Rahmen1

Ulrich Goerdten

Psychoanalyse bei Arno Schmidt und Eberhard Schlotter

(Vortrag zur Eröffnung einer Ausstellung der Schlotterstiftung Hildesheim am 15.12.1989)



Lieber Herr Schlotter, meine sehr verehrten Damen und Herren,

es könnte anmaßend erscheinen, wenn einer daherkommt und will über Psychoanalyse bei AS und es, über ein unausschöpfbares Thema also, in wenigen Minuten etwas sagen, einer, der nicht mal Analytiker, kaum Germanist und Kunstwissenschaftler schon gar nicht ist. Auch Würde und Ansehen, die der Beamtentitel bei seinem Namen im Programm suggerieren will, gehen ihm gänzlich ab.

Ich will's dennoch versuchen, nicht, indem ich zu Ihnen als Experte rede, mit Methoden und Terminologien gewappnet, vielmehr will ich zu Ihnen reden als ein Ergriffener, als ein Liebhaber, ungeschützt und mit der einzigen Legitimation, daß Kunstwerke aus Schmidts und Schlotters Händen mich bewegt haben, daß ich stark berührt bin besonders durch Werke, bei deren Entstehung die Psychoanalyse beteiligt gewesen ist. Es verhält sich mit dem Kunsterleben wie mit der Liebe: was kritisch-rationale Wissenschaft hier überprüfbar vermessen könnte, hätte nichts mehr mit dem Phänomen zu tun, das seiner Wesensart nach ein subjektives Gefühlserleben ist, unmeßbar und jeglicher im Doppelblindversuch erlangbarer Beweiskraft entzogen. Den Anspruch auf Objektivität, den sich theoriegeleitete Wissenschaftlichkeit gegenüber Kunstwerken anmaßt, werde ich Ihnen ersparen können, aus den genannten Gründen und weil ich mich damit begnügen kann, Glaubwürdigkeit anzustreben. Dies nämlich ist eine Gemeinsamkeit von Psychoanalyse, Kunstproduktion und von erklärender Kunstvermittlung, daß es in ihnen um subjektive Wahrheiten geht, die allenfalls persuasiv-recommendierend, das ist vorsichtig anheimstellend, um Zustimmung werbend vorgetragen werden können, auch aus Gründen des Respekts vor den gleichberechtigten individuellen Erlebens- und Verstehensbedingungen anderer. So will auch ich verfahren.

Unter diesen Voraussetzungen will ich vor Ihnen aus den Gedanken, die das Thema anrührt, drei Komplexe herausgreifen: erstens die Psychoanalyse, die Veränderungen im Fühlen und Erleben, im Welt- und Menschenbild, die sich bei jedem einstellen, der sich ernsthaft mit ihr einläßt. Zweitens will ich reden über Unterschiede, über unterschiedliche Folgen der Psychoanalyse-Rezeption bei dem Wortkünstler Arno Schmidt und bei dem bildenden Künstler Eberhard Schlotter. Drittens über das, was mich als Liebhaber und Rezipienten angeht in einer Kunst, die psychoanalytische Konzepte einbezogen hat, die mit und aus ihnen lebt.

Rahmen2Psychoanalyse ist ja eine eigenartige Sache. Sie ist als Wissensstoff nicht erlernbar. Man kann sie sich nicht einfach nur anlesen. Kalt und distanziert kann sie nicht angeeignet werden. Den Aneignungsprozeß begleiten unvermeidlich Seelenbewegungen. Entweder, wenn der gefestigten Ichstruktur unerträglich erscheinende Veränderungen drohen, wird Abwehr und Ablehnung mobilisiert. Oder es setzt, wenn Neugier und der Wunsch nach Einsicht und Veränderung stark genug sind, die Introspektion, die Selbsterforschung des "Labyrinths der Brust" am Leitfaden der Psychoanalyse ein. Mit Vorliebe tarnt sich anfangs diese Selbstbefassung als Befassung mit dem Seelenleben anderer, ehe die Ich-Abwehr und die Widerstände so weit gelockert sind, daß das eigene Ich fragwürdig wird, würdig des Fragens nach seinen Konstituenten, Lücken und Blindstellen, Stereotypien und verpaßten Entwicklungen. Über kurz oder lang steht der mit Psychoanalyse Befaßte vor der Frage, warum er selbst so geworden ist, wie er ist. Sie können diesen Evolutionsprozeß in Arno Schmidts Werk verfolgen, von Sitara bis Zettels Traum. Sie können davon aber auch, in anderer Weise, bei Eberhard Schlotter etwas sehen, etwa in den Radierungen zum Don Quijote, wo schon bewußt die Befassung mit dem Fremden als Befassung mit dem Eigenen betrieben wird. Schmidt hat bei der Arbeit am Sitara-Buch gewiß noch geglaubt, es gehe darin um Karl May. Die Erkenntnis, daß immer auch das eigene Ich gemeint ist, wenn es vermeintlich um anderes geht, kann dann schlagartig und bestürzend hereinbrechen, der Boden unter den Füßen scheint zu entweichen.

