Zu Arno Schmidts Schreibtechnik in den
"Ländlichen
Erzählungen"
Eine komplette Beschreibung der Prosaform, die Arno Schmidt in den zehn
Erzählungen des Bandes "Kühe in Halbtrauer" verwendet
hat, gibt es noch nicht. Die Arno-Schmidt-Forscher haben viel Mühe
aufgewendet, um Bedeutungen und Untergrundbedeutungen in diesen
Erzählungen aufzuspüren. Wenig ist getan worden, um die
schreibtechnischen Kniffe und Tricks zu erkennen und zu verstehen, die
charakteristisch für den (seit etwa 1960) veränderten
Schreibstil Schmidts sind. Diesen neuen Schreibstil hat er erstmals in dem
Roman "Kaff auch Mare Crisium" (erschienen 1960) verwendet. Voll
entfaltet und zur Perfektion gebracht erscheint er in den
"Ländlichen Erzählungen". Die Meinungen über Sinn
und Bedeutung dieser Erzählungen gehen erheblich auseinander.
Einigkeit herscht immerhin darüber, daß hier starke
Einflüsse von James Joyce und Sigmund Freud wirksam sind.
Ich kehre hier auch vor der eigenen Tür, da ich versucht habe,
Sinnzusammenhänge in zwei Erzählungen aufzudecken. Beobachtungen
zur Schreibtechnik Schmidts habe ich nur nebenbei mitgeteilt. Inzwischen,
nach fortgesetzten Lesebemühungen, bin ich zu der Ansicht gelangt,
daß das Erkennen der schreibtechnischen Kniffe und Tricks aller
Interpretation vorausgehen muß. Ich will auf den folgenden Seiten
versuchen, solche schreibtechnischen Verfahrensweisen Arno Schmits
zusammenzustellen, soweit sie mir oder anderen bisher aufgefallen und
verständlich geworden sind. Belegbeispiele werde ich, soweit
möglich, der Erzählung "Großer Kain" entnehmen,
da sie amerikanischen Lesern in der Übersetzung von John E. Woods
zugänglich ist (in: Partisan Review, Heft 1/1982, S. 75-90).
1. Schriftbild
Arno Schmidt verwendet typographische Mittel, um seinen Lesern das
Nachvollziehen einer Erzählabsicht zu erleichtern. Mit Bedacht
schreibe ich "einer Erzählabsicht", weil gerade mit diesen
nur scheinbar Klarheit schaffenden Varianten im Druckbild weitere
Bedeutungen und andere Erzählabsichten verdeckt werden. Es
müssen stets mehrere Bedeutungsebenen in den "Ländlichen
Erzählungen" angenommen werden: eine realistische
Oberfläche, eine Ebene der sexuellen Anspielungen, eine mythologische
Ebene und eine Grundschicht, in der die aktuellen Lebensprobleme des
Autors verhüllt zur Sprache kommen.
In den typographischen Signalen werden insbesondere die realistische und
die sexuelle Bedeutungsebene miteinander verknüpft. Mit vier
drucktechnischen Varianten wird Bedeutsames im sonstigen Normaldruck
hervorgehoben:
- a) Worte und Wortfolgen mit Sprechbetonung sind durch Kursivdruck
hervorgehoben. Dabei geht es nur selten um Neben- und
Untergrundbedeutungen, so daß ich es mir ersparen kann, Beispiele
anzuführen.
- b) Doppel- und mehrdeutige Worte sind durch einfache
französische
Anführungszeichen markiert. Beispiel: bei der Betrachtung des
Sendemastes in "Großer Kain" denken sich die Männer
Carl und Ernst das Phänomen ins Weibliche um: "Into that fiery
red tube : Inside it! "(82). Bei den Frauen, Paula und Ella, vermuten
die Männer maskulin-genitale Assoziationen: "what the ladies
were thinking we couldn't say; of the well-yes, the 'converse' perhaps?
