Pienchen befangen. Sie wählte rasch. „Und Kuverts,“ setzte sie hinzu.
„Geben Sie mir Envelopes,“ sagte der Gelbhandschuh zu dem Ladenmann.
Mit dem Tone der Überlegenheit sagte „Envelopes“ und blickte selbstbewußt um sich.
Pienchen wurde blutroth. Kuverts war ja falsch, grundfalsch; Envelopes hätte sie sagen müssen. Daß ihr dieser Fehler in seiner Gegenwart entwischen mußte! Und er merkte, wie sie sich schämte, das fühlte sie. Sie ward verlegen, daß ihr die Hand zitterte, die das Geld hinzählte. Aus lauter Verlegenheit stieß sie beim Hinausgehen gegen die Ladenthür. Die Thränen standen ihr in den Augen.
„Kind, Pienchen, was hasst Du?“ fragte die Mutter, “Du bist ja ganz verstört?”
„Nichts. Nichts.“
„Wenn blos die Kur anschlüge! Du kannst nicht das Geringste ab. Wollen wir lieber nicht an den strand gehen?“
„Doch. Nur weiter ab von der Musik laß uns sitzen.“
„Gewiß Kind, der Strandaufseher trägt ihn nach der andern Seite. Du siehst erbärmlich aus, Pienchen.“ –
So kam es, daß der Strandkorb den Platz wechselte und Pienchen nicht gewahrte, wie man sich in dem Zelte der schönen Lüneburgerin erlustigte. Der Gelbhandschuh tratschte spaßhafte Geschichten von der Degenschluckerfamilie auf der „Freia“, vom seekranken Fräulein, von Kuverts und Envelopes und von Leuten, die sich Air zu geben suchten, und überall anstießen, sogar gegen offene Thüren.
Die Beisitzer und Beisitzerinnen des Spottgerichtes kamen aus dem Gekichere und Gelache garnicht heraus. Das Bischen Mokiren war zu amüsant. Sie selbst fühlten sich dabei so ohne Fehl, so unvergleichlich vollkommen und über jeden Zweifel erhaben, daß ihre Stimmung die denkbar angenehmste ward.
„Und wie wird es mit Pienchen?“ fragte der Herr Verleger.
„Das erfahren Sie in den nächsten Kapiteln.“
„Können Sie sich nicht etwas kürzer fassen? Das Publikum . . .“
„Das Publikum kann die Heirathsanzeigen in den Familiennachrichten lesen, wenn’s ihm zu lang wird, die sind kurz,“ entgegnete ich gereizt.
„Ich sagte ja, wenn man sie verwöhnt ist mit Autoren nichts anzufangen,“ entgegnete der Herr Verleger. „Entschuldigen Sie mich, ich muß ins Geschäft.“
* * *
„Nicht einmal Leberwurst gab es.“
* * *
„Nichts.“
* * *
„Garnichts.“
Himeyer war nicht wie die Maler früherer Zeit, wild, wunderbarlich und verthuig, mit Schlapphut und Faltenwurf angethan, sondern hielt auf sich in Umgang, Betragen und Kleidung, ohne jedoch die Vorschriften der Mode mehr zu berücksichtigen als ihm gut dünkte. Er sagte: was die Mode erfände, stehe nicht Jedermann und noch viel weniger jeder Frau, daher käme es, daß es schien, als wenn die Welt ihre Kleider fertig bezöge. Irgend etwas des Anzuges pflege nicht zu stimmen, weder in Farbe und Muster untereinander, nicht im Schnitt zu dem Körper und seinen Gliedmaßen, noch befriedigend zu der Art des Menschen, der ihn trüge. „Steckt einen Tyroler, den schönst gewachsenen Kerl, in einen Frack: er sieht eben so bedauernswerth aus, wie ein Ballschwerenöther als Bergfex. Und doch finden beide sich außerordentlich in ihrer Verunkleidung, wenn ihnen kein anderer als der Spiegel sagt, wie sie ausschauen. Im Spiegel findet Jeder sich unwiderstehlich, weil er sich von Jugend auf an seinen optischen Zwilling gewöhnt hat und Gewohnheit und Kritiklosigkeit ziemlich auf eins auskommen. Der Eigenliebe fällt es erst recht nicht bei, sich selbst zu richten, und wer wäre von ihr frei? Nun ist unleugbar – so sagte Himeyer – daß im Menschen der sogenannte Uniformsinn liegt, das Bestreben, es ebenso zu haben und ebenso zu machen, wie sein Mitmensch. Ohne den Uniformsinn wäre die Mode nicht zu erklären, die merkwürdige Erscheinung, daß Alle miteinander ohne hinreichenden Grund sich für bestimmte Lebensformen entscheiden, einerlei, ob selbe mit der Vernunft im Einklang stehen oder nicht. Himeyer sagte ferner, so wäre es seit undenklicher Zeit gewesen und er könne nichts daran ändern, aber für einen Maler wäre es verdrießlich, daß das Eigenartige der Trachten im Volke dem Modischen wiche, und da städtische Tracht und ländlicher Träger zusammen eine Karrikatur ergäben, schließlich nur noch Modelle für Fratzenzeichner, nicht aber für ernsthafte Maler vorhanden sein würden. In der Stadt richteten die Herren Kommis geradezu Geschmacksverwüstungen an. Wollten sie irgend eine kunstgewerbliche Mißgeburt, eine Fabrikunthat, Trödel wie er nur geartet sei, los werden, so sagten sie: „Dies wird sehr viel gekauft,“ und die vom Uniformsinn Besessenen ließen sich alles mögliche Widrige in die Hand stecken und freuten sich, genau dasselbe erworben zu haben, wie X.Y.Z. Daher die Allgemeinheit so vieler Scheußlichkeiten. Ferner behauptete er: Alles werde ausgeglichen, die Ladenfenster der einen Stadt zeigten genau dieselben Gegenstände, wie die der anderen, die Häuser würden sich auch immer ähnlicher, ebenso die Straßen und Plätze. „Ich bin gottlob kein Historienmaler,“ schloß er seine Betrachtung, „wenn ich aber einer wäre, malte ich ein großes Sammelsurium von modernen Menschen, Sachen und Baulichkeiten und darüber schwebend den alten Kronos, in der einen Hand statt des Stundenglases ein Bandmaß und in der andern statt der Sichel ein Bügeleisen.“
Die Veranlassung zu diesem Vortrage war Pienchen gewesen. – Er ward gehalten in der Doktorengrube am Tage nach der Rantumer Partie.
Kapitän Lotz hatte es eingerichtet, daß für die Familie Lahmann am Gasthaustische, unmittelbar neben ihm und dem Kollaborator, gedeckt ward, und sich und Herrn Brömmer pflichtschuldigst vorgestellt. „Herrjeh,“ rief die Alte, als sie seinen Namen erfuhr, „ich habe einen Gruß an Sie zu bestellen von Herrn C. F. A. Büsing. Wir machten auf der Freia Bekanntschaft.“ – „Danke vielmals,“ entgegnete Herr Lotz. „War er wohl und munter?“ – „Sehr,“ erwiderte Frau Lahmann. „Er erklärte uns Manches über die Schiffahrt. Nicht wahr, Pienchen? Ein hochinteressanter Mann.“ – „In Rothspohn kennt er sich besser aus,“ bemerkte Herr Lotz. „Er hatte wohl Kurs nach Cuxhaven?“ – „Ja, da stieg er ab.“
So ging das Gespräch weiter. Mutter Lahmann kramte ihre ganze Liebenswürdigkeit aus. Pienchen versuchte eine Unterhaltung mit dem Kollaborator anzuknüpfen, aber der war außergewöhnlich schüchtern und einsilbig.
Als nach beendeter Mahlzeit Herr Lotz die Herren der Doktorengrube bekannt machte, strahlte die Alte. Nun war der Bann gebrochen, die erste Annäherung geschehen; für den Rest wollte sie schon sorgen. Einen würde sie dingfest machen, entweder für Pienchen oder für Hille. Das Portemonnaie würde nicht umsonst strapaziert.
Die Herren dachten: „Eine ist für das Skelett, entweder die Ältere oder die Jüngere. Wir thun das Unsrige.“
Dr. Haller schlug vor, den Nachmittag zu einem Ausflug nach Rantum zu benutzen. „Mir aus der Seele gesprochen,“ stimmte der Kapitän bei. „Wenn die Damen uns die Ehre schenken wollten . . .“
„Wir haben noch garnichts von Sylt gesehen. Nicht wahr, Pienchen? Es wäre wirklich zu reizend, wenn die Herren uns unter ihre Fittiche nehmen wollten.“
„Madame, es wird uns eine Ehre sein,“ sagte der Kapitän verbindlich.
Ob es Zufall war oder sachkundige Leitung, bleibe dahingestellt, genug, als die Wagen abfuhren, saßen auf dem ersten Herr Lotz bei dem Kutscher, die Mutter und Hille auf dem mittleren Sitze, auf dem letzten Pienchen und der Kollaborator. Die übrigen Herren folgten in einem kleinen Jagdwagen. Dr. Sattler war bereits früher gegangen.
Die Dünen verdeckten den Blick auf die See. Zur Linken aber breitete sich das Wattenmeer aus. Die Zeit der Ebbe war gekommen, das Wasser lief langsam ab und der flache Grund trat hervor. Der Kutscher lenkte sein Gefährt von dem beschwerlichen Sandwege auf den feuchten Meeresboden, der, fest und hart, einen trefflichen Weg gab. Wasservögel suchten Beute in den kleinen Vertiefungen, in denen ein wenig Nässe zurückblieb. Sie scheuten kaum vor dem Wagen.
„Die mit den roten Schnäbeln, das sind Austernfischer,“ sagte Herr Lotz, indem er sich zu der Alten umwandte. Diese drehte sich ihrerseits um und sagte: „Merke Dir das, Pienchen. Oder hast Du sie bei Herrn Wergheim schon gehabt?“
„Treiben Sie Zoologie?“ fragte Herr Brömmer, der bis dahin kein Wort geredet hatte.
„Jetzt nicht mehr,“ entgegnete Pienchen, „aber ich brauchte sie zum Examen.“
„Es wird viel verlangt,“ sagte Herr Brömmer.
„Die Wissenschaft ist eben unendlich. Haben Sie Chemie gerne?
Herr Brömmer lächelte ausweichend.
Sie ist hochinteressant. Wir hatten Chemie und Physik bei Herrn Wergheim. Die ganze Welt ist das Spiel der Moleküle. Es sind lauter kleine Körner, die man Atome nennt. Ihre Kleinheit ist ihnen im Wege, sonst wären sie faßbarer. Herr Wergheim hofft aber, daß es der Wissenschaft gelingt, sie darzustellen. Es wäre das von der höchsten Bedeutung. Sprechen Sie englisch?“
„N – ein!“
„Wir hatten englische Konversationsstunde.“
„Wir nicht,“ entgegnete Herr Brömmer. „Zu meiner Zeit unterrichtete der Religionslehrer auch in den neueren Sprachen; in der Grammatik und Syntax recht eingehend, das heißt die Anfangsgründe und die Grammatik ist doch die Hauptsache.“
„Wir hatten auch Religion, aber Herr Wergheim sagte, sie hindere den aufsteigenden Fortschritt der Menschheit, das sehe man am finsteren Mittelalter. Jetzt hat man überall Gas und elektrisches Licht. Und dann die Alles belebende Lehre des Darwinismus, die dem Menschen seine wahre, hohe Stellung mathematisch beweist.“
„Griechisch hatten Sie wohl nicht?“ fragte Herr Brömmer.
„Die Kulturgeschichte der Griechen wurde durchgenommen, sie ist nothwendig wegen der Ausgrabungen, die heute so modern sind. Wie finden Sie den Altarfries von Pergamon? Er zeichnet sich aus durch Kraft der Charakteristik und Verwandtschaft mit dem Laokoon.“
Das Skelett blickte scheu.
Frau Lahmann horchte hinter sich; sie war zufrieden.
Der Nachtrab beobachtete den Vorderwagen.
„Es wäre doch zu hübsch,“ meinte Dr. Haller, wenn aus den Beiden ein Paar würde. Ihm wäre gedient und ihr auch. Wegen übertriebener Schönheit brauchen sie sich gegenseitig keine Vorwürfe zu machen.“
„Sie wäre garnicht so übel, wenn sie sich nur zu kleiden verstände,“ sprach Himeyer.
„Sie geht nach der Mode,“ warf Dr. Haller ein.
„Eben deshalb.“
„Sie unterhalten sich eifrig,“ begann Dr. Haller wieder.
„Ich möchte wissen worüber.“
„Über das Wetter.“
„Weil man stets mit dem Zunächstliegenden beginnt.“
„Das thut Pienchen nicht, dazu ist sie viel zu gebildet.“
„Wollen wir wetten? Wir fragen nachher das Skelett.“
„Das wird Liebesgespräche verrathen.“
„Es hat so lange im Griechischen und Lateinischen gelegen, daß es mehr einem philologischen Präparat als einem Menschen des ablaufenden neunzehnten Jahrhunderts ähnlich ist. Von dem Leben, in dem es lebt, weiß es nicht mehr Bescheid wie ein Kind; in Alt-Athen und Rom dagegen kennt es jede Straße. Würde es aber plötzlich nach Alt-Athen versetzt, fände es sich trotz aller Gelehrtheit nicht zurecht. Deshalb muß man sich seiner annehmen und ihn glücklich verheirathen.“
„Ich halte die ganze Geschichte für Ulk,“ sagte Herr Runft. „Übernehmen Sie die Verantwortung, wenn die Ehe später als Unglückspastete ausfällt?“ Bedenken Sie . . . die verquere Rasse.“
„Zu malen werden die Kinder nicht sein,“ warf Himeyer dazwischen.
„Die Krankheiten und die Särgelchen!“ rief Schnellbeinchen. „Sie kann sich mit dem Kindtaufskleid gleich das Trauerkostüm bauen lassen. Hoffentlich werden noch einmal Gesetze auf Grund der Darwin’schen Vererbungstheorie erlassen, die nur ganz gesunden, normalen Menschen die Ehe gestatten. Die alten Griechen waren bereits so weit und brachten kranke und krüpplige Kinder um. Und wie herrlich war das Volk. Diese Schönheit! Diese Kultur!“
„Und doch auch sehr roh,“ entgegnete Dr. Haller ruhig. „Ich mußte behufs meiner Dissertation die Gymnastik der Alten genauer ansehen. Dabei fand ich, daß auf unserer Schule kein zutreffendes Bild der Griechen entworfen wurde, sondern daß man sie auf Kosten der Wahrheit verherrlichte. Würden wir für die Spartaner in gleich idealer Weise geschwärmt haben, wenn wir die Mittheilung des Pausanias gekannt hätten, nach welcher die spartanischen Jünglinge beim Ringkampfe nicht nur mit den Händen kämpften, sondern auch mit den Füßen sich traten, bissen und die Augen mit den Fingern ausbohrten? Schlug doch Alexandros dem weisen Lykurg ein Auge aus, weil ihm dessen Gesetze mißfielen. Und dann lese man Theokrit’s zweiundzwanzigste Idylle, in welcher der Faustkampf des Polideukes mit dem Bebryker Amykos besungen wird: englische Boxer sind spielende Lämmer gegen diese blutrünstigen Helden. Es gab sogar eine Statue des Polideukes, an der das zerquetsche Ohr aus jenem Kampfe nicht fehlte. Mehr fällt mir augenblicklich nicht bei; das Skelett wird ergänzen.“
„Also gerauft haben die Alten auch?“ fragte Himeyer.
„Feste!“
„So. Und ich war der Meinung, sie hätten nichts weiter gethan, als den Bildhauern Modell gestanden, weil sie es gar so schön konnten.“
„Sie waren groß als Volk und zerfielen,“ versetzte das Kind. „Aus ihrem Erlöschen ist mehr zu lernen als aus ihrem Aufglänzen. Wie die Faustkämpfer sich zerfleischten, so untereinander die griechischen Stämme. In den Parteikämpfen erlag die Vaterlandsliebe und mit der Liebe das Land. Auch hierin wird das Skelett uns Belege an die Hand geben. Wir nehmen es heut Abend mit in den altdeutschen Keller, da muß es so wie so beichten.“
Kurz vor Rantum, dem achthäuserigen Friesendörflein, dessen strohgedeckte Giebel als malerisch Himeyers Beifall erregten, holten die Wagen zwei Wanderer ein, Dr. Sattler und den Indier.
Dr. Addison ließ halten. Man stieg ab, die Herren zu begrüßen; etwas Neugier war mit dabei.
Wider alles Erwarten war der Indier weder ein Fakir im Gehrocke, noch ein Europäer mit zur Schau getragener Fremdländerei, sondern ein einfacher Herr Steinbach, der als gereister Mann sich den Umständen fügte und den Vorschriften der Höflichkeit in jeder Beziehung nachkam. Keine Miene verrieth, daß ihm, der die Einsamkeit geräuschvoller Gesellschaft vorzog, die unerwartete Umzingelung lästig sei. Der prüfenden Betrachtung, die an ihm irgend etwas Sonderthümliches zu erspähen hoffte, begegnete er mit einem Blick aus seinen dunklen Augen, von dem Schnellbeinchen nachträglich versicherte, es habe eine so vornehme Gegenfrage darin gelegen, daß er sich wie ein ertappter Spion vorgekommen sei.
Herr Steinbach schloß sich den Ausflüglern an, ließ sich den Damen vorstellen und widmete diesen liebenswürdige Aufmerksamkeit. Der Gesprächsstoff ergab sich ungezwungen aus dem, was das Auge sah, aus der Eigenart der Insel. Herr Steinbach hatte sie durchwandert und kannte sie eingehend. So war er der Gebende und die Neulinge empfingen. „Auch Sie werden die Insel lieb gewinnen,“ sagte er. – Pienchen blickte ihn ungläubig an. „Gewiß,“ entgegnete er überzeugt. „Eine Geburtsstätte der Gesundheit ist das Eiland, und wie der Nordvogel aus den Sonnenländern wieder in die Heimath strebt, so sehnt sich der Gesundete hierher zurück und vergißt Sylt nie, als hätte es ihm ein zweites Leben gegeben.“
„Der Wandertrieb,“ sagte Pienchen.
„Führt hinaus,“ erwiderte Herr Steinbach. „Ein ebenso unerklärlicher Zwang aber führt zurück heimwärts. Draußen im Wattenmeer liegen die Halligen, Reste von den Wogen zernagter Inseln, von steter Gefahr bedroht, arm und einsam, oft nur von einer Familie bewohnt. Und dennoch tauscht der Halligbewohner sein Seegefängniß nicht mit der Freiheit des Festlandes, und ging er fort und fand er draußen Gewinn und Überfluß: dennoch sucht er die Hallig wieder auf, wenn das Meer sie inzwischen nicht verschlang.“
„Die Menschen haben eben verschiedene Laufbähne,“ nahm Mama Lahmann das Wort, da Pienchen schwieg. „Alle können sie nicht in Berlin leben, dazu gehören Mittel.“
Sie sah Herrn Steinbach an, als wollte sie fragen: „Was glaubst Du, wie viel Miethe und Steuern ich zahle? Nur keine Unterschätzung.“
Bei dem Rantumer Kartoffelland trafen Alle zusammen. Ein Fleckchen Feld am Fuße der Düne, auch schon mit weißem Sande überpudert, aus dem Kartoffelstauden sich in die Höhe quälten, das war die letzte Ecke Fruchtlandes der einst ansehnlichen Gemeinde Rantum. Der Flugsand ward zum wandelnden Berge und begrub die Äcker; dem Sande mußte die Kirche weichen, die Schule und manches Haus.
„Sie müssen fort,“ sagte Lotz. „Soviel fegen kann kein Mensch, wie sich Sand heranschleicht. Anfangs nur ein klein Bischen, kaum zu merken; an der Westseite setzt er sich an, denn da kommt er her. Allmälig wird er höher; wird er weggeschaufelt, kommt neuer, denn die Düne rückt ganz sachte, sachte dichter heran und streut immer ebenzu Sand in den Wind. Nach ein paar Jahren ist er so hoch wie das Fensterbrett und sieht durch die Scheiben ins Haus hinein.“
„Deshalb braucht man doch nicht gleich ausziehen“, sagte die alte Lahmann.
„Fällt auch Keinem ein,“ entgegnete Herr Lotz. „Aber sehen Sie, Madame, oben auf den Sand setzt sich der Schnee und das Haus ist warm. Der Schnee, der thaut auf und giebt Drängwasser. Nach außen kann es nicht weg, da ist Alles hartgefroren, also läuft es nach innen und kommt unterm Fußboden in der warmen Stube hervor. Sie haben Winters in dem Schulhause Stroh gelegt, daß die Kinder trocken an den Füßen sitzen sollten, aber das ward eine Mulsche und eine Jauche und da brachen sie das Haus ab und bauten es weiter bis lang wieder auf. Hätten sie es stehn lassen, dann kommt die Düne zuletzt und begräbt es und dann ist es gänzlich in’n : . . in’n Sand.“
„Daß sich noch Leute finden, hier zu wohnen!“ rief Mutter Lahmann. „Täglich den gräßlichen Sandberg vor Augen. Man ist ja keinen Augenblick sicher, ohne daran zu denken, daß man schließlich fort muß . . . Das hielte ich nicht aus.“
„Darüber machen sich die Rantumer keine Sorge. Das sind sie so gewöhnt,“ sagte Herr Lotz.
„Welche Gefühllosigkeit.“
„Sollten wir nicht alle in der gleichen Lage sein?“ trat Herr Steinbach freundlich für die Rantumer ein.
Pienchen sah ihn fragend an, erstaunt und zweifelnd. Die Herren hofften auf einen längst erwarteten schrulligen Ausspruch. Dr. Sattler nickte ihm beifällig zu. Hille pflückte Strandastern. Mutter Lahmann aber sagte:
„Dazu gehört doch Sand!“
„Ein Blick auf die Uhr genügt. Ist nicht jede Sekunde ein Körnlein Flugsand, ein Muß, dem wir alle weichen.“
„Man kann doch eine Sekunde nicht gut mit einem festen Stück Quarz vergleichen,“ bemerkte anbohrend das Kind.
„Verzeihen Sie, daß es meinem Beispiele an Folgerichtigkeit gebricht. Es ist auch überflüssig, erweckt doch jeder anbrechende Tag das Gefühl der Vergänglichkeit.“
„Neues Leben, wollen Sie sagen,“ entgegnete Schnellbeinchen.