Arno Schmidt hat den denkwürdigen Vorgang in einer Szene seiner "Ländlichen Erzählungen" dargestellt. Da wird einem bis dahin Ahnungslosen in rachsüchtiger Absicht mitgeteilt, die Bedeutung seines Traums von der Tante sei "schlicht die": er drücke den mehrfach-unbewußt gehegten, nie jedoch zur Realisierung gelangten Wunsch aus, die Tante a tergo zu coitieren. Der verständig distanzierte, verrucht-abgeklärte Erzähler fühlt sich sogleich erleuchtet: "naja also mir war, wie wenn ich in ein helles Zimmer träte". Dies einerseits. Andererseits, der "Betroffene", der Träumer nämlich, (und jetzt zitiere ich) "lieferte ein ausgesprochenes "Bild": er war grade dabei gewesen, sich schwerfällig-erleichtert niederzulassen; erstarrte nunmehr jedoch, sperrangelweit offenen Augs, in einer Art plumper Schwebe, und nußknackerte eine zeitlang dämlich mit dem Maul, bevor er aufs Kreuz fiel".

Sie dürfen sicher sein, daß Schmidt hier Eigenes ins Bild gebracht hat. Das den erdachten, phantasie-entstiegenen Figuren zugeschriebene Eigene ist in sorgfältiger Kunstarbeit als Eigenes zugleich verhüllt und kenntlich gemacht. Verhüllt auch dadurch, daß der ursprünglich komplexe Gesamtvorgang auf drei Rollen verteilt dargestellt wird. In der ersten Rolle vertritt der fiktive Erzähler selbst den rationalisierenden Anteil, der Psychoanalyse als Abwehr-, Ausweich- und Vermeidungsstrategie benutzt, der durch kalten Kenntnisreichtum sich die Psychoanalyse vom Leibe hält , nein, von der Seele, der aber selbst doch dirigiert wird von archaischen Funktionsmechanismen, von Erscheinungen ganz ähnlicher Art, wie er sie am Anderen diagnostiziert und analysiert hat. Psychoanalyse als Abwehr. Dieser Andere, die zweite Rolle, ist der "Betroffene", der von der Konfrontation mit sich selbst, mit bislang unbekannten Anteilen seiner selbst Schockierte. Der dritte Beteiligte reagiert wie wir: (Ich zitiere) "Wenn's andere traf, hatte er durchaus Sinn für Humor; schon begann er leise zu kekkern vor Wonne."


Sie sehen hier, wie Arno Schmidt die Psychoanalyse später, nach Sitara, in sich aufgenommen und in sein Kunstschaffen überführt hat. Er stellt nicht psychoanalytische Inhalte dar, Handlungen, die auch unterm Licht der Psychoanalyse glaubhaft erscheinen sollen. Vielmehr nimmt er die eigenen Träume als Quellmaterial, aus dem die "Ländlichen Erzählungen" etwa ihre hintergründige Vielschichtigkeit erhalten. Schmidts Träume stehen jeweils an zentraler Stelle. Und auch die Darstellungs-Form wird durch das Einbeziehen der Psychoanalyse in den Produktionsprozeß reicher, vielschichtiger, witziger und wahrer; realistischer ohnehin, und zwar im Sinne der "möglichst getreuen Abbildung innerer Vorgänge".

Längst ist die Psychoanalyse das geworden, wovon ihr Schöpfer, Sigmund Freud, nur beiläufig gesprochen hat, in der Hoffnung, daß es so kommen möge: ein alle Humanwissenschaften durchdringendes Ferment, ein nicht mehr wegzudenkender Anteil ihrer wissenschaftlichen Welt- und Lebensauffassung. Sie kann selbst da, wo sie abgelehnt wird, nicht mehr, wie lange Zeit früher, mit Stillschweigen übergangen werden. Gegner hat sie allerdings immer noch und in großer Zahl. Aber das ist nicht schädlich, sondern fördert die notwendige fortdauernde kritische Selbstüberprüfung und Weiterentwicklung. Unsere sogenannten Medien freilich, die sich für die Verkörperung des Zeitgeistes schlechthin halten, sind noch immer unbelehrbar bemüht, mit fein erscheinen sollendem Spott Verdächtigungen über die Unwissenschaftlichkeit der Theorie und die Wirkungslosigkeit der therapeutischen Praxis auszustreuen. Die Unvertrautheit mit der Sache selbst verrät sich meist schon durch den falschen Zungenschlag. Sie müssen nur auf das Wort "Unterbewußtsein" achten, dieses hohle Wortungeheuer mit seinen ungeheuer verhohlenen Untertönen. Wer so redet, ist noch in Abwehr und Ablehnung befangen, der ist noch blind für den Reichtum an Erkenntnismöglichkeiten, ihm ist noch nichts fragwürdig geworden, er ist noch nicht aufs Kreuz gefallen.