" Im deutschen Text steht für "converse" das Wort
"Pendant" (in einfachen französischen
Anführungszeichen), das sowohl "Gegenstück" als auch
über das Lateinische - "das Hängende" (= Penis)
heissen kann. Das geht in der amerikanischen Übesetzung verloren,
ebenso die "Pen"-Anspielung aufs männliche Genitale. Bei
künftigen Übersetzungen müßten wenigstens die
französischen Anführungszeichen, wegen ihres Signalcharakters,
beibehalten werden.
- c) Anspielungsreiche Worte und Wendungen, auch Zitate, deren
Verweisungsbezug auf fernere Bedeutungen eher schwebend-uneindeutig ist,
erscheinen im Schriftbild in Kapitälchen. Beispiele:
"Televisius" und "Televisia" (82). Die
hier erfundenen und im Schriftbild hervorgehobenen TV-Gottheiten bilden
eine bisexuelle Einheit gemäß der bisexuellen Symbolik des
Sendemastes. Die hervorgehobenen Worte enthalten aber auch eine Anspielung
auf Voyeurismus, denn "fern gesehen" wird in "Großer
Kain" auch durch ein "binox" (77), das auf "those
colorful taut rears" (96) gerichtet wird. (Mehr zum Motivzusammenhang
"Mast", "Doppelglas" usw. weiter unten!)
- d) Die Zentralmotive der Erzählungen erscheinen in besonders
großen Versalien: "HIM : THE GREAT TOWER" (81),
"SECRET" (82) und "JUGURTHA" (89). John E. Woods
Übersetzung "POW-Camp" (86) ist auf der verbalen Ebene korrekt,
in der Schreibung aber irreführend: im deutschen Text ist das Wort
"Kriegsgefangenenlager" in normaler Schrift gedruckt ohne
jegliche Hervorhebung.
2. Wort-Wiederholungen
Bedeutsames wird auch durch Wiederholungen signalisiert. Am Anfang der
Erzählung verwendet Schmidt dreimal das Wort "doll":
"doll's eyes", "doll's mouth", "doll's head"
(75), um Ella zu charakterisieren. Er wiederholt das Wort am Ende des
ersten Abschnittes: "doll's conscience" (77). Die entscheidende
fünfte Verwendung des deutschen Wortes "Puppe" entgeht dem
amerikanischen Leser: "caterpillars sturuggling upwards, toward
pupation" (75) steht in Woods Übersetzung. "Zwecks
Verpuppens" steht im deutschen Text, und die Verbindung zu den
"Puppen"-Stellen ist klar, während zwischen
"doll" und "pupation" schwerlich eine Sinn-Verbindung
herzustellen ist. Der Sinn der gehäuften Verwendung des Wortes
"Puppe" ist - nach meiner Auffassung - der, daß Schmidt
dem Leser signalisieren will, auch Ella sei nur eine
Variationserscheinung, eine abgespaltene Repräsentanz des
Erzähler-Ichs. Wie "caterpillar & butterfly" (75) ein und
dasselbe Tier sind, so ist auch Ella nur eine Metamorphose, die mit den
anderen Figuren Paula, Carl und Ernst eine Einheit bildet.
Fünfmal, in unterschiedlichen Schreibungen, steht "back and
forth" im fünften Abschnitt der Erzählung, wo Carl und
Ernst mit der Sense den Rasen mähen. In "Abend mit
Goldrand" findet sich eine Erklärung zu dieser Wortwendung:
"('Sägen', 'Stehsäge', ist, wie alle Hin=&=Hers, coitiv.)
" (AmG 105). Das fünffache "hin und her" stellt die
sexualsymbolische Bedeutung des Mähens unübersehbar klar
heraus.
