Zuerst erschienen in Band 1/1982 der Zeitschrift "protokolle", Seite 61-80.

 

 

Ulrich Goerdten

ZEICHENSPRACHE, WURZELHOLZ UND WIDERSTAND

Arno Schmidts Erzählung "Kühe in Halbtrauer" als Vier-Instanzen-Prosa gelesen

 

VORAUSGESETZT

 

Mit einer verheißenden Bemerkung in den ,"Berechnungen II" hatte Arno Schmidt bei seinen Lesern die Erwartung geweckt, er werde die Reihe der "Berechnungen" fortsetzen und später einmal die theoretischen Voraussetzungen einer geplanten "Versuchsreihe IV (Traum)" erörtern. Das Fragment der fortgesetzten "Berechnungen", das als erster Text aus dem Nachlaß publiziert wurde ("Berechnungen III" in: Neue Rundschau 1/1981), enthält die erwarteten Aufklärungen zum Problemkreis der Traum-Prosa nicht, vielmehr letzte polemisch-apologetische Formulierungen zur Prosaform vor jener Wandlung ins Sprachspielerisch-Tiefsinnige, die Schmidts Spätwerk zu Unrecht in den Ruf der Schwierigkeit und Unverständlichkeit gebracht hat. Diese Wandlung hat sich etwa vom Jahre 1958 an vollzogen. Erneutes Studium der Werke Sigmund Freuds und seiner Schüler wird den Prozeß eingeleitet haben. Erste öffentlich sichtbare Ergebnisse waren die psychoanalytischen Untersuchungen zu Karl May ("Sitara") und die Studien zu Lewis Carroll und James Joyce (in: ,"Der Triton mit dem Sonnenschirm"). Schmidt wird nicht vorausgesehen haben, daß ihn diese Studien auch zu tiefgreifenden selbstanalytischen Einsichten führen sollten, die in Thematik und Struktur seiner späteren Prosa unübersehbare Spuren hinterlassen haben. Anders ist die Kluft zwischen den doch immerhin auch projektiv gedachten ,"Berechnungen" und den Gestaltungen des Spätwerks kaum zu erklären.

Die enttäuschten Erwartungen sollten uns Leser jedoch nicht entmutigen. Wir sollten uns vor Augen halten, daß die Entfaltungen der Produktivität auch bei einem so bewußt planenden und experimentierenden Autor autonom verlaufen, unter Bedingungen und mit Folgen, die seiner willkürlichen Verfügung weitgehend entzogen sind, für die sich allenfalls eine bestimmte Richtung anpeilen läßt, über deren mögliche Ergebnisse vorab nur unverbindliche Allgemeinheiten hätten gesagt werden können.

Wir müssen die Theorie der neuen Formen aus ihnen selbst ableiten. Das wird erleichtert durch die Struktur dieses Spätwerkes, in dem Reflexion über das Gebilde und seine Besonderheiten zu einem Bestandteil des Werkes selbst geworden ist. Das Werk "übernimmt seine Innen-Struktur als allermächtigste Erfahrung - und hält ihr zugleich den Spiegel mit hin, indem es die analytischen Überbauten seiner Ordnung selbst voll integriert" (Hans Woll schläger). Arno Schmidt, lakonisch: "Es steht schließlich Alles in meinen Büchern." Dort aber ist später nicht mehr von der "Versuchsreihe Traum" die Rede, sondern von der ,"Vier-Instanzen-Prosa".

So in der Frankfurter Goethe-Preis-Rede:

"FREUD hat nachgewiesen, wie praktisch jeder Satz, ja jegliches einzelne Wort, der Einwilligung sämtlicher 3 (oder gar 4) Instanzen der Persönlichkeit bedürfe, um zustande zu kommen: jede gibt ihren Beitrag dazu; sei's als Ge- oder Verbot, als Fehlleistung; die alle ihren Ausdruck in der Wahl des Wortmaterials ebenso finden wie im Inhalt des Satzes. FREUD nun hat all dies nur analytisch dargetan; gewissermaßen die Hohlform einer schriftstellerischen Technik geliefert. Längst vor ihm jedoch hatte LEWIS CARROLL, der eigentliche Kirchenvater dieser Gattung moderner Literatur, es praktisch, im kompletten Kunstwerk, vorgelegt: wie man, bewußt-artistisch, die Texte mit zunächst unmerklichen, suggestiven, Silben und Buchstaben ,beschicken' könne; so daß stets mehrere, obschon thematisch genau zu einander passende Bedeutungen beim Leser ankämen."

Ähnlich auf Seite 914 von "Zettels Traum":

"   daß ein Kunstwerk - (sagn Wa doch gleich: ,n Buch'!) - imgrunde ein ,Quartett' wäre; (meinethalbm ooch n Tetralog; zwischn den 4 Instanzen) ... ? : ,ch versteh schonn: ,DoppelDuett' wäre noch-präziser; auf jeder Seite 2 Pärchen: das dumpfwollustgurrglnde ubw & das giftich-magistrale Ül ? - : contra ein, die AußnWelt beobachtn (& reagieren) müssndes, schwaches aber kunstsinniges, Ich; ab 50 erleichtert-vereint mit einer souverän-geistreich-lächernDän 4. Instanz . . ."

Zwei Seiten später: auf "Finnegans Wake" bezogen:

"Du kannsD' (Ich meine'S für FW geleistet zu habm), jederzeit die ,4 Stimmen' analytisch-nachweisen: das Trieb-Geröchl des ubw; den starr-sterilen Tadl des Ül; das commishaft-überforderte Mit-No/uttieren des Ich; und endlich das Herrlichs-De, das hell-zersprungen klingende Gelechta der 4. Instanz."

Uns Lesern ist damit aufgegeben, in analytischer und rekonstruierender Bemühung der künstlerischen Umsetzung dieser Einsichten im Werk nachzuspüren und die verstreuten Äußerungen zur überschaubaren Theorie zusammenzuführen. Dieser Aufgabe eingedenk hat der Verfasser vor einiger Zeit einen (in Heft 1/1980 der "protokolle" abgedruckten) Aufsatz geschrieben, in dem der Erzählung "Windmühlen" genauere Betrachtung gewidmet wurde. Diese Erzählung gehört zum Zyklus "Kühe in Halbtrauer", dem ersten in sich geschlossenen Werk-Komplex, in dem das Neue in Thematik und Form voll entfaltet in Erscheinung tritt.

Die Ergebnisse der "Windmühlen"-Arbeit seien hier, als die Basis, auf der weitergearbeitet werden soll, thesenhaft verkürzt noch einmal wiederholt.

1. Die "Windmühlen" und einige andere Erzählungen des Bandes "Kühe in Halbtrauer" sind geschachtelt konstruiert: In eine mehrfach gegliederte Rahmenhandlung ist eine Anekdote oder ein Bericht eingearbeitet, eine Kern-Erzählung, die scheinbar ganz neue, der Rahmenhandlung fernliegende Motive einbringt. Für die "Windmühlen" ergab sich, daß die Einzelheiten der Rahmenhandlung (Besuch eines Schwimmbades) erst in der Beziehung zur anekdotisch eingefügten Episode ("Urningsleben") ihre tiefere Bedeutung erhalten.

2. Die inhaltliche Divergenz zwischen "Rahmen" und "Kern" der Erzählungen ist nur ein Oberflächen-Anschein. Ihrer Bedeutung nach identische und verwandte Motive, die in Verkleidung und Variation nur verschieden erscheinen, durchsetzen "Rahmen" und "Kern" gleichermaßen. Die variierten Einzelmotive hängen untereinander und mit gemeinsamen Sinn-Zentren durch Wort- und Assoziationsbrücken zusammen.

3. Die Motiv-Bedeutungen und ihre Zusammenhänge erschließen sich erst, wenn die inhaltlichen und formalen Minimalien des Textes aufgefaltet und mit Hilfe der psychoanalytischen Traumdeutungstechnik analysiert werden. Eine stets ungehemmt locker mitassoziierende Lesehaltung erleichtert den Zugang.

4. Zur horizontalen Gliederung in Rahmen und Kern fügt sich eine vertikale in "realistische Oberflächenhandlung" und "latente Bedeutung". Die latente Bedeutung erscheint immer in indirekter Darstellung, sie ist nur als untergründiges Assoziationsgeflecht zu erfassen, dessen Einzelstränge analytisch isoliert und sichtbar gemacht werden müssen. Die Konstruktion, die innere Form, erweist sich dann als Abbildung der Traumstruktur ("manifester" und "latenter" Inhalt), sie ist zugleich die Darstellung und das Ergebnis des Zusammen- und Gegeneinanderwirkens der Freudschen Seeleninstanzen Ich und Es. (Die Wirkungen des Über-Ich und der von Schmidt postulierten Vierten Instanz sind in der "Windmühlen"-Arbeit noch nicht erörtert worden.)

