Germanistik im Internet

Eine Lehrveranstaltung zum Thema "Germanistische Fachbibliographie" kann heute ohne Einführung in das Internet nicht mehr auskommen. CD-ROM-Datenbanken, die erst vor kurzer Zeit auf dem Markt erschienen sind, werden schon heute wie selbstverständlich als tägliches Handwerkszeug von Lehrenden und Studierenden benutzt. Die stupende Beschleunigung der Suchvorgänge, wie sie etwa durch den "Köttelwesch" auf CD-ROM (1990-1996) möglich geworden ist, wird schon manchen Germanisten beeindruckt haben. Das Internet mit seinen ebenso nützlichen Hilfsmitteln ist gerade bei den Germanisten aber offenbar noch wenig bekannt. Deshalb wird hier versucht, kurz darzustellen, welche Möglichkeiten es schon heute bietet.

Das vielgerühmte und -geschmähte Medium kann als ganz normales Arbeitsinstrument mit seinen Vorzügen und Schwächen dargestellt werden. Der Nimbus, der mit dämonisierenden Begriffen wie "Cyberspace","Virtuelle Welten" und "Superhighway" erzeugt wird, wird sich ohnehin für denjenigen rasch zu konventioneller Harmlosigkeit verflüchtigen, der sich an den Umgang mit Telefon und Fax, Video, PC und CD-ROM schon gewöhnt hat.

Eine schlichte Sammlung von "fachbezogenen Quellen und Links für Germanisten", wie sie auf den Internet-Seiten der Universitätsbibliothek zu finden ist, könnte Technikängste und Zugriffshemmungen abbauen helfen und den Einstieg in das Internet-Terrain erleichtern. (Den technischen Zugang kann jeder FU-Angehörige über die ZEDAT erhalten.) Vergleichbare Sammlungen gibt es schon an vielen Stellen im Internet. In anderen Bibliotheken, deren Vernetzung und Ausstattung mit Geräten und Systemen weiter fortgeschritten ist als in der Universitätsbibliothek der FU, gibt es derartige Übersichten schon länger; Bielefeld, Düsseldorf, Erlangen-Nürnberg und Karlsruhe bieten Germanistik-Übersichten als Teile ihrer jeweiligen "Virtuellen Bibliothek" an. Es erschien aber sinnvoll, eine spezielle Sammlung anzulegen, die den Bedürfnissen der Lehrveranstaltung dient, darüber hinaus aber auch allen anderen interessierten Germanisten Einblicks- und Zugangsverlockung bietet. Die Linksammlung kann unter der Adresse "http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/" aufgerufen und auch als Ausgangsstelle für eigene Recherchen im Internet benutzt werden.

Die Zahl der Internet-Dokumente zur Literatur allgemein und zur Germanistik speziell ist so groß, daß es unmöglich ist, bei begrenzter Zeit einen vollständigen Überblick zu erlangen. Das Internet ist ein riesiges Versuchsgelände, auf dem ständig Neues entsteht und nichts, was einmal entstanden ist, unbewegt bleiben kann. Was hier nicht fortlaufend verändert wird, ist in kurzer Zeit überholt und entspricht nicht mehr der wuchernden Realität. "In Arbeit" befindliche Projekte gibt es in so großer Zahl, daß unschwer für die nächste Zukunft ein gewaltiger Zuwachs auf allen Gebieten vorausgesagt werden kann. Die schon jetzt wenig übersichtliche Lage droht dann vollends unüberschaubar zu werden. Linksammlungen, zumal wenn sie zur ersten Orientierung dienen sollen, können deshalb stets nur begrenzte Auswahlangebote sein, die einen Augenblickszustand dokumentieren. Notwendigerweise sind sie auch von den persönlichen Vorlieben und Abneigungen des jeweiligen Herstellers geprägt.

Ein Germanist, der den Überblick über das wachsende Sortiment behalten wollte, könnte wochenlang ganze Tage vor dem Bildschirm verbringen und käme doch zu keinem Ende, weil ständig Neues auftaucht und Gutes oft in schwer zugänglichen Winkeln verborgen ist. Oft genügt das Angebotene nicht ganz den Anforderungen seriöser Wissenschaftlichkeit, weil es unter wissenschaftsfernen Voraussetzungen und mit anderen Zielstellungen gestaltet worden ist.

Vielfältig hilfreich und hervorragend brauchbar sind allerdings die Arbeitesprodukte von öffentlichen Institutionen, von Literaturarchiven, literarischen Gesellschaften, Universitäten und Forschungseinrichtungen, gelegentlich auch von Arbeitsgruppen, die durch Wirtschaftsunternehmen gefördert werden. Sie bieten schon heute zu bestimmten Sachgebieten oder Themen so viel an fundierter Information, daß selbst der kenntnisreichste Spezialist ohne sie nur halbe Arbeit leisten könnte. Die German Departments US-amerikanischer Universitäten sind besonders fruchtbar und stellen eine Vielzahl von guten Materialzusammenstellungen zur deutschen Literatur und Landeskunde zur Verfügung.