Psychoanalyse ist für mein Verständnis auch eine innere Haltung, die sich Viele schon zu eigen gemacht haben und von der zu hoffen ist, daß sie sich mehr und mehr ausbreitet. Zu dieser Haltung gehört das Anerkennen der Existenz des Unbewußten und seiner Macht über unser Denken, Fühlen und Handeln; das Bewußtsein von der Logikferne der seelischen Vorgänge und vom geringen Anteil der Rationalität an ihnen; das Wissen vom Übergewicht der psychischen Realität; vom Wiederholungscharakter aller Beziehungen zu Menschen und Dingen; von der Verflechtung des Normalen mit dem Pathologischen, des Körperlich-Sexuellen mit dem Psychischen und das Bewußtsein von der Polyvalenz, der Vieldeutigkeit alles Realen, das immer individuell und von jedem Individuum anders erlebt wird.

Das mag Ihnen ungewohnt klingen, da gemeinhin mit Psychoanalyse so griffige Dinge assoziiert werden, wie der "Freudsche Versprecher", die Couch, frühkindliche Sexualität und sexuelle Traumsymbolik. Das sind alles interessante Einzelheiten, aber es ist nicht das Entscheidende. So sehr auch Schmidt und Schlotter sich aus diesem Arsenal, gerade aus dem der Traumsymbolik, ihre Anregungen geholt haben - es sind doch immer die wie nebenher und unbeabsichtigt sich einstellenden Errungenschaften für die Form und Ausdrucksweise, welche für mich die Attraktion dieser Werke ausmachen. Bei Schmidt ist es der Umgang mit Worten, der sich nach seiner Befassung mit Freud und der Psychoanalyse entscheidend verändert hat. Seine "Verschreibkunst" reichert die phonetisch genommenen Wörter mit Mehrfachbedeutungen an, wodurch die Texte mehrere Sinnebenen erhalten, die freilich genauestens aufeinander abgestimmt und aufeinander bezogen sind. Als Hintergrund müssen Sie sich weniger Freuds "Psychopathologie des Alltagslebens" denken, in der es um Versprechen, Verschreiben, Verlesen geht, sondern eher die Bemerkungen aus der "Traumdeutung" zur "Verdichtungsarbeit": daß Worte im Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt werden, die ineinandergeschoben und sich überlagernd verwendet werden und auf diese Weise (oder auch mittels Klangassoziationen) Nebenbedeutungen transportieren. Der Gewinn für die Texte ist ungeheuerlich: sie werden so vielsinnig schillernd, daß keine einsinnig ausgerichtete Verstehensweise an sie mehr heranreicht, daß auch die mehrsinnnig operierende Verstehensweise die Sinnvielfalt nie gänzlich wird erfassen können. Nehmen Sie zum Beispiel das Prosastück "Caliban über Setebos", bei dem die Leser und Ausleger glücklich waren, als sie zwei Sinn-Ebenen erkannt hatten, die realistische Oberflächenhandlung vom Besuch eines Dichters im hadeshaften Niedersachsendorf, und die zweite Sinnebene, die in "3000 Fiorituren und Pralltrillern" (wie Schmidt gesagt hat) den Mythos von Orpheus enthält. Noch wenig wahrgenommen scheinen mir die weiteren Sinnebenen, von denen ich Ihnen nur zwei nennen will: Erstens die Probleme der Schriftstellerexistenz in heutiger Zeit, wo auch die "reine Kunst" unter den Bedingungen des kommerzialisierten Kunstbetriebs ihren Mann ernähren muß. Zweitens den Abstieg des Autors Arno Schmidt in seine eigene Unterwelt, wo er nach den Ursprüngen sucht, nach den Entstehungsbedingungen seiner Kreativität.