5. Die latente Bedeutungsebene der Erzählungen enthält, wie das Vorbild Traum, keine zusammenhängende Untergrundhandlung. Im Untergrund haben die entscheidenden Regeln der Logik keine Geltung. Dem Oberflächenkontext korrespondierende Vorstellungen und Wünsche laufen hier ohne Ordnung durcheinander. Das Untere erscheint "oben" nur in Andeutungen. Es ist durch die Mittel der Traumarbeit ("Verdichtung", "Verschiebung", kohärenzstiftende "sekundäre Bearbeitung") entstellt.

Der Aufsatz war ausdrücklich als "erste Annäherung, die zur weiteren Erschließungsarbeit auffordert", deklariert, und demgemäß blieben sehr bedeutsame Fragen zunächst nicht einmal bloß unbeantwortet, sondern noch unformuliert. Im Folgenden soll nun versucht werden, bei der Untersuchung der Titelerzählung "Kühe in Halbtrauer" weitere Einsichten zu gewinnen. Eine Gesamtinterpretation ist auch hier noch nicht beabsichtigt. Viele Einzelheiten werden in ihren symbolischen, assoziativen und sprachmaterialen Beziehungen noch undurchsichtig bleiben. Die subjektiven Beschränkungen des einzelnen Interpreten sind allemal hoch zu veranschlagen. Leicht wird er das erkennen, was er auch in sich selbst schon erkannt und verstanden hat. Unaufgearbeitetes verdrängtes Material wird die Wahrnehmung behindern, es werden genug der bekannten, widerstandsbedingten "blinden Flecke" bleiben. (Und selbst als solche werden sie schwer zu lokalisieren sein.) Hier kann nur auf die Mit- und Weiterarbeit anderer Leser gehofft werden.

Biographische und individualpsychologische Zusarnrnenhänge, die Arno Schmidt als Person und Autor betreffen, können vorerst nur angedeutet, nur als Horizont im Hintergrund umrissen werden. Es ist, trotz der Emsigkeit mancher "Dechiffrierer" (- die mit ihrer Arbeit allzuoft nur dechiffrieren, was ihnen Chiffren sind -), für eine Gesamtinterpretation zu wenig Vorarbeit geleistet und darum, da "eine Arno-Schmidt-Forschung, die des Namens wert wäre" (Jörg Drews), noch kaum in Erscheinung getreten ist, einfach zu früh.

 

 

GESICHERTES

 

 

Erzählt werden in "Kühe in Halbtrauer" die Ereignisse zweier Tage aus dem Leben der Mittfünfziger Otje und Carlos, die auf einem gemeinsam gepachteten Heidegrundstück eine Hütte samt Kamin für beschaulich zu verbringende Winterabende errichtet haben. Klug vorausplanend haben sie Bahnschwellen, Wurzelholz und einen abgebrochenen Feldschuppen anfahren lassen, die nunmehr zu ofenfertigen Scheiten zerkleinert werden sollen. Der erste Tag wird in Muße verbracht mit Milchfrühstück im Freien, Mittagsschlaf und abendlichem Gasthausbesuch. Nach Anlieferung der gemieteten Kreissäge wird am zweiten Tag die Arbeit erledigt, in deren Folge, ob des Maschinenlärmes, Otje und Carlos von temporärer Taubheit heimgesucht werden. Sie müssen sich per Zeichensprache verständigen. Mit der Ankunft der Ehefrauen schließt die Erzählung.

Eingestreut in die karge Handlung sind Beobachtungen, Erinnerungen, Reflexionen und eine Anekdote. Ein Teil dieser zunächst disparat erscheinenden Einsprengsel hat sein gemeinsames Tertium im Problem des Widerstandes gegen Obrigkeiten. Explizit wird dieses Thema behandelt in der Anekdote vom Rechentruppführer bei der Artillerie, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die korrekte Ausführung des Befehls, zweihundert Schuß auf die mit Verwundeten überfüllte Stadt Vechta abzufeuern, zwar nicht direkt verweigert, aber trickreich vereitelt, indem er "versehentlich" "eine leere Straßengabel, 500 Meter vor dem Städtchen" als Zielpunkt festlegt.

Das Widerstandsthema taucht beiläufig schon im ersten Satz der Erzählung auf, wo die Erfindung der Mienen- und Gebärdensprache verliebten "Nachbarskindern" zugeschrieben wird, die von ",harten Eltern' vorsichtshalber auf Armlänge auseinandergehalten" werden. Sie umgehen damit auf ebenso geschickte Weise wie der Rechentruppführer die Ge- und Verbote ihrer Eltern-Obrigkeit. Der "schwarz" arbeitende Maurer (als Steuerhinterzieher) gehört zu dieser Motivlinie des Widerstandes und auch das famose dünne Briefpapier "Stücklens Verdruß", das dem seinerzeitigen Postminister die erhofften Mehreinnahmen schmälern soll.

Die beiläufige Erwähnung des Henry David Thoreau (S.13) ist oberflächlich durch "sounds" motiviert, jenes Ächzen der Erde, das in seinem Buch "Walden" beschrieben wird als "a faint utterance of Silence, and then only agreeable to our auditory nerves, when it contrasts itself with the former". Zugleich wird damit aber stillschweigend auch Thoreaus berühmteste Schrift, der Essay "On Civil Disobedience", in Erinnerung gerufen und sein nicht nur schriftstellerischer Protest gegen Staat und Politik. Für seine konsequente Widerstandshaltung, für das Nichtentrichten von Steuern, hat Thoreau sogar Gefängnisstrafen abgebüßt.

Ganz dicht werden Rahmenhandlung und Anekdote, demokratisch-ländliche Gegenwart und diktatorische Vergangenheit, in der Gaststuben-Szene verknüpft. Während der Fernsehapparat die "bekannten halben Wahrheiten" absondert, dann "einiges zum bevorstehenden ,20. Juli"' (=Widerstand!) bringt, untermalt der Souverän des demokratischen Staates in Gestalt der zechenden Bauern diese Darbietungen mit traditionsgesättigtem Liedgut wie "Hoch-Heidecksburg" und "Ü berDei neHö henfeift derWinnt. Sokallt". Diesem Souverän Achtung und seiner Regierungs-Repräsentanz Steuergehorsam zu zollen, erscheint ebenso bedenklich, wie der bedingungslose Gehorsam gegenüber der unsittlich-diktatorischen Obrigkeit.

Auch das Motiv der Holzverarbeitung ist mit dem des Widerstandes verknüpft, zum Beispiel in der Frage: "Meinst Du, wir könnten Schwierigkeiten haben? Wenn wir heute, so nahe dem 20. Juli, sägen?" Oder in der Einleitung zur Anekdote: "Ein Krach wie im Kriege? Oh ja! / : ,Sag ma, Otje - hast Du, Deinerzeit, als Artillerist, nennenswert >nachgedacht<?". (Mir fiel eben wieder dieser ,20. Juli' ein. Auch kam eben ein ganzer Haufen dünner-kürzerer Stücke; wir standen ergo dicht beieinander, und konnten brüllend quatschen.)" Diese Verbindung erscheint aber zunächst nur locker und oberflächlich.

Ebenso lose scheint auch eine dritte durchlaufende Motivlinie mit der Anekdote verknüpft zu sein -: das Thema Altersresignation, dessen versprengte Einzelstücke hier einmal zusammengestellt seien: In "erkünstelter Rüstigkeit" schreiten die zwei "Halb-Greise" zum Milchfrühstück; trotz Müßigganges sind sie des Mittagsschläfchens bedürftig; das Gedächtnis müssen sie mit 55 "für's Notwendigste reservieren", und auch ihre "Hoden - taugten ohnehin nicht mehr viel"; die "liebenswürdigen greisen Träumer" sinnieren: "Und das Alter soll zwar im allgemeinen ,unfehlbarer' machen, oh leck; aber zusätzlich mutiger wohl doch nicht." Dieser Gedanke unterbricht (mit anderen) als retardierendes Moment die Anekdote und wird nach ihrem Abschluß wieder aufgenommen: "Wie gut, daß wir nicht mehr Soldat spielen brauchen! Da werden sich dann täglich diverse solche häklige Fragen ergeben." Und genau hier, im Gefühl der Erleichterung, aus Altersgründen von Kriegspflichten und auch von der Pflicht zum Widerstand entbunden zu sein, berühren sich Alters- und Widerstandsmotiv - und das nicht nur oberflächlich, sondern mit tieferen Implikationen, wie zu zeigen sein wird.