„Sie, die da glüht, ist der Tod!“ erwiderte Herr Steinbach mit schwärmerischem Ernste. „Was unter ihr wohnt, muß sterben. Ihre Strahlen sind die Zügel, womit sie alle Geschöpfe in das Leben spannt und irdisches Leben eilt zu irdischem Tode. – Doch entschuldigen Sie, ich vergaß, daß ich in Europa bin, wo die Sonne Lebensspenderin und Lebenserhalterin ist – ich weiß: ohne Licht und Wärme kein Leben – es war nur ein Satz altindischer Weisheit, auf den ich gerieth. Ich verspreche Ihnen, es soll nicht wieder geschehen.“
Höflich bot er der alten Lahmann den Arm und geleitete sie an den weidenden Schafen vorbei in das Gasthaus. Die Herren folgten.
„Die Leute haben doch recht,“ sagte Schnellbeinchen, „er hat verschrobene Ansichten.“ – „Hat Sand in der Uhr,“ lachte Herr Lotz. – „Er wurde innerlich erregt,“ sagte das Kind, „beherrschte sich aber wunderbar. Andernfalls hätte ich angenommen, er wolle uns zum Besten halten.“ – „Das liegt ihm ferne,“ bemerkte Dr. Sattler. „So viel ich vermuthe, ist es der Widerstreit zwischen der Weisheit des Ostens mit dem Wissen des Westens, der ihn bewegt. Was er soeben im Eifer unfreiwillig leistete, war ein Probe davon.“
„Diesmal hatte das Bohren wirklich einmal Nutzen,“ sagte Schnellbeinchen. „Und was meinen Sie, Herr Brömmer?“
„Ich würde im Interesse des griechischen Unterrichts nicht über Helios hinausgehen!“
„Ist auch herrlich, Phoebos Apollon,“ rief Schnellbeinchen, „himmlisch! Phaeton! Apoll von Belvedere! Kommen Sie, meine Herren, in Rantum giebt es vorzügliche Milch.“
Pienchen und Hille pflückten Sandastern, hochaufgeschossene, trüblavendelfarbene Blüthen, mit einem gelblichen Stern in der Mitte. Keine sprach ein Wort. –
Als man wieder nach Westerland aufbrach, wurden Dr. Sattler und der Indier mit verpackt. Es ging ohne Beschwer. Die drei Damen pferchten sich zusammen, und Dr. Sattler kam neben das Skelett. Der Indier fand Platz auf dem voranfahrenden Jagdwagen. Die Herren waren ungemein heiter, der Westwind wehte das lustige Lachen dem langsam folgenden Familienbeförderer zu, auf dem sich keine Unterhaltung gestaltete. Dr. Sattler fühlte sich nicht vom Skelett angezogen, und dieses bedurfte stets einiger Anstöße, bevor es von seinem Sprachvermögen Gebrauch machte. Da es jetzt nicht gestoßen ward, blieb es stumm.
Von den drei Damen hing jede ihren eigenen Gedanken nach. Die Alte dachte: Gottlob! – Hille dachte: ob wohl ein Brief angekommen ist? – Pienchen sah das Feuer von Kampen, wie es wuchs und abnahm. „Wird erfüllt, was ich wünsche? Fragte sie das Licht.
Das Licht dunkelte ein.
„Keine Hoffnung?“ fragte sie schmerzlich.
„Keine?“
Das Licht lohte hell auf und strahlte sonnengleich durch die Dämmerung.
Achtes Kapitel.
Es ward immer schöner auf Sylt. Nicht nur, daß das Kurtheater die schönsten Stücke der ältesten und neuesten Klassiker aufführte, Edisons Phonograph die schönste eingemachte amerikanische Musik in die Ohren der Andächtigen zapfte, Jacobi-Harms seine allerschönsten Schnellfingerkunststücke vor hohem Adel und Publikum zum Besten gab, sondern das Aller-allerschönste war das demnächst stattfindende Kinderhospital-Wohlthätigkeitskonzert mit Übergang in ein Wohlthätigkeits-Kinderhospitaltanzvergnügen.
Tanzen! Ei Tanz, du wonniger Schwindel der Sinne, wer dir gram ist, hat wohl gehüpft, aber doch nicht getanzt und nie das unbeschreibliche Losgelöstsein von Schwere und Beschwerde, dessen zwei Tanzende sich zugleich erfreuen, empfunden. Freilich berührt die Spitze des Fußes den Boden und engen die Wände den Saal ein, und doch ist es, als wenn die Erde zurückwiche, und in endlosem Raume wahrhaft Glückliche dahin schwebten. Wer die vergänglichen Minuten des Leidbefreitseins in der Tanzvergessenheit kostete, den gelüstet es nach mehr, und da Ballgeselligkeit auch sonst noch allerlei bringt, selbst für das behäbige Alter, so ist und bleibt ein Ballfest das Fest der Feste. Wenigstens für Einige. Andere denken anders.
Mutter Lahmann war für die Wohlthätigkeit. Warum auch nicht? Balltoiletten werden auf Sylt geschont, man kommt zwanglos zusammen, erlustigt sich ungezwungen, es bedarf keines Zulässigkeitsnachweises, keiner außerodentlichen Einführung. Jeder hat sich selbst zu verantworten und die Badedirektion das Ganze.
Die Hauptsache war, daß die Doktorengrube vollzählig vertreten sein würde, da Schnellbeinchen die klavierspielerische Begleitung einiger mitwirkender geschätzter Kur-Tenöre und Baritöne so wie, wenn’s Nöthigen kein Ende nähme, die Draufgabe einer Einzelleistung auf den Tasten zugesagt hatte. Somit war die Grube auf Familienbeifall verpflichtet und Keiner durfte Verhindernisse erfinden. Das Kind übte bereits in einsamen Dünenschluchten begeistertes Händeklatschen, womit es vorläufig jedoch nur die Möven wild machte. –
Man sah sich täglich, sprach mit einander, ward sich gewohnt und fühlte sich als kleinere Zusammengehörigkeit in der großen Badegesellschaft: Lahmanns nämlich und die Grube. Herr Lotz und Herr Brömmer bildeten, beiden Partheien gleichwerthig zugetheilt, die verbindende Gesellschaftsklammer.
Pienchen und Hille würden Tänzer haben. Aus Tänzern werden sehr häufig Bräutigame. Alle Bälle, Tanzthee’s. Ausfahrten, Schlitten- und Eisvergnügungen, Liebhabertheater, lebende Bilder und Nothhilfsbazare, alle Musik- Mal- und Singstunden, alle angeschwollenen Rechnungen bei Seidenhändlern, Putzmacherinnen, Schneiderinnen, alle Nußtorten, Erdbeerbowlen, – sagte einmal ein Weltweiser – sind Räthsel, auf ein und dieselbe Auflösung gedreht. Wer bei irgend einer Nummer dieses durchaus unvollständigen Registers nie und nimmer an etwas wie „Bräutigam“ gedacht hat, darf den ersten Stein auf Mutter Lahmann schleudern. Warum denn soll Töchterlein glänzen? – Um begehrt zu werden.
Also nur nicht heucheln.
Mutter Lahmann heuchelte allerdings, jedoch nicht in Bezug auf ihre Töchter, sondern auf sich selbst. Sie ward von Tage zu Tage süßer, als sollte was kleben bleiben. „Liebes Hillichen,“ sagte sie und „liebes Pienichen“, als Jemand zugegen war, „Seht doch mal, der kleine Hündchen eßt Gras!“
Und schaudervoll, höchst schaudervoll: bei jeglicher, noch so unpassenden Gelegenheit konnte man in der Doktorengrube hören: „Liebes Hillichen, liebes Pienichen, seht doch mal, der kleine Hündchen eßt Gras,“ und jedesmal wollte die Genossenschaft sich krümmen. War jedoch Herr Brömmer anwesend, ward nur angedeutet: „Seht doch mal“, und das über die schlecht verhehlte Lachlust unsicher nach Aufklärung um sich schauende Skelett erhöhte nur das Vergnügen der Spötter.
Das waren die Tanzherren, auf die Mutter Lahmann hoffte.
Hille sagte: „Mir ist es gleichgiltig, ob ich tanze oder nicht. Vielleicht mit Herrn Dr. Haller, der gefällt mir am Besten.“
„Das wird mein Ballherr!“ sagte Pienchen.
„Aber Dr. Haller ist der niedlichste.“
„Niedlich? Bei der Länge?“
„Der hübscheste und angenehmste.“
„Dr. Addison ist auch nicht übel.“
„Lieber noch Dr. Sattler.“
„Der thut so von oben herab.“
„Und Herr Runft?“
„Viel zu alt.“
„Kinder streitet nicht,“ warf die Mutter dazwischen. „Sie sind alle standesgemäß und Einer so gut wie der Andere, wenn er mit soliden Absichten antritt.“
„Vielleicht auch Herr Brömmer?“
„Der hat feste Anstellung und sicheres Gehalt.“
Hille lachte verächtlich, Pienchen rümpfte die Nase.
„Was ha – habt Ihr? Ist er Euch nicht gut genug?“
„Ich bitte Dich, Mama . . . das Skelett!“
Und beide lachten aus vollem Halse.
„Lahmanns sind heute herzensvergnügt,“ dachte Eschels Meike, als sie über den Flur ging. –
Herr Kollaborator Brömmer schloß sich immer enger an Herrn Lotz. Er fühlte sich am wohlsten, wenn er mit dem dicken frohlaunigen Kapitän hinaus lustwandelte, sei es, dem Strande folgend, an dem schäumenden Meere entlang, oder in die blühende Haide hinein, nach den Thinghügeln, nach dem Lornsenhain oder weiter nach den Vogelkojen. Dann schüttete er sein Herz aus.
„Warum gehen Sie nicht so oft mehr nach der Doktorengrube?“ fragte Herr Lotz, „Haben Sie sich erzürnt?“
„Erzürnt? O nein. Aber nicht immer kann ich gleicher Meinung mit Herren sein, die, anderen Prinzipien huldigend, zumal die Humaniora den Realien nachsetzend, in ihrer Rede nicht stets solche Mäßigung walten lassen, wie sie denen vom Geiste des Griechenthums Durchdrungenen eigen. Bias, jener Weise der Vorzeit, überschickte dem Könige Amasis, der ihm befohlen hatte, das Beste und das Schlechteste des Opferthieres zu senden, ausgeschnittene Zungen . . .“
„Ochsenpökelzunge mit Grünkohl ist auch nicht das Schlechteste!“ entgegnete Herr Lotz. „Und da Kartoffeln zu.“
„Bias wollte hierdurch metaphorisch zu verstehen geben, daß die Rede sowohl den meisten Nutzen , wie den meisten Schaden stiften könne. Dies mag hinreichen, meine Ansicht über die Genannten darzulegen.“
„Sticheln thun sie, darin gebe ich Ihnen Recht. Aber wie mir Einer kommt, so komm’ ich ihm wieder, und das Alles in größter Ordentlichkeit. Allerdings nur bei gebildeten Leuten. Mit Pöbel natürlich springt man nicht so sanft um. Es giebt ja Leute, da läuft die Bildung wie durch’n Trichter hindurch. Das sind denn Buttjes und bleiben Buttjes. Und solche Leute wollen heut zu Tage mitsprechen und mitregieren. Sehen Sie, wenn Einer ein Testament machen will, geht er zum Notar, will Einer bauen, zum Baumeister, hat Einer einen Prozeß, zum Advokaten, dazu gehören Kenntnisse, die nicht Jeder hat. Aber wie der Staat regiert werden muß, das glaubt jeder Dösbattel zu wissen, und wenn er nur tüchtig schreit, glauben Viele, er verstände es wirklich, Und Jederein verlangt, daß auf ihn gehört werden soll. Wenn auf dem Schiff der Kapitän im Sturm erst die einzelnen Matrosen fragen will, was er thun soll, das wäre hübsch. Eh’r der Letzte seinen Tüder von’n Stapel gelassen hat, ist das Schiff in’n . . . in’n Ocean.“
Die Politik der Jetztzeit überlasse ich unserem Mathematiker, der auf der Universität sowohl Cameralia gehört, wie auch Statistik getrieben hat,“ entgegnete Herr Brömmer. „Von ihm erfährt man das Wissenswerthe. Alle stimmen wir darin mit ihm überein, daß eine Aufbesserung der Gehälter sowohl, wie auch der Pensionen die erste Aufgabe des Staates sei. Auch entwickelt er die herrschende Unzufriedenheit logisch aus ihren Ursachen mit Hinzuziehung verwickelter algebraischer Formeln . . .“
„Dazu gebraucht er keine Algebra,“ fiel ihm Herr Lotz ins Wort. „Sehen Sie, wenn man eben meint, nun wird die Welt vernünftig und sieht ein, daß sie mit Zufriedenheit weiter kommt, als mit der ewigen Unzufriedenheit, dann ist es wieder nichts. Es werden immer wieder neue Dumme zugeboren, und die verderben den ganzen Kram. Daran liegt es.“
„Sie haben in diesen Dingen Erfahrungen, denn Sie umsegelten den Erdkreis. Meine Welt sind die Sprachen der Griechen und Römer. In diese immer tiefer einzudringen, zu forschen, wie sie entstanden, wie sie theils durch fremde Einflüsse metamorphosirten, theils durch ihnen selbst eingeborene bestimmende Gründe, dazu bedarf es enormer Arbeit und durch fern abliegende Gegenstände ungestörter Konzentration. Wollte Jemand alle Ausgaben des Cicero auf Varianten, namentlich aber auf Druckfehler mit einander vergleichen, zehn Jahre seines Lebens müßte er willig opfern. Es ist ein erhebendes Gefühl, eine verdorbene Lesart richtig gestellt, einen Druckfehler entdeckt zu haben, der in Säculis als solcher nicht erkannt wurde. Leider giebt es deren nur noch wenige. Aber sie führen zum Ruhm. Für einen solchen Druckfehler gäbe ich ohne Wimperzucken ein Jahr meines Lebens. Noch mehr.“
Herr Brömmer machte große runde Begeisterungsaugen, - Herr Lotz entsetzte sich schier.
„Das lobe ich mir, wenn Jemand sich so für seinen Kram aufwirft, aber mit seinen Lebensjahren muß man deshalb nicht riiw sein.“
„Riiw?“ fragte Herr Brömmer.
„So sagen wir für gewöhnlich plattdeutsch. Wenn zum Beispiel Eine mit’n halb Pfund Butter auskann und nimmt’n Pfund Butter ans Essen und es schmeckt doch nirgends nach, das ist riiw.“
Herr Brömmer sann einen Augenblick. „Ich verstehe,“ rief er froh, „Griechisch wäre es etwa Butyranalotes.“
„Die Herren Gelehrten müssen sich wohl das Deutsche immer erst ins Griechische übersetzen, damit sie es klug kriegen?“ fragte Herr Lotz. „Sonst sehe ich nicht ein, wozu es nützt.“
„Ohne Kenntniß des Griechischen kann doch Niemand wissen, was zum Beispiel Telephon heißt.“
„Oha. Wenn wir Fernsprecher dazu sagen, bleibt es doch ganz dasselbe. Mir ist blos unklar: woher lernten die Griechen das Griechische, wodurch sie so hochberühmt geworden sind?“
„Nun . . . Aus sich selbst.“
„Merkwürdig, daß wir so etwas nicht können, daß wir immer andere Völker nachmachen. Seh’n Sie, deshalb liebe ich mein Plattdeutsch so: es ist weder von den Griechen her, noch von den Römern, sondern von meiner Mutter, und nicht mit Fremdwörtern verschmiert, wie das Hochdeutsche. Deutsch versteh’ ich , aber wenn ein Advokat, ganz besonders so’n neunkluger Hamburger, hochdeutsch spricht, das ist mehr krummellateinisch als verständlich. Wie mancher Mensch könnte sich einen Anwalt sparen und sich selbst vertheidigen, aber versteht er das Gerichtshochdeutsch? Nein, und deshalb muß er bezahlen. Und wo lernen sie solches Deutsch? Auf den Gymnasi.“
So schalt Herr Lotz. Herr Brömmer hielt es für seine Pflicht, den Vorwurf abzuweisen.
„Auf den Gymnasien wird die Gymnastik des Geistes geübt; ohne Deklination, ohne Konjugation der alten Sprachen, ohne die grammatische Schulung des Verstandes bleiben die Menschen Barbaren. So viel über den Werth der Lyceen.“
Sie waren bei den Thinghügeln angelangt. Aus der haideroth blühenden Ebene erhoben sich haideüberwucherte Kuppen, sichtlich von Menschenhand in grauer Vorzeit aufgeworfen. „Hier kamen die Sylter dreimal im Jahre zusammen,“ sagte Herr Lotz, „um Recht zu machen und Recht zu sprechen ohne jeglichen Advokaten, ohne jegliche Deklination. Sie beriethen Gesetze, wie sie für diese Insel paßten, für Leute, die mit der Fluth und dem Triebsande zu ringen haben. Wenn hingegen Studirte aus den Gymnasii für hier Gesetze machen, dann wird es dummes Zeug, gerade so wie mit dem Pastor, der prachtvoll Griechisch und Lateinisch auf der Kanzel konnte, . . . aber wie ging das Menschenkind mit dem Rothwein um?“
„Ich hatte ihm, als ich noch fuhr, ein Oxhoft Bordeaux besorgt, billig und schön. Wie er das Geld bringt, sagt er, der Wein wäre allerdings ausgezeichnet, hätte jedoch einen mit dem Alter zunehmenden Beigeschmack, ob ihm dafür an dem Preise ein Theil erlassen werden könnte? Wie ich nun die mitgebrachte Flasche probire, sieht der Wein schon beim Einschenken ganz flöhmig aus und natürlich . . . nicht zu trinken. „Herr Pastor,“ fragte ich, „die Proppen haben wohl nicht getaugt?“ – „Proppen?“ fragt er. – „Jawohl, Proppen,“ sage ich. – „Proppen haben wir nicht gebraucht,“ – „Na, kurz und gut, hatten der Pastor und seine junge Frau den Wein in Milchgüsse und in die leeren Schwarzsauertöpfe gefüllt und mit Packpapier zugebunden.“ – Herr Lotz nahm den Kollaborator fest aufs Korn und blickte ihn durchdringend an: „Seh’n Sie, solche Leute nenn’ ich Barbaren.“
Herr Brömmer schlug betroffen die Augen nieder. „Und nun frage ich Sie, wo hinein würden Sie den Wein kriegen?“
Herr Lotz stand oben auf dem Thinghügel, und der Kollaborator – er hatte einen Meter tiefer Fuß gefaßt – stand wie ein Angeklagter vor seinem Richter.
„Nochmals frage ich – wo – hinein – würden – Sie – den Wein kriegen?“
„In Schläuche,“ antwortete Herr Brömmer.
„Oha! In Bou-ti-lien gehört er, in Butelljen, in richtige Buttels.“
„Homer kennt nur Schläuche . . .
„Herr Brömmer, die Schläuche sind für die Gymnasii am Ende recht gut, zum Lernen und so, aber für unsere Verhältnisse nutzlos. Herr Brömmer, Sie müssen eine praktische Frau haben, eine sehr praktische Frau, sonst sind Sie in . . . in Verderbniß. Wie ist es mit den Lahmann’s Töchtern? Haben Sie schon so’n Bischen Ovid gespielt?“
Das Skelett erröthete. Da es stark sonnenverbrannt war, sah es aus wie ein im Öldruck zu schwartig gerathener Indianer. „Schön ist er nicht,“ schoß es Herrn Lotz durch.
„Die Jüngere . . . „ stotterte Herr Brömmer.
„Ist die mojeste . . .“
„Weicht jeder Annäherung aus.“
„Und die Ältere?“
Ist wohl ein wenig zu gelehrt für mich.“
„Das gewöhnen sie sich nach der Hochzeit ab. Solche zum Beispiel, die vor der Heirath das Klavier den ganzen Tag stäkern, gehen nachher nicht in Konzerte, o nein, sondern wo es die schönsten Butterbröde giebt. Was wollen wir wetten? Die liebe Ihrige holt auch nach und macht es ebenso und staut die ganze Gelehrsamkeit auf Nimmerwiedersehen weg.“
„Ich hatte von Anfang an wenig Hoffnung, ich . . . ich habe kein Glück bei den Damen.“
Das Skelett sah bei diesen Worten so aufrichtig trübselig aus, so hilflos verloren, daß der Kapitän es nicht über’s Herz bringen konnte, ihm zu verdeutschen, warum und weshalb.
„Ich sage Ihnen, sie eignet sich wunderbar für Sie. Nur nicht schüchtern, graden Kurs halten, und dann voll Steam. Meine Frau, sie hatte ja das Geld und ich war noch blos Steuermann – aber wie kriegte ich sie? Mein Rheder gab ein Gartenfest – wir waren mit einer Volladung Indigo von Singapore ohne Havarie angekommen . mit Papierlaternen und Ballschampeter im Freien, und feine Getränke. Courage hatte ich damals bannig, ich also auf sie zu, zum Zweitritt engagirt, feste um die Talje und los. Als wir später verheirathet waren, hat sie mir oft gesagt: Krischan . . . sagte sie, ich war gleich ganz weg! So machen Sie es auf dem Wohlthätigkeitsball, verstehn Sie. Ich will mein Leben über Seegras rauchen, wenn das nicht verschlägt.“
„Ich soll tanzen?“ fragte das Skelett tonlos.
„Jawohl,“ schrie Herr Lotz ärgerlich. „Tanzen, und so geht der Zweitritt.“
Der Kapitän faßte das Skelett und zog es im Tanzschritt oben auf dem Thinghügel herum. „Himmel Donnerwetter, Sie müssen zählen: Eins, zwei – eins, zwei – eins, zwei – den andern Fuß zuerst. Sehen Sie, Sie kommen schon dahinter. Eins, zwei!“
Nächtlicher Weile soll es auf den Thinghügeln spuken; jetzt spukte es am hellen lichten Nachmittage.
Ein Glück, daß die Quintaner den Anblick nicht genossen, wie ihr Kollaborator von dem dicken Kapitän Tanzstunde bekam und wie gelenksteif er sich dabei hatte.
Er wäre für immer drunter durch gewesen.
Neuntes Kapitel.
Hille blühte wie eine der Sylter Rosen, die am besten heimlich gedeihen. Unter dem Schutze eines Hauses, einer Mauer, eines Erdwalles oder Holzzaunes können sich Bäume und Sträucher auszweigen, jedes Ästlein, das über den Schutz hinausstrebt, wird vom Weststurm erfaßt. Der Wind biegt es, der mit daher sausende Sand zerfetzt die Blätter und tödtet die Knospe lang vor dem Erwachen. Was aber geschützt erblüht, das prangt und duftet doppelt köstlich, und so auch die Rosen von Sylt.