Motiv-Variationen
Die bedeutsamen Motive der Erzählung sind mehrfach dargestellt: in
Metamorphosen. Das "hin und her" ist auch im "ring-toss and
badminton" (87) enthalten - und der Witz dabei ist, daß Carl,
der sich mit der Sense am Fuß verletzt hat (Kastrationssymbolik),
darüber erfreut ist, dieses "hin und her" nicht mehr
mitmachen zu müssen. Auch der Bettentausch in Abschnitt 7 der
Erzählung steht in Beziehung zum "hin und her", ebenso der
"exchange of news" (76) am Frühstückstisch. Nach dem
Bettentausch hört Carl die Geräusche der beiden, die im Haus
übernachten: "and now and again 1 wee voyce repeated 'It's
irrational'"(89). Abgesehen von der bedeutsamen Wiederholung
"it's irrational" sollte das "now & again" beachtet
werden, das im Deutschen "ab & zu" lautet und in einer
älteren Sprachstufe synonym für "hin & her" stehen
kann ("Ab und zu gehend trug sie die Speisen auf den
Tisch").
"DER GROSSE MAST" als Bi-Symbol und Zentralmotiv ist mehrfach
variiert vorhanden. (Und ich zähle, weitläufige
Erläuterungen vermeidend, die Metamorphosen einfach nur auf:)
-
Der Tisch im "VW-Camper" (76), "as a table-base the spare
tire" (76). Die Verbindung läuft hier über das Wort
"base", das auch dem Mast zugeordnet wird (81: "cement
base").
-
Der "VW-Camper" selbst: "how had ist ever made it through
our entrance gate!? " (77). Im deutschen Text hat er es "in
sich", was zweierlei bedeutet: einmal, daß er ein
interessantes, vielseitiges und wichtiges Ding ist, zum anderen hat er -
weiblich aufgefaßt - den Penis-Tisch "in sich".
-
Der "advertising-Zeppelin" (77), der mit einem
"transitional low" (= Vagina) in Verbindung gebracht
wird.
-
Der "filler-upper" (78) Ernst, der öfters eine
"column" liefern muß, was im Deutschen "eine Spalte
füllen" ist; es muß sogar "a filler with 6
lines" sein (78).
-
"The new portable" (80), ein Gerät, das in seiner
Wortbildung dem "pendant" (82) und dem "autopedic"
(77) nahesteht. Ausführliche Erläuterungen zu diesem Detail
finden sich in "Zettels Traum".
-
"The scythe" (84) "with the handle", die auch
"creature" genannt wird (deutsch "Wesen") und
"tool" (deutsch "Gerät"). "Wesen" und
"Gerät" sind im Deutschen durchaus vielbedeutende Worte!
-
"The whetstone" (84), mit dem die Sensenklinge
"verführerisch-geschmeidig" befiedelt wird.
-
"Sharpening a new pencil"(86), - auch der "große
Mast" sieht aus wie "a carpenter's pencil" (82).
-
Das schon erwähnte "binox".
-
Unverkennbar auch die beiden Zäune: der um Carls Garten und der um
den "großen Mast". Die Gelenkstelle, wo diese Verbindung
sichtbar wird, sei nur kurz benannt: "yours isn't all that much
lower, either" (81) wobei "yours" auch auf den Penis als
Mast-Äquivalent bezogen werden kann.
-
Auch das Kastrations-Motiv wird mehrfach variiert, wie Ernst-Dieter
Steinwender im Bargfelder Boten (Lieferung 65-66, 1982) dargelegt hat: in
den jüdischen Details der Erzählung (via
"Beschneidung"), in dem Bericht vom Dieb, dessen Finger mit der
Kneifzange gepackt wird (77), im "JUGURTHA", das auf Joyces
"you garotter" in Finnegans Wake zu beziehen ist und in dem
unweit dieses Wortes stehenden Satz "IT SEEMS TO ME THAT SOMETHING
HAS WOUNDED MY FOOT" (89). Selbst an der Stelle, wo das
Kastrationsmotiv am deutlichsten dargestellt ist (bei Carls
Fußverletzung, 87) wird es noch zweifach variiert: "1 of the
branches is gone" und "When a person's beheaded the torso just
keeps on vomiting sometimes".