Das zwei Seiten später anaphorisch überdeutlich mit Hilfe der Gebärdensprache signalisierte "Wir nicht mehr, Otje" stellt nämlich zusätzlich die weiteren Verknüpfungen her mit der Impotenz (es wird beim Anblick einer entschwindenden drallen Maid geäußert und mit schlapp schnepperndem Fingerglied untermalt), mit der der Impotenz verwandten Erscheinung der Taubheit, mit der diese verursachenden heftigen Holzverarbeitung.

Dem gewitzten Leser, der spätestens hier wird wissen wollen, was es mit diesen Beziehungen und tieferen Implikationen auf sich habe, ihm sei die weitere Erkundung des gesicherten realistischen Oberflächenbildes nun selbst überlassen. Dieses Oberflächenbild allein wird schon einen sinnvollen Zusammenhang ergeben, ein reiches, buntes, auskomponiertes Ganzes, wie es auch Heinrich Vormweg im Nachwort zum Reclam-Bändchen 9754 ("Krakatau") auf S. 66 nachgezeichnet hat. Allerdings ist dieses Bild nur von der Art eines bemalten Theatervorhanges früherer Jahrhunderte, voll von allegorischen Beziehungen auf das, was hinter ihm vorgehen wird, selbst aber nicht das Eigentliche, nur erst ein Prospekt, ein Spannung weckendes, Vorgeschmack gebendes Versprechen. Lüftet man diesen Vordergrund-Vorhang, so erscheint zunächst auf den noch leeren Brettern - die Kulisse.

 

 

ERSCHLIESSBARES

 

 

Die Kulisse wird auf S. 7 so beschrieben: "Hinten ein schütterer Wald, (in dem es aber tapfer zwizerte); vorn kurios dürre Büsche; dann Graben-Geradheit in Grüne.)" Das ist nun mehr, als es scheinen mag, zumal in einem "bewußt-artistisch [ .1 mit zunächst unmerklichen, suggestiven, Silben und Buchstaben ,beschick[t]en" Text. Gleich bei "vorn" und "hinten" darf man die inneren Ohren spitzen und den genitanalen Beiklang bemerken; Wald und Gebüsch, die Behaarung der Landschaft, sind hinten schütter, vorn kurios dürr. "Kurios" ruft Erinnerungen an "Sitara" herauf. Joyces "How culious an epiphany!" steht als Motto vor dem Buch. Die Silbe "cul' (= frz. Hintern) spielt darin eine so bedeutende Rolle, daß auch die "Culisse" fast durchgehend so geschrieben wird. Es wird mithin nicht als Kühnheit angesehen werden dürfen, wenn "Graben-Geradheit in Grüne" als "culiose Gelendefalte" gelesen wird.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet gibt auch die folgende Kulissen-Passage ihren Hintersinn preis: "Ich hatte noch zusätzlich 50 Mark pro Jahr dazugelegt, unter der Bedingung, daß ,die Kulisse' nicht verändert werden dürfte; (die würden sich noch mal wundern, die Herren Landwirte, was sie, die ganze ,Realgemeinde', damit so unterschrieben hatten. Der Advokat hatte, bei der Verlesung des betreffenden Paragrafen, auch verkniffen gelächelt, und sich langsam die Spinnenfinger gerieben.)". Sollte er, im Gegensatz zur Realgemeinde, die auf die realistische Oberfläche fixiert bleibt, schon mehr kapiert haben?

In dieser Culisse dann das Grundstück mit Hüttchen, die "Oase", "ein weiteres von MAY's ,Losungs'-Worten" (Sitara' S. 82). Man zögere nicht, den für die gesamte Ort- und Landschaft geltenden Ausdruck "Oase" auch für das "Anwesen" in Anspruch zu nehmen. Otje und Carlos jedenfalls verfahren ähnlich, wenn sie den "neidischen Kollegen im Werk" per Postkarte "zusätzlich noch ’ne Spritze verpassen" und scheiben: ",Es gibt ja zu schöne Fleckchen Erde!'."

Oase und Kulisse gehören zu der Sorte Worte, die im eigentlichen und im uneigentlichen Sinne verwendet werden können; und dieses Teekesselchen-Spiel mit der mehrfachen Wortbedeutung darf man sich auch auf einen dritten, weniger direkt zugänglichen Vorstellungsgehalt, den symbolischen, ausgedehnt denken. "Oase" ruft ja sogleich die dazugehörige "Wüste" mit herauf. May-Leser - und wer dürfte sich rühmen, das nicht zu sein - denken vielleicht auch an die "Oase im Kaktus", eine Gegend, der im Sitara-Buch ein ganzes Großkapitel gewidmet ist. Hier liest man zur symbolischen Bedeutung der "Oase": "MAY's ,Wüsten' dürften in L[eseebene] II grundsätzlich weite-leere Hautstellen sein. Rücken-Wüsten und versteppte Bäuche mit haarigen Oasen hier und dort." (S.1OO)

Solche mehrsinnigen Worte und Ausdrücke sind im Schriftbild oft durch einfache französische Anführungszeichen gezinkt, ein für den Leser praktisches Erkennungszeichen, das das Sammeln vergleichbarer Bildungen sehr erleichtert. An ,Kulisse' und ,Oase' schließt sich ,organisch' der (auch gezinkte) Ausdruck ,im Freien' an. Er bedeutet einmal das Gegenteil von ,unter Dach', kann aber auch verstanden werden als eine von äußeren und inneren Widerständen entlastete Lockerheit, wie sie an Ferientagen auf dem Lande wohl auftreten kann; im Culissen- und Oasen-Zusammenhang muß man aber wohl auch an ,im Freien stehen' (= nichts anhaben) denken. Das überall herumliegende ,Ödland', von dessen wahrem Wert die ,Realgemeinde' nichts versteht ("Bauern verstehen ja nichts von Natur & deren Schönheit"), ist nach seinem symbolischen Wert den Wüsten gleichzusetzen.

Wie in "Windmühlen" werden wir auch hier bei genauerem Hinsehen einer Genitallandschaft ansichtig; und falls unsere Voraussetzungen stimmen, müßte sich nun etwas zu dieser Umgebung Passendes ereignen. Da wird auch gleich das wichtigste Handlungsrequisit, die Kreissäge, als "beräderter Apparat" bezeichnet ("Gay-Lussac erschien mit seinem beräderten Apparat."). Der Apparat steht zwar nicht in Anführungszeichen - das ohnehin markante Wort noch zu markieren wäre auch zuviel des Guten -, er bedeutet aber doch mehreres, wie bei Bornemann (Sex im Volksmund) nachzulesen ist, wo "den Apparat unter Strom stellen" für koitieren steht. Als Autor-Parallele sei noch "Zettels Traum" zitiert (S. 903): "Ihre Hand spatz-zierte nach ,Meinem Apparat"' - hier auch die Mehrfach-Bedeutung signalisierenden Anführungszeichen. Man kann sich diesen "beräderten Apparat" in spezifischer Weise verzeichnet vorstellen: unten zwei Rundungen, oben, über dem Sägeblatt, den schräg aufgerichteten, blitzroten Sprühschutz. Es handelt sich auf der Ebene des Erschließbaren um - nun beinahe läppisch zu sagen - einen Genital-Apparat.

Das Unter-Strom-Stellen des Apparates wird mit großer Gebärde vollzogen: "Ich schob verwildert den Unterkiefer vor; schritt hinum zum Hebel; und ruckte machtvoll  (voll Macht; voll macht schrumm)   : ? .1-- : ? ? - 1: !" (Zum "Vollmacht Schrum" vgl. Schmidts Frenssen-Essay in "Die Ritter vom Geist".) Und "der Apparat vibrierte derart heftig", daß nun mit dem Sägen begonnen werden kann. Diese schöne Tätigkeit ist, so erläutert Arno Schmidt in "Abend mit Goldrand" (S. 105), "wie alle Hin & Hers, coitiv". Bei der Kreissäge ist das Hin & Her allerdings auf die zu sägenden Teile verschoben. Die sind dann auch von passender Art: "Latten", "Ständer", ein "abgebrochener" (Feldschuppen)' ja "Wurzelholz"' "Schwellen" von einem "Bahn-Körper" (Schwellkörper). Und alle sind sie "reichgenagelt" (nageln = koitieren)' oder sie enthalten "Steine" (= Hoden). Das nun schon selbstverständliche: "Alles Penis-Darstellungen" sowie die Nachweise bei Freud, Bomeman usw. spare ich mir. Die in den "Windmühlen" dingfest gemachte Funktion der "zweifelnden Frage" als "Hinweiszeichen auf klaffende Einstiegslöcher in den Untergrund" bestätigt sich wieder: dem schmückenden Beiwort "reichgenagelt" geht als Signal voraus: "wie hätte HOMER sich sehr richtig ausgedrückt?"