Nicht auf Wegen und Stegen darf man sie suchen, nicht an der Straße, Allen zu gefallen; an das Haus geschmiegt erwächst sie, die liebliche Genossin der Familie.
Hille blühte, denn auch sie hatte Schutz gefunden, Schutz vor dem erkältenden Hauche aussichtslosen Lebens, vor den schneidenden Sorgen um die Zukunft. Noch hatte sie nicht gelitten wie Pienchen, nur unbestimmtes Bangen erfaßte sie, wenn sie der Schwester Klagen und Anklagen vernahm. Klagen über die erbärmliche, freudlose Gegenwart, Klagen über das trostlos Kommende, Anklage gegen das Schicksal, das Allen, Allen Glück spendete . . . . Allen, nur ihr nicht. Hille war noch zu jung, um das Leben in seinem vollen Ernst zu begreifen, noch erschien es ihr Spielzeug, wie die Jahre der Kindheit, noch fürchtete sie sich nicht wie Pienchen vor dem Gespenste der zu erwartenden Tage. Und doch fühlte auch sie ahnend den Druck, unter dem Pienchen ermattete, er beschlich sie wie das Luftgift einer ansteckenden Krankheit, gegen deren Ausbruch sich ihre gesündere Natur wehrte, wenn auch auf Kosten des jugendfrohen Gedeihens.
Nun aber war alle Sorge machtlos an ihr, der graue Schleier der Zukunft war lichtes Morgenroth geworden, dessen verheißender Widerschein Hilles Wangen färbte, als wären sie schwellende Knospen Sylter Rosen.
„An Ihnen Fräulein, sieht man, wie Sylt gut thut,“ sagte Eschels Meike. –
Ei, dumme Meike, das hatte ja der Brief auf dem angebrannten Papier gethan.
Niemals kamen so viel Briefe auf angebranntem Papier nach Westerland als in dieser Zeit, die Adresse mit schöner kaufmännisch angeleiteter Handschrift geschrieben, das H in Hille mit besonderem Schwung. Der letzte Brief jedoch war von Minna und auch nicht postlagernd, wie sonst einer der mit schöner Aufschrift, wie gestochen. „Liebe Hille,“ schrieb sie zum Schluß, „ich freue mich sehr, daß Du zum Ball gehen wirst. Mein Bruder sagt, wenn er da wäre, er würde nur allein mit Dir tanzen, liebe Hille, und, liebe Hille, er würde sein Wort halten. O, liebe Hille, wir zählen die Tage, daß Du kommst. Der liebe Gott segne Dich, liebe Hille, indem Du meinen Bruder so glücklich machst.“
„Ich werde mir den Fuß verstauchen,“ sprach Hille zu sich, „da merkt Mama nichts und Pienchen auch nichts.“
Daß Hille der Mutter sich nicht anzuvertrauen wagte, das hatte seine guten Gründe; was aber hielt sie ab, Pienchen ihr Glück mitzutheilen?
Eben das Glück.
Pienchen hatte wieder böse Stunden gehabt. Der Verkehr mit den Herren war ja angenehm, schon aus dem Grunde, weil es das Einerlei des auf sich allein Verwiesenseins unterbrach und die Bitterkeitsausbrüche der Mutter einschränkte. Aber ihr schien, als wenn die Herren ihren Kenntnissen, ihrem Wissen nicht mit gebührender Schätzung begegneten und, wie studirten Männern allgemein nachgesagt wird, auch sie als zu duckende Mitbewerberin auf dem Gebiet des geistigen Kampfes ums Dasein absichtlich nicht vollwerthig gelten lassen wollten. Den Doktoren hätte sie gefragten Falls großes Übergewicht zugestanden, dem Kollaborator wohl auf altsprachlichem Bereich, jedoch nie und nimmer in modernen Fächern die Herrschaft eingeräumt. Wie aber konnten der Maler und Herr Runft sich erdreisten, als Unstudirte ebenso von oben herabzublicken, wie die Studirten? Wie sollte sie über Himeyer denken, der sie gebeten, ihm historische Stoffe suchen zu helfen, da er auf der Schule in Geschichte „ungenügend“ erhalten hatte? War das Ernst gewesen? Und neulich – das Gespräch gerieth auf das Wachsthum der Pflanzen in dem weißen Seesande – als sie Alles sagte, was Herr Wergheim über Liebig vorgetragen, von den Nährbodensalzen und daß man Bohnen mit weichem Wasser kochen müsse, weil sie Kalk enthielten, der schädlich auf die Knochenbildung einwirke, hatte Herr Runft gefragt, ob sie Luzerne für geeignete Vorfrucht vor Weizen hielte oder Rapssaat? Was wollte er mit solcher Aufgabe, von der er voraussetzen mußte, daß sie einer Lehrerin, selbst einer mit ersten Zeugnissen, zu fachmännisch sei? Wollte man sich über sie lustig machen?
Und die Mutter, die Mutter! Wie mißhandelte sie den Dativ, wie wenig schonte sie den Accusativ, wenn sie sich rechtes Ansehen geben wollte. Und wie peinlich, wenn sie die Vorzüge ihrer Töchter zur ungelegensten Zeit rühmte.
„Pienchen kann so ziemlich alle Sprachen,“ hatte sie gesagt, „die sie nicht kann, garnicht mitgerechnet.“
Dr. Addison hatte gerufen: „Seht doch mal.“ Darauf hatten die Übrigen sich abgewandt, Heiterkeit zu verbergen. Es war rücksichtslos von Dr. Addison . . . sie haßte ihn.
Und was sollte es bedeuten, daß Dr. Haller ihr stets und stets versicherte, Herr Kollaborator Brömmer sei ein herzensguter Mensch, dessen Trefflichkeit bei näherem Umgange sicherlich zum Vorschein kommen werde, ein bescheidener Mann, der nur der Aufmunterung bedürfe, um seine etwas kleinstädtische Zurückhaltung abzulegen. Was sollte das bedeuten? Nein, nein, keine Antwort auf diese Frage! Es überlief sie siedendheiß.
Wäre doch nur ein Wesen, dem sie ihre Zweifel, ihre Besorgnisse offenbaren könnte, ein Wesen, das wahr gegen sie wäre, wahr, nur wahr.
Keiner war aufrichtig gegen sie, Keiner. Allerdings die Mutter war aufrichtig, grausam aufrichtig.
„Wenn Du nun nicht recht gesund wirst?“ fragte sie.
Pienchen schwieg.
„Wenn Du das Stundengeben nun nicht vertragen kannst?“
Keine Antwort.
„Du bist dickköpfig. Du erzürnst Dich mit Deinen Herrschaften und dann ist’s aus!“
„Ich gehe nur zu wirklich gebildeten Leuten.“
„Geh man! Wenn Du meinst, die Stellen sind zum Aussuchen vollauf, da irrst Du Dir, mein’ Dochter. Hunderte jampeln nach Stellen; meinst Du, ich hätt’ mich nicht erkundigt? Und hast Du Empfehlungen? Hast Du Zeugnisse von zufriedenen Familien? Und was verdienst Du? Eine perfekte Köchin kriegt mehr.“
„Mutter! Mutter!“
„So ist es!“
„Warum kommst Du mir jetzt damit? Warum nicht früher?“
„Weil ich mich auch erst belernt habe, und weil ich bis heute vergeblich nach einer Stelle für Dich in den Zeitungen gesucht. Überall ist es nichts. Die Briefe kannst Du selbst lesen: einer ist wie der andere: Spottgehalt.“
„Ich schränke mich ein . . . “
„Ja, Kind, wenn Du gesund wärst wie Eine vom Lande, dann wollte ich nichts gesagt haben. Aber die Gedächtniß-Anstrengung mit dem Examen – wo Du so mächtig schwach nach geworden bist – das mußt Du doch einsehn, Pienchen! Das Schriftliche macht klapprig. Kind, bedenke doch, wenn Du im fremden Hause nicht weiter kannst, und sie stoßen mit Dir herum, wie mit’n gesplissenen Mineralwasserkrug . . “
„Mutter!“
„Kind, weine nicht; ich will ja nur Dein Bestes. Du machst Dir nichts aus Heirathen . . . ich zwinge Dich nicht, gewiß nicht. Wenn aber Einer um dich anhielte und Du weist ihn ab, schieb’ nicht die Schuld auf mich, wenn Du’s hinterher bereust. In der Ehe muß man sich an sein Glück gewöhnen, das ist mal nicht anders. Aber Du willst ja nicht.
Pienchen schüttelte verneinend das Haupt. Sie war kraftlos zusammengebrochen. Ihre Träume von Selbstständigkeit waren verschwunden. So hinfällig war sie jetzt, so hinfällig, daß sie zu Allem Ja und Ja gesagt hätte, was von ihr verlangt worden wäre.
„Mutter, lege Deine Hand auf meine Stirn, mir will der Kopf zerspringen.“
Die Mutter that also, wie die Tochter bat. Pienchen schloß die Augen; unter den müden Lidern quollen Thränen hervor, schwere, langsame Thränen.
Leise setzte sich die Mutter zu Pienchen auf das Sopha. „Lehne Dich an, mein Pienchen.“ Gehorsam, wie ein kleines Kind, folgte die Tochter und barg das bleiche Antlitz an der Mutter Brust. „So ist es gut,“ flüsterte sie, „gut, wie bei Onkel Chlotar.“
“Hätte der an seine Verwandten gedacht,“ seufzte die Mutter, „alle Noth wäre uns erspart, dann hätten wir zu leben. Sieh’, Pienchen, wenn Du Dich doch einmal auswärts versuchen willst, da ist Frau Kapitän Lotz, die wünscht ein junges Mädchen um sich zu haben, als Gesellschafterin und so, das wäre vielleicht ein Posten für Dich. Gute Verpflegung und wenig Arbeit; mehr aus Freundschaft. Was meinst Du, Pienchen? Gingst Du wohl mit ihr nach Hamburg?“
„Und von Hamburg nach England,“ flüsterte Pienchen. „Das wäre ein Anfang. Ja, Mama, das möchte ich.“
Und neu belebt von Hoffnung, erholte Pienchen sich gar rasch. Gleich wollte sie zur Kapitän Lotz.
„Morgen Kind, morgen; ich mach’ erst Alles in die Reihe.“
„Morgen erst? Nun hab’ ich nicht mehr die Freude daran. Erst morgen.“
Frau Lahmann und Frau Lotz hatten Kaffee-Freundschaft geschlossen. Die zugluftscheue Kapitänin fand die Berlinerin zu nett zum Klöhnen. Für wen setzte sie denn auch Nachmittags ihre Wehbänderhaube auf, wenn nicht für Besuch?
Kam Frau Lahmann, gab es reichlich Kaffee und reichlich Kuchen; ließ sich die eine oder andere Bekanntschaft dazu anmelden, gab es auch Eingemachtes und Frau Lotz prangte in dem schweren schwarzen Ripskleide, hatte die lange dicke goldene Uhrkette angelegt, die massiven Armbänder und die theuerste Haube mit den echten Blonden und breiten lichtrothen Moireebändern auf. Sie war dann prachtvoll, wie ein Ladenfenster in der Weihnachtswoche.
Obgleich Frau Lotz nie ausging, war sie dennoch von Allem unterrichtet, was vorfiel. Welche von ihren Bekanntinnen etwas Neues erfuhr, eilte, die Süßigkeit der Erstmittheilung zu schlecken, das Erstaunen der Überrraschten als Botenlohn einzuheimsen, und wie Elias von den Kolkraben mit Brod, ward Frau Lotz von den Klatschkrähen mit Neuigkeiten gefüttert. Ihre regelmäßige geistige Speise entnahm sie jedoch den Zeitungen, zumal des Morgens, wenn die Tagesblätter eben so frisch waren, wie die Semmeln. Nur war das Leiden, daß die Augen nicht recht wollten . . . es mußte Zug darauf geschlagen sein. Bei ihr kam Alles von Zug.
„Die Augen muß man schonen,“ sagte die Lahmann. „Wenn Sie wüßten, liebe Frau Kapitän, wie schön mein Pienchen vorliest . . . “
„So? Kann sie das?“
„Darauf hat sie Examen abgelegt. Pienchen macht sich ein Vergnügen daraus . . .“
„Es zucht hier so auf’n Sylt, meine Nerven bebern manchmal ordentlich . . “
„Sie müßten Jemand haben, zur Gesellschaft.“
„Mein Christian meint es auch. Aber weiß man, was man für eine kriegt?“
„Ich werde mich für Sie umsehen, liebe Frau Kapitänin.“
„Auf gutes Lohn und Geschenke soll es mir garnicht ankommen. Wir haben es ja dazu.“
Nun sollte Pienchen bei Frau Lotz etliche Stunden des Tages angehende Gesellschaftsdame versuchen. Das klang standesgemäß: Gesellschaftsdame. Die Mutter aber dachte: „Bei reichen kinderlosen Leuten, wie Tochter im Hause. – Nur entfernte Verwandte als Erben. – Da liegt Musike drin.“
Zehntes Kapitel.
„Eine Stellung!“ sagte sich Pienchen, als sie, die reine Morgenluft athmend, zur Frau Kapitän wandelte und einen Umweg machend den vorgeschriebenen Kur-Spaziergang erledigte. „Endlich eine Stellung! Gesellschaftsdame ist leicht und viel angenehmer als Zöglinge unterrichten. Man genießt das Leben ebenso, wie die Dame, bei der man weilt, wird ebenso von den Dienstboten geachtet, hat Unterhaltung, Theater, Ausfahrten, Reisen; das ist gerade, was ich mir wünschte.“
Auf dem einsamen Dünenwege traf sie der Indier.
Herr Steinbach grüßte höflich und fragte, wie neulich der Ausflug nach Rantum bekommen sei?
„Uns recht gut,“ erwiderte Pienchen schnippisch. „Ihnen hoffentlich auch, die Herren waren ja sehr lustig unterwegs.“
„Das waren sie,“ entgegnete Herr Steinbach.
Pienchen schwieg betroffen. In der Antwort lag es wie Vorwurf und wie Mitleid zugleich. Galt der Vorwurf ihr? Wem galt der bedauernde sanfte Ton der Stimme? Auch ihr?
Sie schritten eine Strecke langsam neben einander.
Warum sprach er nicht? Hatte sie ihn verletzt? Warum ging er nicht seines Weges? Sie schenirte sich umzukehren, sie wollte vermeiden, ihn anzusehn.
„Ihnen mißfällt meine Begleitung? Fragte er.
„Nein, nein!“ stotterte sie – Woher wußte er ihre Gedanken?
Ich traf Sie noch nie in dieser Gegend,“ sagte er ablenkend, „die Haide ist auch nicht so anziehend wie der Strand. Und doch wandere ich hier hinaus fast täglich, kaum weiß ich einen mir lieberen Fleck Erde.“
„Sie, der Sie die Palmenhaine gesehen haben und die Wunderblumen Indiens, finden an dieser Einöde Gefallen?“ fragte Pienchen ungläubig.
„Darf ich Sie zu meinem Lieblingsplatz führen? Ich möchte in Ihren Augen nicht gerne als Schelm dastehen oder als . . . angehender Tollhäusler . . Ich weiß, wie man über mich urtheilt . . . Fürchten Sie nichts.“
Sie schritten fürbaß in die feldgrüne Ebene hinein.
„Wir sind zur Stelle,“ sagte der Indier nach etlichem Wandern. Ein Stück Acker, von hohem Rasenwalle umzäunt, lag in der einsamen Haide. Über der Gitterpforte erhob sich ein schmuckloser Thorbogen aus schwarzem Holze. „Heimath für Heimathlose“ stand darauf geschrieben.
Der Indier öffnete das Thor. „Ein Kirchhof!“ rief Pienchen.
„Ein Friedhof,“ sagte der Indier, „eine Stätte des Friedens. Kommen Sie?“
Er blickte sie mit den dunklen Augen an; widerstrebend folgte Pienchen..
„Keiner weiß, wer hier ruht,“ sprach der Indier, auf die Reihen der Gräber deutend. „Die Namenlosen trug das Meer an die Insel. Wer sie aufnahm, das war erbarmende Liebe. Wo selbstlose Liebe erblüht, verblassen die Wunderblumen der Tropen. Verstehen Sie jetzt, warum dies der Ort ist, an dem ich gern verweile?“
„Nein.“
Herr Steinbach schwieg. Er führte Pienchen zu einem grauen Granitblock an dem Ende der Gräberreihe, auf dem Worte eingemeißelt waren. „Diesen Denkstein errichtete Rumäniens Königin den Heimathlosen,“ sprach er. „Lesen Sie!“
Abermals gehorchte Pienchen.
„Ja,“ sagte sie, nachdem sie gelesen, „Unfall und Herzeleid ist genug auf der Erde, aber ein Jenseits giebt es nicht, das hat die Spektralanalyse bewiesen. Alle Gestirne sind brennende Gase, nirgends kann Leben bestehen.“
„Armes Mädchen,“ rief Herr Steinbach. „Armes Mädchen!“
„Mein Herr!“ entgegnete Pienchen, “ich wüßte nicht, womit ich Ihnen Anlaß gegeben hätte, mich zu bedauern. Übrigens bin ich kein Mädchen, sondern Gesellschaftsdame.“ Mit einer patzigen Verbeugung nahm Pienchen Abschied und eilte Westerland zu. Es war mittlerweile Zeit geworden, die Stellung anzutreten.
Herr Steinbach blickte ihr lange nach. Als sie verschwunden war, wandte er sich gen Sonnenaufgang. Seine Gedanken spannten hinüber bis zum fernen Osten.
„Meine weisen Lehrer,“ sprach er, „warum wecktet Ihr mein geistiges Schauen? Daß ich Heimathlose lebend um mich sehe und die Qual erleide, ihnen den Pfad nicht zeigen zu können, den Ihr mir wieset? Den Weg vom Tode zum Leben, den die Sonne Eurer Weisheit hell beleuchtet, daß der blöde Verstand ihn ersieht? Muß ich also leiden zur Läuterung, daß ich Kraft gewinne zum Bekennen, wie Ihr bekennt?“
Er kreuzte die Arme über der Brust, sein Haupt neigte sich ein wenig nach vorne; halb schlossen sich die Lider, regungslos verharrten die Züge des Antlitzes.
Lerchen schwirrten in der Luft, er hörte nicht den jubelnden Gesang; das Tosen der Brandung scholl herüber, er vernahm nicht das Brausen; aus den blühenden Feldkräutern zogen die Strahlen der Sonne würzigen Hauch, er spürte ihn nicht; er stand in sich versenkt. –
Pienchen beschleunigte ihre Schritte. „Ein anmaßender Mensch,“ dachte sie über Herrn Steinbach, „seinetwegen komme ich zu spät. Und ich hatte Recht: überall hat die Wissenschaft die doppeltkohlensaure Natronlinie entdeckt, ein Jenseits ist lächerlich. Herr Wergheim sagte einfältig lächerlich.“ –
Frau Lotz lag auf dem Sopha. In ein schwarz und weiß gestreiftes Wollengewand gekleidet, sah sie wie ein preußisches Schilderhaus aus, ebenso hölzern und ebenso strenge. „Ich habe schon eine halbe Stunde gewartet, rief sie der Eintretenden entgegen. „Liebes Fräulein, wenn man konditionirt, gehört es sich, präzise zu sein. Na, weil es das erste Mal ist, wollen wir es hingehn lassen.“
Pienchen wollte erwidern: es ist auch das letzte Mal, aber sie beherrschte sich. Sie mußte die Stellung behalten, mit ihr standen oder fielen alle Pläne für die Zukunft. Sie mußte die Gegenrede zügeln, so schwer es ihr ward.
„Nehmen Sie ab, Fräulein, aber draußen. Und Fräulein, nicht wahr, Sie treten ein bischen leiser auf? Meine Kopfgicht muß Zug gekriegt haben, jeder Schritt dröhnt mich. Herrjeh, Sie lassen ja die Thür aufstehn!“
Pienchen schloß die Thür. War das die süße Frau Kapitänin vom Kaffeetisch? Und die durchgeathmete Luft drinnen im Zimmer. Stimmte das mit dem Bilde, das sie sich von einer Gesellschaftsdame entworfen hatte? – Nein.
„So!“ befahl Frau Lotz, als Pienchen wiederkam, „nun setzen Sie sich man her und lesen mir vor. Das Politische ist für meinen Mann, ich halte mich an den Tagesbericht, der ist immer so schön. Haben Sie ihn?“
„Ja!“
„Denn man zu.“
Pienchen begann: „Ein gräßlicher Raubmord wurde im Wirthshause des Dorfes Polulanka . . .“
„Wie heißt das Dorf“?
„Pohulanka.“
„Mal’n komischen Namen. Wo es wohl liegt? Das schreiben sie nie dabei.“
„Pohulanka im Sluker Kreise,“ fuhr Pienchen fort.
„Na ja, da steht es ja. Wo mag das wohl sein, im Sluker Kreise? Ob es in der Nähe ist?“
„Ich glaube, in Böhmen oder Rußland.“
„Oh, dann thun sie uns nichts, dann ist es ja weit weg. Lesen Sie man weiter.“
„Im Sluker Kreise von einer Bande wohlhabender Bauern der Gemeinde Zavstrovicze verübt, welche gegen Mitternacht in das genannte Wirthshaus eindrangen und . .“
„O Gott, nun kommt es wohl, das Gräsen läuft mir schon über.“
„Und, mit Äxten bewaffnet . . .“
„Uh. So’n scharfes Beil geht mir immer durch und durch.“
„Den siebzigjährigen Pächter desselben, sammt dessen beiden Kinder . . .“
„Steht da nichts von der Frau?“
„Nein.“
„Die haben sie wohl schon früher mal todt gemacht, oder sie ist rechtzeitig gestorben, daß sie so’n Unglück doch nicht erleben sollte.“
„In grausamer Weise tödteten . . . Die Mörder hieben mit ihren Äxten den unglücklichen Greis und dessen Sohn förmlich in Stücke . . .“
„Nein, nein, hören Sie auf, das kann ich nicht aushalten. – Wo habe ich blos mein Taschentuch. Na, hier ist es. – In Stücke steht da, in kleine Stücke? . . . Wie wird es weiter?“
„Und als die kleine Tochter sich weigerte, ihnen den Ort anzugeben, wo das Vermögen des Vaters versteckt sei, schnitten sie ihr beide Hände ab . . .“
„Mein Gott, das arme kleine Mädchen . . . nein, wie mir das nahe geht. Beide Hände?“ Frau Lotz wischte die Augen. „Beide Hände?“
„Beide.“
Frau Lotz schluchzte. „Das arme Kind. Nicht mal’n Schilling Geld kann man ihr schenken . . . sie kann ja nichts anfassen. Ist es schon aus?“
„Ja.“
„Was kommt nun?“
„Der Verein zur Verbreitung Gesittung fördernder Volksschriften feierte gestern – “
„Ne, ne. Das wollen wir überschlagen. Die Vereine liest mein Mann, da haben wir Damen doch nicht so das Verständniß für. Was kommt nun?“
„Selbstmord,“ las Pienchen.