4. Umgang mit Worten
Jeglicher "Inhalt", den Arno Schmidt in seine Erzählungen
einbringt, steckt auch in den Einzelworten, in ihrer Schreibung, in den
assoziativen Bildvorstellungen, die sie mobilisieren und in den
Assonanzen, die sich von ihnen ableiten lassen.
"In this humidity?!" beginnt der 5. Abschnitt der
Erzählung. Jeder deutsche Leser wird bei "Schwüle" (=
humidity) das Wort "schwul" (= homosexuell) mitklingen
hören. Wenn von Ernst gesagt wird, er sei "only half here"
(75), so ist dies eine Art Wort-Beweis für die Richtigkeit der oben
aufgestellten These, daß die Figuren nur abgespaltene
Teilrepräsentanzen des Erzähler-Ichs sind. (Zum Vergleich
erwähne ich hier die unübersetzbaren "Halbgreise" aus
der Erzählung "Kühe in Halbtrauer", die nur
zusammengenommen die Einheit des "Vollkreises" des
Erzähler-Ichs ergeben.) Ein weiterer derartiger Wort-Beleg ist das
zweimalige "him-us" (86), zu dem sich auch Parallelen aus
anderen Erzählungen zitieren ließen.
Eine besondere Vorliebe hat Schmidt offenbar für Homonyme, Worte, die
bei gleichem Klang Verschiedenes bedeuten. In "Großer
Kain" wird unter anderem auch mit der Homonymie von "Ernst"
gespielt. Als deutsches Adjektiv genommen, hat der Name auch die Bedeutung
"serious". Demnach kann man den Satz "and then he too grew
more serious" (79) (deutsch: "und da wurde er auch schon
ernst") auch so verstehen, daß die Partialfigur
"Ernst" sich hier stärker verselbständigt. (Ein
weiterer Nebensinn wäre vielleicht, daß Carl imgrunde auch
Ernst ist, was auch durch eine weitere Stelle bestätigt wird:
"Well afterall, not everyone can be named 'Ernst'" (80).
Daß Arno Schmidt der Homonymie große Bedeutung zumißt,
ergibt sich aus einer Stelle in "Abend mit Goldrand". A & O, die
Hauptfigur, sagt dort, die skurrile Lektüre erläuternd:
"Der Paranoiker gerät auf Homonyme, die sich dem Normalen
einfach nicht offenbaren." (S. 157)
Anders verhält es sich bei auffälligen Wortbildungen wie
"tabarettes & cigacco" (76), die einer Stelle voraufgehen, wo
"Ellas wildandwooly armpit" betrachtet wird. Mir scheint,
daß durch "tabarettes & cigacco" auf die Möglichkeit
der Silbentransposition von "wildandwooly" aufmerksam gemacht
wird. Im Deutschen ergäbe die Transposition etwa "wollend und
wild", was eine Aussage über Ellas sexuelle Appetenz wäre.
Nicht alle Wortwitze werden so deutlich herausgestrichen, vieles wird dem
Leser dadurch verhüllt, daß die sonst üblichen
Schreibweisen eben gerade nicht angewendet werden. "And there came a
surreptious odor , a panaromatic mixture, of female sweat & the beginning
of hay." (88) Das "hay" transportiert hier auch die latente
Nebenbedeutung von "Schambehaarung". Die Mehrdeutigkeit des
Wortes wird dem Leser hier aber keineswegs durch die sonst üblichen
französischen Anführungszeichen signalisiert. Daß die
Schambehaarung auch gemeint ist, geht aus dem Zitat hervor, das
dieser Stelle folgt und das in Woods Übersetzung in die folgenden Worte
gekleidet wird: "handyhill, valleyward, belly-down, a curly rise to
the rambler : fine." (88) An der Ursprungs-Stelle, in Joyces
"Finnegans Wake" (S. 244) steht aber: "rockdrop, up benn,
down dell, a craggy road for rambling". Übrigens scheint mir auch das
"wildundwollig" ein verdecktes Joyce-Zitat zu sein. Das
"woolies" (FW 404, Zeile 22) übersetzt Arno Schmidt (in
"Triton, S. 196) mit "wollig-wollendes".