Derart eingestimmt wird man nun die Untertöne dröhnender im Bewußtsein vernehmen, etwa in der Schilderung des Sägens: "Schon hob ich, leicht ächzend, ein gewichtigeres Rundholz auf die (ungewohnten) Unterarme [...] (und den Oberstschenkel mit drunter; und, keuchend, am dicken unteren Ende ausharren." Die bald folgende Frage, die eigentlich die unfern werkelnden Feldarbeiterinnen betrifft, "was die eigentlich dort machten", darf mit einigem Recht zurück-verschoben und auf die von "coitivem" Keuchen und Ächzen begleitete Tätigkeit der beiden Akteure selbst gerichtet werden. Schließlich wechseln sie auch mal ab: "- Oder überhaupt: laß mich ma ran!" Genug! - Daß nicht nur die Holz- und Sägereibeschreibung mit homosexueller Unterbedeutung gespickt ist, sondern durchgehend der gesamte Text, für diese Behauptung hier noch ausgewählte fernere Belege.

- "ein organisches Verhältnis zum Reich der Mitte" behauptet der Erzähler Carlos zu haben, weil sein Vater "zufällig Sergeant dort gewesen" sei und er folglich in China geboren. (Arno Schmidts Vater war tatsächlich eine zeitlang im Kolonialdienst in Tsing-Tau; Schmidt selbst ist jedoch in Deutschland geboren. Vgl. "Abend mit Goldrand", S.160.) Will man den Nebensinn dieser Aussage erfassen, muß man sich nur Parallelstellen in Schmidts Büchern ansehen, in denen die Worte "Mitte" und "Mittelstück" in genitaler Bedeutung verwendet werden. (Etwa "Abend mit Goldrand", S. 106: "Mittelstück, Oberstschenkl & Po", oder "Nobodaddy's Kinder", S. 122: "die heizbare Steppdecke: ich sah noch immer auf das verführerisch bunte Bild, wo eine amerikanische Schöne soeben lächelnd ihr Mittelstück vorwärmte.") Der Gedanke an die entsprechenden Organe in diesem "Reich der Mitte" stellt sich dann ziemlich "organisch" ein.

- Zum "Kamin", den der Dorfmaurer "schwarz" einbaut, gibt es bei Ave-Lallemant (4, 549) den Rotwelsch-Ausdruck "Hohlarsch". Zu dieser Hinterbedeutung finden sich mehrere Autor-Belege in "Sitara" (SS. 51, 102, 108). Die Karl-May-Stelle: "es ist ja grad, als ob wir durch eine umgestürzte, meilenlange Feueresse galoppierten!" wird von Arno Schmidt (S. 167) kommentiert: "- bei solch horizontalem Schornstein kommt Einem unwillkürlich auch dessen Feger, mitsamt den entsprechenden Besengebärden ein; es gibt auch hier selbstverstandlich ein heiter-,unterschichtiges' Volkslied [. . .] ,Neulich fegt' ich bei ’ner Alten / Simm-serimm-simm-simm."' Hüttchen und Kamin insgesamt wird man als Genital-Darstellung auffassen müssen, denn S.18 heißt es vom "Haus", das hier in Kapitälchen und zusätzlich von "Zinken" gerahmt steht: "wir hatten vereinbart, das Dings so zu nennen." (Vgl. in "Sitara" S.399 ff. die Bemerkungen zur Bedeutung des Wortes "Ding" bei Adalbert Stifter.) Damit hat man wieder eins mehr von den, ihrer Bedeutung nach identischen, "Dingen", die in Verkleidung und Variation nur verschieden erscheinen - als Säge, als Geschütz, als "Spiegelreflex-Kamera; mit Vorsatzlinse, ’n Projektor hinge freilich auch noch dran;" als Fernrohr, als Hochspannungsmast...

- In "Ziebigs Gasthof" wird Otje und Carlos folgende "Lokalinformation" zuteil:

"daß die auffällige, klein-runde Schanze hinten im Sumpf, ihre Entstehung dem einzigen (wohl versehentlichen) Luftminen-Abwurf des Krieges verdankte. Plus Details: wie damals Gras & Buschwerk ,im Umkreis wie rasiert' gewesen war." ...

Der Eine beteuerte sogar, er habe das Dings [!] , nachts gegen 1 Uhr, an seinem Dachkammerfenster vorbeirauschen sehen-hören." Der Berichterstatter behauptet dann "2 Gläser weiter", "mit ,dem Bruder Karl May's zur See gefahren' zu sein. Hartwig Suhrbier (Brief vom 22.2.81) hat auf den Sinn dieses Details aufmerksam gemacht:

"Hier ist sowohl im ,Bruder' wie im ,Karl May' die Homosexualität angespielt, aber auch ,Koitus' generell mit ,zur See fahren' resp. ,in See stechen' oder ,auf hoher See sein' (Vgl. Borneman)." Der "Ortsbulle" (ein Über-Ich-Repräsentant) zieht diese Berichte augenzwinkernd ins Lächerlich-Unglaubwürdige. Desselben Verfahrens bedient sich die Traumarbeit zur Entstellung wichtiger Inhalte. Gerade die Elemente der Traumoberfläche, die fragwürdig, zweifelhaft, ungenau erscheinen, geben durch diese Geringwertigkeit ihre direkte Herkunft aus den unbewußten Traumgedanken zu erkennen. Der Hinweis auf Karl May jedenfalls ist deutlich. Und "Sitara"-Leser werden sich der "Wallebenen" und "Talkessel" (= Hintern) erinnern, wohl auch des Meteoriten-Einschlages (S. 62 f.) mit seinen Paralleleffekten zum LuftminenAbwurf. Auf S.61: "(Man kennt diese ,Schüsselchen' mit den ,doppelten Rändern', den wohlbegrasten, und der ,sanft ansteigenden Böschung, die ebenso grasig war.' Dies Gras liegt stellenweis' etwas um, denn ein ,Starker Wind' [. .] schlich jüngst drüber hin.)" Und wenn das schöne Gebild’ noch "hinten im Sumpf" liegt...

- Abschnitt 5 der Erzählung beginnt: "Und heut um 9, ich erwähnte es wohl bereits, sollte nun besagte-gemietete Säge erscheinen. / Wir waren, vorsichtshalber, um 6 aufgestanden." Schon in der "Windmühlen"-Arbeit war auf die Symbol-Bedeutung der Zahlen aufmerksam gemacht worden. An dieser Stelle nun wird - nach meinem Verständnis - auf die "69" angespielt, die nicht nur im Italienischen als "sessantanove", sondern auch im deutschen Slang vorkommt mit der Bedeutung "verkehrtrum", "homosexueller Verkehr" und "Perversion allgemein".

- "Ich hatte das unabweisbare Gefühl, als sei mir das linke, länger der Säge zugekehrt gewesene [Ohr], leicht geschwollen, und schmerze gar nicht undeutlich." Verschiebung von unten nach oben ist nach Freuds Erkenntnissen ein simples Trickverfahren des Unbewußten, mit dem heikle Vorstellungen entheikelt, zur Unkenntlichkeit verkleidet, an der Zensur vorbei, zum Bewußtsein geführt werden können. Statt der "Sinne", die die beiden Säger nach Kräften überstrapazieren, versagt ihnen schließlich, pars pro toto, der Gehörs-Sinn den Dienst. Das Ohr, ein "oberes Anhängsel", ist als Genital-Symbol ja längst bekannt. In "Zettels Traum" dient es mehrfach zur Darstellung des weiblichen Genitales: ".... . strich langsam die HaarSträhne von der entzükkenDSDän Or'Muschi" (S.895). Eine weitere Ohr-Stelle soll den bisexuellen Aspekt deutlicher machen:

-: "ne Pause!!' kreischte ich; denn der Kerl hielt, nein reckte, mir ein derart verständnisloses Ohr her - kurze-weiße Härchen wuchsen ihm in der Fleischtute; auch das noch! - und verzog den Mund so abscheulich fragend, daß Einem nur die arme Frau leid tun konnte, die dergleichen flämisches Antlitz allmorgendlich auf dem Kopfkissen neben sich erblicken mußte."

