Wilhelmine Buchholz

Julius Stinde hat seine literarische Produktion strategisch klug in separate Bereiche oder Gattungen aufgeteilt und diese Schaffensrubriken unter ein je eigenes Pseudonym gestellt. "Wilhelmine Buchholz" ist Stinde in der Maske der bürgerlichen Hausmutter, deren Verstand sich in die Umgrenzungen ihres familiären Bereiches zurückgezogen hat und von dort aus über alles urteilt, was jenseits dieser Grenzen liegt, wie Ästhetik, Pädagogik, Philosophie und Naturwissenschaft. . .

Stinde selbst hat zur Geschichte dieses Pseudonyms einiges niedergeschrieben und unter dem Titel "Wie ich Bekanntschaft mit Frau Wilhelmine Buchholz machte" veröffentlicht. Diese Darstellung läßt aber einige Aspekte unberücksichtigt, die demjenigen ins Auge fallen, der das gesamte einschlägige Schrifttum überblickt. Vor allem die Entstehungsgeschichte der letzten "Wilhelmine Buchholz", deren Feder die sieben Berliner Buchholz-Bücher entquollen zu sein vorgeben, ist etwas verwickelter. Diese Figur und besonders ihr bis dahin noch nie im Deutschen erhörter Schreibstil sind eine überaus glückliche Erfindung gewesen. Was Stinde in "Wie ich Bekanntschaft mit Frau Wilhelmine Buchholz machte" schildert, wird wohl wahr sein, es ist aber nicht die ganze Wahrheit, denn Stinde verschweigt offenkundig einiges. So eine Figur in so einem Umfeld denkt man sich nicht über Nacht am Schreibtisch aus, um jemandem einen kleinen Gefallen damit zu tun. Es muß im Leben und in den vorangegangenen Schreibübungen schon mehr an Vorlauf gegeben haben, als Stinde, der unfähig zur Selbstüberschätzung war und deshalb gern untertrieb, seiner Mit- und Nachwelt eingestehen mochte.

Beim Wilhelmine-Buchholz-Pseudonym gibt es mehrere Varianten, die erst in der Berliner Buchholzen zur endgültigen und letzten Prägung zusammengeführt und in dieser einen Person vereinigt werden.

Die "Hamburger Buchholzen"

Das Buch "Wasser und Seife" kann außer Betracht bleiben, weil Wilhemine Buchholz hier nur ein Verfasserschaftsabstraktum ist und als Autorin oder Herausgeberin ganz unsichtbar und ohne personale Eigenheiten bleibt.

In zwei Reform-Artikeln, die "Wilhelmine Buchholz" veröffentlicht hat, spricht eine Hamburgerin, die viel von den praktischen Dingen des Haushalts, von der Koch- und Küchen-Materialistik und vom Handel und Wandel versteht, von Warenqualität und Preisgestaltung und von den ökonomischen Bedingungen, aus denen die damaligen Verhältnisse erwachsen sind. Mit der späteren Berliner Buchholzen hat sie gemein, daß sie verheiratet ist und geselligen Umgang mit Frauen pflegt, deren Wesen und Verhalten kritisch betrachtet wird und mit denen sie nicht stets in ungetrübtester Eintracht verkehrt.

1. Die Behandlung der Petroleum-Oefen. In: Reform Nr. 160 vom 8. Juli 1875.
2. Am Kaffeetisch. In Reform Nr. 208 vom 1. September 1876.

Für einige Wesenszüge der Berliner Buchholzen lassen sich aber noch weitere hamburgische Vorstufenfiguren (oder: Anregerinnen) aufzeigen, die viel praktische Lebensklugheit haben, die einen Umgangston pflegen, der gelegentlich ins Derbe changiert, und die eine Art unwiderstehlicher freimütiger Herzlichkeit auszeichnet.

Therese Grünstein

Es sind dies Therese Grünstein aus Stindes plattdeutschem Theaterstück "Hamburger Leiden" und die Darstellerin dieser Figur, die Schauspielerin Lotte Mende, die der Papierfigur zu Leiblichkeit und Leben verholfen hat. Lotte Mende ist eine rundliche Person gewesen, und als "untersetzt" bezeichnet sich auch Wilhelmine Buchholz. (Im Kapitel "Genua" in "Buchholzens in Italien", beim Besuch der Kronprinzenvilla in Pegli schreibt sie von sich: "Es war märchenhaft und wenn ich nicht etwas untersetzt wäre, hätte ich mich fast für eine Fee gehalten. Die Feen sind jedoch etwas schlanker in der Taille.") Wenn Stinde von Lotte Mende sagt, in hochdeutschen Rollen sei sie geradezu unausstehlich gewesen, maniriert und geziert, so kann man diese Züge auch an Frau Wilhelmine feststellen, sobald sie ein Terrain betritt, das nicht ihr ureigenstes ist, nämlich das von Wissenschaft und Kultur.

Therese Grünstein ist aber im Theaterstück eine komische alte Jungfer. Wie fügt sich das zum familiären Hintergrund der Berliner Buchholzen, die verheiratet und mit zwei Töchtern gesegnet ist?

Am Schluß von "Hamburger Leiden" zeichnet sich ab, daß Therese Grünstein und der Polizist Gätchens nach durchlittener Nacht sich als Paar zusammentun werden. Die Popularität dieser beiden hamburgischen Figuren ist damals so groß gewesen, daß Stinde sie auch jenseits des Theaters in fünf Zeitungartikeln hat weiterleben lassen.

Es sind dies die folgenden Artikel:

In diesen Artikeln sind Therese und ihr Mann Gätchens schon ganz das typische Kleinbürgerehepaar, wie es später auch die Buchholzens sein werden. Sie hat letztlich das Sagen in allen Dingen, und Er ist immer um Ausgleich etwaiger Mißstimmungen bemüht. Beide sind einem guten Getränk nicht abhold, und das erste Kind wird im letzten Artikel auch schon angekündigt. Die Szenerie ist der engere häusliche und städtische Umkreis und weit darüber hinaus gehen auch Gedanken und Gespräche nicht. Noch fehlt Onkel Fritz, der Vertreter des gesunden Menschenverstandes und des größeren Überblicks, und noch fehlen auch die beiden Töchter Emmi und Betti.

Emmeline Jacobsen

Die hat Stinde erst im Hause Emil Jacobsens kennengelernt. Emmy und Betty (mit "y") nämlich hießen die Töchter von Emil und Emmeline Jacobsen, was manche Zeitgenossen Stindes zu der (falschen) Vermutung verführt hat, Frau Emmeline Jacobsen sei das Vorbild der Buchholzen gewesen. Erster Anlaß für die erste Berliner Buchholz-Geschichte war allerdings ein Ereignis im Hause Jacobsen, über das Stinde ausführlich in seinem Artikel "Wie ich Bekanntschaft mit Frau Wilhelmine Buchholz machte" berichtet.


Zurück zur Zeittafel
Zurück zum Index
© 1999-2012 Ulrich Goerdten