5. Zweifelnde Frage, deflektives Verfahren, falsche
Fährten
Die Stilfigur der "zweifelnden Frage" hat bei Schmidt oftmals
die Funktion, von einem wichtigen Detail abzulenken und die Gedanken des
Lesers auf falsche Fährten zu leiten. Schmidts Absicht,
Ambiguitäten zu erzeugen, kann an dieser Stilfigur besonders gut
beobachtet werden: durch Ablenkung und Verunsicherung wird das Detail
fragwürdig und gerade dadurch als bedeutungsvoll herausgestrichen.
Mir scheint, daß Schmidt zu diesem Verfahren durch eine von Sigmund
Freuds Traumdeutungsregeln angeregt worden ist: "Wenn zu einem
undeutlichen Element des Trauminhalts noch der Zweifel hinzutritt, so
können wir, dem Fingerzeig folgend, in diesem einen direkten
Abkömmling der verfemten Traumgedanken erkennen." (Freud,
Gesammelte Werke, Bd. 2/3, S. 520.)
Neben den Wortwiederholungen (siehe unter 2!) ist es ausgerechnet die
entgegengesetzte Technik: Verkleinerung, Unbedeutendmachen, mit der auf
Bedeutungsvolles hingewiesen wird. Ein Beispiel: Die "great many
empty clothespins" (75) am Anfang der Erzählung
"Großer Kain" werden mit einigen Adjektiven
geschmückt, die den Klammern eine Art skurril-alberne Überbedeutung
geben: "touching, really, these homely minigadgets, faithful over the
Years; 'mute' occurred to me too, 'genuine-wooden'" (75). Die
Überbedeutung wird dann aber wieder fragwürdig gemacht durch die
folgende Wendung: "well, did something especially exquisite want to
surface? - nope, nuttin' surfacing" (75). (Und hier müßte
sich eigentlich eine Spezialstudie zum Begriff "exquisite" -
"Feinsinn" bei Schmidt anschließen: dieser Begriff hat bei
ihm immer einen dubios-lächerlichen Beiklang.)
Die zunächst herausgestrichenen "clothspins" werden wieder
heruntergespielt, durch dieses Herunterspielen aber zugleich doppelt
bedeutsam gemacht. Warum? Das Motiv der Klammern wird doch nicht wieder
aufgenommen? Es geht hier - nach meinem Verständnis - um die markante
"Lücke" der hölzernen Klammern, die als gabelige
Beinchengestalten auch sexualsymbolische Bedeutung haben. Im
"Lückenbüßer" erscheinen sie variiert, ebenso
auch in der erstickenden Enge des "Großen Mastes", der im
Traum, wie die Klammer-Lücke, oben spitz geschlossen ist. (Aus
"Zettels Traum" ließe sich eine weitläufige Passage
zur Bestätigung für dieses Verständnis zitieren!)
Peter Ott hat diese stilistische Eigenheit bei Schmidt als
"deflektives Verfahren" bezeichnet: "Mit 'deflektiv' ist
gemeint ein Verfahren, welches sowohl dem Artilleristen wie dem
Psychologen vertraut ist: das verborgene Ziel wird gerade dadurch
markiert, daß es sozusagen treffend verfehlt wird." (Protokolle
1982, H. 1, S. 38.) Dieser treffenden Formulierung möchte ich die
weitergehende Beobachtung anfügen, daß Schmidt oftmals den
Leser ganz bewußt in die Irrre führt.
Man gewinnt beim Lesen dieser Erzählungen den Eindruck, daß ein
widerspruchsfreies Sinn-Verstehen gar nicht möglich ist.