Hier hat das Ohr, wenn nicht ganz und gar weibliche, so doch immerhin bisexuelle Bedeutung: es wird zugleich "gereckt", zugleich ist es eine "Fleischtute". Sofort kommt auch die "Frau" ins Spiel, mit mißfälligem Gestus, der das eigene Mißfallen an dem unschönen Anblick auf die plötzlich weit hergeholte "arme Frau" verschiebt. Es handelt sich nämlich um ein Zitat, das einem ziemlich fernliegenden Zusammenhang entnommen ist. In Stanislaus Joyce's "My Brother's Kepper" (New York 1958, S.139. Übers. von Arno Schmidt, Frankfurt a. M. 1960, S.191) lautet der Ausspruch James' so: "there's a queer, grim, Dutch touch about your phiz. I pity the poor woman who wakes up to find it on the pillow beside her." Der Zusammenhang, der durch dieses Zitat gestiftet wird, läßt darauf schließen, daß Arno Schmidt (was er an keiner Stelle sonst verlauten läßt) die unbewußt-homosexuelle Grundierung von James Joyce's Hahnrei-Komplex durchschaut haben muß. Die Beteiligung eines weiblichen Wesens ist nämlich eine der Bedingungen für die neurotischen Arrangements, in denen latente maskulin-homoerotische Strebungen ausagiert werden. Eine heuristische Hilfskonstruktion möge verdeutlichen, wie ich mir die Genese dieses Teztstückes vorstelle. Carlos speaking: "Dein schönes männliches Ohr erinnert mich auch an die weibliche Höhlung; ich wehre das unerlaubte Wohlgefallen am männlichen Aspekt aber ab, indem ich es in ein Mißfallen verkehre, das mir aber auch nicht ganz geheuer ist; der Gedanke an Weibliches ist mir augenblicklich nicht genehm, meine unbewußten Wünsche sind auf Dich, Otje, gerichtet, aber in ein Mißfallen verwandelt, das ich irgendwie doch mit Deiner Frau verbinden möchte; ich verschiebe es auf sie: ihr mißfällt gewiß das dem schön-unschönen Ohre anhängende Gesicht; das hat den Vorteil, daß die Frau beinahe ausgeschaltet ist: was könnte sie noch an Dir gut finden? Wir zwei gehören viel mehr zusammen. Zur Darstellung bzw. weiteren Verhüllung des Sachverhalts wähle ich ein zugleich Verwandtes ausdrückendes und fernliegendes Zitat.

Oder nach der Vier-Instanzen-Formel durchgespielt:

Ubw, erregt: "Oh schönes Anhängsel, oh schöne Höhlung! Was für Erinnerungen, was für Wünsche rührt das an!"

ÜI, karteileichenhaft: "Maulhalten! Anweisung an Zensur: Aussage ist in dieser Form nicht zugelassen."

Ubw, knirschend: "Verdammt, immer dasselbe Theater!"

Vierte Instanz, zum Ubw: "So aufgeregkt? Hast doch Mittel." Zum ÜI: "Von Fleisch-Tuten und Blasen nie nicht gehört?"

Ubw, erleuchtet: "Die Mittel, na klar. Ein Schaudermützchen drauf und drei Strich Ekelfarben dran. Plusminus das Vornzeigchen Posingativ. Und (aufs)kreuzweis das Weibliche rein. Was liegt denn besonders fern? Ach hier: ’n Krypto-Zitat."

Zensur, mürrisch: "Putzige Gestalten gibt's. Da kann man halt nichts machen. Los, ab nach droben !"

Ich, verblendet: "Widerlich so ein Altmännerohr! Mit Härchen drin! Arme Frau!" (Weiter wie gedruckt.)

Der hypothetische Hilfscharakter dieser Konstruktion sei nochmals ausdrücklich betont. Allerdings wäre eine plausiblere Auslegung schuldig, wer solchen Gedankengängen nicht folgen mag oder sie mit der Begründung der Überinterpretation ablehnt. Nachzutragen bleibt die nur andeutende Bemerkung, daß der hier mögliche Plagiats-Vorwurf subaltern bliebe angesichts des Erkenntnis vermittelnden Assoziationsreichtums, in den diese Anspielung eingebettet ist. Und eine weitere Bemerkung zu "Dutch" und "flämisch": In der Stanislaus-Joyce-Übersetzung steht: "Du hast etwas verqueres, grimmes, deutsches in deiner Fysiognomie." Das Wort "flämisch" wird aber sonst so häufig von Arno Schmidt verwendet, daß man es seinen Lieblingswörtern, dem engeren persönlichen Wortschatz zurechnen darf. Dieser durch Häufigkeitsnachweise abzusichernde Wortschatz sollte von verständigen Registermachern eirnnal untersucht werden. Für "flämisch" könnte sich ergeben, daß es bis etwa 1958 auch eine starke ethnographische Komponente enthält; daß es danach aber wegen seiner Portmanteauwort-Qualität (flapsig-flätzig-hämisch-dämlich) verwendet wird.

Es wird wohl deutlich, daß weitere derart ausführliche Einzelstellen-Interpretationen diese Arbeit, die zunächst wieder nur Umrisse liefern kann, ungebührlich aufblähen würden. Darum zurück zu den durchlaufenden Linien, deren eine, das Widerstandsmotiv, am dringendsten der Aufklärung bedarf. Das Spiel mit der mehrfachen Wortbedeutung scheint ein bevorzugtes Transportinittel für Untergrund-Inhalte in "Kühe in Halbtrauer" zu sein. Der "Widerstand", nach seinen Bedeutungen befragt, gibt zunächst den in Ohm gemessenen Anteil her, der aber - soweit ich sehe - in der Erzählung nicht auftaucht. Als innere und äußere Auflehnung gegen Unbilliges verlangende Obrigkeiten ist er unter den gesicherten Elementen der Erzählung aufgeführt. Als psychoanalytischer terminus technicus steht er nunmehr zur Untersuchung an.

Freud diskutiert den Widerstandsbegriff entsprechend den Entfaltungen seiner Theorie in unterschiedlichen Zusammenhängen und Aspekten. Für diese Erörterungen hier wird es nützlich sein, sich auf eine Stelle in den Nachträgen zu "Hemmung, Symptom, Angst" (GW 1, 189 ff.) zu beschränken. Wie auch andernorts, ist der Begriff hier mit dem der Verdrängung und dem der Abwehr verknüpft. Dieselben Kräfte, die einst die Verdrängung bewirkten, verhindern als permanenter Widerstand das Auftauchen der verdrängten Vorstellungen, Wünsche und Triebregungen. Das Verdrängte drängt fortwährend zum Bewußtsein und muß durch kontinuierliche Abwehrbemühungen von Ich und Über-Ich niedergehalten werden. Erst das "Durcharbeiten" in der psychoanalytischen Behandlung, das schrittweise Bewußtmachen des Widerstandes, mindert diesen so weit, daß Inhalte des Unbewußten zum Bewußtsein zugelassen und bearbeitet werden können.

In "Kühe in Halbtrauer" wird, wie gezeigt, fortwährend auf den "Widerstand" angespielt. An einigen Stellen wird der psychologische Vorgang sogar in der realistischen Oberfläche greifbar. Die unwirsche Antwort, die Carlos auf einen nur scheinbar harmlosen Vorschlag gibt, ("Gib ihm'n Stumpm, Carlos.") ist ein Ausdruck der mit dem Widerstand identischen Abwehr. Unbewußt wird der "Stumpm" als Penis und das Ganze als sexuelle Zumutung verstanden. Denn warum sonst braust der Angeredete über ein Nicht-Delikt auf, ("Du so'ss mich nich immer ,Carlos' nenn'n.")' das er zuvor unbeanstandet hat passieren lassen? ("Die Emotionen bei Arno Schmidt" - auch ein lohnendes Thema für Spezialisten!) Auch der voranstehende Satz: "Was man denkt, ist tatsächlich völlig irrelevant", ist ein Ausdruck der Abwehr. Das Bewußtsein sträubt sich, einen ihm ungemäßen, geheimen Sinn anzuerkennen, der in den unwillkürlich aus dem Bewußtsein aufsteigenden Gedanken enthalten ist.

Der hier fällige Einwand, daß damit ja die Verhältnisse urngedreht, daß Oben und Unten vertauscht seien, wenn in der politischen Realität der Widerstand von unten kommt, in der psychologischen Theorie (und im literarischen Text) aber von einer "oberen" Instanz gegen aufsässige Impulse einer "unteren" gerichtet ist, wäre leicht auszuräumen, wenn man sich der Genauigkeit zuliebe darauf einigte, daß im Bereich der "latenten Bedeutung" nicht mehr von "Widerstand", sondern von "Abwehr" zu sprechen sei. Damit wäre erneut das Wirken der entstellenden Traumarbeit erwiesen, zu deren Mechanismen auch "Umkehrung" und "Darstellung durch das Gegenteil" gehören.