„Selbstmörder sind sehr Mode,“ sagte Frau Lotz. „Ist wieder Eine ins Wasser gesprungen?“
„Ja.“
„Stehn da Motiven bei?“
„Enttäuschte Hoffnungen.“
„Was war sie für eine?“
„Aus guter Familie.“
„Armes Mädchen,“ sagte Frau Lotz und weinte.
Pienchen sprang auf. Das Wort hatte sie erschreckt. Schon einmal vernahm sie es heut Morgen, und nun wieder. Furchtbares Wort: Armes Mädchen.
Es drängte sie hinaus ins Freie. Die Krankenzimmerluft widerstand ihr. Oder war es der Dunst, der aus der Zeitung aufstieg, der ekle Geruch nach Blut und Mord?
„Nun? . . . Ich meinte, Sie könnten so ausgezeichnet vorlesen? Ihre Frau Mutter erzählte es. Sie hat es auch wohl nur so gesagt.“
„Ich lese schon,“ entgegnete Pienchen und zwang sich:
„Zur Verrohung der unteren Schichten . . . .“
„Ja, das Volk ist fürchterlich roh. Wo es das blos einmal her hat? Es lernt doch Lesen grade wie wir. Aber das kommt, weil keine Bildung drin sticht. Gewiß ist schon wieder das Messer . . .“
„Ganz recht,“ sagte Pienchen mit Anstrengung.
„Lebendig aufgeschlitzt . . . .“ las Pienchen.
„O, Du Gerechter,“ rief Frau Lotz. „Wie ist sowas menschenmöglich? Liebes Fräulein, auf meinem Nachttisch stehen die Hoffmannstropfen; weißer Zucker ist in der blauen Tüte. Gießen Sie mir ein Paar Tropfen auf ein Stück, sonst komme ich nicht drüber weg.“
Pienchen ging, nahm ein Fläschchen, tränkte ein Stück Zucker mit dem Inhalte desselben und brachte es der Frau Lotz, die den Mund öffnete und die Augen schloß, wie man zu thun pflegt, wenn der Arzneilöffel anrückt.
Die stärkenden Tropfen hatten eine seltsame Wirkung. Frau Lotz spuckte mit aller Gewalt, verzog das Gesicht, verdrehte die Augen und rang nach Athem. „Wasser,“ gurgelte sie, „Wasser,“ – Pienchen erschrak heftig. Die Wasserflasche stand vor ihr, aber sie gewahrte sie in der Aufregung nicht, stürzte umher und suchte. „Wasser,“ krächzte Frau Lotz und deutete mit der Hand auf die Karaffe.
Jetzt sah Pienchen, schoß hin, und im selben Augenblick hatte sie das danebenstehende Trinkglas zerschlagen. Für solche Hast war es zu dünnwandig gearbeitet.
Da Frau Lotz sich immer beängstigender geberdete, ging Pienchen auf das Ganze und brachte ihr den Flaschenhals an den nach Hülfe schnappenden Mund. Ergebniß: eine nasse Sache, deren Mittelpunkt Frau Lotz war. Die Flasche blieb merkwürdigerweise heil.
Trotz ihrer Schwäche stand Frau Lotz plötzlich kerzengrade auf beiden Beinen. „Gott bewahre!“ rief sie voller Entrüstung. „Da kann man ja den Tod von haben. Erst giebt sie Einen flüchtiges Element ein und dann macht sie Einen platschenaß, wo meine Nerven nicht’n Spier Kaltes vertragen. Nun kann ich mich von Kopf zu Fuß umziehen.“
„Ich wußte nicht . . .“ stotterte Pienchen.
„Mein Gott, sind Sie denn so ungeschickt, daß sie flüchtiges Element und Hoffmannstropfen nicht von’n ein kennen? Die Tropfen sind belebend und das flüchtige Element, das stinkt und darf ja und ja nicht innerlich verwechselt werden, weil doch Gift zwischen ist.“
Pienchen half Frau Lotz beim Umkleiden. „Sie haben zu Hause wohl nie was angefaßt?“ fragte diese. – „Ich beschäftigte mich mit den Wissenschaften.“ – „Das merkt man gleich. Bei uns sagen sie: je gelehrter, je verkehrter. Mir ist all’ das Wasser in’n Rücken längs getrieben; das kann unmöglich gesund sein.“
„Ist das flüchtige Element sehr giftig?“ fragte Pienchen besorgt.
„Egitt, es smeckt so slecht, herunter hab ich nicht viel gekriegt. Das wird sich wohl inwendig ebenso vertheilen wie auswendig. Ich glaube aber, Sie haben viel mehr Talent zum Kinderwarten, als eine kranke Frau aufzupassen, bei Kindern kommt es da ja auch nicht auf an.“
Pienchen nickte stumm. In ihren Augen brannten die verhaltenen Thränen.
„Denn sehen Sie, ich kann Sie nicht gebrauchen, mir sind Sie zu unerfahren. Es war sehr unrecht von Ihrer Mutter, Sie zu empfehlen, die mußt Sie doch kennen. Das verdenke ich ihr. Das sagen Sie ihr nur. Unverantwortlich war es von ihr. Unverantwortlich! Und Ihr Lesen ist auch nicht weit her, Sie haben ja keine Brust dazu. Ich will lieber gleich nach’n Doktor schicken, daß er was für meine Nerven verschreibt. So hab’ ich Ihretwegen noch Kosten. Und wer bezahlt das Glas? Das sagen Sie Ihrer Mutter auch! So was ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen!“
Pienchen ging ohne ein Wort des Abschieds. Es summte ihr in den Ohren:
„Armes Mädchen!“
Und der Auftritt zu Hause. Die Mutter würde wüthen. Und die Leute! Was würden die Badebekannten sagen, denen die Mutter zu verstehen gegeben, daß ihre Tochter als „Gesellschaftsdame“ nach Hamburg ginge!
Böse Stunden!
Sie schlug den Weg zur Wohnung ein. Unter die fröhliche Menschheit am Strande wagte sie sich nicht, es mußte Ihr ja Jedweder ansehen, daß sie sich schämte wie ein Schulkind, das nachgeblieben, auf dem Heimwege sich schämt, als das einzige ränzelbepackte auf der Gasse. Stand ihr denn nicht auf der Stirn leserlich und klar: ungeschickt, unerfahren, unbrauchbar? Und so fühlte sie sich auch; sie kam sich selbst schwer und unbeholfen vor, als sei alle Spannkraft von ihr gewichen. Mühe machten ihr Gang und Haltung, Mühe machte das Sehen, obwohl ihr Alles gleichgültig war, was sie sah.
Aber die Beiden, die ihr jetzt entgegen kamen, an denen sie vorüber mußte, denen sie nicht mehr ausweichen konnte, traten aus der gleichgültigen Umgebung hervor, zum Übersehen viel, viel zu eindringlich. Die schöne Lüneburgerin und der Gelbhandschuh schritten daher, glückstrahlend, Arm in Arm, zärtliche Blicke tauschend: sie bräutlich traulich, er liebetriumphirend: Sonntagskinder im Sonnenschein.
Wie schön war sie; die Kälte des Marmors war gewichen. Liebe durchströmte ihn wärmend und röthend.
Und sein Bild hatte Pienchen nicht vergessen, der erste Eindruck war geblieben.
Nun ging das Glück an ihr vorüber, einer Anderen war es zugefallen, das seelige lichte Brautglück.
Laut aufschreien, das wäre Erleichterung gewesen, laut und wild.
Man schreit aber nicht laut auf öffentlicher Straße.
Armes Mädchen!
Elftes Kapitel.
„Ich habe Sie allein wirthschaften lassen,“ sagte der Verleger, „drei Kapitel hindurch.“
„Das war hübsch von Ihnen,“ entgegnete ich, „Sie glauben garnicht, wie schwer Zwangsarbeit wird.“
„Unfug machen nennen Sie arbeiten?“
„Nicht daß ich wüßte . . .“
„Daß der Kapitän und das Skelett oben auf dem Thinghügel tanzen, halte ich für sehr unwahrscheinlich.“
„Ich auch.“
„Also!“
„Getanzt haben sie aber doch. Viel unwahrscheinlicher als in der Dichtung gestaltet sich das Leben in Wirklichkeit. Keine Phantasie vermag Streiche zu ersinnen, wie sie der Zufall ausführt. Doch davon abgesehen, wie würde ich mir erlauben, etwas niederzuschreiben, was sich nicht begeben hätte, heut’ zu Tage, wo einzig und allein das Abschreiben der Natur gestattet ist!“
„Haben Sie den Gelbhandschuh auch nach der Natur geschildert?“
„Jawohl.“
„Seinen Anzug – das gebe ich zu – von seinem Kopf, seinem Gesicht finde ich jedoch bis auf den Adamsapfel keine Spur. Oder hatte er vielleicht keinen Kopf?“
„Freilich, aber eben solchen wie die Anderen.“
„Welche Anderen?“
„Nun, seine Kameraden im Modenjournal, aus dem ich ihn genommen.“
„Aber Pienchen sagte doch, sie hätte ihn irgendwo gesehen, könnte nur nicht hinbringen wo?“
„Gewiß sah sie ihn. Ebenfalls im Modenblatt. Wie nun das hellgraue Sommerzeugwunder mit einem Male in Lebensgröße erscheint, weiß sie nicht, woher ihr der Fremde so bekannt ist.“
„Und wenn Herr Runft auch behauptete, der Jüngling sähe wie ein Bäcker aus, der auf der Schneiderakademie studirt hätte . . . Pienchen war hingerissen. Pienchen kann nichts dafür, daß ihr Geschmack sich irrte, denn da im Hause Lahmann von Pflege des Schönheitsgefühls durch Anschauung der Kunst niemals die Rede war, mußte ihr schön vorkommen, was landläufig schön, reizend, süß, großartig gefunden wird: in diesem Falle das Ideal aus der Modenzeitung.
Und dieses selbst! Welche elende, naturwidrige Kost für den Geist: Bukskin, Handmanschetten, Hemdenknöpfe, Lackstiefel, Spazierstöcke und alles andere unverdauliche Zeug, mit Ausnahme der Haarpomade, die bei der schick geltenden Zuchthausfrisur jetzt überflüssig ist. Da wird denn der Geist dürrsüchtig, wie ein Ziehkind bei Hungermast, ebeno frühalt und junggreisenhaft, oder wie wir auf hochdeutsch sagen: blasirt.“
„Und das stimmt,“ sagte mein Herr Verleger.
„Eine ganz andere Schönheit ist die, welche nicht vom Schneider bezogen und vor dem Spiegel zurecht gemacht wird, die nämlich, welche die Seele schafft. Wenn die Seele den Leib so durchdringt, daß seine Formen zum Ausdruck inneren schönen Lebens werden, dann blüht sie auf, die Menschenherrlichkeit, und siegt über allen Modenplunder, da wird Ungestaltes sogar schön und ein schönes Menschengebilde göttergleich. Das ist ja Pienchens Unglück: die arm gehaltene Seele, die sogar der Herzenswärme entbehren mußte und nur darbend groß ward. Was helfen die Wissenschaft und das gelehrte Zeug, die sie zur Stärkung hineinnahm, wie Malzextrakt und Eisenpillen? Die Mutter hatte kein Erziehung, sie konnte den Kindern daher keine geben, sie strebte nicht nach den holden Schätzen der Seele, nach Güte, nach Freundlichkeit, nach Allem, was liebenswerth macht, weil es aus Liebe geboren, und daher ist die Lebensmitgift für die Töchter so kümmerlich ausgefallen. Und Pienchen empfindet, daß ihr etwas fehlt, sie weiß nur nicht, was es ist, und je mehr sie sucht und nach Vervollkommnung tappt . . . dem armen erstarrten Herzen schmilzt in den kalten Strahlen der Verstandeserleuchtung der Reifrost nicht ab.“
„Das ist recht bedauerlich,“ sagte mein Herr Verleger. „Mütter versündigen sich oft an ihren Kindern. – Aber weiter. Auf dem Ausfluge nach Rantum beschlossen die Herren, nach der Rückkehr den altdeutschen Keller zu besuchen und den Kollaborator Brömmer zur Mittheilung allerlei interessanter Dinge zu bewegen. Warum haben Sie die gemüthliche Kneiperei nicht beschrieben?“
„Weil sie nicht stattfand. Unterwegs hatten die Herren im Jagdwagen sich gewohnter Wiese lustig über die Lahmanns und das Skelett gemacht, bis Herr Steinbach Einsprache that, da Jene in ihrer Einfalt dem Witze gegenüber wehrlos seien.“ – „Sie hören es ja nicht,“ entgegnete Herr Runft. – „So können sie sich nicht einmal vertheidigen.“ – „Herrjeh, es ist ja nicht bös gemeint,“ sagte Schnellbeinchen. – „Davon bin ich überzeugt.“ – „Glauben Sie uns, wir hegen die besten Absichten,“ sagte das Kind. – „Daran zweifle ich nicht.“
Als der Wagen in Westerland hielt, verabschiedete sich Herr Steinbach kurz und höflich. – „Laßt ihn laufen,“ sagte Herr Runft. „Wenn man sich amüsiren will, braucht man keine Moralpredigt. Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich thu’ und rede.“ – „Er ist meschugge,“ sagte Dr. Addison. – „Vielleicht haben wir uns heftiger über die Lama’s aufgehalten, als sie verdienen,“ meinte das Kind. – „Seht doch mal, der kleine Hündchen eßt Gras,“ sagte Runft. Brüllendes Gelächter. Nein, man konnte die Lama’s nicht ernst nehmen, das wäre Unsinn.
„So sehr aufgeräumt?“ fragte die Alte nähertretend. „Darf man erfahren worüber? Wir lachen auch gerne.“
„Wir trafen eben einen Bekannten, der sagte, er wisse einen Trunk, der einem Alt-Baiern den Durst stille,“ erdichtete Schnellbeinchen rasche Rechtfertigung. „Darauf meinte Herr Runft, das wäre wohl Blausäure.“
„So, so,“ sagte die Alte. „Sehr scherzhaft. Gehen die Herren auch in das Hotel?“
„Wir haben uns bereits verabredet . . . „
Herr Brömmer war verschwunden. Kapitän Lotz hatte ihn als Blitzableiter mitgenommen, da sein Gewissen ihm ein Gewitter von seiner lieben Frau voraussagte.
„Sehn Sie,“ sprach Herr Lotz unterwegs zu Herrn Brömmer, „viel Geld ist zwar sehr was Schönes, blos nicht, wenn die Frau es hat.“
„Ich spürte nie ein Verlangen nach Reichthum,“ entgegnete Herr Brömmer, „denn nicht vermöchte ich mich in das Glück zu versetzen, dessen ein Krösus genießt.“
„Ja . . . mehr als besaufen kann ein Millionär sich auch nicht.“
„Nach den Aussprüchen der Alten ist zum Lebensglücke die Harmonie zwischen innerer und äußerer Thätigkeit erforderlich, die Übereinstimmung der Gedanken mit den Handlungen. Solches sagten sie in Betreff Dieses.“
„Unser Milchmann Möller von Moorburg, der sagt: Jer, wat is dat ganze Leben? Büx an, Büx ut . . . doch das verstehn Sie nicht, das ist ja kein Griechisch.. – Nun thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie meiner Frau, daß Sie höllisch in die eine Lahmann verschossen wären, dann nimmt sie es nicht so genau; Heirath stiften, da haben alle Frauen Vergnügen an.“ –
„Der Kapitän Lotz könnte feiner gehalten sein,“ sagte mein Herr Verleger.
„Er ist einmal nicht anders, und jetzt weniger der Mann seiner Frau als Sklave ihrer Mitgift. Er brachte es vom Schiffsjungen bis zum Steuermann, kaute Tabak, fluchte und trank Grogk. Später nahm er Manier an. Auch fuhr er wirklich zur See und nicht auf kölnischem Wasser. Daran mag es wohl liegen, daß er immer noch etwas nach Theer riecht. Das heißt bildlich gesprochen.“
„Schon gut.“
„Die Herren der Grube gingen in die nahe gelegenen Arkaden zu Bornemann und aßen und tranken . . . „
„Und unterhielten sich geistreich?“
„Nein, dazu waren sie zu hungrig. Überhaupt, wenn Doktoren es nicht nöthig haben, gehen sie mit der Geistreichheit sparsam um. Das Jahr hat Dreihundertfünfundsechzig Tage, da kann auf den einzelnen Tag nicht viel Geist kommen. Etwas anderes ist es, wenn sie gereizt werden, in Gesellschaft zu glänzen, obgleich es dem Geist manchmal sehr schwer wird, gegen Epauletten anzuglänzen, wenn er nicht zufällig in einem Reserveoffizier sitzt. Dann strahlen beide, der Geist und die Tressen. – Ach, und wie gut schmeckten ihnen die gebackenen Seezungen und das Erlanger Bier, frisch vom Faß . . .“
Mein geschätzter Herr Verleger verstand die zarte Anspielung. Er ließ Wurst kommen, treffliche Wurst, Leberwurst und eine Weiße, eine vorzügliche Weiße aus dem Keller, wo die meisten Droschkenkutscher verkehren. Dort giebt es immer die besten Weißen, das ist ein unumstößliches berliner Naturgesetz.
Es freute mich, daß er meine Meinung in Betreff der Doktoren durch Wurst und Weiße billigte.
„Wir schmausen wie die homerischen Helden,“ bemerkte ich, und streckte die Hand zur leckeren Leberwurst.
„Da fällt mir bei Homer ein,“ sagte er, „giebt es viele solche Kollaboratoren wie Herrn Brömmer?“
„Gottlob nein. Er ist der einzige seiner Gattung, der allereinzige. Es wäre zu gräßlich, wenn die Erziehung der Jugend in den Händen Solcher läge, die selbst der Erziehung darin bedürfen. Früher, zur Zeit Friedrichs des Großen, sah es darin schlimm aus. Der große König schreibt: “Was könnte ich nicht Alles über die falsche Methode sagen, nach der die Lehrer ihre Schüler in der Grammatik, Dialektik, Rhetorik und anderen Fächern unterrichten! Wie sollen sie den Geschmack ihrer Schüler bilden, wenn sie selbst nicht das Gute vom Mittelmäßigen, und das Mittelmäßige vom Schlechten unterscheiden können?“ Das war Anno 1780, und da wir jetzund 1890 zählen, paßt es nicht mehr, selbst nicht auf Herrn Brömmer, der die Feinheiten der attischen Mundart denen der dorischen und jonischen gegenüber sprachlecker zu würdigen weiß. Was ihm fehlt, ist Weltläufigkeit, und das ist weder ihm dienlich, noch der Jugend, deren Vorbild er sein soll. Heute bleibt nicht Jeder mehr sein Lebelang auf seinem Dorfe, und wer in der Welt fortkommen will, muß auch das Geschick dazu haben, die Gebräuche der Welt kennen und verstehen, sie auszuüben. Nichts hindert mehr am Fortkommen, als die Kette der Unerzhogenheit. Wissen und Können büßen Nichts ein, wenn ihr Besitzer Schliff hat, aber schon ein vorstehendes Rockhängsel und schwarze Fingernägel sind im Stande, in den Augen der Weltkinder die gediegenste innerliche Gediegenheit zu verdecken. Selbstvernachlässigung und Unbeholfenheit sind in der Jetztzeit geradezu Verbrechen, da die Erde kleiner geworden, durch die Kürzung der Entfernungen und die Nationen näher aneinander rückten. Wenn man heut zu Tage Jemand dahin wünscht, wo der Pfeffer wächst, was nützt das? Mit dem nächsten Dampfer ist er wieder zurück.“
„Stimmt. Und das mit dem Theokrit ist doch auch richtig?“
„Die große Heldenholzerei? Natürlich. Aber ich finde die barbarischen Kraftäußerungen durchaus nicht so verwerflich wie das Kind sie auffaßte. Abscheulicher ist der Rath, den Lysander, der Lakonier, zu geben pflegte.“
„Was rieth der edle Grieche?“
„Knaben müsse man mit Würfeln, Feinde mit Eidschwüren betrügen. Dieser gerühmte, spartanische Feldherr würde heute nach Paragraph 159 des Strafgesetzbuches wegen gewerbsmäßiger Anstiftung zum Meineid nicht nur mit Zuchthaus bestraft, sondern, der bürgerlichen Ehrenrechte bar, auch zur dauernden Unfähigkeit als Zeuge oder Sachverständiger verurtheilt werden. Und jener Klearchos von Heraklea, der einen großen Theil der ihm mißfälligen Bürger in einer Sumpfgegend lagern ließ – angeblich weil die Thracier angreifen wollten – bis sie in der Windstille und Sonnengluth so viel Fieberdünste eingeathmet hatten, daß sie starben, wie sollen wir über ihn denken? Wir gießen überall Karbol hin und halten Gelehrte, die ununterbrochen neue Bazillen entdecken; wir räuchern, kanalisiren, ventiliren, isoliren, filtriren, desinfinziren: müssen wir diesen Klearchos nicht verabscheuen?“
„Sie meinen also, nicht Alles sei nachahmungswerth, was den Alten denkwürdig erschien.“
„Ganz recht. Und thöricht finde ich blinde Verehrung. Wohl aber ist Eins ihnen nachzuahmen, namentlich den Griechen. Dies ist der Umstand, daß sie nicht nachahmten, sondern aus sich selbst schöpften, und Herrliches, Großes erreichten, weil sie nicht nach beengenden Mustern schufen. Der Nachahmer verliert seine Eigenkraft mit seiner Eigenart. Die Deutschen wurden früher immer von lateinisch gelehrten Männern erzogen, die unsere einheimischen Früchte verachteten und lieber ausländische von mittelmäßiger Güte ziehen, als deutsche Art und Kunst zur Vollkommenheit bringen wollten, ohne zu bedenken, daß wir auf diese Weise Nichts hervorbringen, was den Ausländern gefallen und uns Ehre bringen könnte.“
„Das ist aber lange her.“
„Und dennoch sind die Folgen noch nicht verwunden. Als vor etlichen Jahren Einer öffentlich sagte: um Meister zu werden, müsse man seine Regeln selbst aufstellen und ihnen dann folgen, und derselbe Mann zeigte, daß er darnach auch that, ward er ausgepfiffen.“
„Von Deutschen?“
„Jawohl.“
„Undenkbar! Und wer war der Mann?“
„Richard Wagner mit seinen Meistersingern.“
„Aber jetzt erfreut er sich voller Anerkennung.“
„Nun er todt ist, ja.“
„War es jemals anders?“
„Nein, und es wird auch nie anders werden. Ebenso war es schon bei den alten Griechen. Die Besten ihres Volkes mißachteten sie, über die Edelsten erhöhten sie gemeine Schreier, die Retter aus der Noth verbannten sie, oder überantworteten sie dem Henker. So gingen die Hellenen an inneren Feinden zu Grunde.“
„Was verstehen Sie unter inneren Feinden?“
„Solche, denen der eigene Vortheil über das Gesammtwohl geht, denen eigener Ruhm höher werthet als Ehre und Größe des Vaterlandes. Leicht bestochen ist das Gefühl eines Volkes durch schlau berechnete Worte, und Unheil richten Herrschende an, die über den Augenblick der Erregung der nächsten Stunde, über die Gegenwart der Zukunft nicht gedenken.“
„Das nehmen Sie sich nur selbst zu Herzen, denn mit Pienchens Zukunft sieht es recht mangelhaft aus.“
„O bitte. Lesen Sie gefälligst das folgende Kapitel.“
Zwölftes Kapitel.
