Julius Stinde hat seine literarische Produktion strategisch klug in separate Bereiche oder Gattungen aufgeteilt und diese Schaffensrubriken unter ein je eigenes Pseudonym gestellt. "Theophil Ballheim" ist Julius Stindes Dichtername im "Allgemeinen Deutschen Reimverein".
Dieser Verein wurde 1882 von Emil Jacobsen gegründet. Er verfolgte das Ziel, durch Ironisierung und karikierende Übertreibung den Dillettantismus und andere Fehlentwicklungen in der Kunst zu bekämpfen. Ziel der Kritik war insbesondere die "Gründeutschland " genannte Neuererbewegung in der Lyrik, deren Wortführer Karl Henkell war.
Alle 14 Tage traf man sich in Haußmanns Weinstube in der Jägerstraße und dort wurden die jeweils neuesten parodistischen Literaturerzeugnisse der Mitglieder vorgetragen. Diese traten im Verein nicht unter ihren wirklichen Namen, sondern unter hochklingenden Dichternamen auf: Heinrich Seidel als Johannes Köhnke, Johannes Trojan als Theodor Jantzen, Stephan Waetzold als Amandus Wünsche, Ernst Behrend als Schultze-Lietzow und Julius Stinde als Theophil Ballheim.
Emil Jacobsen als der Mittelpunkt des Ganzen gab die Veröffentlichungen des Vereins heraus. Als erstes Blatt erschien 1886 "Die Aeolsharfe", von der es allerdings nur die Nummer 8 des dritten Jahrganges gibt. Es folgten im selben Jahre der "Aeolsharfenkalender", der "Aeolsharfenalmanach 2" (1888) und der "Aeolsharfenalmanach 3" (1896). In allen diesen Publikationen finden sich Beiträge von Theophil Ballheim. Es handelt sich überwiegend um "Lehrbriefe" zur Erlernung der Dichtkunst.
Einen guten Eindruck vom Ernst, mit dem Ballheim seine Sache vertritt, vermittelt eine Annonce, mit der auf Äußerungen der Konkurrenz geantwortet wird. Sie findet sich in Band 3 des Aeolsharfenalmanachs (1896), Seite 143 und lautet:
Ballheim'sche Dicht-Lehr-Anstalt
für
Erwachsene
ward und wird - gegentheiligen Gerüchten zur Erwiderung - ausschließlich und allein von dem ergebenst Unterzeichneten geleitet. Herr Isidor Rosenstein war nur eine Zeit lang (wegen Überhäufung) als Feiler bei den oberen Klassen angestellt. Er ist nicht mehr bei mir thätig. Eltern, Vormünder können ihre Töchter resp. Mündel, sowie alleinstehende Damen der Anstalt unbedingt anvertrauen, die ihren tadellosen Ruf auf das Strengste zu bewahren weiß. - Alle Gattungen der Dichtkunst werden gelehrt. Preise mäßig, nach Übereinkunft.
Konkurrenzunternehmen richten sich selbst . . . sie haben keine langjährigen Erfolge aufzuweisen.
Man bittet bei Briefen, Prospekten u.s.w. auf das Anstaltssiegel zu achten.
Hochachtungsvoll ergebenst
Theophil Ballheim.
Mit diesem Text antwortet Ballheim auf eine Annonce der Konkurrenz, die an gleicher Stelle zu finden ist.
I. Rosenstein'sche Dicht-Lehr-Anstalt
(Erst Deutsche Reimakademie)
für
Erwachsene beiderlei Geschlechts.
________
Nach neuester induktiver Lehrmethode unter Perhorrescirung veralteter Anschauungen und Lehrmittel, von denen sich, dem Fortschritte auch auf diesem Gebiete huldigend, der Unterzeichnete als langjähriger Lehrer der Ballheim'schen Konkurrenz-Anstalt losgerissen, seinen eigenen Weg findend, den er unentwegt, trotz aller konkurrenzneidischen Manipulationen, weiter zu schreiten gedenkt.
Spezialität:
Gelegenheitsgedichtsbranche, sowie auch briefliche Appretur von Gedichten aller Art.
Liebevolle Behandlung der jungen Talente in der Anstalt Ehrensache. Alle, auch die neuesten Dichtgattungen werden auf das Schnellste gelehrt. Erfolg garantiert.
Preise 10% billiger als die Konkurrenz.
Um unliebsame Verwechslungen zu vermeiden, bittet man dringend auf das Anstaltssiegel, ein springender Pegasus, zu achten.
(Dichtername: Kuno von Waldenburg.)
Folgende Ballheim-Beiträge sind in den Aeolsharfen-Publikationen zu finden: