Ulrich Goerdten

Die Bibliothek des Plattdütsch Vereen Quickborn zu Berlin in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin

Die Bibliothek des Plattdütsch Vereen Quickborn zu Berlin ist ein Stück versprengten Kulturguts, das in Vergessenheit geraten war. All ihre erhaltenen Bände sind durch den Besitzstempel des Plattdütsch Vereen gekennzeichnet, doch war ihre Existenz als kleiner Sonderbestand im Magazin der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin (UBFU) lange Zeit niemandem mehr bekannt. Die alten Stempel, die in großer Zahl und Vielfalt die Bücher zieren, werden nicht sonderlich beachtet. Die Herkunft der Bücher ist meist ohne Bedeutung, wichtig ist ihr Gebrauchswert für Forschung und Lehre.

Die im Jahre 1952 gegründete Universitätsbibliothek hat ihren Buchbestand in den Anfangsjahren zum größten Teil aus Stiftungen, Geschenken und komplett übernommenen Nachlaßbibliotheken aufbauen müssen, weil ausreichende Bucherwerbungsmittel fehlten. Mit diesem von vielen Seiten zuströmenden Bibliotheksgut muß auch die Quickborn-Bibliothek an die UBFU gelangt sein. Genaues ist nicht mehr zu ermitteln, die Akten aus jenen Jahren enthalten nichts Einschlägiges. Aus diesem Umstand kann aber immerhin geschlossen werden, daß die Quickborn-Bibliothek nicht aus Privathand oder aus dem Antiquariatshandel gekauft worden ist.

Im Jahre 1955 wurden die Bücher inventarisiert. Der größte Teil wurde unter die Signaturengruppe "X" eingeordnet, wohin die minder wichtige Literatur aus Nachlässen und Vermächtnissen wanderte, von der man damals annahm, daß sie nicht sonderlich häufig benutzt werden würde. Mundart-Wörterbücher, Grammatiken, geschlossene Werkausgaben, zusammenhängende Fortsetzungen und Serien der Quickborn-Bibliothek wurden an anderen Stellen untergebracht. Diese Titel sind heute nur mit Mühe zu ermitteln.

Der gesamte, seinerzeit als minderwichtig bewertete "X"-Bestand (etwa 100 Regalmeter) macht einen wenig erfreulichen Eindruck: vergrautes, so gut wie nie benutztes Kleinschrifttum; auf dem Schnitt und auf den Oberkanten der Bände hat sich Staub abgelagert, jeder Fingerdruck hinterläßt eine Blindprägung auf den mehligen Flächen der Buchrücken und -deckel, und Krümel von gilb und brüchig gewordenem Papier fliegen herum, sobald Einzelbände oder Hefte herausgenommen werden. Beim Bücherliebhaber erwecken aber oftmals gerade diese wenig geachteten Grauzonen ein besonderes Wohlgefallen: unterm Staub der Jahrzehnte vermutet er ungehobene Schätze.

Bücher mit Quickborn-Stempeln fanden sich in größerer Zahl an einer Stelle unter den "X"-Signaturen. Bei genauerer Inspektion der Stelle und des Umkreises tauchten sogar Handschriften auf, von Klaus Groth, von Johann Hinrich Fehrs, von Karl Eggers und von weiteren plattdeutschen Autoren, deren Namen heute weitgehend vergessen sind. Alle Bücher und Handschriften trugen den Quickborn-Stempel. Etwa 400 Bände plattdeutscher Literatur standen in zusammenhängender Folge beieinander. Dies erbrachte die Gewißheit, daß hier eine vergessene Kleinstbibliothek ihr Unterkommen gefunden hatte.