Ein weiterer derartiger Mechanismus ergibt sich daraus, daß das Unbewußte vorwiegend in Bildern "denkt". Freud bezeichnet einmal den Traum als eine Art Bilderschrift, die der Rätselform des "Rebus" ähnlich sei. Dieser Darstellungsform hat sich auch Arno Schmidt bedient. An einer Stelle in der Erzählung "Die Abenteuer der Sylvesternacht" wird der Begriff ausdrücklich genannt: "Morgen Früh mußte er, die große Zettelkartei unterm Arm, den Re-Bus nach Hannover erwischen" (S.201). In den "Windmühlen" ist die "Walküre" ein solches Rebus-Element: sie ist der im konkreten Bilde dargestellte abstrakte Begriff "Verdrängung" ("Mit jeder Stufe nahm ihr Gewicht [im Wasser] ab" - S. 78). Ähnlich verhält es sich mit den konkret dargestellten Begriffen "Widerstand" und "Abwehr".

Das Wort Widerstand taucht nur einmal, in seiner verbalen Form, im Text auf: "Und als in Otjes Brieftasche, auf schwarzsamtigem Wildleder, der Fächer von 6 Hundertmarkscheinen sichtbar wurde, widerstand Tropsch nicht länger." Die volle Spitznamensform des "Mechanikus" und "Sägenbesitzers" mit dem "unangenehm langen", dem "sachlichen" Gesicht, der "Pferdefratze"' lautet: "Gay-Lussac & Fischer-Tropsch". Je einmal wird er "Gay-Lussac", "Tropsch-Lüssack" und "Gay-Fischer" genannt, dreimal heißt er nur "Tropsch". Im Gay-Lussacschen Volurnen-Temperatur-Gesetz und in der Fischer-Tropsch-Synthese spielt der Druck eine wichtige Rolle. Nimmt man an, der gemeinsame Begriff "Druck" liege der komprimierten Namensfülle zugrunde, dann ergäbe sich als weiteres gemeinsames Element die Verdichtung. Nach Rebus-Manier könnte in der Figur des Apparat-Besitzers eine "Verdichtung" dargestellt sein, ein Knotenpunkt, in dem verschiedene Vorstellungen und Motivlinien zusammenlaufen. Das Satz-Anhängsel "das lernen die ja schon in der Aufbauschule" (S.13) bleibt einigermaßen unverständlich, wenn man es nicht als erklärenden Zusatz zu dieser Verdichtung zu verstehen versucht. Es scheint nur deshalb angeklebt worden zu sein, um den Text zu "beschicken". Denn das Wort "Aufbau" führt als "organisch" anhängende Assoziation den Persönlichkeitsaufbau mit sich (wie der "Apparat" den Genitalapparat). Die für die ersten Namensteile der Figur ergiebige "Übersetzungs"-Methode ("gay" = lebhaft, strahlend licht, keck lebenslustig, ausschweifend, homosexuell; "lith" = Glied; "sack" = der der Hoden) versagt bei den zweiten; eine andere Art des Assoziierens führt aber auch hier zu Ergebnissen (der Fischer wirft die Angel-Rute (= Penis) aus; bei "Tropsch" scheint nur das Öffnen des Portmanteaus weiterzuhelfen, in dem etwa "trüber-muckscher-tückscher Tropf" zu finden wäre). Die viergliedrige Verdichtung könnte so als Darstellung der aus vier Instanzen "aufgebauten" Persönlichkeit verstanden werden. Mit einiger Sicherheit kann man im "Tropsch" Züge des "giftich-magistralen", starr-steril tadelnden Über-Ichs erschließen. Darauf weist folgendes: das "sachliche" Gesicht (S. 13); daß er "mißbilligend ... .] auf unser charmantes Wurzelholz zu blicken wagte" (S. 19); daß man ihm die "reichgenagelte" Qualität der "Latten" und "Ständer" verheimlichen sollte (S. 12); daß er Anweisungen gibt: "Und ja nich durch Nägel durchsägen!" (S. 19); daß die besorgte Frage auftaucht, "ob das aber Tropsch-Lüssack recht sein wird?". Die Kennzeichnung des Über-Ich in Zettels Traum (S. 913) paßt recht gut auf ihn: "imgrunde doof, anmaßend, unfruchtbar, und sein Vorgesetztn-Getue ziemlich selbstgefällich-unberechticht". Ferner auf der folgenden Seite, im Zuge der Erörterungen über den Aufbau der Vierten Instanz aus freiwerdenden Potentialen des Unbewußten und des Über-Ich: "Sobald sich nun eine beträchtliche soziale Schätzung der künstlerischen Leistungn des Ich (,gesichert' durch namhafte Geldeingänge), einstellte, würde das ÜI in ’ne nette SelbstKlemme geratn: angewiesn, Erfolg, Ruhm, Ehre höchstzuhaltn, stellen sie sich uff eenmal bei dem bisher so überheblich-schonungslos traktirtn Ich ein?! Da muß das ÜI ja unsicher werdn..." Tropsch jedenfalls widerstand beim Anblick der 6 Hundertmarkscheine nicht länger.

Die Schwächung des ÜI hängt aber auch mit dem "Drüsenausfall & Körperabbau, jenseits der 40 = 50" (Zettels Traum, S.912) zusammen; der Widerstands-Aufwand wird geringer: "da die Drüsn schrummpln, nimmt die Triebstärke ab; [...] infolge der immerabnehmendn Hormon-Intoxication, krickt man wieder ’n klareren Kopp;". Und nun werden auch die versprochenen "tieferen Implikationen" sichtbar, in denen sich Alters- und Widerstandsmotiv der Erzählung berühren. Jenseits der 40 = 50 wird die Abwehr schwächer, werden bis dahin verpönte Regungen des Unbewußten näher ans Bewußtsein herangelassen. Die lange verdrängte Homosexualität kann jetzt in der nur leicht kaschierten symbolischen Handlung des Holz-Sägens ausagiert werden; das ganze Szenarium verwandelt sich, weil die zunehmende Impotenz reales Handeln nicht mehr zuläßt ("Wir nicht mehr"), ins phantasmagorische "pornographische Lachkabinett".

Die Seiten 912 ff. von "Zettels Traum", denen die wichtigsten Zitate in den vorausgegangenen Abschnitten entnommen sind, lesen sich wie theoretische Erörterungen, zu denen "Kühe in Halbtrauer" als Durchführungsbeispiel geschrieben wurde. In Wahrheit, da "Zettels Traum" später als die Erzählung entstanden ist, wird der Prozeß Gestaltung/Reflexion verschlungener gedacht werden müssen, als eine auseinanderlegende Betrachtung anzunehmen geneigt ist: beide als ursprünglich gleichzeitige und ineinander geschobene Simultanprozesse. Daß es Interferenzen zwischen dem Werkchen und dem Riesenwerk gibt, wird an einer Überschneidungsstelle sichtbar: Die tiefere Bedeutung eines Requisits der Erzählung wird in "Zettels Traum" erläutert. In der Erzählung heißt es: "Otje hatte billig 200 alte Militär-Bettstellen gekauft; und wir daraus die benötigte Anzahl eiserner Zaunpfähle ,gewonnen', einfach aber geschmacklos. (Und die Erinnerungen ,Militär’ und ,Bettstellen' hatten wir noch gratis: jede einzelne davon hätte genügt, uns Halb-Greise bis an unser Lebensende zu beschäftigen!)." (S. 9) Zugegeben wird in "Zettels Traum" (S. 917), daß im Alter das (nunmehr schuldgefühlsfreie) Onanieren wieder erlernt wird, das in der Jugend und in den militärischen Entbehrungszeiten betrieben wurde. Und mit den neuen Praktiken kommen die alten Bilder wieder herauf: Militärbettstellen. ": (jaja: auch mein DrahtbettZaun, Paul; (ch geb'S ja zu))". Es erübrigt sich wohl, hier die Verbindungslinien zu den Motiven der Altersresignation, des geminderten Widerstandes, der reaktivierten Homosexualität und zum Inhalt der Anekdote ausführlicher nachzuzeichnen.

Ein gewichtiges Motiv allerdings ist bisher ausgespart geblieben: das der Mienen-und Gebärdensprache. Hierzu am Schluß dieses Abschnittes, der damit eher abgebrochen denn abgeschlossen werden soll, noch einige summarische Bemerkungen. Was als "latenter Inhalt" einzelner Stellen bisher erschlossen wurde, ist nach dem Modell der Vier-Instanzen-Prosa dem Unbewußten, dem Verdrängten gleichzusetzen. Die Zensur des Über-Ich und die Abwehr des Ich verhindern das direkte Aussprechen dieses Materials. Was schließlich als Worte, als Sätze, als Textoberfläche erscheint, ist eine Kompromißbildung, in der die gegensätzlichen Strebungen zu einer Art Ausgleich gebracht sind, in dem sich immer auch Unbewußtes gegen die Abwehr trickreich durchsetzt. Das Unbewußte verhält sich also wie der Widerstand leistende Rechentruppführer und wie die Steuerhinterzieher. Im Bereich der Kommunikation (- sit venia dem edlen Wort in seiner abstrakten Allgemeinheit -) treten ihnen die Liebenden zur Seite, die von harten Eltern auf Distanz gehalten werden; auch die klugen Diebe in der Nacht und die abhörgeräteumstellten Politiker -: sie bedienen sich der Gebärden als eines Idioms, das Tabuiertes verharmlost-verhüllt zur Darstellung bringt; einer Sub-Sprache, mit der, wie im Unterwelt-Slang und in den Geheimsprachen der Fahrenden, geheimzuhaltende und gefährliche Inhalte übermittelt werden können. Die Zeichensprache also ist ein Mittel, mit dem die Abwehr (welcher Instanz auch immer) umgangen werden kann.

