Julius Stindes Bibliothek.

Von Gotthilf Weisstein

National-Zeitung, 58. Jg. (1905), 5. November, Morgenausgabe, 2. Beiblatt, S. 2.

Wie wir erfahren, ist die hinterlassene reichhaltige Büchersammlung von Dr. Julius Stinde, dem humorvollen Vater der "Wilhelmine Buchholz" von der bekannten Berliner Firma "Gselliussche Antiquariats- und Globenhandlung", Mohrenstraße 54, erworben worden. Durch die Freundlichkeit des nunmehrigen Besitzers konnten wir in den oberen eleganten und modernen Räumen der bewährten Handlung Stindes Bücher durchmustern, die charakteristisch genug das eigenartige Bild des zu früh Abberufenen widerspiegeln.

Aus mancherlei Veröffentlichungen wußte man, daß Stinde sich als alter Naturforscher viel mit den wenig aufgeklärten Seiten des Menschendaseins beschäftigte, daß er vom Magnetismus, Hypnotismus und der Suggestion, vom Leben der Seele in Traum und Schlaf mancherlei originelle Einfälle und besondere Theorien hatte, von denen er wohl hier und da sprach, und über die er in allerlei feuilletonistischen und populären Aufsätzen in sehr anmutiger Weise zu plaudern verstand. So sehen wir das seit einigen Jahrzehnten so reich beackerte Feld des Okkultismus in allen seinen Verzweigungen in den von Stinde hinterlassenen Büchern ganz besonders stark vertreten. Ein ganz vollständiges Exemplar der bekannten Zeitschrift "Sphinx", wie es hier vorliegt, dürfte jetzt nur schwer zusammenzubringen sein, ebenso die lange Bändereihe von Scheibles "Kloster", "Schaltjahr", diesem bekannten dicken Kleinoktavbändchen, in denen der Stuttgarter Buchhändler J. Scheible die ganze Faust-, Hexen-, Teufels- und Aberglaubensliteratur vor einem Menschenalter aus allen seltenen Schriften und fliegenden Blättern neu abdrucken ließ. Hierzu gehört auch der "Schatzgräber", Horst's Zauberbibliothek, die sechzehnbändige "Magie" von Halle, das zwanzigbändige Werk von Wingleb über dasselbe Wissensgebiet. Aber auch die echte Naturwissenschaft ist in Stindes Bücherei überaus reich vertreten, so die Schlechtendalsche Flora (ergänzt von Halliar), in dreißig Bänden, Plinius' Naturgeschichte im Original und in mehreren deutschen Übersetzungen, daneben der vollständige Jung-Stilling, der Augenarzt und wundergläubige Schriftsteller. Man spürt, wenn man diese schönen Bücher durchblättert, die überall die Zeichen von Stindes Arbeit aufweisen, Bleistiftnotizen, eingelegte Zettelchen, Hinweise am Rande der Seiten, man spürt aus diesen Büchern die Eigenart heraus, wie der Verstorbene arbeitete. Hier sieht man das literarische Material, aus dem er seine köstlichen Satiren schrieb, seine humorvollen wissenschaftlichen Phantasien "Die Opfer der Wissenschaft", die er unter dem Pseudonym "Alfred de Valmy" vor Jahren veröffentlichte. Und den ganzen Stinde sehen wir vor uns, wenn wir diese lange Reihe von Kochbüchern durchmustern, den raffinierten Esser und Trinker, Kenner aus dem ff. von allem Guten. Zu seinen theoretischen und praktischen Küchenstudien, zu seinem Heftchen "Bowlenweisheit", das zuerst in Philipp Brands "Weinkenner" erschien, liegen hier in diesen Rezeptbüchern, dieser Oenologie oder Kenntnis vom Wein", in diesem dicken wissenschaftlichen Trinkerbuch "les Grands vins de la Bourgogne" die literarischen Wurzeln. Wir sehen förmlich das rundliche Gesicht Stindes andächtig erglänzen, wie er mit seinem verstorbenen Lebensfreunde, dem Maler Paulsen, der so still und schön trinken konnte, eine feine Röte ausschlürfte, oder wie er bei seinem Verleger Freund und dessen schöner Gattin, die er nur seine "Brotfrau" titulierte, wie er dort bei Agnes Freund mit aufgestreiften Ärmeln Krebse kochte und die Tunke mit Kennerzunge abschmeckte, oder einen extrafeinen Salat mischte. Unter vielen originalen Eigentümlichkeiten trieb Stinde auch gern die Chiromantie, und wohl ein ganzes Dutzend Bände über diese alte rätselhafte Zigeunerkunst, die Bestimmung, die Zukunft des Menschen aus den sonderbaren Linien der Hand zu bestimmen, finden wir nun in seinem Nachlaß. Englische und französische Bücher, das große Standard Werk von Desbarelles, mit über fünfhundert Abbildungen graphologischer, phrenologischer und chiromantischer Art liegt hier in einem Prachtexemplar vor, mit Handschriftenproben, daneben ein altitalienisches Holzschnittbuch desselben Inhalts "Epitome Chiromantico di Patritio Tricasso da Coresoni Mantouano", 1538 erschienen. In einem modernen Handdeutebuch von Jules Leclerc sehen wir dreißig Hände berühmter Personen abgebildet, so die des englischen Malers Whistler, von Paul Verlaine, dem Zigeunerpoeten, von dem Bildhauer Rodin, dem Schauspieler Mouent-Sully, von Alexandre Dumasfils, von Zola, dem Geiger Sarasate und anderen. Ein hübscher alter Druck vom Jahre 1713 betitelt sich "Die vom Aberglauben, Vanitaeten und Teuscherey gereinigte Chinomantia und Physiognomik Christian Schalitzens L. L. A. A. Cultoris (Liberarum artium)", ein Büchlein, das Stinde von seinem Freunde Emil Jacobsen, dem Chemiker und Kollegen, im Allgemeinen deutschen Reimverein zu Weihnachten 1899 erhalten hat. Jacobsen schrieb das heitere skeptische Wort hinein "Es ist etwas daran, aber was daran ist, darüber magst Du Dir Deinen Kopf zerbrechen, ohne ihn zu beschädigen." - Eine lange Reihe griechischer und römischer Klassiker, auch mit zahlreichen Lesespuren in Notizen und Zettelchen, mancherlei zur Germanistik, wenige Bände zur deutschen, schönen Literatur, schließen den Kreis der Bücher, in denen Julius Stinde studierte, arbeitete und seine Welt fand. Wie wir zu unserer Genugtuung hören, hat die Stadt Berlin einen wertvollen Teil dieses Büchernachlasses bereits für ihre Bibliothek erworben.

Ein nachgelassener Novellenband von Julius Stinde "Heinz Treulieb und Anderes" wird binnen kurzem im hiesigen Verlage von Carl Freund erscheinen.


2008-2011 Ulrich Goerdten