Bei Eberhard Schlotter nun scheint mir das Bekanntwerden mit der Psychoanalyse ganz anders verlaufen zu sein. Bekannt ist, daß Arno Schmidt der Vermittler war. Schmidt hat auf bestimmte Einzelheiten in Schlotters Bildern gedeutet und verdachtvoll gefragt, ob er, Schlotter, Freud schon kenne. Worauf da gewiesen wurde, das kam damals weniger von Freud, als vielmehr aus der allgemein-menschlichen Fähigkeit zum Umgang mit Symbolgestalten. Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein mag, als Schlotter dann die "Traumdeutung", die "Psychopathologie des Alltagslebens" und anderes von Freud gelesen hat. Ich kann mir nicht denken, daß es eine so umwerfende und umwälzende Erfahrung für Schlotter gewesen sein sollte, wie sie es für Arno Schmidt war. Schlotter hatte ja schon vieldeutige Symboldinge und irritierende Raumzusammenhänge gemalt. Ich denke eher, daß es eine große Evidenzerfahrung für Schlotter gewesen ist. Etwas, das er insgeheim schon immer gewußt hat, wovon er aber nicht wußte, daß er es wußte, ist plötzlich ins Licht gerückt worden. Ich stelle es mir eher wie ein großes Aha und Aufatmen vor: Hab ich's mir doch gedacht, so also liegen die Dinge. Dennoch aber sind auch in Schlotters Werk die Veränderungen auffällig, die nach dem Zeitpunkt des Bekanntwerdens mit der Psychoanalyse in seinen Bildern erscheinen. Bewußt setzt er die neuen Erkenntnisse ein, schafft sich ein Repertoire von vieldeutigen Bildmetaphern, die von nun an in seine Werke eindringen, sinnverwirrend und von unausschöpfbarer Bedeutungsvielfalt.

Die häufig hervorgehobene "bewußte Handhabung" solcher Text- und Bildelemente sollte man nicht überbewerten. Das Beste wird immer ungewollt und absichtslos entstehen. So fand ich es auch ganz in der Ordnung, daß Eberhard Schlotter einmal auf meine naseweise Frage, wie er denn auf diese spezielle Bildidee zu einer Radierung gekommen sei, nur ein vieldeutiges "tjaa" hören ließ, dem ein ebenso vieldeutiges Lachen folgte.

Eine Freudsche Modellvorstellung von den seelischen Vorgängen hat beide, Schmidt und Schlotter, in besonderem Maße fasziniert. Es ist das Instanzenmodell, nach dem das psychische Geschehen auf drei, teilweise gegeneinander wirkenden, Ebenen vor sich geht, die Freud als das Unbewußte (oder das Es), das Ich und das Über-Ich bezeichnet hat. Es ist Ihnen gewiß bekannt, daß Arno Schmidt diese Instanzen-Trias erweitert hat, indem er versuchte, eine Vierte Instanz zu postulieren. Bei Schlotter erscheint dieses Instanzenmodell zum Beispiel in einer vielmals variierten Dreiteilung des Bildaufbaues. Im unteren Bereich liegt eine ungestalte Chaos-Masse, in der nur undeutliche Gestaltungen wahrzunehmen sind. Darüber, in der Bildmitte, erhebt sich klar konturiert eine Gestalt, ein Objekt. Darüber steht in bedrohlicher Verzerrung eine Variante des Mittel-Motivs.

Am eindrücklichsten ist mir dieser Bildaufbau in einer Radierung begegnet, die den Titel "Der Runenberg" trägt, womit Schlotter einen Bezug zu Ludwig Tiecks gleichnamigem Phantasus-Märchen herstellt. Das gestaltlos Unfaßbare, das auch in Tiecks Märchen anwesend ist, erscheint auf Schlotters Blatt in chaotisch verfließenden Formen, einem peristaltischen Geschlinge, das im unteren Teil des Bildes vor die Schwärze einer Unendlichkeit gelagert ist. Aus diesem Ungestalten erhebt sich die Halbfigur einer Frau, deren Haltung und Gesichtsausdruck überwältigende innere Vorgänge ausdrückt: bewußtseinslose Ergriffenheit, wie im Vorstadium des Erwachens aus schwer gemischten Träumen, noch von dunklen Segeln der Nacht bewegt, bei noch geschlossenen Augen, nach rückwärts hängendem Kopf, den Mund wie zum lautlosen Stöhnen geöffnet. Eine Hand greift haltsuchend hinüber zum anderen Arm in der quer verriegelnden Geste der Absperrung. Die Halbfigur ist abgesetzt gegen die schwarze Unendlichkeit des Hintergrunds durch einen konkav gebogenen Zerrspiegel, aus dem mehrfach auseinanderwachsende Wiederholungen eines Frauengesichts hämisch-mißbilligend auf die Ich-Gestalt herabblicken. Man muß allerdings auch sehen, daß hier eine Kontrafaktur vorliegt, eine Replik auf Berninis "Estasi di Santa Teresa", in der die religiöse Entrückung bis zur Kenntlichkeit verändert (um mit Karl Kraus zu reden) erscheint, als das was sie in Wahrheit ist: sexuelle Extase.Was Schlotter hier gestaltet hat, ist für mich tatsächlich die allgemeinste Darstellung des menschlichen Inneren überhaupt, wie es Tieck in seiner Phantasus-Erzählung mit schon dämmerndem Verständnis entworfen, wie es die Psychoanalyse theoretisch erhellt hat. Es ist hier zu einer Kunstgestalt geworden, die in solcher Tiefenschärfe nur noch bei Joyce, bei Schmidt zu finden ist.

