Julius Stinde und Wilhelm Raabe

Zwei Briefe Wilhelm Raabes an Julius Stinde sind abgedruckt in: Wilhelm Raabe: Briefe. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1975. (Sämtliche Werke, hrsg. von Karl Hoppe, Ergänzungsband 2) Seite 377 f. Brief Nr. 352 vom 10. März 1896 und Seite 378-380, Nr. 353, undatiert, aber als Antwort auf Stindes Brief geschrieben, also wohl vom 12. März 1896. Vorausgegangen ist ein dieselbe Angelegenheit betreffender Brief, an Carl Freund, den Verleger Stindes: Seite 376 f., Nr. 351. Im Nachlaß Stinde bei der Staatsbibliothek zu Berlin sind diese Briefe nicht vorhanden. Auch im Teilnachlaß beim Märkischen Museum sind sie nicht vorhanden, obwohl ein Raabe-Brief in einer von Adolf Nissen gefertigten Liste aufgeführt wird, die Dinge und Schriftstücke festhält, die an das Märkische Museum abgegeben worden sind. Bei den Vorlagen für die Ausgabe der Raabe-Briefe handelt es sich um Entwürfe.

Wilhelm Raabe an Carl Freund, Braunschweig, den 10. März 1896
Stadtarchiv Braunschweig

Braunschweig, 10 März 1896
Hochverehrter Herr!

Heute Morgen habe ich aus Berlin einen Brief erhalten, der mich in große Aufregung versetzt hat. Ihm zufolge soll bei Ihnen das Gerücht verbreitet sein, ich befände mich in "ernster Nothlage". Danach habe sich ein Komitee zur Hülfe gebildet, das nöthigenfalls sich an den Kaiser wenden wolle usw.

Ich bitte Sie nun dringend, mir mitzutheilen, ob Sie hiervon etwas Genaueres wissen und ob Ihre neuliche freundliche Sendung damit irgendwie zusammen hängt? Hier eine fröhlich gereichte Freundeshand zurück zu weisen, wäre thöricht gewesen; aber in "ernster Nothlage" befinde ich mich gottlob gegenwärtig noch nicht und möchte also auch noch nicht gern dem öffentlichen Mitleid verfallen! In den letzten Jahren habe ich aus meiner Beschäftigung mit der Litteratur immerhin doch durchschnittlich jährlich 4-5000 Mark gezogen, und damit muß sich ein Autor schon bescheiden, dessen zweite Auflagen immer erst nach 20, 25 oder gar 30 Jahren erscheinen.

Die "Akten des Vogelsangs" hielt der Verleger anfangs für "einen vollen Erfolg"; aber jetzt hat sich doch wieder von Neuem gezeigt, daß ich nur zwölfhundert Käufer meiner Bücher unter den ungezählten Millionen deutschen Volkes besitze. Eine einzige Braunschweiger Buchhandlung hat 19 von "Kunden" gestellte Exemplare nach Weihnachten zurückbekommen und zurückgeschickt. - So sind wir im Vaterlande! es lebe Philipp Reclam junior! Ich werde nun auch an Herrn Kollegen Stinde schreiben und ihn bitten, daß er das Seinige thue, das fragliche Freundeskomitee aufzulösen, damit mir, augenblicklich wenigstens, noch nicht das Armenrecht der deutschen Dichter öffentlich zugesprochen werde.

Mit freundlichstem Gruß
Ihr ergebenster
WilhRaabe

Wilhelm Raabe an Julius Stinde, Braunschweig, den 10. März 1896
Briefentwurf im Stadtarchiv Braunschweig. Raabes Brief ist im Nachlaß Stinde nicht erhalten.

Braunschweig, 10. März 1896
Hochverehrter Herr Kollege!

Mit Schrecken habe ich heute Morgen erfahren, in Berlin sei das Gerücht verbreitet, wenn der Herr auch die jungen Raben fernerhin speisen wolle, so habe er doch den alten Raabe in Braunschweig endgültig von der Liste seiner Kostgänger gestrichen, und daraufhin seien gute Leute und Freunde zusammen getreten, hier ein besseres Einsehen zu haben.

Ich habe nun sofort an Ihren Herrn Verleger, Hn. Freund geschrieben, der mir neulich Ihre liebenswürdige Sendung übermittelte, und ihn gebeten, die Sache richtig zu stellen; und darum bitte ich nun auch Sie, lieber Kollege.