Hille erklärte rundweg, das Konzert nicht zu besuchen, und wenn sie vielleicht doch mit ginge, nicht ein einziges Mal zu tanzen.
„Dir pickt er wohl?“ fragte die Mutter.
„Ich habe mir den Fuß verstaucht.“
„Wodran denn? An der Kommodenecke? „Na, mir kann’s recht sein, sparen wir die Ausgaben. Kinder, Kinder, habt Ihr denn gar kein Einsehen? Wir zoddeln ebenso wieder nach Berlin, wie wir hergereist sind, bloß daß das Geld alle ist. Wie soll das werden? Mit der Lotz war es auch gründlich vorbei gelungen. Ich konnte die Person von gleich an nicht ausstehen, sie sich stets aufgedonnert, die Pferde scheu zu machen, und der Kaffee zwirnsfadendünne. Dazu ladet sie noch ein und schämt sich nicht. Die muß sich noch gründlich umändern, oder sie lernt mich kennen.“
„Keinen Streit mit ihr, Mama,“ bat Pienchen, „ich hatte ebenso viel Schuld. Ich bin leidend, wie könnte ich da Kranke pflegen?“
„Warte nur, in Berlin zeigt sich so ein neumod’scher Dampfdoktor an, der kurirt Dich in acht Tagen. Sei nur munter Pienchen, wer weiß, wozu die Wohlthätigkeit gut ist? Bälle bringen Manches ins Loth.“
„Mama, quäle mich nicht.“
„Ich, wo wird ich? Du bist ja die Gelehrte und Studirte, Du weißt ja Alles besser; ich versteh ja garnichts. Wie kann ich mir unterstehen, Dir Rath zu geben? Diese Frechheit meinerseits? Ich habe blos stolz zu sein, daß mir die Gnade geworden ist, eine examinirte Tochter die meinigte zu nennen, und Gott zu danken, daß ich mich nicht von ihr trennen brauche!“
Pienchen biß die Zähne auf einander und saß da, als wäre sie von Stein. Und die arme Brust flog in Hast, wie gehetzt, und das Herz klopfte, als wollte es seine Schläge eilend auszählen, damit es rasch, rasch zum Ende käme.
Hille war geflohen, aus zwei Gründen. Einmal, weil sie wieder unerhört gelogen hatte, und zweitens, weil sie wußte, daß die Mutter so lange an ihr herumfoltern würde, bis Alles an den Tag gebracht. Das hatte Zeit bis Berlin; dort hätte sie Beistand . . . von Minna. Wenigstens konnte sie hinüberhuschen nach Minna, wenn es zu Hause nicht auszuhalten war. Ja, wenn die Minna nicht wäre!
Hille schützte am folgenden Tage Müdigkeit vor, schreckliches Ziehen im Knöchel und solches Surren in den Ohrennerven, daß sie Musik nicht vertrüge.
Mutter Lahmann sagte sich zum Ersten: „Da sitzt was hinter.“
Auf dem Wege nach dem Kurhause kam sie mit Pienchen an der Post vorbei. „Wahrscheinlich sitzt es hier,“ sagte die Alte sich zum Zweiten, ging hinein und fragte, ob ein postlagernder Brief für ihr Töchterchen Hille da sei; das Kind hätte sich den Fuß verstaucht. Der höfliche Beamte sah nach und reichte alsbald einen Brief durch den Schalter.
Es war ein Brief aus ausgegrabenem Papier mit wunderschöner Aufschrift; allerdings nicht von Minnas Hand.
Die Alte dankte honigsüß lächelnd und ließ den Brief in die Tasche ihres Kleides gleiten. „Nun hab’ ich’s,“ sagte sie sich zum Dritten, „und Hille soll’s kriegen. Na warte.“
Liebe Hille, Flunkern hat kurze Beine.
Das Konzert war ausgesucht. Mehr Leute als drin waren, konnte der Kurhaussaal nicht fassen, und was ist für die Mitwirkenden wünschlicher, als ein überfülltes Haus? Und was können Zuhörer sich Besseres wünschen, als zufriedengestellte Mitwirkende?
Das Publikum zufrieden zu stellen, wird niemals ganz gelingen: Hämische sind immer darunter mit lauerndem Tadel. Die pflegen ihre Schadenfreude mit der Versicherung zu beschönigen, Tadel fördere die Kunst, obgleich andererseits behauptet wird: der sicherste Weg, ein Kind zu verderben, sei der, ihm Fehler vorzuwerfen, wenn es sein Bestes gethan hat. Und Künstler sind große Kinder, wie kämen sie sonst wohl in das Himmelreich der Kunst?
Allerdings ist nicht jeder Kunstbetreibende Künstler und deshalb ist mancher Kunsthimmel auch nur blaugemalte Leinewand.
Bei diesem Konzert war die Zufriedenheit des Publikums jedoch eine die Nörgelsucht völlig unterdrückende. Gleich das erste Lied, das der Bassist sang, – ein Hüne von Stubenofenlänge – das Lied von den todten Maiblümchen, gefiel außerordentlich. Dann deklamirte eine junge dramatische Künstlerin ‚das todte Roß’, das die Herren lebhaft beklatschten. Die Damen waren zurückhaltend, einige fanden ihr Auftreten für Sylt zu herausfordernd. Der Tenor mit dem Liede von der todten Nachtigall ward wieder mehr von den Damen ausgezeichnet, als von den Herren, denen er zu fade vorkam. Schnellbeinchen spielte Tristan und Isolden’s Liebestod und erntete wüthenden Beifall. Runft erklärte am Tage darauf, das Kind habe mit sieben Freundeskraft geklatscht und müsse Schwielen in den Händen haben.
Nachdem in dem ersten Theile ein Strauß von Grabespoesie und Sterbemusik verabreicht worden war, brachte der zweite Theil des Konzertes heitere Sachen, und die erfreuten baß. Jeder Vortrag ward mit einmüthigem Jubel entgegengenommen, das wohlthuende Gefühl gemeinsamen frohen Genusses brach durch und wurde zu lautem Danke. Selbst die Klüglinge ließen sich fortreißen und vergaßen das Kritteln.
Während der Instandsetzung des Saales für den Tanz nahm das Publikum die übrigen Räume des Kurhauses in Beschlag. Mutter Lahmann hehlte sich im Lesezimmer hinter einer Zeitung. Sie las aber nicht die Neuigkeiten des Blattes, sondern den Brief auf angebranntem Papier. Sie hatte ihn aus Versehen geöffnet, ganz zufällig, dafür konnte sie nicht. Nette Nachrichten. Sie kochte innerlich. „Mit Klempners verschwägert, das fehlte! Der Blechfritze schreibt per Du. Na, aber . . „
Pienchen, höflich von Dr. Sattler angeredet, war angenehm berührt, Jemand zu haben, mit dem sie einige Worte wechseln konnte. Dr. Sattler fand es heiß, er würde vor dem Kränzchen gehen, ob ihr nicht auch das Konzert genüge? – Pienchen entgegnete, sie freue sich auf den Tanz. Dr. Sattler meinte, es sei kurgemäß, Aufregung zu meiden. – Pienchen erwiderte, Zusehen könne doch nicht schaden. – Dr. Sattler sagte, die Meisten gingen und empfahl sich.
Das war allerdings nicht thatsächlich, es blieben recht Viele. Als die Klänge der Polonaise das Tanzvolk sammelten, war der Saal fast zu klein für die Herbeieilenden.
Der Gelbhandschuh eröffnete den Ball mit der schönen Lüneburgerin. Sie waren verlobt, sollten Beide reich sein und wären wie geschaffen für einander. So erzählte man sich.
Pienchen hatte keinen Tänzer zur Polonaise, Dr. Sattler hatte sie nicht aufgefordert, und die anderen ihr bekannten Herren standen im Rauchzimmer, wo Schnellbeinchens Erfolg mit Wein begossen und Herr Brömmer zum Bescheidthun angehalten wurde. „Nur Muth,“ sagte Herr Lotz und schenkte dem Kollaborator aufs Neue ein.
Der Kollaborator sah unheimlich festlich aus. Der Haarkünstler hatte versucht, ihn in einen Adonis zu verwandeln, so weit dies mit Scheere, Brenneisen und Haarleim erreichbar war. Die übergroße hellseidene Halsbinde stammte aus Schnellbeinchens Vorrath, Handschuhe waren unter Runfts Leitung bei Thiesen und Brodersen gekauft, weiße, mit breiten schwarzen Steppnähten – Todtenpfoten – , wie Himeyer hinterrücks sagte, der darauf bestand, daß Herrn Brömmers Anzug aufgebügelt wurde. Das Kind hatte ihn schließlich und zuletzt mit Ylang-Ylang beträufelt. Geschehen war, was geschehen konnte, und doch glich der Kollaborator einer Wachsfigur, die sich über sich selbst mordsunglücklich fühlte.
„Zählen Sie gut, eins zwei . . . ein, zwei,“ ermahnte Herr Lotz und stieß mit ihm an.
„Wir kommen alle zur Hochzeit,“ sagte das Kind und stieß ebenfalls mit ihm an.
„Morgen werben Sie in aller Form bei der Mutter,“ sagte Schnellbeinchen und stieß an.
„Prost!“ sagte Himeyer und stieß an.
Das Skelett machte unglaublich runde, graublaue Augen und fletschte. Es stieß jedoch mit Jedem an und trank.
„Aber ernst bleiben,“ sagte Herr Lotz, „ja, nur ja nicht lachen, sonst ist die ganze Verlobung in’n . . . in’n Mond. Ich gehe jetzt zu der Alten und schlage Vorpfahl. Herr Brömmer . . . meinen Glückwunsch im Voraus.“
Er ging. Das Skelett sah ihm mit einer Miene nach, als wäre Herr Lotz gegangen, das Beil zu holen und die Hinrichtung einzuläuten. –
Herr Lotz begrüßte Frau Lahmann, und da ein Nebenstuhl frei war, setzte er sich zu ihr. Die Alte war unliebenswürdig, sie saß verdrossen allein mit Pienchen. Niemand kümmerte sich um sie. Deshalb sagte sie spitz: „In meinen jüngeren Jahren waren die Herren rücksichtsvoller als heute. Hatte man einmal die Ehre der Damenbekanntschaft genossen, kam man ‚ran.“
„Die Herren stärken sich blos ein Bischen, und wenn ich mich nicht irre . . . dann liegt etwas in der Luft.“
Die Alte sandte ihm einen langen ausholenden Blick zu. „Jawohl,“ antwortete Herr Lotz, und stieß sie leicht mit dem Ellbogen. – Die Alte lächelte.
Pienchen wollte jetzt, sie hätte Dr. Sattlers Rath befolgt: es war zu bitter, unter all’ den Frohen vernachlässigt zu werden, ausgeschlossen von den Freuden zu sein, denen die vielen anderen mit Lust sich hingaben.
Am heitersten ging es gegenüber zu, am anderen Ende des Saales, in der Ecke, wo die schöne Lüneburgerin in den Pausen Hof hielt. Diese hatte keine Note über gesessen; die Tänzer drängten sich um sie. Pienchen kam das Märchen vom Aschenbrödel in den Sinn. Es sind nie Wunder gewesen und es wird nie welche geben, dachte sie, sonst wünschte ich mir einen Baum, der Gold und Silber über mich rüttelte, daß ich auch so wäre, wie sie, so beneidet, so glücklich. Wie freudenschön sie dahinschwebt, welch’ schönes Paar: er . . . und sie. O wäre ich an ihrer Stelle.
„Die Lamatochter sitzt immer noch,“ kicherte man drüben. „Was will die überhaupt hier?“ – „Sie hat ihr Examen gemacht und sagt Kuverte.“ – „Und wie sieht sie aus!“ – „Es geht.“ – „Zum Mindesten nicht schick.“ – „Von Schick keine Idee.“
„Garnicht schick!“
Die Musik begann. „Das ist ihre Nummer,“ sagte Herr Runft zum Kollaborator. „Machen Sie, daß Sie hineinkommen.“
Die Grubenherren schoben den Kollaborator in den Saal und stellten sich seitwärts auf, zu beobachten, wie ihr Schützling sich gehaben werde.
Als Herr Brömmer durch den Saal ging, betrachteten ihn Viele. Sie schienen zu fragen: wie das wohl wird?
Vor Pienchen machte er Halt.
„Das älteste Lama ist die Erkorene,“ flüsterte man lachend in der Ecke. – „Ich tanze noch nicht,“ sagte die schöne Lüneburgerin; „das will ich erleben.“
„Er ißt auch mit dem Messer,“ sagte der Gelbhandschuh.
„Da passen sie ja kostbar zusammen.“
Erröthend stand Pienchen auf, legte ihre Hand auf Herrn Brömmers Henkelarm und schloß sich mit ihm den wartenden Paaren an. Dort standen sie in Reih’ und Glied unter den Fröhlichen.
„Wie meinten Sie vorhin?“ fragte Frau Lahmann den Kapitän.
„Morgen früh hält er um Ihr Fräulein Tochter an. Er hat ein schönes Einkommen und rückt allmälig in die oberen Fächer. Er ist ganz alle in sie.“
„Ohne Spaß?“
„Wird er sich denn sonst die Haare brennen lassen?“
„Na ja, deshalb kam er mir so außerhalbsch vor.“
„Und herzensgut ist er, eine Seele von Mensch!“
„Das Herz ist die Hauptsache. Hat er wirklich gesagt, morgen früh?“
„Oder auch heut Abend.“
„Es ist besser, ich spreche vorher mit meiner Tochter.“
Noch drei Paare standen vor Pienchen und Herrn Brömmer. Er zählte schon in Gedanken: Eins, zwei – –.
Herr Lotz nickte ihm Muth zu. Herr Brömmer lächelte. „Er grinst die Partie auseinander,“ dachte Herr Lotz. „Und richtig, der Dösbattel nimmt den verkehrten Fuß.“ Herr Lotz schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn. Daran war er ja selbst Schuld, er, der Kapitän, er hatte den Kollaborator, bei der Tanzunterweisung auf dem Thinghügel ja als Dame genommen.
Es war schreckhaft zu sehen, wie der angestutzerte Kollaborator, jeglicher Kunst des Tanzens bar, mit Todesverachtung darauf los hoppste und Pienchen herumzerrte, schreckhaft für wohlwollend Nahestehende, für Unbetheiligte jedoch ein Gaudium.
Pienchen suchte ihren Ballherrn in Takt zu bringen. Vergeblich; der Zweitritt war unausrottbar. Sie suchte sich von ihm zu befreien. Umsonst. Die knochigen Hände in den schwarznähtigen weißen Handschuhen faßten sie wie im Krampfe.
Bis zur Ecke riß er Pienchen, bis dahin, wo die schöne Lüneburgerin und ihr Hofstaat unverhohlen jubelten und lachten. Einen Blick aufglühenden Hasses warf Pienchen der schönen Grausamen zu, einen herzzerreißenden blick stummen Vorwurfes dem Gelbhandschuh, und dann war ihr, als lösten sich die klammernden Hände und sie sänke in eine schwarze bodenlose Tiefe.
Plötzlich aber fühlte sie sich gehalten, hörte die Musik wieder, sah helle Lichter und befand sich im Kreise der Tanzpaare, als sei nichts geschehen. Nur ein anderer Tänzer führte sie leicht und sicher.
Alles das war wie im Nu vorgegangen. Kaum gewahrte Dr. Haller, wie der Kollaborator und seine Dame zum Gespött geworden waren, als er rasch hinzusprang, Pienchen umfaßte und vor dem Umsinken bewahrte. Und wie er sie in den Tanz hineinzog, so entraffte er sie der Ohmacht, die aus der lachenden Ecke auf sie eindrang und sie niederzuwerfen drohte.
„Darf ich auch um den nächsten Tanz bitten?“ fragte er.
„Nach Hause,“ flehte Pienchen. „Nach Hause!“
Er fühlte, wie sie schwerer und schwerer ward. „Fassung,“ raunte er ihr zu und geleitete sie aus dem Saale.
Die Mutter kam. „Pienchen, Du bist ja ganz blaß geworden. Kannst Du das Tanzen nicht vertragen?“
„Es war zu heiß drinnen,“ sagte Dr. Haller.
„Zu heiß,“ fuhr es Pienchen durch. Hatte Dr. Sattler ihr nicht vorher gesagt, es würde heiß sein, zu heiß? Ach, nun ward ihr klar, man hatte sich einen Scherz mit ihr erlaubt. Darum war das Skelett so ausstaffirt, darum erschienen die Herren mit einem Male im Saale. Darum! Darum! Dr. Sattler wußte davon, er wollte wie warnen, sie aber hatte ihn nicht verstanden.“ Sie bot all ihre Kraft auf. „Bitte bemühen Sie sich nicht,“ lehnte sie Dr. Hallers Begleitung ab, „Ihre Freunde möchten Sie vermissen.“
Wie war es möglich, daß sie gelassen blieb, nicht in Zorn aufraste, und Schmach und Schimpf zurückschleuderte?
Ihr war, als läge zwischen den letzten Minuten und jetzt, dem schweigenden Gange nach Hause, ein langes Leben voller Erfahrung und Erkenntniß, und jeder Schritt führe sie aus trüber, schmerzhafter Vergangenheit vorwärts, einem unbestimmten Besseren entgegen, das sie mit eigener Kraft erzwingen werde, bis sie es wirklich halte und fest. Nur keine Gemeinschaft mit den Menschen, die ihr Unrecht gethan. Nichts von all Denen, Nichts. Jeder Beistand wäre eine Erniedrigung. Sie hatte unverdient, grausam gelitten. Das Leid hatte sie gereift.
Das Licht der Sterne war zu schwach, sonst hätte die Mutter zu ihrer Verwunderung wahrnehmen müssen, daß über Pienchens Antlitz verklärende Hoheit ausgebreitet lag, gerechter Stolz, der beleidigten Menschenwürde einziger Vertheidiger. –
Hille war gedrückter Stimmung. „Schon aus?“ fragte sie die Eintretenden zag.
„Das Vergnügen hatte bald ein Ende,“ entgegnete die Mutter. „ich in meiner Jugend hatte mich nicht so ungeschickt, ich war eine gesuchte Tänzerin, und wenn mein Herr mal neben den Takt trat, benahm ich mich nicht albern. Sieh mich nicht so an. Jawohl albern.“
„Mama, willst auch Du mir Unrecht thun?“ Und groß schaute Pienchen die Mutter an; das war der Blick einer Märtyrerin.
Betroffen wandte die Mutter sich ab. Sie setzte sich und begann zu flennen. „Wie wollte ich Dir Unrecht thun, Pienchen, Dir, mein Herzenskind, wie könnte ich wohl? Bist Du doch die Einzige, die der alten Mutter die letzten Lebenstage versüßen wird, Du mein Pienchen, meine Stütze, meine Hoffnung. Denn die andere“ – hier ward die Stimme wieder thränentrocken und scharf – „die Andere wirft sich weg . . .“
„Mama!“ rief Hille, gluthroth geworden.
„Wirft sich weg . . . Glaubst Du, ich sage zu dem Klempnergesellen Ja und Amen?“
„Ich . . . ich . . “ stotterte Hille.
„Lüge nicht; ich weiß Alles. Ganz aus Zufall machte ich diesen Brief auf. Kinder müssen keine Geheimnisse vor den Eltern haben . . .“
Hille stürzte auf den Brief zu, den die Mutter aus der Tasche zog, und drückte ihn ans Herz. „Wenn Du’s weißt, ist es gut, Mama; wir wollten Dich sonst erst in Berlin überraschen.“
Die Alte lachte heiser. „Danke für solche Überraschung, die verbitte ich mir ein- für allemal.“
„Ich lasse nicht von ihm und nicht von Minna. Mama, liebste Mama, sage Ja und mache mich glücklich, ach so glücklich.“
„Unmöglich. Und wenn ich auch wollte. Wenn Deine Aussteuer davon abgeht, und was von Onkel Chlotar auf Dich kommt, wovon sollen ich und Pienchen dann leben? Verlangst Du , daß ich Deinetwegen verhungere?“
„Wir brauchen keine Aussteuer . . .“
„Sollen Klempners uns Powerteh vorwerfen, uns, die wir hoch über ihnen stehen?. . . Ja, wenn die Badereise nicht so viel gekostet hätte und all das Geld für Pienchens Wissenschaft, dann möchte es zur Noth gehen, oder wenn Pienchen Stellung hätte. Oder wenn . . . ja, von Pienchen hängt es ab.“
Die Alte hielt inne. Pienchen kehrte abwehrend beide Hände gegen die Mutter, sie wußte, daß der nächste Augenblick Entsetzliches bringen würde, es sagte das irgend Jemand, ein Ungesehenes, ein irgend Etwas mit deutlicher Stimme, und doch nur ihr vernehmbar. Hätte sonst Hille freudig gerufen: „O, dann ist Alles gut. Pienchen gönnt mir Theodor.“
„Von Pienchen hängt es ab,“ begann die Alte wieder. „Wenn sie einen Mann mit gutem Einkommen nimmt, hat sie Versorgung und wir Alle sind geborgen. Und es ist Einer, der will sie, mit Einkommen und Stellung. Morgen früh holt er sich das Jawort von dir, Pienchen; meine Einwilligung weiß er, daß er sie hat.“
„O Pienchen!“ rief Hille, „denke Dir, wir beide verlobt! Gleich schreibe ich an Theodor, daß Mama . . .Warum antwortest Du nicht, Pienchen? Was siehst Du so?“
„Ich weiß wer es ist,“ sagte Pienchen tonlos. „Herr Brömmer.“
Die Mutter bejahte mit stummem Kopfnicken.