("Afterall, everything is possible." 90) Beinahe jedes Detail,
jedes Wort ist mehrdeutig, jeder Versuch, eine einzelne Bedeutungslinie zu
verfolgen, wird durch Gegensignale gestört. Genau dies scheint
Schmidts Absicht zu sein: gradliniges Sinnverstehen zu vereiteln. Warum
sonst schreibt er nach Carls Würgetraum, der in dem Schrei
"JUGURTHA" gipfelt: "The very first thing next morning I
had to offer Paula printed proof, that it hat nothing to do with a woman's
name" (90)? "Natürlich nicht", denkt der gebildete
Leser, dem der Numidier Jugurtha aus seiner lateinischen Schullektüre
bekannt ist. Der noch gebildetere Leser, der auch die Joyce-Essays von
Schmidt kennt, weiß, daß für Schmidt im Jugurtha ein
"You-gárrotter" versteckt ist. Aber selbst der gebildetste Leser
steht noch dumm genug da, denn er weiß trotz all seiner Kenntnisse
nicht, warum Carl ausgerechnet diesen Traum gerade in dieser Nacht
träumt - mit anderen Worten: welche Funktion der Traum im
Motivgeflecht der Erzählung hat. Erst wenn man über
verschlungene Assoziationswege das "Mähen" mit seinem
vielfachen "back and forth" als symbolische Darstellung
homosexueller Aktivitäten versteht ("gasping, hunchbucked
sweatdrenched" 87), wird eine Deutung plausibel: daß
Carl im Traum noch einmal erleidet, was er am Tage erlebt hat: die
symbolische Kastration als symbolische Selbstbestrafung für die
verbotenen Phantasiewonnen, die er sich unbewußt beim Mähen
gegönnt hat. Im Traum sind Wonne und Strafe eineinandergeschoben,
"verdichtet": das Gewürgtwerden ist zugleich der Koitus und
die dafür verhängte Strafe.
In diesem Verständniszusammenhang wird auch das "SECRET"
(82) als Zentralmotiv deutlicher erkennbar: Die geheimen Phantasien sind
mit einem Verbot belegt, sie müssen geheim bleiben, sie dürfen
nicht offen dargestellt werden. Dies ist allerdings nur eine mögliche
Deutung eines Motivstranges in der Erzählung. Ernst Dieter
Steinwender gelangt aufgrund anderer Beobachtungen (in "Bargfelder
Bote" 65-66) zu ganz anderen Ansichten, die ich für nicht minder
plausibel halte.
Am "SECRET" und dem, was im Text darauf folgt, kann man Schmidts
Technik der Leser-Irreführung besonders gut studieren. (Eine
tiefdringende Untersuchung müßte sich allerdings auch mit dem
deutschen Wort "geheim" und seiner Verwendung durch Arno Schmidt
befassen.) "I only have to hear the word "SECRET!", and
right away I always feel just like I did under the late Hitler: The more
bankrupt the government, the more "secret" it has to be"
(82). Auf die Unterdrückung und Ausrottung Andersartiger,
Andersdenkender, auf den Gesinnungsterror der Hitlerzeit wird der Leser
hingewiesen. Im Subtext sagt die Passage - nach meiner Auffassung - aber
auch folgendes aus: "je stärker ein Individuum geschädigt
ist und je repressiver die Umwelt ist, in der es lebt, umso mehr muß
es ins Unbewußte verdrängen". Und dieser "Sinn"
paßt genau in den Motivzusammenhang von Verbot und Strafe, wie ich
ihn oben skizziert habe. Auch warum das "secret" in Versalien
geschrieben ist, wird damit verständlich. Von all dem erfährt
der Leser aber nichts in direkter Mitteilung. Wichtige Inhalte muß
er durch die (dem Psychologen vertraute) Technik des
"Doppelt-Lesens" erschließen, indem er ein "drittes
Auge" auf den "Subtext" einstellt.
6. Weiteres zur Schreibtechnik
Die weiteren mir verständlich gewordenen schreibtechnischen
Verfahrensweisen dienen alle dem selben Zweck, wie die oben beschriebenen:
Mitteilungen indirekter Art in und unter den Text zu lancieren. Ich will
diese weiteren Kniffe und Tricks hier nur kurz benennen und ihre
Wirkungsweise skizzieren, weil sie in "Großer Kain" nicht
vorkommen.