Gegenwärtig geht es mir doch noch nicht so schlimm, daß ich irgendwelcher öffentlichen Mildthätigkeit anheimfallen müßte. Ich habe Tragik genug im Hause; aber aus Geldmangel stammt sie nicht. Den Tod eines sechzehnjährigen lieben Kindes können wir Eltern noch nicht verwinden und nun hat sich eine andere Tochter vor einem Jahr mit einem Marinearzt in Wilhelmshaven verheiratet, will natürlich in den ersten Wochen des Aprils nieder kommen und jetzt geht am 30. März der junge Gatte mit dem Ablösungstransport nach Shanghai und wird zwei Jahr lang auf S.M.S Arcona in de chinesischen See kreuzen müssen.

In diesen Hausjammer fiel die Sendung vom Gesindeball und Ihr wundervoller "Kolportageroman", und der alte Humorist nahm das für ein lichtes Zeichen aus der Höhe und schrieb an Herrn Freund, daß er schon Verwendung für die 400 Mark im Sinne der Absender finden werde.

Nun kommt aber heute Morgen die Nachricht an mich, ich sei in "arger Nothlage" und ein Komitee habe sich gebildet usw.; da bleibt mir nichts übrig als Sie zu bitten, die Freunde zu ersuchen, mir Das für die Zeit aufzusparen, wo ich es in Wahrheit nöthig haben werde. Die letzten Jahre durch ist es mir in Folge der weitern Auflagen meiner ältesten Jugendsünden sogar recht gut gegangen: Ich habe Hn Freund geschrieben, was die deutsche Literatur mir gegenwärtig durchschnittlich im Jahre einbringt, und so bitte ich Sie und Alle, mit innigem Danck, für jetzt noch Ihre Sorge um mich von sich zu werfen, aber mir Ihre Theilnahme für alle Zeit zu erhalten.

Es ist doch schön und das Wahre für uns, im Alter zu erfahren, daß es viele Unbekannte giebt, die uns schon lange die besten Freunde sein wollten!

Mit herzlichem Gruß
Ihr ergebener
WilhRaabe

Julius Stinde an Wilhelm Raabe. Berlin, den 11. März 1896
Stadtarchiv Braunschweig, Signatur # III 10 Nr. 2.

Dr. Julius Stinde, Berlin, N. W. 7. 11.3.1896. Mittelstr. 36.
Verehrter und lieber Meister!

Durch den Uebereifer Gutmeinender scheint eine im Stillen geplante Absicht durch schiefe Beleuchtung zu einem Zerrbilde zu werden, daß Sie, verehrter Dichtersmann, in der That entsetzen muß. Es sollte mir leid thun, wenn unser Plan, der sich zu einem, von oben herab inaugurirten nationalen Dank zuspitzen würde, wenn Alles nach Wunsch gelänge, durch unnöthiges Geschrei und Randrängen literarischer Wehmütter und Wehmänner in der Geburt erstickt würde.

So eben schreibt mir Janke. Er ist mit Ihnen der Meinung, daß in Ihrem Hause von einer `ernsten Nothlage` nicht die Rede sei. Dies glaube ich ihm. Weiß doch Niemand, was ernste Nothlage u Nothlage überhaupt in Dichtershause ist, sintemal der deutsche Dichter, ebenso wie die Aale, gewohnt ist, daß ihm die Haut abgezogen wird id est ihm das nackte Leben gelassen wird, ehe er in die Pfanne oder den Schüdderump kommt.

Es würde Herrn Janke gewiß unangenehm sein, wenn er als Brodherr mit ernster Nothlage eines seiner Autoren, durch den Preßdreck geschleift würde, die öffentliche Meinung ist meistens ungerecht. Es würde Ihnen gräßlich sein als Märtyrer an dem Preßpranger zu stehen. Und was derlei Wonnesachen für den zuschauenden Bildungspöbel mehr sind.

Liebster, theuerster Meister: das Alles haben wir weislich überlegt und von unserem Vorhaben die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Aber wollen Sie wehren, wenn angeregt wird, daß Deutschland seiner Ehrenschuld nachkomme, die es seiner Besten Einem abzutragen hat: dem Meister Wilhelm Raabe? Und dies geschieht, sobald höchster Wille sagt, so geschehe es. Werden aber unsere Kreise gestört, wie soll da die Beschwörung wirken. Ich fürchte, es weht schon zu viel Gegenwind aus den vollen Backen der Eigenliebe und Wichtigmacherei. Und nun gießen auch Sie noch Wasser in die Flamme der Begeisterung, ohne die nichts geschieht.