Hille schwieg bestürzt.
Pienchen zündete ihr Licht an. „Laßt mir Zeit bis Morgen,“ sprach sie kaum hörbar, „Gute Nacht.“
Als sie gegangen, fragte die Mutter: „Was hat sie? Ich begreife sie nicht.“
„Mama, könntest Du Herrn Brömmer einen Kuß geben?“
Dreizehntes Kapitel.
In der Doktorengrube herrschte Verstimmung.
„Es war eigentlich recht hübsch gestern Abend,“ begann Schnellbeinchen, nur um etwas zu sagen.
„Bis auf den Zwischenfall,“ versetzte das Kind.
„Wer ahnte aber auch, daß das Skelett keinen blassen Schimmer vom Tanzen hat, obgleich der Kapitän das Gegentheil versicherte; das war sehr Unrecht von Herrn Lotz. Ich hab’ ihm aber auch meine Meinung gesagt. Und wenn Herr Brömmer mir böse ist . . . ich kanns nicht ändern.“
„Es war eine Art Todtentanz,“ bemerkte Himeyer, „so wie die Alten ihn malten: schauderlustig.“
„Hoffentlich wird das keine Vorbedeutung sein,“ sagte das Kind. „Sie macht so wie so schon den Eindruck einer Hospitalkandidatin, und wenn ihr etwas zustößt, haben wir Alle uns Vorwürfe zu machen.“
„Das bestreite ich,“ entgegnete Schnellbeinchen heftig. „Wir meinten es in jeder Beziehung aufrichtig.“
„Sind trotzdem nicht frei zu sprechen.“
„Das ewige Bohren!“
„Genau untersucht, hatten wir mehr unser Behagen im Auge, als das Wohlergehen der beiden. Gesetzt, wir hätten zu unserem Zeitvertreib das Spiel bis zum Schlusse geleitet. Wer bürgt, daß Jene die Hochzeit nicht ihr ganzes Leben hindurch bereuen müßten?“
„Ich möchte wissen, wer zuerst auf den Gedanken kam, die Beiden zu kuppeln?“ fragte Schnellbeinchen, „und woher mit einem Male der Meinungswechsel?“
„Seit ich Fräulein Lahmann gestern Abend zuletzt sah. Ich hätte sie am liebsten auf der Stelle um Verzeihung gebeten, sie aber wies jede Annäherung mit Erhabenheit ab.“
Schnellbeinchen lächelte ungläubig. „Mit der Erhabenheit der Schuldlosigkeit,“ wiederholte Dr. Haller eindringlich, „und ich fühlte mich um so tiefer gedemüthigt, je klarer ich mein Unrecht einsah, und mich schämte.“ Er schlug die Augen nieder und tiefes Roth ergoß sich über sein Antlitz.
Dr. Addison zweifelte nicht mehr. Um seinen Freund zu beschwichtigen, sprach er: „Sie thut mir ja auch leid, gewiß, aber schließlich . . . was ist groß geschehen? Ihr Ballherr war nicht ganz auf der Höhe . . . “
„Er machte sich und sie zum Saalgespött.“
„Übermorgen spricht kein Mensch mehr davon. In acht Tagen hat Jeder es vergessen.“
„Sie auch? – O nein! In dem Ballsaale pflückt das junge Mädchen die Blätter seines Ruhmes. Dort will sie gelten durch die Reize des Körpers, die sie durch Schmückung erhöhte, dort will sie gefallen, ausgezeichnet werden, siegen in dem Wetteifer der Schönheit, der Anmuth und aller der Gaben, welche die Natur ihr zu ihrer Macht verliehen hat. So wird der Ballsaal für sie ebenso bedeutungsvoll, wie das öffentliche Leben für den Mann. Verletzter Ehrgeiz macht uns grimmig. Wir können Beleidigungen rächen. Aber Mädchen? Ich sage: sie wird es nicht vergessen.“
„Wir müssen unsere Aufmerksamkeit gegen das Fräulein verdoppeln,“ sagte Dr. Sattler, „und zwar ohne alle Ironie.“
„Sie fordert aber heraus. Wer kann ernsthaft auf ihr wissenschaftliches Gekohle eingehen? Kann man beipflichten: Sie haben vollständig Recht, wenn sie, wie neulich Abends, als der frische Wind aufkam, dozirte: es wird kühl wegen langsamer Verdunstung der kalorischen Kräfte? Das ist ja weder gehauen noch gestochen,“ entgegnete Addison.
„Sie ist dem Rothwälsch der Wissenschaft ungeübt,“ sagte Dr. Sattler. „Überhaupt bemerkt man bei Halbgebildeten die Vorliebe für pomphaft klingende Fremdausdrücke und deren selbstverständlich falsche Anwendung. Das Fräulein ist in kurzer Frist über alle Felder des Wissens getrieben; was sie einsammelte, liegt wie Kraut und Rüben durcheinander. Was auch kann sie vom Inneren der Wissenschaften begriffen haben, da die Gelehrten selbst über den Grund der Dinge nicht klar sind?“
„Oho!“
„Was ist Elektrizität? Was Magnetismus? Was ist Schwerkraft? Was der geheimnißvolle Äther, der Alles sein soll und Nichts, dieser Lastesel der Theorien. Was ist Materie, Stoff? Was ist Kraft? Niemand weiß es, und doch wird gethan, als wäre das Alles klar und unwiderleglich erkannt. Wissenschaft und Täuschung gehen Arm in Arm. Machen wir daher dem Fräulein nicht die Vorwürfe, die den Komödianten der Wissenschaft zukommen, Denen, die sie verbildet haben.“
„Als Lehrerin muß sie über ein bestimmtes Maß von Wissen verfügen.“
„Das ist eben der Fehler, daß man lieber gelehrt sein will als tüchtig; so kommt es, daß sie statt der eigenen Kinder im eigenen Heim fremde unter fremden Dache erziehen.“
„Nach Ihrer Meinung dürfte also Keine Lehrerin werden?“
„Nur die, welche den Beruf dazu in sich fühlt, Anlage und Kraft besitzt, denn zufrieden ist, wer handeln kann, wie er sich vorsetzte. Die aber weil’s Mode ist, Lehrerin werden, und die, welche ohne rechte Befähigung von der Noth zum Broderwerb als Erzieherin gezwungen werden, verkümmern in Erfolglosigkeit, und zum gesellschaftlichen Elend gesellt sich verheimlichtes seelisches Elend und das ist der Wurm, der das Leben zernagt. Man nennt ihn Nervosität und wundert sich, wenn keine Kurmethode anschlägt. Und warum scheuen sich so viele junge Männer, einen Herd zu gründen . . . ?“
„Weil das Leben zu große Ansprüche macht,“ fiel Dr. Addison ein.
„Nein umgekehrt. Weil zu große Ansprüche an das Leben gestellt werden. Und wer sein Lebensschiff mit Ansprüchen überlud, daß es scheiterte, für den hat die Welt kein Mitleid, keine Hilfskassen, keine Zufluchtsstätten, sondern nur das hart abweisende Wort: selbst schuld. Erst wenn er ganz herunter, arztbedürftig und armenhausreif, wenn seine Leiden auf der Gasse schreien, wird er von der Wohlthätigkeit bei Seite geschafft. Der stillringende, kämpfende Mittelstand, der zum Betteln nicht arm genug, zum Streiken nicht unentbehrlich genug, darf sich nicht jeder Arbeit unterziehen, weil es Arbeiten giebt, die in den Augen der Welt herabsetzen. Und wissen Sie, womit dieser Hochmuth bezahlt wird, durch Äußerlichkeiten mehr zu scheinen als man ist? Mit Entbehrung, Sorgen, Thränen und Krankheit. Und wissen Sie, wohin er führt? Abwärts, zur Hoffnungslosigkeit mit allen ihren Folgen: zum Trost im Alkohol, Morphium, Cyankali . . .“
„Das trifft nicht immer zu . . . “
„Ausnahmen bestätigen die Regel.“
Eilenden Schrittes näherte sich Herr Runft der Grube. „Was mag es geben?“ rief das Kind, „Runft scheint aufgeregt und bestürzt . . .“ Und bleich ward Dr. Haller und seine Augen öffneten sich weit. Herr Runft beschleunigte seinen Gang. Erschöpft ließ er sich auf dem Rande der Grube nieder.
„Sie ist fort,“ stieß er hervor, „sie ist verschwunden.“
„Wer?“
„Fräulein Lahmann, Fräulein Pienchen. Die Mutter schreit wie eine Verzweifelnde und wirft sich laut jammernd vor, sie habe ihre Tochter ins Unglück getrieben. Aus Hille ist nichts herauszubringen. Die schluchzt: meinetwegen hat sie’s gethan, meinetwegen. Das ganze Haus ist in Aufstand.“
Die Grube war vollzählig; es saß aber noch ein Gast unter ihnen, der war Herrn Runft wie ein Schatten gefolgt. Das Kind hatte ihn zuerst erblickt und es durchfror ihn, als es ihn sah.
Die Sonne sandte Lebenslust, kraftvoll rauschte das Meer, der Wind trug lockendes Musikklingen daher, das frohe Lachen aber antwortete nicht wie sonst aus der Doktorengrube. Das hatte der Gast mit kalten Peinhänden erstickt. Und nun schaute er sie an, jeden Einzelnen, starr und unerbittlich und hauchte ihnen zu: ich gehen nie wieder, nie wieder. Der freudewürgende furchtbare Gast war die Reue.
„Was nun?“ fragte Herr Runft.
Schweigen wie vorher.
„Ich gehe sie suchen,“ rief das Kind.
„Nach welcher Richtung? Die Insel ist meilenlang und die See . . . abgrundstief.“
„Man muß fragen, ob Jemand sie gesehen?“
„Geschah bereits.“
„Und?“
„Niemand konnte Auskunft geben?“
Dr. Sattler erhob sich. Man sah ihm an, daß er stark arbeitend erwog.
„Ich weiß nicht,“ sprach er voranschreitend, „ob ich einen Vertrauensbruch begehe, wenn ich rede, aber ich hoffe, die Noth wird mich entschuldigen. Einen giebt es am Ort, der, wie ich vermuthe, die Spur der Vermißten mit Sicherheit auffindet . . . Der Indier.“
Kein Widerspruch erfolgte. Wie wäre ehedem der Mann mit dem vorder- und hinterindischen Sonnenstich zurückgewiesen worden.
„Herr Steinbach ist im Besitze seltsamer Kenntnisse,“ fuhr Dr. Sattler fort.
„Jedes Mittel ist mir recht,“ rief Dr. Haller, „sei es noch so abergläubisch und vernunftwidrig. Nur zum Ziele muß es führen.“
„Der Vernunft wird nicht zugemuthet, sich zu verleugnen. Im Gegentheil, sie erklärt das scheinbar Unverständliche. Als ich vor einigen Tagen den Indier zu einem Spaziergange abholte – er ist mir gegenüber mittheilsamer geworden, seitdem ich ernsten Antheil an seinem Denken nehme – sagte er plötzlich: „jetzt biegt sie in unsere Straße ein.“ – „Wer,“ fragte ich. – „Fräulein Lahmann,“ antwortete er. Einige Minuten später ging sie in Begleitung ihrer Mutter und Schwester an dem Hause vorüber.“
„Er sah sie durch den Fensterspiegel.“
„Nein, ein solcher Spiegel ist nicht vorhanden., und man kann von dem Zimmer aus nur das Stück der Straße unmittelbar vor dem Hause übersehen. Außerdem stand er vom Fenster abgewandt, mit der Füllung seiner Zigarrentasche beschäftigt.“
„Die Damen werden dort oft um dieselbe Zeit gehen.“
„So fragte auch ich. Er aber sagte, daß er ihre Annäherung zuweilen aus weiter Ferne spüre, und zwar dann, wenn er innig an sie denken müsse. Dies sei soeben der Fall gewesen. Als Erklärung habe er dafür die zeitweilig erhöhte Schärfung der Sinne, die ihn ihren Schritt erkennen lasse, den Ton der Stimme, irgend eine Eigenthümlichkeit ihres Wesens, wenn sie noch nicht in dem Bereiche des gewöhnlichen Wahrnehmungsvermögens der Sinne sei. Daß er an sie denken müsse, wenn er einen der Herren träfe, die an der Ausfahrt nach Rantum theilgenommen, sei auch nicht wunderbar, ebensowenig wie das Gefühl, als werde ihr irgend ein Leides geschehen. Und da bat er mich, abzuwenden, was ich abwenden könne. Ich suchte sie von dem Balle zu entfernen, wie der Grad unserer Bekanntschaft gestattete, sie aber wollte mich nicht verstehen.“
„Also interessirt sich der Indier für sie?“
„Nicht in gewohntem Sinne. Ein tiefes Mitleid hat ihn ergriffen, dessen er nicht Herr ist, sondern das ihn beherrscht. Der Drang, zu helfen, in Gefahr beizustehen, zu retten, liegt in jedem Menschen, dessen bessere Empfindungen nicht in Selbstsucht untergingen. Bei ihm aber, den die indischen Lehren von der Güte und Barmherzigkeit gegen alle Wesen erfüllen, ist das Mitleid derart gesteigert, daß es ihn quält wie – nun in diesem Falle – wie unerwiderte Liebe.“
„Und wir hatten kein Mitleid,“ sagte das Kind. „Wir wollten lachen, wie es der Welt Brauch ist, in der für klug und gescheidt gilt, wer das Unvollkommene und Schwache verhohnlacht.“
„Würde alles Menschliche menschlich beurtheilt, wie fördersam wäre das.“
„Wo bliebe der Fortschritt ohne bessernden Tadel?“ fragte Dr. Addison.
„Mit aller Kraft sich gegen das Schlechte wenden, gegen das gewollte Böse, das halte ich für menschlich. Und was den Tadel anbetrifft, so stimme ich dem Indier bei, wenn er sagt: die Unzufriedenheit mit sich selbst ist der Weg zur Vervollkommnung; klügelndes Besserwissen dagegen führt von der Erkenntniß zur Thorheit.“
„Werden wir den Indier treffen?“ fragte Herr Runft.
„Ich hoffe!“ entgegnete Dr. Sattler. – Sie schritten insgesammt, so rasch der nachgebende Sand erlaubte. Der sie antrieb war der graue Gefährte; er hielt sein Wort: er wich ihnen nicht von der Seite.
Vierzehntes Kapitel.
Vor Sonnenaufgang pflegte der Indier das Haus zu verlassen und ehe Westerland sich regte, in die Dünen zu wandern. Ein Buch, ein wenig Imbiß, nahm er mit; die Einsamkeit zu ungestörtem Nachdenken und Grübeln fand er allerwegen in den Sandbergen. Oft blieb er den ganzen Tag aus und kehrte erst spät heim. Seine Wirthin verwarf ihm das als ungesund. Er dankte ihr freundlich für die obsorgende Mahnung und sprach, daß er fände, was er suche: Genesung. – Sie aber war eine kluge Frau, die Vieles erfahren, und schüttelte das Haupt. – Diese Augen hatten schon in den Himmel hineingesehen, das würde ihr jede Insulanerin bestätigen, die an Sterbebetten gewacht. Also dachte sie und wahrte Stillschweigen. Solche Dinge zu bereden, ist nicht gut.
Auch an diesem Morgen brach Herr Steinbach in der Frühdämmerung auf; es litt ihn weniger im engen Hause als sonst. Eine eigenthümliche, beklemmende Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Ihm war, als hätte Jemand gerufen, erst aus der Nähe, dann ferner und ferner, und nun nöthigte es ihn, die bange, zitternde Stimme zu erreichen, bevor sie ersterbe.
Als seine Wirthin die Wegzehrung brachte, fragte er, ob auch sie ein klagendes Getön vernommen, um zu ermitteln, ob nicht Einbildung ihn täusche? – Die Wirthin erschrak.
„Es war das Vorzeichen,“ sprach sie. „Wenn es Nachts von der See herüberschallt, als gingen die Glocken, dann giebt’s eine Leiche am Strande . . .
„Sie hörten also dasselbe Klagen?“
„Es liegt in unserer Familie, mein Vater hatte das zweite Gesicht. Lieber Herr, gehen Sie heute nicht an die See und um Gottes Willen versuchen Sie nicht zu baden. Wir haben Springfluth heute. Glauben Sie mir, es war Vorschau . . . “
Herr Steinbach wartete nicht der Rede Ende ab, sondern enteilte dem Hause, denn wieder war das Angstrufen erklungen, so deutlich, daß ihm die Richtung inne ward, aus der es herüberscholl. Durch den schlummernden Ort schritt er hastig dem Südwesten zu.
Das Morgenlicht begann die Wolkenbank im Osten zu röthen, die sich wie eine graue Binde vor das Auge des Tages gelegt und sein helles Aufstrahlen verzögerte. Frühstille und Frühkälte empfingen den Wandernden. An der Landseite der Dünen ging Herr Steinbach den weg, der in die Feldmark führt. Unbeirrt schritt er vor, nicht rechts noch links schauend. Jetzt aber bog er ab.
Dann machte er Halt. Er stand vor dem prunklosen Eingang zur Heimstätte der Heimathlosen. Er war bestürzt. Hierher hatte er nicht gewollt. Wer hatte ihn hergeführt? Das Rufen?
Das Gitterthor war ein wenig geöffnet. Er lauschte, ob das Rufen wieder ertöne? Nur die Brandung rollte dumpf. Es schwieg. – Er trat ein. Stumm und friedlich lagen die Gräber; an den schwarzen namenlosen Kreuzen hingen welke Kränze. Still war es. Kein Luftzug regte sich.
Nun sandte die Sonne ihren ersten Strahl über das Land, und wohin das Licht drang, jubelte ihm die Farbe der Blumen entgegen, überall aus dem Grün.
Das aber waren keine Feldblumen, die vor dem Steine der Königin hingestreut, wie Opfergabe lagen. Das waren Rosen.
Er ging hinzu und hob eine der Rosen auf. Was war das? Ringsum Alles triefte von Thau und die Rosen waren trocken, welk sogar? Die mußten an diesem Morgen, vor kurzer Zeit hierhergebracht dein. Kein menschliches Wesen war ihm begegnet. Wer war so früh an dieser Stätte gewesen? –
„Welke Rosen; arme Rosen,“ flüsterte er.
„Armes Mädchen!“
Wer hatte das Wort gesprochen?
Er selbst? – Die Rosen? – Die Erinnerung?
Das Mitleid!
In dem bethauten Grase zeichneten sich die Spuren von Schritten dunkel ab. Hier waren sie und hier; hinaus auf das Feld leiteten sie. Er folgte ihnen, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Stellen gerichtet, wo das nasse Silbergrau verwischt war.
Immer schwächer wurden die Spuren, die steigende Sonne trank den Thau. Und doch unterschied er sie noch; die übrigen Sinne liehen dem Auge ihre Kraft und traten zurück. So hatte er von weisen Lehrern gelernt, sie zu meistern. Allmälig ward das Sehen zum Schauen: vor ihm tauchte eine Gestalt auf, wie aus dünnem Nebel. Sie floh vorauf, er folgte und konnte sie doch nicht erreichen, so sehr er die Schritte beschleunigte. Nun wandte sie sich den Dünen zu, mühsam erklomm sie den sandigen Abhang; als sie die Höhe erreicht, stand sie still. Dort oben flatterte das Haar im Seewinde, er sah es deutlich. Er wollte ihr zurufen. Die Stimme versagte. Er wollte ihr zuwinken. Der Arm folgte dem Willen nicht. Mit aller Anstrengung entriß er sich der Fesselung. Laut schrie er auf. In demselben Augenblick war die Gestalt verschwunden.
Er kannte die Dünen; auf gangbarem Pfade eilte er hinauf. Oben angelangt, spähte er angstvoll. Zu seinen Füßen brandete das Meer, Welle auf Welle donnerte daher und zerschellte tosend. Der Strand war leer, Niemand zu sehen.
Dort aber, wo aus großen Steinblöcken die Buhne ins Meer hinausgebaut ist, der Insel zum Schutz gegen die Tücke der Fluthen, dort stand Jemand, umsprüht vom weißen Gischt der Wogen, die an den Felsen schäumend emporschnellten.
Frischer Wind war aufgekommen mit der Fluth, die reißend zunahm. Gewiß, das war Springfluth, so ungebärdig zieht sie heran, so tobt sie, so unheimlich steigt sie, so unvermuthet stürzt sie Wasserberge daher, einreißende, wild zerschmetternde.
Die Gefahr wuchs mit jeder Minute. Draußen auf der dunkelblauen, offenen See wurden die Köpfe der Wellen breiter und weißer, eine einzige der herwälzenden gewaltigen, mußte die Unbesonnene von der Buhne herabschleudern, in die Tiefe reißen, ohne Rettung.
Er rief. Das Meer übertönte seine Stimme, der Wind verwehte sie. Pienchen wich nicht von dem Steinwall, sie erwartete das Ende. Das Meer kam, sie zu erfassen, es dehnte sich nach ihr aus. Das Spiel der Wellen zog sie dämonisch an. Sie war wie gebannt.
Die Nacht lag hinter ihr: die letzte Qual. Der Schlaf hatte sie allein gelassen mit ihrer Noth. Es war Alles vorbei. Verhöhnt, verlacht, zum öffentlichen Spott gemacht, als unnütz verworfen . . . . wozu sollte sie länger leben? – „Es gehen so Viele ins Wasser,“ hatte Frau Lotz gesagt. Warum sollte sie nicht dem Beispiele des Mädchens folgen, von dem die Zeitung erzählte? Auch ihre Hoffnungen waren vernichtet; sie war enttäuscht, grausam enttäuscht. Und Niemand gab ihr Trost, Niemand. Nirgendwoher kam Ruhe. Keins der Atome, von denen Herr Werghheim gesagt, keine Linie des Spektrums, keine Centrifugalkraft, keine Vererbungslehre, kein Naturgesetz, keines, wofür sie hingab, was sie hatte, Unbefangenheit, Kraft und Gesundheit, keines brachte ihr sänftigende Gedanken, Leid zu beschwichtigen. All ihr Wissen gab keinen Tropfen Balsam für die brennenden Wunden, aus denen ihr Herz blutete.
Mochte Hille glücklich werden. Der wurde kein schrecklicher Mann aufgezwungen. Die hatte es gut. Alle hatten es gut . . . Alle . . . nur sie, . . . nur sie nicht.
Und wie würde das Leben zu Hause sein? Sie unthätig, ohne Aussicht, von dem täglichen Verdruß, der Unerträglichkeit des Alltags erlöst zu werden . . . nie . . . nie.