Die Handschriften-"Funde" wurden mit verwundertem Unbehagen zur Kenntnis genommen. Die Stücke wurden ins Rara-Magazin umgestellt, und damit war die Angelegenheit zunächst erledigt. (Die "Rara", die seltensten und schützenswertesten Stücke, sind in einem besonders gesicherten Magazinteil untergebracht; sie stehen der allgemeinen Ausleihe nicht zur Verfügung und dürfen nur im Lesesaal unter besonderen Sicherungsvorkehrungen benutzt werden.) Für die Idee, den Quickborn-Bestand genauer zu untersuchen, um etwa einen Sonderkatalog herzustellen, mochte sich niemand begeistern. Die allgemeine Arbeitsüberlastung verbietet dergleichen ohnehin. Zudem ist Mundartforschung an der Freien Universität zu keiner Zeit betrieben worden, nur um die Erforschung der Geschichte des Berlinischen hat es zeitweise intensive Bemühungen gegeben. So welkte die Katalog-Idee bald zu einem jener Projekte, die immer wieder einmal aufgegriffen aber nie erledigt werden.

Umfang des früheren und des heutigen Bestandes

Der ursprüngliche und der heutige Umfang der Quickborn-Bibliothek läßt sich immerhin mit einiger Genauigkeit angeben. Glücklicherweise nämlich fanden sich zwei Exemplare eines gedruckten "Bökerverteeknis mit een lütten Anhang von wegen dat, wat de Quickborn überdem noch hett ..." vom Jahre 1927. Es umfaßt 1182 Nummern (mit Lücken in der Zählung, für den eventuellen Zuwachs) und 24 Nachträge, dazu 39 plattdeutsche Zeitschriften, von denen aber oft nur einzelne Jahrgänge oder Hefte angegeben sind.

Im "Verteeknis" ist der alte Buchbestand in 14 Abteilungen gegliedert:

Neuplattdeutsche Literatur (Nr. 1-495),

Fritz Reuter (Nr. 530-553),

Klaus Groth (Nr. 570-589),

Biographisches (Nr. 600-649),

Andere Mundarten (Nr. 660-698),

Wörterbücher (Nr. 700-711),

Sprachwissenschaftliches (Nr. 725-785),

Vereinsangelegenheit (Nr. 800-860),

Alt-Niederdeutsch (Nr. 900-923),

Hochdeutsch (Nr. 950-1086),

Kalender (Nr. 1101-1142),

Führer durch Stadt und Land (Nr. 1151-1157),

Verschiedene alte Bücher (Nr. 1175-1182),

Plattdeutsche Zeitschriften (Ohne Zählung, 39 Titel).

Genaue Zählung ergibt, daß die Quickborn-Bibliothek früher einmal 972 Titel umfaßt haben muß. Durch schlichtes Zählen ist aber der heutige, an die UBFU gelangte Bestand nicht mehr festzustellen. Beim Überprüfen der ersten 200 Nummern des "Verteeknis" am alphabetischen Katalog der UBFU waren 25% der Titel nicht mehr auffindbar. Das heißt: die Gesamtzahl der erhaltenen Titel dürfte bei etwa 730 liegen.

Handschriften

Der Zufall lenkte einst des Verfassers Auge auf eine winzige Notiz im 25. Jahrgang (1931) der Hamburger Zeitschrift "Mitteilungen aus dem Quickborn". Dort steht auf Seite 23 unter den kleinen "Rundschau"-Meldungen: "Der Plattdeutsche Verein Quickborn in Berlin beging am 19. Oktober d. J. das Fest seines 50jährigen Bestehens unter der Leitung von Otto Pieper. Unveröffentlichte Briefe von Klaus Groth, Johann Hinrich Fehrs und anderen Dichtern, Bildnisse, Schriftstücke und Bücher wurden bei der Feier ausgestellt." Hier wurde einstmals das öffentlich präsentiert, was in der UBFU im staubigen Winkel abgestellt ist. Die "Bildnisse und Schriftstücke" sind nach dieser pauschalen Beschreibung nicht mehr zu identifizieren. Eine Photographie der Dichterin Sophie Dethleffs könnte dazu gehören, die nachträglich in eine Ausgabe ihrer Gedichte (5., verm. Aufl., hrsg. von Klaus Groth, Hamburg: Kittler 1878) eingeklebt worden ist.

Auch eine Handschrift von ihr ist unter den Quickborn-Büchern erhalten geblieben: "De Fahrt na de Isenbahn". Die sieben doppelseitig beschriebenen Blätter mit ihrem originalen abgegriffenen grünen Karton-Umschlag sind in rotbezogene Pappdeckel eingebunden. Auf dem Vorderspiegel steht handschriftlich: "Originalmanuskript der Sophie Dethleffs - Geschenk von Herrn Dethleffs in Namslau, August 1896." Jetzt steht das Gedicht unter der Signatur 48/86/23683(0) im Rara-Magazin der UBFU.

