Gotthilf Weisstein

Dr. Julius Stinde †.

In: Nationalzeitung, 58. Jg. (1905), 9. August, Morgenausgabe, Erstes Beiblatt, S. 2-3

Der Vater der trefflichen, lustigen Wilhelmine Buchholz ist nicht mehr . . . ! Wie der Telegraph aus Kassel meldet, ist dort in der Nähe, in Olsberg, Julius Stinde plötzlich an einem Herzschlage gestorben. Er weilte zur Erholung im Hause eines Freundes, des Landrats Federath, als ihn tückisch der Tod dahinraffte. Schon seit längerer Zeit klagte er über sein Herz, aber daß ihm das Ende so nahe bevorstände, hat wohl niemand geahnt, der den kräftigen, blühend aussehenden Mann in der letzten Zeit gesehen und gesprochen hat.

Es war geradezu ein literarisches Ereignis, als im Jahre 1883 das anonyme Buch "Buchholzens in Italien" hier im Verlage von Freund und Jeckel erschien, nachdem einige Feuilletons "von Wilhelmine Buchholz" in einer hiesigen Zeitung vorangegangen waren. Die treffende, dabei aber stets in den Grenzen liebenswürdiger Laune bleibende Satire auf deutsche, speziell Berliner Italienfahrer, schilderte gut beobachtete Typen, Bilder und Situationen, die jedem Leser bekannt und vertraut erschienen. In der Hauptheldin war die unvergleichlich echte Figur einer mittleren bürgerlichen Hausfrau von gradem Verstand und lustiger Philisterhaftigkeit dargestellt, wie wir sie alle Tage in Berliner Gesellschaften, im Eisenbahncoupé, in den Hotels der Riviera und sonst beobachtet und mit spöttischem Lächeln begrüßt hatten. Aber auch die anderen Mitspielenden waren keine abgeblaßten Romanfiguren, sondern Menschen, wie man sie kannte und fortwährend neben sich erblicken konnte. Zudem war der Ton der Erzählung ein so frischer, anmutiger, bei aller satirischen Belichtung so liebenswürdiger, daß selbst die Getroffenen mitlachen mußten, als sie ihr Konterfei in so komischer Halbverzerrung in diesem kecken Hohlspiegel erblickten. "Buchholzens in Italien" hatte einen großen buchhändlerischen Erfolg, und bald hatte der bis dahin nur in heiteren Berliner Künstlerkreisen bekannte und beliebte Verfasser einen Namen in ganz Deutschland erlangt, der sich bei dem nächsten Buchholz-Bande, "Die Familie Buchholz", noch weiter befestigte. Diese ersten beiden Buchholzbücher wurden von dem großen Lesepublikum in ganz Deutschland geradezu verschlungen, und die ersten Dutzende von Auflagen konnten nur allmählich den Lesewünschen überall, wo deutsche Bücher gelesen werden, entgegenkommen. Mit unerschöpflicher Phantasie und einer lebhaften Fabulierkunst schilderte Stinde immer weiter diese kleine, harmlose Spießbürgerwelt, sie bald auf einer Orientreise begleitend, bald die häuslichen Erlebnisse von Frau Wilhelmine und ihrem häuslichen wie gesellschaftlichen Kreise nachspüren. Allerdings haben die letzteren Bücher nicht mehr die Frische, die glänzende Originalität des ersten künstlerischen Wurfs, wobei allerlei Beiwerk humoristischer Art für die phantasievollere Ausspinnung einer neuen Fabel entschädigen mußte. Die Buchholz-Bände sind zum Teil in fünfzigster, sechzigster und achtzigster Auflage erschienen und sie gehören noch heute, nach zwei Jahrzehnten, zu der beliebten Lesekost des deutschen Publikums, das ja sich zum Teil inzwischen an schärfere, aber weniger appetitliche und weniger wahrhaftige Lektüre hat gewöhnen müssen.