Die Zeitung hatte ihr den Weg gewiesen, den Widerwärtigkeiten zu entgehen, dem Elend, der Noth. Dafür war sie ihr dankbar.
In aller Stille erhob sie sich; weder die Mutter noch die Schwester erwachten. „Seid glücklich,“ schreib sie auf ein Zettelchen. Fast ward es ihr schwer zu gehen, da sie dies geschrieben, schon wollte sie umkehren und die Mutter wecken, aber da fiel ihr Blick auf den Ballstrauß, der auf dem Tische lag. Oh, der gestrige Abend, der entsetzliche Abend! Sollte sie sich ferner verhöhnen lassen? Nein.
Sie nahm die Rosen. Die Hausthür war nur eingeklinkt; geräuschlos schlüpfte sie hinaus. Und dann wanderte sie entschlossen weiter.
Als sie an den Friedhof der Heimathlosen kam, machte sie Halt. Einer war gewesen, der hatte Mitleid mit ihr gehabt, aber den hatte sie verworfen. Ihm hätte sie gern Lebewohl gesagt. – „Dies ist seine Lieblingsstätte,“ murmelte sie. „Vielleicht findet er die Rosen. Und wenn er hierher kommt?“
„Er wird sie zertreten, wie ich zertreten bin. Vorwärts.“
Sie bedurfte des ganzen Aufgebots ihrer Kräfte, dessen war sie sich klar. Weit ab von der Lust und Fröhlichkeit des Westerlander Strandes, weit ab von allen Menschen, in der Einsamkeit, ungesehen, ungehört wollte sie verschwinden. Nur wandernd konnte sie die Abgelegenheit erreichen, nur in der Frühe. Darum mußte sie weit gehen, rasch gehen.
Wenn ihre Kraft zu erlahmen drohte, rief sie sich zu: „Heut Morgen kommt das Skelett, Dich zur Braut zu begehren.“ Dann trieb der Abscheu sie an. Und nach einer Weile nochmals: „Wie sie über Dich höhnen, Pienchen, die Lüneburgerin und der . . . der Andere, heute Morgen am Strande. – Fort.“ Und abermals: „Bald haben alle Qualen ein Ende und Mama braucht um mich nicht mehr zu sorgen! Sie hat zu leben.
Und wie sie mit letzter Anstrengung die Dünenwand erstieg, erfüllte sie Stolz, die Schwäche dennoch zu überwinden. Es war der Stolz der Ausgestoßenen. Die Welt wollte sie nicht – nun so verließ sie die Wellt.
Als sie oben stand und hinunter auf das Meer blickte, auf das weite, weite Meer, das mit dem Himmel verschmolz, überlief sie ein Schauer. So groß, so schön! Und auf der großen, schönen Welt waren Alle glücklich, Alle . . . nur sie nicht . . . nur sie nicht, einzig und allein. Vorwärts!
Mühsam stieg sie ab, der Weg hinunter machte ihr Beschwer. Langsam schleppte sie sich dem ins Meer gebauten Steindamme zu. Sie war erschöpft, so nahe am Ziele, zum Tode erschöpft; ihr war gleichgültig, was geschah.
Die Wellen rasten herbei und schlugen hoch an den Steinen empor. Das furchtbare Spiel hielt ihre Blicke gefangen, das Tosen berauschte sie. Grünblau hob sich das Wasser zum Hügel und schoß thalwärts, und wieder hob es sich und stieg näher auf und näher. Dann überstürzte die Welle sich und umkochte schäumend die Buhne. So kam Welle auf Welle. Der Gischt spritzte empor und durchnäßte Pienchen, sie achtete deß nicht. Wilde Lust erwachte in ihr, jauchzendes Verlangen, mit zu tosen, mit zu rasen, im Wirbel der Fluthen zu vergehen, frei vom Leide, frei.
Eine Woge, mächtiger und gewaltiger denn alle zuvor, wuchs auf. Pienchen breitete die Arme aus, jubelnd, frohlockend.
Da schrie ihr eine Stimme zu: „Halt! Halt!“ Dicht bei ihr erscholl sie, in den Lärm der Wogen hinein, und zwei kräftige Arme umfaßten sie. Die nächste Welle überschwenmmte die Buhne, sie aber fühlte sich gehalten und fortgezogen aus dem Bereiche der stürmenden Fluth. So wurde sie schon einmal aufgefangen. Gestern war’s auf dem Balle. „Hinweg.“ Mit letzter Anstrengung, mit äußerster Anspannung suchte sie sich los zu machen. „Ich will fort,“ rief sie, „fort.“
„Wohin?“
„Fort aus der Welt.“
„Sie können nicht aus der Welt.“
„Ins Jenseits denn . . .“
„Sie sind im Jenseits. Unser Leben ist nur ein Theil des Jenseits. Niemand kann sich selbst entfliehen, Niemand.“
„Unbarmherziger Mann!“
Pienchen brach zusammen; tiefe Ohnmacht umfing sie.
Steinbach nahm die Besinnungslose wie ein Kind auf seine Arme und trug sie von dannen; in die Düne trug er sie, zu einer Ausmuldung im Sande, wo es windgeschützt war und friedsam. Dort breitete er sein Plaid aus und bettete sie sanft. Dann tränkte er einen Bissen Brod mit Wein aus seiner Feldflasche und netzte ihre Lippen.
„Wach auf,“ flüsterte er ihr zu. „Wach auf.“
Pienchen regte sich. Wehes Erschüttern löste die Gebundenheit ihrer Sinne. „Warum bin ich nicht todt?“ schluchzte sie. „Warum nicht todt?“
„Weil Sie nicht eher sterben dürfen, als bis Sie das Leben haben.“
Pienchen blickte ihn verwundert an. Er gab ihr Speise und Trank und mahnte liebreich, daß sie nähme.
Da sie gegessen ein wenig und ein wenig genippt von dem Weine, den er ihr bot, ward ihr, als habe sie Keinen auf Erden, denn ihn. Und sie sprach zu ihm.
Alles Leid, das sie bedrückte, schüttete sie ihm aus. All’ ihr Sagen aber schloß mit dem Jammer: „Ich habe Niemand, der mich liebt.“
Da fragte er: „Auch nicht Gott im Himmel?“
Sie schlug die Augen nieder. Leise antwortete sie: „Gott ist nur für Kinder. Die Wissenschaft hat für Aufgeklärte bewiesen . .
„Nichts hat die Wissenschaft bewiesen,“ fiel er ihr in die Rede. „Wohl kann sie Irdisches wägen, messen und berechnen, und was dem Irdischen ähnlich, was aber göttlich, das fügt sich nicht ihren Meßwerkzeugen. Und ich sollte dem, der Gott leugnet, mehr Glauben schenken, als dem, der ihn mir verkündet?“
„Es ist aber Alles Naturgesetz,“ sagte Herr Wergheim.
„Einst war unser Planetensystem Gasnebel, daraus Sonne, Planeten und auch die Erde entstanden. Dann kam Leben, und aus dem Niedrigen entwickelte sich das Höhere. Ein Thor, wer das bestreitet. Woher das Leben aber kam, das vermag keiner zu sagen, eben so wenig, wohin das Leben geht. Daß es aber nicht verloren gehen kann, weiß ich aus irdischer Wissenschaft. Keine Kraft, keine Bewegung kann in aller Ewigkeit ein Ende nehmen. Mein Denken, mein Empfinden, mein Ich ist aber nicht minder Kraft und Bewegung, wie eine Lichtwelle, eine Elektrizitätsströmung, Wärmeschwingung, es kann sich wandeln, aber nie erlöschen.“
„Nie erlöschen?“ fragte Pienchen, und Angst sprach aus ihren Zügen. „Auch nicht in der tobenden Fluth?“
„Die Seele ist unsterblich.“
„Was wäre aus ihr geworden, wenn das Meer . . . “
„Was wird aus der Blume, die von frevler Hand dem Erdreich entrissen, mühsam wieder einwurzelt? Sie siecht und leidet, ihr Dasein ist Elend.“
„Neues Leid, neues Elend wäre mein Theil geworden?“
„Was wir säen, ernten wir. In unserem irdischen Gewande ernten wir die Frucht vorirdischen Daseins. Wer tief sank, erscheint auf niederer Stufe, wer sich dem Göttlichen nicht anpaßte, wie kann der sich über Thierisches erheben? Nichts geschieht sprungweise. Daher sind Höhe und Niedrigkeit, so unvermittelt sie uns erscheinen, vorerworben in einem anderen Leben. Wir vermögen nur die Zeiträume nicht zu übersehen, die dazwischen liegen.“
„Ich kann nicht begreifen, daß ich schon einmal gelebt haben soll. Ich weiß nichts aus jener Zeit . . . “
„Erinnern wir uns jedes Tages unserer Kindheit? Nur besonders eindrucksvoller Begebenheiten entsinnen wir uns, bis im späten Alter, wenn Leidenschaften und Kämpfe die Seele nicht mehr ins Joch spannen, die Vergangenheit sich wie ein Gestern nähert. Zu Zeiten, der körperlichen Fesseln ledig, ergeht sich die Seele in der Welt der Erinnerung, aber in den Frohndienst des Tages gestellt, vergißt sie wieder, wo sie war. Im Traum ist die Seele frei.“
„Im Traume,“ rief Pienchen. „Ja, ich hab’ es erlebt. Alle Noth war von mir genommen; im Traume war ich glücklich. Glücklich, als Kind, bei Onkel Chlotar. Ich vernahm seine Stimme, ich hielt seine Hand, ich war bei ihm.“
„Was wir einmal geistig besaßen, kann niemals verloren gehen, es wird wieder unser eigen, wenn wir erwachen . . . im Traum. Wen wir liebten . . . er wird uns nahe sein, wer uns liebte, wird uns umfangen, wenn wir zum letzten Male erwachen, frei von allen Schlacken, erlöst von allen Leiden und Feuden des Staubes, denn Liebe ist der höchste geistige Besitz.“
„Und was wir haßten?“ fragte Pienchen bange, „und was uns haßte? Wird nicht auch das folgen und uns quälen.“
„Dazu sind wir geboren, daß die Liebe den Haß überwinde. Im Leid erkennen, was Leiden bringt, im Glücke trachten, was Schuld erwehrt, in Demuth büßen, was selbst geschaffenes Schicksal auferlegt, aus eigenem Nothgefühl die Noth Anderer lindern, das vernichtet die Selbstsucht, aus der Haß, Neid und alles Böse hervorwuchert. Das ist der Weg zur Läuterung, denn wie des Menschen Begehren, so ist sein Streben, und wie er strebt, solche Thaten begeht er, und wie er gethan, zu solchem Dasein gelangt er.“
„Wer aber führt mich zum rechten Begehren?“
„Gott, der uns über Alles liebt. Ihn suchen ist Leben, wer ihn flieht, verharrt im Tode. Hat Ihnen Christus je Leides gethan? Nein. Wohl aber die Welt, die Ihnen den Glauben nahm, die beseligende Gewißheit der Allmacht der Liebe, die in Ihnen die Sehnsucht zum Heil ertödtete, den Wandertrieb der Seele nach der Heimath. Und was gab sie Ihnen dafür wieder?“
„Nichts! Nichts. Elend und Verzweiflung..“
Sie verhüllte ihr Antlitz, die Schrecken der letzten Nacht traten vor sie, das Ringen nach Trost und Linderung, die öde Verlassenheit. In ihr kämpfte und wogte es. Die neuen Gedanken überflutheten die Vergangenheit. Neu? Nein, sie klangen wie aus ferner Kindheit her, und weckten das Echo des Herzens.
Der Wind beugte die graugrünen Dünengräser am Rande der Mulde, da hinein die Sonne wärmend schien. Von den Nachbardünen, den hohen Kuppen, sahen Möven hinab auf die Menschen, treue Wächter ihrer Nester. Drüber hin flogen weiße Vögel mit heiserem Schrei. Das Brausen und Donnern der Brandung hallte ununterbrochen und kündete das Wachsen der Fluth.
Pienchen schwieg lange Zeit. Dann schlug sie die Augen auf und richtete einen bittenden Blick auf den Mann, der sie ihrem Willen entrissen, und sprach zagend:
„Sie nannten mich ein armes Mädchen. Ja, ich bin arm. Arm. Ich zürnte Ihnen . . . Verzeihen Sie mir.“
Er reichte ihr die Hand, die sie heftig ergriff.
„Dank,“ flüsterte sie, „Dank!“
Sie erhob sich. „Zur Mutter muß ich, zur Schwester; sie sind in Sorge. O mein Gott, was wollte ich thun!“
Es überkam sie große Schwäche; sie sank wieder zurück. „Ich kann nicht zu ihnen,“ barmte sie, „kann ihnen nicht die Angst nehmen, daran ich Schuld bin. O, eilen Sie, gehen Sie zu den Meinigen. Ich warte hier in Geduld. Ich will leben.“
Da erschien oben auf der Düne, gar groß gegen den Himmel sich abhebend, eine menschliche Gestalt. Es war Dr. Sattler. „Gefunden,“ rief er froh nach abwärts, und winkte eifrig. „Er ist in seinem Nest.“ Alsbald wurden neben ihm die Herren der Grube sichtbar.
„Da sind sie, die ich hasse,“ rief Pienchen. „Hinweg, hinweg.“
„Der Haß ist der Tod,“ entgegnete Steinbach. „Sie aber wollen leben.“
Die Herren kamen herab. Keiner brachte ein Wort hervor; sie blickten auf Pienchen, als trauten sie ihren Augen nicht recht; ergriffen vor innerer Bewegung standen sie schweigend.
„Das Fräulein hatte sich verirrt,“ sprach Herr Steinbach. „Ein glücklicher Zufall führt Sie her, meine h
Herren . . . der Weg war zu weit . . . wenn Jemand von Ihnen einen Wagen besorgen möchte . . . das Fräulein befürchtet die Unruhe ihrer Mutter . . .“
„Wozu ein Wagen?“ rief Dr. Addison. „Wir nehmen das Plaid als Hängematte und tragen das Fräulein; so kommen wir rascher zum Ziel. Das heißt, wenn Sie mit dem Vorschlag einverstanden sind, Fräulein Lahmann?“
„Wenn ich Ihnen nicht zu viele Mühe mache . . „
„Durchaus nicht.“
Die Herren faßten das Plaid, auf dem Pienchen ruhte.
„Ist es so bequem?“ fragte das Kind.
„Wunderherrlich.“
Behutsam trugen sie die leichte Last, sorgsam, sorgsam. Das Kind nahm seinen Strohhut und hielt ihn wie einen Schirm, damit die Sonne Pienchens Antlitz nicht brenne. Sie lächelt ihm freundlichen Dank zu. Er wechselte einen Blick mit Schnellbeinchen. Auch dem glänzten die Augen feucht.
Dicht vor Westerland ließ Pienchen halten.
„Jetzt bedarf ich nur noch eines Armes,“ sprach sie. Jeder bot ihr den seinen. Sie aber nahm Herrn Steinbachs Geleit.
„Auf Wiedersehen,“ sprach sie und reichte den Herren die Hand zum Abschiede.
„Nie werde ich Ihre Liebenswürdigkeit vergessen.“
Dann schritt sie mit Herrn Steinbach dem Orte zu.
„Merkwürdig,“ sagte Himeyer. „So sah ich sie nie, so natürlich, ohne Ziererei. Fast könnte man behaupten, sie wäre nicht ohne Anmuth.“
„Ich gehe zum Gärtner und schicke ihr das Schönste, was er hat,“ sagte das Kind. „Wer kommt mit?“
„Wir Alle.“
Letztes Kapitel.
Mein Herr Verleger hatte mich zu einem Abendessen eingeladen. Das fand ich so herablassend, daß ich zwei Nächte vorher aus Glückseligkeit nicht schlief und an dem Haupttage selbst schon am Morgen in den Frack schlüpfte, um mich so recht in Feststimmung hineinzuleben. Der Frack ist ja nun einmal das männliche Prunkgewand, obgleich er etwas Vogelscheuchenartiges an sich hat; aber das sichert ihm vielleicht gerade seine Stellung, denn mit den Augen der Vernunft betrachtet, verliert er jegliche Berechtigung. Das Unvernünftige aber bleibt oben auf.
Mit dem Glockenschlage stellte ich mich ein und war der Erste. „Sie hätten noch eine Stunde Zeit gehabt,“ belehrte mich mein Herr Verleger, „so früh kommen ist dörfisch.“
Ich bat zerknirscht um Entschuldigung. – „Diesmal schadet es Nichts,“ erwiderte er, „im Gegentheil, es ist mir lieb, mit Ihnen einige Worte unter vier Augen zu sprechen. Sagen Sie mir blos, wie viele Kapitel wollen Sie denn noch schreiben?“
„Zehn bis elf.“
„Mehr nicht?“
„Die werden reichen. O, ich habe noch so unendlich viel zu sagen. Ein Kapitel brauche ich, Ihnen die Lokomotive nachzuliefern, eins spielt bei Müllers . . . “
„Am Ende des Buches kann ich keine Lokomotive mehr gebrauchen und Müllers sind auch nicht nöthig. Hille kriegt ihren Theodor, wozu Papier verschwenden?“
„Ich hatte mir so hübsch ausgemalt, wie Theodor Hille seinen Eltern zuführt und wie der alte Müller die Verlegenheit vor der feinen Braut dadurch überwindet, daß er seinem großen Jungen eine Rede hält, die von einer Tracht Schelte kaum zu unterscheiden ist. Der Theodor möchte aber laut aufjauchzen, denn die Sorte Schelte kennt er, die ist rauhes Lob, wie er es oft bekam. Und Minna denkt: wie ist Vater heute gut; ihr ganzes Sein wird zum Segenflehen für Alle, stille Seligkeit erfüllt sie. Sie ist glücklich. – Hille findet sich in die Klempnerverhältnisse hinein, als sei sie darin groß gezogen, und das ist auch erklärlich. Das Schicksal baut die Verhältnisse und hinein muß der Mensch. Entweder kommt nun das Muß mit der Geißel der Noth und peitscht ihn, bis er sich einzwängt, oder die Liebe bittet und führt ihn mit linder Hand hinein, und dann wandelt das harte Muß sich in milde Zufriedenheit. So giebt es zweierlei Muß, ein bitteres und ein süßes.“
„Das wären zwei Kapitel. Bleiben noch acht. Wozu die?“
„Davon sind fünf für die Doktorengrube. Die Doktoren machen theils Geld-, theils Neigungsparthien. Herr Runft bekommt eine Wittfrau in den besten Jahren. Himeyer ehelicht eine Stadtverordnetentochter und malt Historienbilder fürs Rathaus.“
„Er, der offenen Widerwillen gegen die Historienmalerei äußerte . . ?“
Was thut man nicht der Frau zu Liebe und zur Beruhigung der neuen Verwandtschaft? Und Aufträge sind Aufträge. Er komponirt ein großes Gemälde: ’Verwaltungsbeamten aus Neapel wird von ihren Berliner Kollegen bei einem Ausfluge nach Osdorf Rieselwasser kredenzt’.
Es hat eine Breite von vier Metern bei einer Höhe von drei Metern. Prachtvoll! – Ferner bekommt die biertrinkende junge Dame einen Mann, einen gewissen Neumann, Carl Detlef Neumann, Assessor . . .“
„Wollen Sie Eschels Meike nicht auch noch verheirathen?“
„Da bringen Sie mich auf einen trefflichen Gedanken! Eine friesische Hochzeit zu schildern, dürfte, wenn auch schwierig, so doch lohnend sein. Man könnte einige Volkslieder altfriesischer Mundart einflechten, die ungeheuer echt wirken würden, weil sie Niemand versteht. Zum Beispiel Wü senn jir toi enn Bröllopp, Jir mütt wü uck watt sjung . . .“
„Genug. Genug. Merken Sie denn nicht, daß ich Ihnen fortwährend zu verstehen gebe: ich danke?“
„Wirklich?“
„Eine Geschichte kann doch unmöglich in ein Heirathskontor ausarten.“
„Sie erlaubten mir, so viele Nebenpersonen zu verloben, wie ich wollte . . .“
„Unter der selbstverständlichen Bedingung, daß die Wahrscheinlichkeit dabei nicht mißhandelt würde. So verschwenderisch, wie Sie sich einbilden, werden Doktoren nicht abgesetzt. Lieutenants wären vielleicht glaubwürdiger, für die sparen angehende Schwiegerväter und sticken Erbtöchter Pantöffelchen.“
„Neuzeitlich sind auch Doktoren recht beliebt und werden nachgefragt, sowohl solche mit, als auch ohne Musik. In einigen Häusern richtet man die jungen Mädchen sogar auf Nichtmilitär ab und einfache, ungetitelte Männer. Ja, ja, wir gehen einer vielversprechenden Zukunft entgegen.“
„Andererseits wirkt man für die Emanzipation.“
„Die ist nicht von Bestand. Unlängst hatten in einer amerikanischen Stadt die Frauen erst die Wahlen gekapert und dann alle öffentlichen Ämter in Beschlag genommen. Anfangs war’s wonnig; es ging sparsam zu, ordentlich, reinlich und die Männer waren völlig drunter durch. Allmälig aber zeigte sich, daß manche Maßnahmen zu kurz überlegt waren und für die Dauer nicht langten. Da fingen die Geknechteten an, Kritik zu übern, die Zeitungen machten Randglossen zu der neuen Wirthschaft. Und was glauben Sie, was die Folge davon war?
„Nun?“
„Das gesammte Rathskollegium fiel in Weinkrämpfe über die bösen Artikel, und das war um so schlimmer, als der Bürgermeister fehlte, die Ordnung aufrecht zu erhalten.“
„Wo war der denn?“
„Er lag gerade in den Wochen.“
„Und sein Ersatzmann?“
„Hatte sich mit dem Schreiber erzürnt und kam nicht. Nach knapp dreiviertel Jahren war Alles wieder beim Alten. Mütter taugen nun einmal nicht zu Stadtvätern.“
„Nächstens mehr davon,“ sagte mein Herr Verleger, denn nun wurden Gäste gemeldet, Herren und Damen. Die Gattin meines Herrn Verlegers erschien und empfing sie, und auch ich wurde vorgestellt. Es war eine Pracht, zu sehen, was die Damen anhatten und was sie nicht anhatten. Die Seide rauschte und die Edelstein blitzten, oder waren es die Augen, ich weiß es nicht genau mehr, so verwirrte mich die Ungewohntheit, so blendete mich der Festglanz. Es war großartig, wirklich lebend dabei zu sein. Großartig ist hierfür das richtige Wort, ich hasse es sonst, denn jedes dritte Wort im Gespräch ist jetzund das beliebte „großartig“ in allen möglichen Betonungen, und doch ist es nichts weiter als der Ausdruck gedankenlosen Staunens, ein Lallwort kindischer Bewunderungsschwäche, die nicht zu unterscheiden vermag, und von All und Jedem gleich hingerissen, den gleichen Ausruf hat: großartig. Wie Jemand spricht, so denkt er, wer Alles großartig findet, hat für das wahrhaft Große keine Empfindung, sonst würde er dies Wort nicht wie ein Automat bei allen Anlässen, ob groß, ob klein, herausfallen lassen. Daß es Modewort werden konnte, zeigt, daß zur Zeit klein gedacht wird, wenn Denken überhaupt noch Mode ist.