Sie sagen "aufsparen für die Zeit, wo Sie es in Wahrheit nöthig haben". - Nein, dann hieße es sammeln gehen, jetzt heißt es ehren. Und zum Zweitenmal ist dasselbe nie wieder dasselbe. Meistens nur das `nie wieder`.

Eine Villa am Comer See giebt's doch nicht, wohl aber ein Stück Behaglichkeit und das sollte doch des Lärms nicht werth sein, der vom Uebereifer und Mißverständniß geschlagen wird.

Und weshalb Sträubungen und Abwehrungen?

Sie haben das Recht zu verlangen, jubiliert zu werden. Sehen Sie das doch endlich einmal ein!

Nach Ihrem Tode sind Sie ja doch nicht dabei. Ueberlassen Sie den Lebenden, dem Lebenden einen Kranz zu winden; daß er bescheiden genug wird, dafür leben wir im Lande der Denker und Dichter.

Mit herzlichem Gruß Ihr
ganz ergebener
Dr. Julius Stinde

Wilhelm Raabe an Julius Stinde
Undatierter Briefentwurf im Stadtarchiv Braunschweig

Lieber Herr Kollege!

Vor Allem tausend Danck für Ihren schönen und ehrenvollen Brief, aus dem ich ersehe, daß unter allen Umständen die Ehrbarkeit, Würde und Ruhe meiner alten Tage bei Ihnen und Ihren Freunden, meinen Gönnern, in den besten treuesten Händen sind! Die Herren Gebr. Janke müssen ob der Gerüchte von meinem Lebensbankrott einen gewaltigen Schrecken gekriegt haben: sie wollten sofort nach Braunschweig kommen, um mir zu Hülfe zu springen. - Es muß wunderlich in Berlin geredet worden sein. - Gott sei Danck, daß das jetzt wenigstens den Nächsten zur Sachen gegenüber richtig gestellt worden ist! -

Daß die zweiundvierzig Jahre Lebensarbeit, welche zwischen der "Chronik der Sperlingsgasse" und den "Akten des Vogelsangs" liegen, mir die Anwartschaft auf einen Freiplatz und Besteck im Prytaneion gegeben haben könnte, bildete ich mir wohl selber dann und wann im kühnen Traum ein, dachte aber nie, daß im Ernst hiervon auch auf der Agora die Rede sein werde. Davon mir die frohe Gewißheit zu geben, ist Ihnen vorbehalten gewesen! - Aber wie, frage ich auch Sie, wie soll ich mich hiezu stellen? Ich habe, vorzüglich die letzten 25 Jahre hier in Braunschweig, mein Leben so hinter den Leuten geführt, daß mir jedes Hervortreten mit der eigenen Persönlichkeit in den Lärm des Tages zu einem Schreckniß wird.

Wenn ich häufig genug in dringenden Daseinsnöthen, die feste Hand, die Sie lieber Lebens-, und Kunstgenosse auch wohl kennen gelernt haben, an der Gurgel fühlte so war's doch damit etwas Anderes, als wie jetzt in diesem Falle. Die Vorstellung, so jetzt gegen das siebenzigste Jahr heran einmal nicht mehr täglich auf das Seil gehen zu müssen, ist so berückend, daß es mir fast unmöglich ist, an ihre Verwircklichung zu glauben. Und zu einem Hereinfall in das Gelächter des großen Haufens halte ich mich doch zu gut. Dafür haben wir nicht so lange von unserm Flügelthier über das Gesindel unter uns leicht weg geschaut! -

Ich kann also Sie und die Berliner Freunde nur bitten, sich die Verantwortlichkeit, die Sie auf sich nehmen wollen, nochmal zu überlegen. Die deutsche Schillerstiftung hat mir ja bereits schon eine lebenslängliche Pension von 1000 Mark ausgeworfen; und das Übrige wird sich wohl auch weiterhin noch dazu finden, bis Freund Hain uns das letzte Manuscript vor der Nase zuschlägt und die Feder aus der Hand nimmt und selber das Finis! hinsetzt. --

Wie Sie beschließen mögen: zählen Sie mich jedenfals von jetzt an unter allen Denen, die sich im Leben verpflichtet haben, zu.

Ihr dankbarer
WilhRaabe


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