Was Kunst und deren Folgen im Betrachter und Leser anbelangt, dazu nur ein paar Worte noch. Sie haben gehört, daß ich mich ein wenig distanzierend zu Schmidts psychoanalytischer Karl-May-Interpretation im Sitara-Buch geäußert habe. Er hat dort sein Lesemodell vorgestellt und mit aller, ihm wahrhaftig zur Verfügung stehenden Überzeugungskraft vor den Lesern ausgebreitet. Nun ist aber eine der Haltungen, die aus der Befassung mit der Psychoanalyse kommen, der Eigensinn. Es ist die Suche nach dem je eigenen Sinn, die ich vor Kunstwerken betreibe. Ohnehin kann und will ich mich mit Kunst nur dann befassen, wenn ich von ihr bewegt und ergriffen bin, wenn ich das Gefühl habe: hier bin ich gemeint. Das ist mir bei Schlotters Bildern, bei Schmidts Texten und bei vielen anderen Gelegenheiten so ergangen. Wie das Reale eine Vielfalt von Bedeutungen annehmen kann, je nach den Bedingungen, die im Betrachter wirksam sind, so wird jeder Mensch angesichts von Kunstwerken seinen eigenen Sinn, seine eigene Interpretation finden müssen.

Ich nun habe Schmidts Sitara-Buch nicht als die Darstellung objektiv nachweisbarer Tatbestände bei May gelesen, sondern als indirekte Selbstdarstellung - wie verschoben und gebrochen sie auch immer geraten sein mag. So gesehen hat dieses Buch auch für mich etwas sehr Anrührendes gehabt. Von der Schmidt-Lektüre angeregt habe ich einmal die Methode des Sitara-Buches auf Schmidt selbst angewendet und bin dabei zu Ergebnissen gekommen, die ich heute, distanziert, auch als indirekte Darstellung meiner selbst betrachte. Was da an Identifizierung und Projektion stattgefunden hat, war nur möglich bei gleichgearteten Grundstrukturen, gleichen Idealen und Wünschen, die sich aus vergleichbaren Herkunfts- und Bildungsverhältnissen ergeben haben. Für mich habe ich daraus die Einsicht abgeleitet, daß es so viele Verstehensweisen gibt, wie es Leser und Bildbetrachter gibt. "Quot capita, tot sensus" heißt es bei Horaz und ähnlich schon bei Terenz: Soviel Köpfe, soviel Sinne. Was die Alten noch als Schwäche, als menschliche Torheit verstanden, kann man heute mit Zustimmung akzeptieren. Zumal vor dem Ästhetischen, Sinnlichen, dem Emotionalen, das aus den Kunstwerken zu uns spricht, ist jeder Anspruch auf Richtigkeit von Aussagen, auf gesicherte Ergebnisse, unangebracht. Nur wo es eine Kongruenz in der Erfahrung, eine Gewißheit aus Mitempfinden gibt, hat Kunsterleben, bei aller subjektiven Beschränkung, etwas Verbindliches. Das Verbindende zwischen allen divergierenden Ansichten, Sichtweisen und Interpretationen liegt in gemeinsamen Idealen, die (und hier zitiere ich Freud) "in den Grundaspekten von allen anerkannt und geteilt werden".. ..

Mögen auch Sie, wenn Sie nachher vor die Bilder treten und wenn Sie Schmidts Text zu Schlotters Zweitem Programm hören, angerührt und bewegt werden. Es muß ja nicht gleich jeder aufs Kreuz fallen. Andeutungen von Atemstocken, Herzflattern, Magenkribbeln und weichen Knien könnten schon die Gewähr sein, daß Sie richtig auf die Botschaften antworten.



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© 1999-2010 Ulrich Goerdten