So ungefähr sprach ich zu einer jungen, blonden Dame, die ein seegrünes Kleid trug und einen Strauß weißer Blumen vorn an der Brust, von funkelnden Diamanten gehalten. Sie blickte mich ein Weile stumm an und sagte dann blos das Eine:
„Großartig.“
Dann machte sie mir eine Verbeugung und ging zu einer Freundin in rosa Atlas. Es war ein hübsches, liebes, junges Mädchen, aber sie sagte: großartig.
Schade. –
Bei Tisch kam ich neben der schönen Frau meines Herrn Verlegers zu sitzen. Ich hatte sie schon immer bewundert, so geschmackvoll war sie gekleidet. Ein mattweißes Kleid mit eingewirkten Streublumen von goldiger Farbe war gar prächtig und schmiegte sich an sie, als wollte es ihrer Schönheit in Gehorsam dienen. Welche Angst ich ausstand, daß Jemand auf die üppige Schleppe treten könnte, vermag ich kaum zu sagen. Es war ein so kostbarer Stoff.
Sie nahm sich meiner freundlich an und war sehr gut gegen mich. Als sie sah, daß ich meinen Fisch schon gegessen, winkte sie Meier’n und der mußte mir den Steinbutt noch einmal reichen.
Er hieß nämlich Meier, der Lohndiener, und hatte weißbaumwollene Handschuhe an. Ein kluger, kenntnißreicher Mann, dieser Meier, von allen Weinen, die er einschränkte, wußte er den Namen, und darunter waren französische, schwer richtig auszusprechende.
Es war sehr hübsch. Nur schräg gegenüber der Herr gefiel mir nicht. Ich konnte mich der Vermuthung nicht erwehren, er habe Nadeln verschluckt und die wanderten überall in ihm umher. Weshalb sollte er sonst so griesgrämig sein in der Gesellschaft, um die Meier immer mit der Flasche herumging und sie aufheiterte. Der Grämige warf mir von Zeit zu Zeit einen scharfen schiefen Blick zu. Endlich näselte er mich an:
„Also Sie sind der junge Mann, der Pienchens Brautfahrt geschrieben hat?“
„Ihr Beifall beglückt mich außerordentlich,“ entgegnete ich.
„Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen Beifall gespendet hätte,“ blies der Verdrießliche zurück. „Ich wollte Ihnen nur bemerken, daß Sie von der Wichtigkeit des Lateinischen und Griechischen falsche Ansichten hegen. Ohne sie keine höhere Bildung.“
„Mithin wären alle Nichtgriechen noch heute Barbaren, wie ehemals. Meine Meinung ist, daß Voß mit der Homerübersetzung die Bildung weiter gefördert hat, als tausend Grammatiker, welche die alte Literatur in Worte, Silben und Accente zerschroten und nicht einsehen, daß der Sinn für Poesie und Ideales unmöglich bei solchem Kleienfutter gedeihen kann. Denken Sie sich nach Tausenden von Jahren, bei irgend einem Volke Goethe und Schillers erhabene Dichtungen zu Buchstabirbüchern gemacht, Klopstocks Oden zu Klopfstöcken, die Formenlehre in Knabengehirne zu rammen, die Reden unsers großen Bismarck zu Wort- und Satzerklärungen benutzt, ohne Eingehen auf Sinn und Zusammenhang. Müßten Sie die armen Buben nicht auch bedauern, die vom einst klassischen Deutschland nichts kennen lernten als Sprachregelklauberei?“
„Ohne grammatikalische Übungen erfaßt Niemand den Geist einer Sprache.“
„Es wäre traurig, wenn Jeder, um von Shakespeares Feuer durchglüht zu werden, des Englischen mächtig sein müßte. Den Geist fremdsprachiger großer Männer gebe man uns in der Sprache unseres Landes so schön, wie es irgend möglich ist. Und unser Deutsch übe und pflege man vor allem Andern.“
Der Griesgrämige würdigte mich keiner Entgegnung. Zu meinem Herrn Verleger gewandt krächzte er:
„Überall Verwilderung, über all Revolution; entsetzliche Zeit.“ – Und mit dem Daumen auf mich deutend, sprach er: „Der junge Mann nimmt kein gutes Ende; ich habe ihn ja auch nicht in meiner Klasse gehabt.“
„Aha!“ dachte ich, „der schlägt Kinder. Und Nadeln sind es nicht, die ihn zwicken, es sind hintergewürgte griechische Accente.“
Die blonde Dame in Seegrün rief: „Shakespeare, ich gebe Ihnen Recht. Mattkowski ist zu himmlisch als Romeo und Clara Meier als Julia großartig.“
„Finden Sie?“, fragte eine andere. „Das Kleid in der Sterbeszene war doch schrecklich unmodern.“
„Schmeckt es Ihnen?“ fragte meine Frau Verlegerin mich huldvoll.
„Ich habe noch nie so delikate Wrucken gegessen.“
„Das sind keine Wrucken, das sind Artischockenböden.“
„O,“ stotterte ich hervor und schämte mich; am liebsten wäre ich unter den Tisch gekrochen. Zum Glück kam Meier mit Achtzehnhundertvierundsiebziger Mouton Rothschild. Grand cru, tirage du château und lenkte die Aufmerksamkeit von mir ab. Die Herren prüften die Blume des Weins mit der Nase, dann den Wein selbst mit Lippen, Zunge und Gaumen und sprachen hierauf ihre höchste Anerkennung aus. „Warum bist du Esel nicht Rothwein geworden,“ schalt ich mich selbst. Da dieser Einfall mit spaßig vorkam, ward ich innerlich lustig und schaute vergnüglich in die Tafelrunde. Möglicherweise lag es aber auch an Meier, daß ich so vergnügt war. Er hatte schon wieder eine neue Sorte.
Der andere Herr, das Gegenstück zu dem Griesgrämigen, eine Art von Vollmond, der Hungerkur gebraucht hatte, wandte sich jetzt an mich und sagte: „Wissen Sie, was der Indier sagt, das ist Alles Unsinn. Sind wir über den Köhlerglauben hinweg oder nicht?“
„Ach so! Sie meinen, am Anfang war der Kohlenstoff. Ja, darüber sind wir hinweg.“
„Ihr Indier lästert die Wissenschaft!“
„Durchaus nicht. Er will ja nur Freiheit für sein Glauben, wie die Wissenschaft für ihr Forschen. Das Mathematische ist für den Hirnschädel, der Glaube aber für das Herz, und er wehrt sich nur gegen die Einzäunung des Gemüthslebens mit dem Einmaleins. Neulich sagte er zu Dr. Sattler: wenn die exakte Wissenschaft Glauben verlange, wenn sie, sobald sie mit ihren Maßen zu kurz käme, sich auf die dunkeln, vielgestaltigen Molekularkräfte berufe, deren Gesammtheit keinem bisher bekannten Gesetze gehorcht, dann erscheine sie ihm ebenso spukhaft, wie die Versuche, das zu Glaubende durch Experimente zu beweisen.“
„Sind sie sehr interessant, die dunklen Molekularkräfte?“ fragte die rosa Atlas-Dame. „Wir waren in der Urania, dort war es auch interessant. Wenn man den Mond durch elektrisches Licht vergrößert, sieht er aus wie ein Napfkuchen, aus dem die Rosinen herausgenascht sind. Es war sehr interessant, nur viel zu lang.“
„Pienchen!“ wollte ich rufen, aber ich besann mich noch rechtzeitig. – „Ja,“ antwortete ich, „sie sind sehr interessant, höchst interessant sogar, namentlich wenn die dunkelsten erst mit Anilin aufgefärbt werden.“
„Großartig! Was heut zu Tage alles mit Anilin gemacht wird, ist einfach großartig.“
„Großartig, großartig,“ setzte die Grünseidene hinzu.
„Gewiß,“ sagte ich. „Die Griechen hatten Platon, wir haben Anilin.“
„Das ist eben der Fortschritt,“ sagte der Mondmann.
„Er war es, der von der Seele lehrte, daß sie gelebt habe, lebe und leben werde; aus Indien und Ägypten hatte er solche Weisheit. Und wie könnte es anders sein? Wo wäre Gerechtigkeit, wenn für kurzes irdisches Leben die Strafe oder der Lohn ewig währte? Ewig! In neuen Welten, in neuem Leben aufwärts zum Heil, hin zur Gnade, so ist Herrn Steinbachs Glaube. Nicht kann er begreifen, daß es möglich sei, ein ganzes Leben voller Schurkerei mit einem winzigen Augenblicke der Reue wieder gut zu machen. Kein Winkel des Weltalls, kein Stern, wo sie nicht herrschte . . . die Gerechtigkeit. Ebensogut wie das Natrium ist die Gerechtigkeit überall im Universum; das Gesetz von Ursache und Wirkung ist nicht nur gültig in der todten Welt der Hebel und Schrauben, sondern auch in der des geistigen Lebens . . . und . . . und . . .ich kann dem Indier nicht Unrecht geben.
„Ist er hübsch?“ fragte die schöne Frau meines Herrn Verlegers.
„Ein stattlicher Mann; fesselnde Gesichtszüge, wunderbare Augen, wohlklingende Stimme, aber man merkt es doch, daß die Tropen ihm zugesetzt haben, die gelbliche Gesichtsfarbe deutet auf Leiden.“
„Er ist Hypochonder,“ sagte der Mondmann, „sein Arzt hätte ihn nach Karlsbad schicken sollen. – Aber übrigens warum grübelt der Mensch? Was nützt ihm das? Wer sich ehrlich durch das Leben schlägt und sich anständig beträgt, wozu gebraucht der Religion?“
„Schade, daß sie nicht regenecht ist.“
„Wie so?“
„Nun, die ganze Feierlichkeit ist doch hin, wenn’s regnet. Das ist Kommunalbeamtenreligion . . .“
„Herr! Ich bin im Magistrat.“
Die herzensgute Frau meines Herrn Verlegers rettete mich. „Es war nur dichterisch gemeint,“ sagte sie, „und keinesfalls beleidigend. Über die Thätigkeit der Kommunalbeamten giebt es nur eine Stimme höchsten Preisens.“ Und freundlich trank sie dem Mondmanne zu. Der that Bescheid und lächelte, als hätte er zugenommen.
„Sie haben noch nicht erzählt, wie Pienchen wieder nach Hause kam. Was sagte die Mutter, was Hille?“ fragte eine ältliche Dame in silbergrauem Rips.
„Beide schrien laut auf; sie zetern und kreischen ja schon bei jeder Kleinigkeit, jetzt ließen sie die Gelegenheit nicht unverwendet. Eschels Meike sagte, sie hätte auf dem Tonderner Herbstmarkte Kameruner in einer Bude Lärm machen gehört, daß ihr angst und bange geworden wäre, aber sie glaubte nicht, daß die so juchen könnten, wie die Lahmanns, als das Fräulein unversehens in der Thür stand.
Pienchen war noch einige Tage recht krank und in der Doktorengrube saß der unheimliche, finstere Gast stundenlang wieder da. – Was ärztliche Kunst und Pflege vermochten, das geschah, aber kräftiger als Heiltränke und Fürsorge half das im innersten Herzen erwachte Leben.
Der Schreck hatte die Mutter aufgerüttelt. Sie klagte sich der Lieblosigkeit an, daß sie mehr ihren Eigennutz als das Wohlergehen ihrer Tochter im Auge gehabt. Nun überfloß sie in Güte. Sie versprach hoch und heilig, Pienchen auf Händen zu tragen und sie zu hegen, wie ein Kleinod. Hille wurde der Klempner gestattet.
„Aber Mama,“ bat Pienchen, die bleich war wie das Kopfkissen, „Du darfst Dein Wort morgen nicht wieder zurücknehmen.“ – Hille küßte ihre Schwester. „Pienchen, mein liebes Pienchen.“
Kein Streit, kein Bosheitsgetröpfele wie sonst. Pienchen schloß die Augen. „Wie Dein Begehren, so Dein Dasein,“ hallte es durch ihr Denken und Sinnen. Sie vermochte es nicht zu fassen, aber ihr war, als wenn glückverheißend ein Morgenroth über der trüben, farblosen Welt ihrer Gedanken aufgegangen wäre. „Pienchen, mein liebes Pienchen,“ das wärmte, wie Sonnenschein.
Wer aber meint, der Alten wäre durch den Todessschreck die Zornmüthigkeit abgejagt, wie ein Schluckauf, der kennt sie nicht. Über die eine Hand hatte sie Zärtlichkeitsfell gezogen, für Pienchen und Hille; an der andern dagegen ließ sie lange, scharfe Krallen wachsen . . . für Herrn Brömmer.
Der war nicht gekommen, das Jawort zu holen, wie der Kapitän verheißen. Das konnte nicht ungestraft hingehen. Er der Brömmer, das Skelett, hatte an Allem Schuld, der Kapitän auch und sie die Lotzen, dito. Es kochte in ihr, wenn sie dieser Drei gedachte.
Das Skelett war verschwunden. Es hatte seine Rechnungen berichtigt und war entflohen. Frau Lotz, die den Kollaborator nie recht gemocht hatte, suchte vergeblich seine Todesgeschichte zwischen den anderen schönen Blutthaten ihrer Zeitung.
„Oha!“ sagte der Kapitän, „da kannst Du lang auf lauern - - - eh’r der aus seinen Büchern herausstudirt hat, wie er sich umbringen muß, ist er vor Altersschwäche gestorben. Er ist zu ein gefährlicher Tünbüdel.“
„Wo ist er denn h in?“
„Ausgeritzt.“
„So ein slechten Menschen, gönnt mir armen kranken Frau nicht das kleinste Vergnügen. Warum hat er sich nicht mit besonderen Unständen getödtet? Da könnte man ihn doch lesen.
Herr Brömmer war zwar noch auf Sylt, aber nicht in Westerland. Noch an dem Ballabend, - sowohl Schnellbeinchen, wie der Kapitän und das Kind hatten ihn und seine Tanzkunst zu niederschmetternd verurtheilt – faßte er den Entschluß, einen Kreis zu meiden, der ihn unwürdig behandelte. Wie durfte er, als Lehrer, der in seine Klasse unfehlbar unantastbar alleinherrschte, sich eine Bevormundung gefallen lassen? Sein ganzer Stolz empörte sich. Wäre er Offizier, verstände er zu fechten, zu schießen . . . er wäre ganz anders aufgetreten. Jetzt blieb ihm nur übrig, Jene durch Verachtung zu strafen. Er ging, gab aber seine Kur nicht auf. Sylt ist ja groß.
Als nun an einem schönen Tage Pienchen den Wunsch äußerte, sie möchte zu dem Leuchtthurm von Kampen, sie habe sein Licht lieb, das Schiffbrüchige rettend aus Nacht und Noth leite, betheiligten sich Alle an der Ausfahrt. Auch der Indier. Der Indier und das Kind waren gute Freunde geworden.
Nun hatte Pienchen auch einen Hofstaat, wie die schöne Lüneburgerin. Und wie freundlich begegnete ihr jeder der Herren. Sie war schweigsamer geworden, und wenn sie sprach, klang es einfach und natürlich.
Auf dieser Fahrt ward in Wennigstedt Halt gemacht und als Schnellbeinchen vorschlug, den Denghoog zu besuchen, das Hünengrab des Friesenkönigs Deng aus der Walkürenzeit, meinte Mutter Lahmann, das sei wohl für sie und Hille zu traurig und für Pienchen zu angreifend. Und doch sprang sie auf, ließ Kaffee und Eierkringel im Stich und eilte über die Haide, dem Gragbkegel zu. Ein Mensch nämlich hatte die Herren von der Doktorengrube gesehen und suchte das Weite, und diesen Menschen, der springend floh, hatte Mutter Lahmann entdeckt. Es war Herr Brömmer, der Schutz in dem Steingrab des alten Herrn Deng suchte. Dies war das nächstgelegene Versteck.
Als er sich geborgen wähnte, kam Jemand nachgeklettert. Das war die alte Lahmann.
„So,“ sagte sie, „hier brüllt er vergebens nach einem Schutzmann.“
Nun waren sie zu Dritt in der Steinkammer: Herr Brömmer, die Lahmann und die Erklärfrau mit den Stearinkerzen, womit sie den Besuchern die sogenannte prähistorische Zeit erleuchtet. Da das Grab für den Hünen nur als Sitzgelegenheit berechnet war, mußten die Anwesenden hocken oder knieen, je nach Einsicht und Neigung und Maß. Diesmal kniete Herr Brömmer wegen seiner Länge und Dünnbeinigkeit, die Alte hockte.
“Sie, Sie,“ zischte sie ihm zu. „Sie nichtswürdiges Subjekt . . . “
„Dies ist die sagenumwobene Grabstätte des alten Friesenkönigs Deng,“ begann die Stearinkerzenfrau die Beschreibung mit eintöniger Stimme.
„Sie schleichen sich in Familien ein, bethören die Töchter und schleichen wieder davon . . .“
„Man meinte früher, daß der Eingang von Osten nach Westen gerichtet sei,“ fuhr die Lichterfrau fort und zündete noch einige Kerzen an.
„Das ist mir ganz egal,“ rief die Lahmann ihr zu. „ . . . Und Sie entschuldigen sich nicht einmal, wenn Sie anständiger Familien Töchter ins Gerede gebracht haben?“ bekam Herr Brömmer sein Theil.
„Professor Handelmann aus Kiel hingegen behauptete, daß der Steingang von Süden nach Norden,“ leierte die Frau.
„An den Rand des Todes haben Sie mein Kind gebracht. Womit wollen Sie sich vertheidigen. Sie sind ja ein . . .
„Die Ausgrabung erwies, daß Professor Handelmann aus Kiel Recht gehabt.“
„Schweigen Sie mit Ihrem Professor Handelmann aus Kiel . . . Wissen Sie, was Sie sind, was Alle sagen . . . ein elendes Skelett.“
Einen Blick voller Jammers richtete der Kollaborator auf seine Peinigerin. Dann raffte er sich auf, erkletterte das Leiterchen, wand sich durch die Steinklinze, die den Eingang von Oben bildet, und rannte über die Haide, den Dünen zu. Und bei dem Ausschreiten murmelte er: „Abiit, excessit, evasit erupit“. Es freute ihn, diese Stelle des römischen Rechtsverdrehers völlig würdigen zu können, eigentlich jetzt erst richtig zu verstehen.
Nachher hat ihn Niemand auf Sylt wiedergesehen.
„Bekam die Lotz ihn zu lesen?“
„O nein. Er reiste nach Hause.“
„Und was wird dort aus ihm?“
„Er franst aus.“
„Was heißt das?“
„Der Mißerfolg seiner Werbung hat ihn kopfscheu gemacht; jetzt bleibt er Junggeselle, und da er für Niemand sorgt und Niemand für ihn, reißt ihm hier ein Knopf ab und da, ohne angesetzt zu werden. Er wird nähteblank, die Essenflecke züchten sich wie Flechten auf Rock und Weste, die Zähne dunkeln nach, das Waschen geschieht immer oberflächlicher und die Haare starren als Heiligenschein der Ungekämmtheit. Unten an den Beinen aber fängt er an auszufasern, und so fasert er allmälig überall . . . mit einem Worte: er franst aus.“
„Dann war es ja sehr gut, daß Pienchen ihn nicht bekam?“ meinte die blonde Dame.
„Natürlich,“ sagte die Frau meines Herrn Verlegers.
„Sagen Sie . . . wen bekommt denn Pienchen?“
Alle horchten gespannt.
Ich schwieg.
„Sie müssen es doch wissen.“
„Pienchen darf nicht verlobt werden . . . “
„Warum nicht?“
„Wegen des zweiten Bandes, mein Herr Verleger hat mir strengstens verboten . . . “
Nun aber der Aufruhr. Die Damen bestürmten den Herrn Verleger, er möchte doch erlauben, daß Pienchen verlobt werde. Sie alle nähmen innigsten Antheil und würden sich unendlich freuen, wenn das arme Mädchen einen Mann bekäme.
Die Seegrüne sagte, sie möchte das ganze Buch nicht, wenn Pienchen ledig bliebe. „Bitte, bitte,“ rief sie. „Bitte, bitte, einen Mann.“
Da stand mein Herr Verleger auf und fragte mich: „Was meinen Sie?“
„Ich kann mich doch unmöglich den Wünschen der Damen widersetzen . . . “
„Mit wem wird sie verlobt?“ – „Wen kriegt sie?“ – „Ist es Herr Runft?“ – „Nein Schnellbeinchen.“ – „Ach ja, der ist so reizend zum Bräutigam.“ „Das Kind paßt am besten für sie.“ – So schwirrte es durcheinander. „O nein; Herr Dr. Haller ist ein edler junger Charakter.“ – „Und Herr Dr. Sattler ist so gediegen.“ – „Und vermögend!“
Ich erhob mich mit dem Glase in der Hand.
„Meine Damen und Herren,“ redete ich. „Der Pienchen ins Leben führte verläßt sie nicht. Ich würde ja gern einen zweiten Theil liefern, aber die Handlung reicht erst recht nicht aus. Das Glück, dessen sich die Beiden erfreuen, ist nur ein kurzes; Ta’alihene hat’s mir gesagt, ich blickte durch seine Augen. Und es läßt sich auch nicht erzählen das Glück, wie sie in dem Garten des Lebens wandeln. Dazu ist es zu groß. Aus Leid erlöst, das ihre Jugend verbitterte, aus dem Zwange selbtischen Wesens befreit, hingebend in irdischer Liebe, das Walten göttlicher Liebe ahnend, schreitet sie, eins mit dem Geliebten, dem Gatten, dem Führer, horcht den Tönen, die den Goldharfen entschweben, und lauscht den singenden Rosen. Und in der Abendkühle tritt Ta’alihene zu ihm und führt ihn hinweg, und sie muß ihn hingeben. Nicht ihn, nur den Staub, denn er lebt in dem Lichte, das er in ihrem Herzen entzündete, da er sie dem Tode entriß. Sie hält ihn ewig in Liebe . . . “
„Also Herr Steinbach,“ rief die blonde Dame. „Sie leben hoch.“
Wir stießen alle an. Die Gläser klangen.
Die Brautfahrt hatte ein