Hilfreiche Datenbank

Als Beispiel möge das Projekt "Deutsche Dichterhandschriften des Poetischen Realismus" dienen (http://library.byu.edu/~rdh/prmss/). Marianne Siegmund und Richard Hacken von der Harold B. Lee Library (Brigham Young University, Provo, Utah, USA) haben alle verfügbaren deutschen Handschriften- und Nachlaßverzeichnisse ausgewertet und für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Verzeichnis der erhaltenen Dichterhandschriften angefertigt. Hier muß man nur einen der 401 Namen anklicken, um die gesammelten Informationen über erhaltene Handschriften und Briefe zu bekommen, die aus 26 gedruckten Verzeichnissen zusammengetrtagen wurden. Zusätzlich besteht hier die Möglichkeit, die Anschriften der besitzenden Bibliotheken, Archive und Museen sowie die Fundstellen in den ausgewerteten Verzeichnissen aufzurufen. Was das an Zeitersparnis und Arbeitserleichterung bedeutet, kann nur ermessen, wer selbst schon einmal die Mühe auf sich genommen hat, die gedruckten Verzeichnisse nach den Relikten eines Autors zu durchsuchen.

Bedauerlich ist nur, daß es sich um einen so engen zeitlichen Ausschnitt handelt und daß selbst für die Zeit des Poetischen Realismus bei weitem nicht alle Namen berücksichtigt sind. Eine allgemeine Regel, die für den Umgang mit den gedruckten Verzeichnissen gilt, sollte auch hier nicht außer acht gelassen werden: Eigene Recherchen und Nachfragen bei Institutionen werden selbst durch die komfortabelsten Hilfsmittel nicht überflüssig gemacht. Im Bereich deutscher Nachlässe und Handschriften liegt die Ursache für die gelegentliche Unvollständigkeit der Verzeichnisse auch daran, daß die Autographenbestände der neuen Bundesländer schlecht erschlossen sind. Ein vergleichbares Instrument wie den "Zentralkatalog der Autographen" bei der Staatsbibliothek zu Berlin, der die Bestände in den Bibliotheken und Archiven der "alten" Bundesländer erschließt, gibt es für die "neuen" noch nicht.

Texte

Was das Internet an literarischen Texten aus allen Epochen zu bieten hat, ist schon sehr beachtlich. Der Ehrgeiz der Anbieter ist auf immer komplettere Darbietung gerichtet. Als Arbeitsgrundlage für philologische Studien eigenen sich diese Texte aber leider nicht. Es fehlen grundsätzlich Angaben zu den Vorlagen, und die editorischen Prinzipien, die bei der Erstellung der Textdateien gewaltet haben, sind meist ganz unklar. Kritische Editionen in Buchform bleiben daher weiterhin eine nicht zu ersetzende Arbeitsgrundlage für Philologen. In der Link-Sammlung wurde auf den Nachweis des "Gutenberg-Projektes" aus diesem Grunde auch verzichtet. Mit jedem dritten Mausklick ist es aber von anderen Linksammlungen aus erreichbar und es soll auch hier nicht verschwiegen werden, das deutsche "Projekt Gutenberg", (http://www.abc.de/gutenb/gutenb.htm) sowie sein angloamerikanisches Gegenstück (http://promo.net/pg/). Ein Tip für die Praxis: Man kann die Texte auf den eigenen Rechner herunterladen. Mit den Suchfunktionen der herkömmlichen Textverarbeitungssysteme können dann Worte und Begriffe, auch Wortkombinationen gesucht werden, was für bestimmte Arbeitsvorhaben manchmal von sehr großem Nutzen ist. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, daß die mit der Suchfunktion ermittelten Stellen dann in den kritischen Buchausgaben lokalisiert werden müssen, damit sie zitierfähig werden.

[Nachtrag 1.7.97: Die Mäkelei ist mir vergangen beim Anblick einer gelungenen und jeden Kritiker beschämenden elektronischen Wiedergabe der 1624er Ausgabe von Martin Opitz' "Buch von der Deutschen Poeterey". http://www.informatik.uni-hamburg.de/gutenb/autoren/opitz.htm ]

Im Bereich der Texte sind die britischen und amerikanischen Altphilologen von geradezu unglaublicher Effizienz. Die Texte vieler antiker Autoren werden komplett angeboten, und zwar in einer Weise, die jeden Philologen entzücken müßte. Homer im Urtext zu lesen ist unter diesen Umständen heutzutage ein Kinderspiel geworden (http://www.perseus.tufts.edu/). Die Texte sind Wort für Wort mit Hyperlinks unterlegt, mit denen man auf morphologische und syntaktische Erläuterungen geführt wird; ein weiterer Klick bietet Lexikoneinträge mit Angaben von Parallelstellen im selben Text und bei anderen Autoren. Solches wünschte man sich auch für die althochdeutschen und mittelhochdeutschen Texte . . .