Julius Stinde hatte schon eine reiche schriftstellerische Arbeit hinter sich, als ihn seine reifste Schöpfung allgemein bekannt machte. Ursprünglich Naturwissenschaftler und praktischer Chemiker, hatte er bereits eine Reihe von Bänden veröffentlicht, von denen namentlich die phantastischen Novellen, "Die Opfer der Wissenschaft", die er unter dem Pseudonym Alfred de Valmy herausgegeben hatte, die Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Etwa im Stile von Jules Verne, mit einem Schuß von der Hoffmannschen Gespenster-Phantastik, waren hier Stoffe aus der Chemie und Physik in satirischer Laune und burlesk übertreibender Weise dargestellt, die für Deutschland neu erschien. Daneben hatte Stinde aber auch wertvolle ernsthafte naturwissenschaftliche Bücher veröffentlicht, die die Geheimnisse der Natur in feiner und klarer Auffassung und in anmutiger Form populär darstellten und von starker Wirkung gewesen sind. Stinde, der im Holsteinischen geboren war (28. August 1841), siedelte in jungen Jahren nach Hamburg über, wo er mit dem dortigen Volkstheater in Berührung kam, dem er dann eine Reihe von äußerst spaßhaften und drolligen plattdeutschen Komödien geschenkt hat, wie "Hamburger Leiden", "Tante Lotte", "Eine Hamburger Köchin", "Die Blumenhändlerin von St. Pauli" u. a., die Hunderte von Malen von den prachtvollen dortigen Künstlern, namentlich der famosen Lotte Mende und ihrem Ensemble gegeben worden sind. Überhaupt war das Theater eine stille Jugendliebe Stindes, und in zahlreichen, von Humor und komischen Erinnerungen sprudelnden Feuilletons hat er uns vom Hamburger Theater und den zahlreichen dortigen Originalen auf der Bühne, wie unter den Zuschauern, berichtet. Zu seinen ältesten Freunden zählt sein nordischer Landsmann Georg Engels, mit dem er mache Jugendfahrt gemacht, und mit dem er ein in Ernst und Scherz gleich wirkungsvolles Volksstück "Ihre Familie" geschrieben hat, das in zahlreichen Aufführungen auf Berliner Bühnen erschienen ist. Auch den Buchholz-Stoff hat Stinde zu einem Lustspiel ausgemünzt, ohne allerdings damit auf der Bühne festen Fuß fassen zu können. Kleinere hübsche Geschichten enthalten die "Humoresken" und schließlich "Pienchens Brautfahrt", eine kleine, novellenartige Historie "mit viel Beiwerk", in der er allerlei Erlebnisse aus einem norddeutschen Seebad in einem befreundeten Kreis in schlichter Erzählung, doch mit treffender Porträtschilderung nach dem Leben wiedergibt.

Julius Stinde war ein wirklicher, ein echter Humorist. Der Humor war der belebende Unterton seiner Weltanschauung, er erlebte alles humoristisch. Weitab von jenen traurigen Berufshumoristen, die ihre Späße mit Wortwitz und Galle mischen, war Julius Stinde ein Schelm, der bei aller Schärfe der Auffassung und der Darstellung niemand verletzte, niemand verletzen wollte, ebensowenig wie er die Absicht hatte, zum Lachen zu reizen. Er hatte die gewaltige Welt der Naturwissenschaft "durchaus studiert mit heißem Bemühn" und auf dem tatsachensichern Untergrund eines reichen, gehaltvollen Wissens erwuchs ihm die edle Blüte des Humors. Seine Freunde betrauern in Julius Stinde einen der besten Menschen, einen Mann von reichem Gemütsleben und freundlichem Sinn, der deutsche Humor weint mit trübem Lächeln eine Träne auf diese Bahre, hat er doch einen seiner liebsten Söhne, einen reichbegabten, vielseitigen Schriftsteller verloren.

Julius Stinde wird in seiner holsteinischen Heimat, in Lensahn, begraben.


2007-2011 Ulrich Goerdten