Heinrich Seidel
Wirtshaus zur Stranddistel
An Johannes Trojan
In: Leberecht Hühnchen, Jorinde und andere Geschichten.
Vierzehntes Tausend. Leipzig. Liebeskind 1893.
(Gesammelte Schriften, Band 1), S. 361-366.
Wir wanderten entlang den Ostseestrand.
Ein schöner stiller Tag wars im September,
Nur dass ein leichter Dunst, ein feiner Schleier,
Als wie ein Silberduft die Ferne hüllte.
An jenes Eichenwaldes Vorsprung bald
Gelangten wir, wo knorrig alten Kämpfern
Vergleichbar, narbenreich gefurcht, des Waldes
Zerzauste Vorhut stand, verkrüppelt wohl,
Zurückgebogen auch von rauher Stürme
Jahrhundertlanger Wiederkehr, doch nimmer
Gebeugten Muth's - bereit zu neuem Kampf.
Wir fanden dort, was uns gar lieblich schien:
"Stranddistel-Wirthshaus" hast du es genannt.
Die blaue Distel, die im Sand sich nährt,
In eines Dünenkessels weisser Senkung
stand sie allein, gar herrlich ausgebreitet,
Und bot der Blüthen schimmernd helles Blau
Wohl hundertfach dem milden Sonnenschein.
Und welch ein Leben dort! Es kam zur Einkehr
An diesen guten Ort ein mannigfach Geschlecht
Von leichtem Flügelvolk. Umschwirrt, umflogen,
Umsummt von hunderten von Gästen war
Dies blaue Wirthshaus, wo es Honig gab.
Die Distelfalter flogen ab und zu
Und sogen still und breiteten die Flügel,
Dass sie, von Sonnenstrahlen schön durchleuchtet,
So schimmerten wie farbiger Opal.
Der Trauermantel kam, sein sammetbraunes
Mit blauen Pünktchen schön geziertes Kleid
War stolz mit einem Rand von Gold verbrämt.
Und dann der Fliegen mannigfaches Volk,
Stahlblau und golden, glasgeflügelt, zierlich,
So dass die Hummel wie ein Bär erschien
Und wie ein Wolf die fleiss'ge Honigbiene.
"Hier ist ein guter Ort, hier lasst uns ruhn,"
So sprachen wir und packten hingelagert
Um Dünenrand den Reisevorrath aus
Und schenkten fröhlich in den Silberbecher
Des rothen Weines hochwillkomm'ne Labung.
Wie friedlich war es hier und weltenfern.
Nur hinter uns des Waldes Schweigsamkeit,
Vor uns die See, fast spiegelglatt und still,
Der ferne Horizont in Dunst verschwimmend,
Dass ohne Grenzen ineinander floss
Des Meeres Ende und des Himmels Anfang.
Friedfertig schwammen Möven auf der Fluth,
Sich überfliegend oft und ungeschreckt
Von uns zwei stillen Wandersleuten wohl.
Derweil wir sassen und uns friedlich nährten
Hob ich den Becher mit dem rothen Wein,
Dass sich der Sonne Glanz hineinergoss,
Und wie Rubin auf seinem gold'nen Grund
Als wie ein köstlich selt'ner Edelstein
Des Weines Fluth erglänzend funkelte.
In diesen Wunderanblick ganz vertieft
Bemerkt' ich kaum ein Flattern um mein Haupt,
Ein schwankend Kreisen. Ja, fürwahr, ein Falter,
Ein Sommervogel war's, ein Trauermantel,
Der, angelockt vom Duft des rothen Weines,
Die angebor'ne Scheu soweit vergass,
Dass er auf meine Hand sich plötzlich senkte.
Dort sass er nun, entfaltend seiner Flügel
Dem Braunen Sammet gleiche Pracht und tastend
Mit dem spiralisch feinem [!] Rüsselchen
Fuhr suchend er umher und dachte wohl:
"Ei nun, was duftet hier so schön?" Behutsam
Den Becher neigt' ich, dass des Weines Fluth
Dem selt'nen Gast entgegenkam, und dieser
Gewahrte kaum den Vortheil, der sich bot,
Als er das feine Saugerüsselchen
Behaglich in den Wein herniedertauchte
Und sog und sog. "Fürwahr er trinkt!" so riefen
Wir beide fast zugleich und schauten still
Vergnüglich unserm Gaste zu. - Nicht lange.
Denn plötzlich wie in jähem Schreck durchfuhr's
Das zarte Thier. Merkt' es den Dämon wohl,
Der in des Weines Purpurgrunde schläft? -
Auf schwang er sich und flog und kam nicht wieder.
Wie seltsam doch, dass beide wir noch jetzt
Wie an ein Glück an diese Stunde denken.
Was war's? Es war ein Nichts - belächelt wohl
Von Manchem, der's vernimmt. Und dennoch möcht' ich
Es missen nicht um Gold. - Du denkst das Gleiche
Mein guter Freund. Das weiss ich sicherlich.