Personenbezogene Seiten

Besonders sorgfältig wurden die personenbezogenen Seiten im Internet ermittelt und verzeichnet. Die Sammlung erscheint, was die Namenauswahl anbelangt, ziemlich willkürlich und das Gefundene ist von schwankender Qualität. Neben vorzüglichen Seiten, auf denen alles verfügbare Material zu einem Autor/einer Autorin versammelt ist (Das ist oft mehr als die gedruckten Bücher enthalten!), stehen andere, die sich mit knappen Präsentationen von Porträts, Zeittafeln und Werkverzeichnissen begnügen. Diese Zusammenstellung personenbezogener Seiten bildet getreulich das Internet im Kleinen ab: neben Vorzüglichem und Brauchbarem gibt es weite Bereiche, wo ambitioniertes Unvermögen, Geschwätz und Geschwafel herrschen.

Huldigungsseiten enthusiastischer Schriftsteller-Verehrer befriedigen oft eher das Mitteilungsbedürfnis der Anbieter als das wissenschaftliche Interesse der potentiellen Nutzer. Als Beispiele für diese häufige Erscheinung seien zwei konkurrierende Arno-Schmidt-Seiten genannt, die wenig mehr als Augenschmaus und kaum Information bieten. Die bibliographischen Angaben beispielsweise kann man in Büchern viel ausführlicher und genauer finden. Auf einer von diesen Seiten sind als bibliographische Information einfach nur die Schmidt-Titel aus dem Verzeichnis lieferbarer Bücher übernommen worden. ("http://ourworld.compuserve.com/homepages/h_schuermann/aschmidt.htm" und "http://www.cs-ka.de/ingo.steinhaus/schmidt.htm")

Hervorragend gelungen ist dagegen die Präsentation des Materials zu Karl May. Alles was biographisch und bibliographisch ermittel- und erreichbar ist, wird hier nachgewiesen. Durch die Hyperlink-Technik werden die verschiedenen Materialien miteinander verknüpft, und der Leser kann von seinem Ausgangspunkt sich in beliebige Richtungen voranklicken zur Bibliographie, zur Darstellung einzelner Lebensabschnitte, zur Sammlung von Fotos, Illustrationen und Abbildungen. Jede dieser Seiten ist nur ein Bauelement, das Verzweigungen nach vielen Richtungen aufweist, über die man weitere Dokumente auf dem eigenen oder auf fernen und fremden Rechnern aufrufen kann. Leider sind auch hier die angebotenen Texte nicht die besten, weil aus Gründen des Urheberrechts die Texte der historisch-kritischen Ausgabe nur zitatweise dargeboten werden können.

Bibliothekskataloge

Das Erstaunlichste an dem neuen Medium ist die Geschwindigkeit, mit der die Suchmaschinen viele Millionen Dokumente nach angegebenen Zeichenketten durchsuchen und die Ergebnisse gezählt und sortiert präsentieren. Ebenso bemerkenswert sind die Möglichkeiten, über Telnet-Zugänge in den Katalogen ferner Bibliotheken zu blättern. Vom Institutsarbeitsplatz oder vom Arbeitsraum der ZEDAT aus kann in den OPACs ferner Bibliotheken recherchiert und in den regionalen Katalogverbünden Deutschlands Material gesammelt werden. Die traditionelle Arbeit mit Quellen und Sekundärliteratur, mit Büchern, Bibliographien und Bibliotheken wird dadurch noch lange nicht gänzlich ersetzt. Die Hilfsmittel, die das Internet anbietet, sind komplementär. Sie können die bibliographische Sucharbeit erleichtern und beschleunigen. Kopf und Hände werden entlastet und frei für die wesentlichen Arbeiten. Für Gernmanisten besonders attraktiv ist der Zugang zur Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (http://www.hab.de/). Wer mehr an Druck- und Buchgeschichte interessiert ist, könnte der Vatikanischen Bibliothek einen Besuch abstatten (telnet://librs6k.vatlib.it) und wer ganz allgemein bibliographische Recherchen betreibt, dem steht auch die größte Bibliothek der Welt, die Library of Congress, offen. (http://marvel.loc.gov/).

Die Angebote, die das Internet für Germanisten bereithält, sind schon gegenwärtig höchst verlockend und werden in der Zukunft, wenn manches Wichtige exklusiv hier zu finden sein wird, gar nicht mehr zu ignorieren sein. Wer weiterhin Abstinenz üben will, muß in Kauf nehmen, daß er mehr und mehr verstaubt. Rezeptive Nutzung allein wird allerdings nicht genügen. Jeder Beitrag von wissenschaftlichem Wert erhöht die Qualität des neuen Mediums und hilft die Sphären des bloßen Geschwätzes, die heute noch großen Raum einnehmen, in die Randbereiche abzudrängen, wo sie hingehören. "Wer es jetzt unternimmt, neuen Medien sinnvollen Inhalt zu geben, verhindert damit, daß sie von denen aufgefüllt werden, die eigentlich nichts zu sagen haben." (Christoph Koch im Nachwort zu: Silke Umbach: Sebastian Brants Tischzucht (Thesmophagia 1490) Edition und Wortindex. Wiesbaden: Harrassowitz 1995, Seite 185.)

(1997) Ulrich Goerdten


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