Dem geneigten Leser seien noch folgende Andeutungen zur eigenen Überlegung und Weiterarbeit anheimgegeben: daß mit der "Mienen- und Gebärdensprache" auch die Sprache der "Etyms" gemeint sei; daß die Schilderung der "Erfindung" der Zeichensprache durch zwei alte Männer an der Kreissäge auch eine Schilderung der "Erfindung" der Etymsprache durch Arno Schmidt sei; daß die Einführung dieser Sub-Sprache gleich in der ersten Erzählung des Bandes programmatisch für den gesamten Zyklus sein könnte; daß sich Bestätigungen beibringen ließen für die Behauptung, daß stets der gesamte Zyklus der Erzählungen gemeint sei, wenn Arno Schmidt in "Zettels Traum" von seinem "Orfeus" spricht.

 

 

VERMUTLICHES

 

 

Die bisherigen Betrachtungen waren so gehalten, als ob der Text sich im Medium des "inneren Monologs" der Erzählerfigur "Carlos" gleichsam von selbst erzähle. Wollte man andererseits in "Carlos" Schmidt selbst reden hören, so müßte man auch die im Text erschlossene Instanz des Unbewußten mit dem Unbewußten des Autors gleichsetzen. Diese latenten, ,unbewußten" Erzählinhalte sind aber in Wahrheit bewußt ausgeklügelte Verschlüsselungen. Auch wenn man in Betracht zieht, daß "Otje" eigentlich nur als Gesprächspartner auftritt, daß er als unabhängig handelnde Person kaum sichtbar wird, daß sein Äußeres, von der Ausnahme des Ohres abgesehen, blaß und undeutlich bleibt - wenn man also geneigt ist, die Figurenkonstellation der zwei "Halb-Greise" als abgespaltene Teilexistenzen eines "Voll-Kreises" aufzufassen, so wird man sich auch diesen Voll-Kreis und die ihm zuzurechnenden Wahrnehmungen, Äußerungen und Handlungen nur partiell kongruent mit dem Autor-Bewußtsein Arno Schmidts denken dürfen. Unzweifelhaft aber ist, daß Schmidt selbst auch in diesem Text anwesend ist - und das nicht nur als alles durchschauender, Beziehungen stiftender, verhüllender, listig-lachender Arrangeur.

Hans Wollschläger hat in einem bewunderungswürdigen Aufsatz zur Symbolik in Karl Mays "Silbernem Löwen" (Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1979) den "Wirkungskreis unbewußter Motivkräfte" bei der Entstehung und bei der Rezeption von Kunstwerken abzuschätzen versucht und ihn "weit umfangreicher" gefunden, "als die unpsychologische Auffassung sich vorstellen darf".

Bei der Entstehung, die dem Vorgang der Traumbildung analog gedacht werden muß (mit "Verdichtung", "Verschiebung" und Zensureinwirkung als das Zugrundeliegende entstellenden Einflüssen), läßt sich nach Wollschlägers Auffassung "die Grenze, an der die Freiheit absolut bewußter Formverfügung begönne, überhaupt nicht ziehen".

Beim Betrachter trifft das unter diesen Einflüssen geformte Kunstprodukt "auf eine analoge unbewußte Bereitschaft [zur Entstellung], und es bildet sich ein Über-Ich-Bündnis, das auch die Deutung dem Entstellungsprozeß unterwirft und zu Widerstand und Abwehr, Irrtum und Aufgeben führt".

Wie aber ist unter solchen Bedingungen der tiefere individualpsychologische Inhalt, die unbewußt vom Betrachter aufgenommene eigentliche Botschaft in einem Text zu ermitteln, der seine tiefsten Schichten eben dadurch entstellt und zu verschleiern trachtet, daß in ihm die Schichtenstruktur der Seele bewußt zum Formprinzip erhoben wird?

Der Betrachter muß sich fühlen wie ein Theaterbesucher, dessen bewußte Aufmerksamkeit zunächst, bei hochgezogenem Vordergrund-Vorhang, von den kunstvoll drapierten Kulissenwänden mit ihren verdrehenden Spiegeleffekten und Perspektiventäuschungen in Anspruch genommen wird; nun aber läuft ein pantomimisch-stummes Spiel ab, dessen Textvorlage ihm unbekannt bleibt, ein Text zudem, den tausend undurchschaubare Einflüsse der Theatermaschinerie, Anweisungen herrschender Häupter, Kleinzugaben dienender Geister, für die Aufführung gemodelt haben. Ohne ihn recht zu kennen und mißverstehend noch fühlt der Zuschauer sich doch vom Inhalt des Spiels auf seltsame Weise bewegt.

Für die traditionelle Bewußtseinsliteratur hat Arno Schmidt selbst an den Beispielen Karl May und Edgar Allan Poe ein Verfahren der "Schichtenscheidung" enrwickelt: seine "Lesemodell-Theorie". Nach dem Modell dieser selbst ihren Herstellern unbekannt gebliebenen Mehrschichtigkeit (die zugleich ein Abbild der Traumstruktur ist) hat Schmidt seine eigene Prosa bewußt mehrschichtig konstruiert. Recht ergiebig ist es, wenn man Schmidts frühe Prosa nach seinem May-Poe-Verfahren analysiert, wie er selbst es auch vielfach in "Zettels Traum" tut. Aber selbst in der späteren Prosa reichen die Gestaltungen des Untersten (die verschwiegene Spielvorlage) in Andeutungen bis an die Oberfläche, ja die Oberfläche selbst ist nichts anderes als eine aus den Trümmern des Untersten unter dem Zwang zu logischer Kohärenz in ein sinnvolles neues Gefüge zusammengebackenes Fassadenbild. Zur Bedeutung von Wesen und Gestalt dieses Grundmaterials sind gegenwärtig nur erst Vermutungen und allenfalls Einzeleinsichten möglich, die in ihrer Partikularität noch in keinen übergreifenden Verständnis-Zusammenhang vereinigt werden können. Der Zugang zu diesem Material scheint nur möglich zu sein, wenn man der bewußt hergestellten Verschlüsselungen habhaft geworden ist, wenn man das der mannigfach aufs Unbewußte wirkenden Stimulierung folgende Antwort-Gedröhne des eigenen Rezeptoriums so weit wahrzunehmen gelernt hat, daß man es versuchsweise überhören kann, um im Schweigen hinter dem Getöse jenes "faint utterance of silence" zu vernehmen, "when it contrasts itself with the former".

Trotzdem sei der Versuch gewagt, einiges Vermutliche zu formulieren, im Vertrauen darauf, daß die Entwicklungen in der frühen Kindheit bei allen Menschen nach ähnlichen Grundmustern verlaufen und daß die Manifestationen des Unbewußten in den Kunststrukturen überall aus Sedimenten von ähnlicher Schichtung erwachsen, Schichten, die korrespondierend auch im Betrachter vorgegeben sind.

Hilfreich erscheint ein Sortierungsansatz, den Hans Wollschläger in der erwähnten Arbeit für das Freilegen der Abbildungen des Unbewußten in den Kunstwerken vorgeschlagen hat, in dem drei Schichten indirekter Darstellung unterschieden werden:

-eine Oberschicht der "Verschlüsselung", die in Rollen und Masken zum Teil Bewußtes nach dem Produktionsprinzip der glättenden und rationalisierenden "sekundären Bearbeitung" zur Darstellung bringt; (Zu dieser Schicht gehört beinahe alles, was als "latente Bedeutung" in der behandelten Erzählung erschlossen wurde.)

-eine Mittelschicht der "Allegorien", die in "Begriffsbildern" Unbewußtes nach dem Produktionsprinzip "Verdichtung-Verschiebung" zur Darstellung bringt; (Zu dieser Schicht gehören Elemente wie der "Drahtbett-Zaun".)