Zwei handschriftliche Briefe und eine Postkarte von Klaus Groth (Signatur: 48/86/23684(2) Rara) sind zusammen mit der Kopie eines Briefes an Groth zu einem unscheinbaren Heftchen zusammengebunden. 1881 hatte der neugegründete Verein "Quickborn" in Berlin sich schriftlich an Klaus Groth gewendet und die Vereinsziele geschildert: "Ihren Dichtungen ähnlich, will sich unser Verein bestreben, echtes, biederes deutsches Volksleben zur Darstellung zu bringen, die plattdeutsche Muttersprache und deren Literatur zu hegen und zu pflegen, sodaß dieselbe ein Lebensborn nicht nur für seine Mitglieder sondern auch für weitere Kreise wird." Groth antwortet am 11.11.1881 ausführlich auf sechs doppelseitig beschriebenen Briefblättern (mit seinem Monogramm), er rechne es sich zur Ehre an, daß der Verein den Namen "Quickborn" tragen solle und er freue sich darüber, "daß Sie mit diesem Namen die Richtung Ihres Strebens auf die Würde unserer Muttersprache und ihrer Litteratur angeben." Er warnt aber zugleich: "Wohl aber kranken die meisten plattdeutschen Vereine daran, daß man Humor und Spaß verwechselt und die edle alte Sprache zum Possenreißen mißbraucht. Daran kranken nicht bloß viele Vereine, sondern mehre[re] sind daran zu Bierkneipereien mit schlechten Witzen entartet und untergegangen." Dann geht Groth zu den praktischen Dingen über, verspricht, seinen Verleger Freund zu bitten, Bücher umsonst oder um ein Geringes an den Verein abzugeben und macht Vorschläge für die Ausstattung einer zu gründenden Bibliothek und für die würdige Gestaltung der Vereinszusammenkünfte. Denn: "es ist leichter einen Verein zu gründen als ihn zu erhalten".

Der zweite Brief (vom 18. Oktober 1882) enthält die Mitteilung, Groth könne leider nicht zur Feier des einjährigen Stiftungssfestes des Vereins kommen, er werde am fraglichen Tage aber an die Berliner denken. Vom Leben und Treiben der plattdeutschen Vereine erfahre er nur wenig, da die Zeitschrift "Der Plattdeutsche Hausfreund" aus Mangel an Teilnahme habe eingehen müssen. Er erwähnt ein beigelegtes Gedicht, das vermutlich von seinem Haus in Kiel handelt, das er "1866 im freien Felde" gebaut habe. Diese Gedichthandschrift ist leider nicht erhalten.

Die Postkarte (vom 16. Oktober 1883) enthält wiederum eine Absage und gute Wünsche für den Verlauf des Stiftungsfestes.

Für die fünf übrigen Handschriften aus der Quickborn-Bibliothek möge eine Kurzbeschreibung genügen.

4 X 4300 Rara: Auf den ersten vier Seiten in je zwei Kolumnen aufgeklebt der (Zeitschriften-?) Abdruck eines Vortrages von Wilhelm Bade: "Johann Heinrich [!] Fehrs. Ein plattdeutscher Dichter von Gottes Gnaden." Vortrag, gehalten im plattdeutschen Verein "Quickborn"; ein handschriftlicher Brief von Fehrs an Wilhelm Bade (Itzehoe, den 24. Dec. 1892) und ein dreiseitiges, auf Quarto-Bogen geschriebenes Manuskript mit der Überschrift "Kurze Notizen zu meinem Leben". Die Fehrs-Gilde hat eine Kopie dieses Manuskripts erhalten. Vielleicht geben die Herausgeber der Werkausgabe von Johann Hinrich Fehrs bei Gelegenheit eine genauere Beschreibung dieser Blätter.