- Bildliche Darstellungen: Wenn Schmidt in der Erzählung
"Kundisches Geschirr" das Tippen auf einer Schreibmaschine
darstellt in einer herausgehobenen, auf Seitenmitte gerückten Zeile:
"1,2,3,4. Leertaste. 1,2,3,4,5,6."
so
wird in der "Leertaste" das Bild einer "Lücke"
(variiert) dargestellt, die ein Zentralmotiv der Erzählung ist.
(Näheres dazu in meiner Arbeit über "Kundisches
Geschirr" im Bargfelder Boten Nr. 100.)
- Die Verneinung: Freuds Traumdeutungsregel, daß jedes Element des
Traumes auch sein Gegenteil bedeuten kann, wird von Schmidt konstruktiv
gewendet. Verneinungsformen wie "Nicht-Mörder", "mit
nichten" werden ambivalent benutzt. Auch bei Worten wie
"unvergleichlich" müssen vergleichbare Dinge mitgedacht
werden. (Vergleiche auch Freuds Aufsatz "Die Verneinung"!)
- Emotionen: Die emotionalen Äußerungen der Figuren sind im
Oberflächentext oft nur schwach motiviert. Sinnvoll und
verständlich werden sie dann, wenn man den Ursprungsort der Emotionen
im Textuntergrund gefunden hat.
- Zahlen haben neben ihrem Zählwert weitere Bedeutungen. Drei und sechs
(oft "sex" geschrieben) werden häufiger verwendet, als die
allgemeine Lebenserfahrung es glaubhaft erscheinen läßt.
- Buchstaben: Wie die Zahlen, so haben auch einzelne Buchstaben - über
ihren Bildwert - die Fähigkeit, mehrfache Bedeutungen zu tragen.
(Mehr darüber, besonders über "i" und "y" in
der erwähnten Arbeit zu "Kundisches Geschirr".)
- Zitate haben stets eine besondere Funktion im Untergrund-Zusammenhang.
Annähernd 40 Rilke-Zitate sind in "Caliban über
Setebos" nachgewiesen worden. Zu ihrer Funktion ist noch nichts
Erklärendes mitgeteilt worden.
- In einigen Erzählungen benutzt Arno Schmidt Wort-Verästelungen,
um Zusammenhänge herzustellen. Thomas Baukes hat eine solche
Wortreihe (Ei - eye - eyes - ice - I see ...) in der Erzählung
"Windmühlen " aufgespürt. ("Bargfelder Bote"
85-86)
Ich beschließe diese knappe Darstellung mit einem Satz, der die hier
erörterten Befunde zusammenfaßt zu einer formelhaften
Leseanweisung für Arno Schmidts "Ländliche
Erzählungen":
Nichts darf so verstanden werden, wie es gemeint zu sein scheint.
Ulrich Goerdten
Ins Englische übersetzt von Thomas Hansen:
Narrative Technique in the Kühe in Halbtrauer Stories. In: The Review
of Contemporary Fiction 8, (1988), Nr. 1, S. 103-110.
Nachtrag: Um den geschätzten Lesern das Hin- und Herspringen
von Text
zu Anmerkung und zurück zu ersparen, schneide ich den gelehrten
Zierat einfach ab, nicht allerdings ohne hilfreicher Texte und ihrer
Autoren zu gedenken, bei denen es sich handelt um:
- Ernst Dieter Steinwender, 'Mythos und Psychoanalyse in der
Erzählung Großer Kain', Bargfelder Bote 65-66, 3-23.
- F. P. Ott, 'Gedankenspiel als (Selbst-)Porträt: Arno Schmidts
Kaff auch Mare Crisium', Protokolle 1982, Nr.1, 38ff.
- Thomas Baukes, 'Der Bademeister und das Tell-Tale Heart:
Überlegungen zu Arno Schmidts Windmühlen', Bargfelder
Bote 85-86, 26-37.
© 2000-2009 Ulrich Goerdten