-eine Grundschicht der "eigentlichen Symbolik", die in "Ideenbildem" unbewußte Kollektivrepräsentanzen und präödipale Erlebnis-Engramme nach dem Produktionsprinzip "Es-immanenter Materialbildung" zur Darstellung bringt.

Es sei erlaubt, bei aller eigentlich unerlaubten Verkürzung der Darstellung, die den beinahe unabsehbar weiten Denk-Hintergrund stillschweigend als gegeben voraussetzt, wenigstens einen Motivzusammenhang von "Kühe in Halbtrauer" näher zu betrachten, der möglicherweise der Grundschicht "Eigentliche Symbolik" angehört.

Im Verlauf dieser Arbeit ist schon einmal das Thema Bisexualität zur Sprache gekommen. Nach der psychoanalytischen Theorie sind alle Vorstellungen im Unbewußten, die uns in Symbolen faßbar werden, bisexuell angelegt, sie haben zugleich männliche und weibliche Bedeutung. Die einseitige Interpretation auf Homosexualität hin reduziert also vermutlich einen komplexeren Sachverhalt aufs handlich-Einfache. Schon am Beginn sich entwickelnder Homosexualität liegen Grunderfahrungen mit dem Weiblich-Mütterlichen, die Theorie lehrt, daß sie Produkt eines Konfliktes mit der präödipalen Mutter sei.

Befragt man den Text der Erzählung nach den Darstellungen des Weiblichen, so stößt man in den relativ leicht durchschaubaren verschlüsselten und allegorischen Darstellungen auf das mütterliche Element in der Gestalt des "Milchfrühstückes" ("perlmutterne Flüssigkeit"). Im Bereich der "Eigentlichen Symbolik" aber muß wohl das "Holz" als Darstellung des Mütterlich-Weiblichen verstanden werden. In der sprachlichen Verwandtschaft von "mater - materia" (vgl. "Abend mit Goldrand", S.105) hat sich ein schwacher aber beweiskräftiger Abdruck dieses urmenschlichen Symbolverständnisses erhalten. Und als "Materie" wird das Holz auch in der Erzählung (S.21) einmal bezeichnet. Dieses "Holz" nun wird "zerkleinert", das heißt: analytisch zerlegt; und dann zu neuer Gestalt geordnet: zu Feimen. Das komplexe bisexuelle Symbol erscheint in den verschiedenen Schichten in unterschiedlicher Bedeutung. In seiner "schwarzen", männlichen Bedeutung (Wurzelholz, Latten, Ständer) gehört es der allegorischen Mittelschicht an, während es in seiner "weißen", weiblichen Bedeutung der Grundschicht der Eigentlichen Symbolik zugehört. In dieser "weißen" Bedeutung erscheint es auch als "Birkenbänkchen". Überhaupt stellt die Schwarz-Weiß-Symbolik eines der Grundmuster der Erzählung: vom Milchfrühstück geht die "weiße" Linie über das "Birkenbänkchen" bis zur "Nebeldecke" und den "weißen Härchen" in der "Fleischtute"; "schwarz" arbeitet der Dorfmaurer am Kamin, schwarz stapeln die Stämme, "die Schwellen [...] noch schwärzer", eine "kohlschwarze Stier-Stirn" taucht aus der Nebeldecke auf. Das "schwarz eingebundene Buch" gehört schon zu den Zwischendingen, die auf männ-weibliche Weise schwarz-weiß gemischt sind: denn wenn es "nicht-grün" genannt werden kann (S. 14), ist neben allen Farben auch die Nicht-Farbe "weiß" denkbar (- von der weiblichen Buch-Symbolik des "Blätterns" ganz abgesehen). Die "Kiebitze" sind nur eine Variante der bedeutsamsten Schwarz-Weiß-Figuration, der "Kühe in Halbtrauer" -: weiblich-mütterliche Eutertiere, die die weiß-mutterne Flüssigkeit spenden. Der Amalgam-Charakter, das Alles-in-Einem dieser geschichteten Symbolik läßt sich kaum präziser erfassen, als in diesen Tieren, die in der Oberfläche als halbtraurige Staffage stehen, in der Tiefe aber als bisexuelle Wesen mit auch männlichen Attributen: den Hörnern und Zitzen.

Es sei, mit allen Einschränkungen, die das Vermutliche kennzeichnen, abschließend vorgeschlagen, die Erzählung "Kühe in Halbtrauer" auch zu lesen als psychographisches Gemälde einer Lebenssituation Arno Schmidts. Der allmählich sich einstellende Erfolg seiner Arbeiten hat ihm ermöglicht, 1958 ein Grundstück mit Haus als Eigentum zu erwerben. Die damit erstmals gewonnene Seßhaftigkeit entbindet einen analytischen Selbstklärungsprozeß (Zerkleinern und Neuordnen), in dem eine Art Lebensbilanz gezogen wird. Phantasien und Wünsche, aus denen die früheren Werke erwachsen waren, sind durchsichtig, ödipale Vater- und Mutterbeziehungen überschaubar geworden, die homosexuelle Triebkomponente wird so weit erkannt und anerkannt, daß sie zu Thema und Material für bewußte Gestaltungen werden kann. Das neu gewonnene Selbstverständnis wird die Basis für Literaturformen von ganz neuer Qualität, in denen das eigentlich (und schon immer) Phantasierte unter noch dichteren Schleiern bewußter Entstellungen verborgen wird; in die mit sicherer Gelassenheit aber auch das Unterste, selbst wenn es unverstanden geblieben ist, eingelassen und als Unverstandenes wahrgenommen und einem weiteren verhüllenden Überformungsprozeß unterworfen wird. Eine wirklich restlos auflösende Bearbeitung des Verdrängten scheint nicht gelungen zu sein. Sie hätte eine grundlegende Neuordnung auch der äußeren Lebensverhältnisse zur Folge haben müssen. So könnten die "Entdeckungen" der Etym-Sprache und der Vierten Instanz vielleicht als intellektuelle Ersatzbildungen für real entgangene Befreiung gedeutet werden. Allerdings scheint auch in der analytischen Umschichtung rationalisierende Verdeckung stattgefunden zu haben (es wird nur der Grundriß zu den Feimen gelegt). Der überall im Spätwerk greifbare Zug von Rechtfertigung der eigenen Lebens- und künstlerischen Gestaltungsweise läßt auf ein Selbstverständnis schließen, das, bei allem berechtigten Stolz auf enorme Leistungen, seiner unaufgelösten Verformungen bewußt geblieben ist.

 

 

ABSCHLIESSENDES

 

 

Der Leser wird an vielen Stellen gespürt haben, daß auch die Oberfläche dieser Arbeit dem kohärenzstiftenden Glättungsprozeß nicht immer entgangen ist. Das liegt zum Teil an der komplizierten Materie, an der sich ein besonders fehleranfälliges Rezeptorium bewähren mußte, zum Teil ist dafür aber auch der Mangel an brauchbaren Vorarbeiten anderer die Ursache. Die bisher erarbeiteten Erläuterungsbände und Registerwerke zu Arno Schmidts Büchern waren hier von keinem Nutzen. Sie sind zu ausschließlich auf Zitate, Namen, Daten, Realien beschränkt und zu wenig achtsam auf zusammenhangs-bedeutsame Worte und Wendungen - und damit den Dimensionen dieser Prosa unangemessen. Denkbar wären Symbolregister, Längsschnitte zu Motiven, die das ganze Werk durchziehen, individuelle Wortgeschichten, Wortschatz- und Wortfeld-Untersuchungen, weniger nach Sinnbezirken, denn nach Klangfamilien, Zusammenstellungen syntaktischer Besonderheiten wie der "zweifelnden Frage" und Ähnliches mehr. Die vorliegende Arbeit, auch als Vorstudie zu solchen tiefer dringenden Untersuchungen gedacht, hätte ihren Zweck am besten dann erfüllt, wenn sie deutlich machen könnte, daß ganze Wurzelstöcke verzweigter Fragensysteme an beinahe jeder Feststellung, Deutung und Vermutung hängen; wenn sie den Schatten dämmernder Ahnung vermitteln könnte, angesichts welcher Schwierigkeiten die künftige Amo-Schmidt-Forschung ("die des Namens wert wäre") ihren Mut und ihre Mittel wird zusammennehmen müssen.

 

[Seitenangaben nach Zitaten aus der behandelten Erzählung beziehen sich auf die Leinenausgabe von Arno Sdunidts "Kühe in Halbtrauer", Karlsruhe. Stahlberg 1964.]

 


Zu den Arbeiten
Symbolisches im Genitalgelände.
Arno Schmidts "Windmühlen" als Traumtext gelesen.

Issis zu glaubm? Zu einem Motivzusammenhang in Arno Schmidts Erzählung "Kundisches Geschirr".


© 2003-2010 Ulrich Goerdten