4 X 4062 Rara: Johann Hinrich Fehrs: En Besök. Original-Manuskript. Fünf einseitig beschriebene Quarto-Blätter mit dem Namenszug von Fehrs am Ende. Das Manuskript scheint zu Vortragszwecken verwendet worden zu sein, denn über einigen Vokalen ist die Aussprache von anderer Hand vermerkt worden. Das Manuskript ist gefaltet und mitsamt einem handschriftlichen Titelblatt in einen Oktavo-Pappband eingeklebt.

4 X 4322 Rara: Reineke Voß. Ein Vortrag gehalten im Plattd. Verein "Quickborn" am 1. XII. 86. Auf dem Umschlag: Reineke Voß / Ein Vortrag / Wilhelm Bade. Umfang: 32 Seiten, davon 20 Seiten Vortragstext und 9 Seiten Inhaltsangabe des "Reineke Voß".

4 X 4334 Rara: 1.) Sonderdruck aus "Zukunft" Bd 4, Nr. 51 vom 16. September 1893 mit einem Aufsatz von Karl Eggers: Klaus Groth und die plattdeutsche Dichtung. 2.) Handschrift von Karl Eggers: Klaus Groth und die plattdeutsche Dichtung. Vortrag gehalten am 24. April 1883 im plattdeutschen Verein Quickborn zu Berlin. 49 einseitig beschriebene Blätter. Auf der ersten Seite eine Satzanweisung in Rotstift: "Borgis-Fraktur". Der Text ist 1885 im Druck erschienen bei Habel in Berlin als Heft 215 der "Deutschen Zeit- und Streitfragen", herausgegeben von Franz von Holtzendorff.

4 X 4149 Rara: Eine Sammelhandschrift mit 2 Theaterstücken. Das erste trägt den Titel: "Ein Stündchen aus dem Leben Napoleons I. Historische Scene von W. Rocco." Es umfaßt 44 Seiten und ist vom Autor auf dem Titelblatt mit der warnenden Notiz versehen worden: "Erster mißlungener Versuch für das Theater zu schreiben. 1858. W Rocco". - Das zweite Stück umfaßt 97 Seiten und ist betitelt: "Zum grünen Esel. Schwank in 1 Akt." Eine Bleistiftnotiz in Sütterlin fragt mit Recht "von wem?" Es ist eine Liebesgeschichte um "Fritz", der zum Theater gegangen ist und um "Mining", die im Gasthof zum grünen Esel zurückgeblieben ist.

Die buchbinderische Verarbeitung dieser Manuskripte ist nicht gut. Bei einem der Briefe von Klaus Groth verschwindet auf einem Blatt ein Textstreifen im Bundsteg. Großformatige, gefaltete Blätter, wie das Gedichtmanuskript von Fehrs, können nur unter Gefahr für den unbeschädigten Erhalt des Papiers geöffnet werden. Die Pappeinbände scheinen nicht für bequeme Benutzung angefertigt worden zu sein. Immerhin haben die Manuskripte die Zeiten gut überstanden und können nun einer interessierten Nachwelt wieder zur Verfügung gestellt werden.

Der leicht überschaubare Bestand von 400 Bänden enthält gewiß noch weitere Seltenheiten, die der Erwähnung wert wären. Vielleicht ergibt sich später einmal die Gelegenheit, Einzelstücke genauer zu beschreiben. Viele Titel sind wohl nur zufällig in die Quickborn-Bibliothek gelangt. Planvoll und mit Sachverstand ist vermutlich zu keiner Zeit gesammelt worden. Benutzungsspuren sind selten an den Büchern zu bemerken, es gibt sogar einige, deren Bogenfalze nicht aufgeschnitten worden sind.

Die naheliegende Frage, ob dieser kleine Sonderbestand durch einen eigenen Katalog erschlossen werden sollte, führt bei aller Berechtigung doch leider ins Leere. Für derlei Nebendinge gibt es nicht genug "Kapazitäten" an Arbeitszeit und -kraft in der UB. Dennoch müssen die wissenschaftlichen Bibliothekare die Besonderheiten des Buchbestandes kennen und auch dem Publikum vermitteln. Beschreibungen weiterer Sonderbestände sollen deshalb bei Gelegenheit folgen.


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