Ottilie Voß

Der Ottilie-Voß-Artikel in der 6. Auflage von Franz Brümmers achtbändigem „Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ (Leipzig 1913) lautet folgendermaßen:

Voß, Ottilie, geb. Kuster, wurde am 4. Jan. 1840 zu Königsberg in Pr. als die Tochter eines Regierungsbeamten geboren und verheiratete sich dort mit dem bekannten Komponisten und Stabstrompeter des 1. Feld-Artillerie-Regiments, Voß. Im Jahre 1870 siedelte sie nach Berlin über. Sie bekundete ein lebhaftes Interesse für Wohlthätigkeitsanstalten, und demselben entsprangen auch ihre Schriften „Pereat der Staub. Hygienische Rathschläge“ (1867) und „Die Salzbäder und ihre Bedeutung“ (1878). Außerdem veröffentlichte sie Gedichte, 1889. 3. Aufl. 1896.- Buchholzens in Königsberg (Hum.), 1896.

Die gediegene Diktion des Artikels vermittelt den Eindruck absoluter Vertrauenswürdigkeit. Mißlich ist allein der Umstand, daß keine der Voßschen Schriften in deutschen Bibliotheken zu finden ist, auch die Buchhandelsverzeichnisse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führen sie nicht auf. Beim Titel „Buchholzens in Königsberg“ scheint es sich um eine Imitation zu handeln. Julius Stindes Buchholzbücher hatten seinerzeit so großen Erfolg, daß sie viele Nachahmer fanden, welche die Qualität der Originale niemals erreichten.

Einen weiteren Hinweis zu Ottilie Voß gibt es in der Zeitschrift „Die Gegenwart“. Im Jahrgang 1891 befaßt sich Maximilian Harden unter dem Pseudonym „Apostata“ mit den im „Lyrischen Verlag“ erschienenen „Gedichten“ der Ottilie Voß.

(Der Text dieses Artikels wird im Folgenden ungekürzt wiedergegeben.)

 

Ottilie Voß

Von Apostata

Die Klagen über die Vernachlässigung der deutschen Literatur durch die deutsche Kritik, jene Klagen, denen mit schmetterndem Ingrimm Jung Conrad Alberti so oft beredten Ausdruck gab, sie erschien bis vor kurzem mir nicht recht begründet. Sie sind's. Jeder Zweifel mußte weichen vor einem kleinen Heft, das mir ein freundliches Geschick entgegentrug und das auf 58 spärlich bedruckten Seiten ein lyrisches Talent von ganz eigen gearteter Prägung enthüllt. Sollte man es glauben, daß drei lange Jahre vergehen mußten, bis die an poetischen Freuden arme Menschheit von diesem Talent erfuhr? Die Thatsache ist einfach vernichtend für jene Kritik, die bei Russen, Franzosen und Skandinaven betteln geht, die im Auslande Regenwürmer findet und an den heimischen Schätzen träg vorüberwitzelt. Auch mir ist ganz persönlich eine gesunde Beschämung nicht erspart worden: erst kürzlich durfte ich hier gegen die Übertreibung des Feminismus zu Felde ziehen und vor der weiblichen, allzuweiblichen Literatur warnen, und nun muß ich selbst eine echte Poetin der Gegenwart vor führen. Denn: mein neuer Dichter ist eine neue Dichterin. So rächt noch heute jede Schuld sich auf Erden.

"Gedichte von Ottilie Voß. Berlin 1889. Lyrischer Verlag" (Comis-sions-Verlag von H. Lazarus, Berlin) – das ist die einfache Inschrift auf dem ersten Blatt des zierlichen Heftes. Welcher vorletzte Idealist sich hinter der in ihrer Schlichtheit so ungemein ansprechenden Firma "Lyrischer Verlag" verbirgt, das ließ sich bisher so wenig feststellen wie die Persönlichkeit der Dichterin selbst. Ottilie Voß lebt, das ist gewiß; aber kein Heldenbuch, kein Literaturkalender weiß Nam' und Ort der neuen Lyrikerin zu nennen, und so ist es dem Forscher unmöglich ge-macht, mit dem Rüstzeug der philologisch-historisch-archivelischen Kri-tik an die merkwürdige Erscheinung heranzutreten. Nur an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, an den 34 köstlichen Früchten, die in ihrer Lyrik prangendem Garten als hoffentlich nicht letzte Ernte uns entzücken.

Ottilie Voß ist eine Wittwe; ihr Gatte, Ferdinand hieß er und in süßer Kosestunde mochte seine Tilli ihn wohl Nante nennen, starb 1884; fünf Jahre später hatte dieser starke Frauencharakter schon Kraft und Sammlung gefunden zu dem poetischen Werk, das nun endlich nach Gebühr gewürdigt werden soll. Freilich stand Ottilie nicht allein: 77 Anbeter waren tröstend um sie bemüht und im glücklichen Besitze eines so vielgeliebten Weibes durfte der selige Ferdindand wohl zu eifersüchtigen Regungen geneigt sein. Im Jenseits mag ihn das erste Gedicht seiner Wittib nachträglich beruhigt haben; es lautet kurz und überzeugend:

                   "Ein Jeder hatte mich gern,

                   Und Alle wollten mich lieben,

                   Und Alle zu lieben, das ist gemein;

                   Drum ließ ich es lieber sein;

                   Und mein Herz ward zu Stein."

Wie ist dies Empfinden fein! Wie frei und reich Rhythmus und Reimbehandlung! Wie geistreich der Komparativ "lieber" nach dem doppelten Lieben! Ihr Herz wurde zu Stein! Wer ein solches Weib errungen, stimm' in Nantes Jubel ein!

Dieses Gedicht trägt die schmucklose Überschrift: "Die Liebe. Meinen Anbetern gewidmet." Und ein kleines Sternchen verweist uns auf Seite 59, zum "Register meiner Anbeter." Ich will nicht so indiscret sein, die Namen der 77 Liebesritter hier zu verrathen; es sind bekannte Namen darunter und wirkliche Grafen findet man zwischen den mehr oder minder platonischen Verehren der Dame mit dem Herzen von Stein, die's nicht thut, weil's zu gemein. Auch zwölf Offiziere, vom simplen Lieutenant bis hinauf zum Major, stehen auf der erotischen Rangliste; von Militärpersonen, die in Aquarien und Panoramen die Hälfte zahlen, ein Zahlmeister, ein Trompeter, ein Bursche. Welche Herzenstragödie thut sich dem Blicke auf! Wie muß die Frau gelitten haben, vom Lieutenant und vom Burschen zugleich begehrt! Nicht für Rang und Stand, nicht für Glanz und Reichthum schlägt ihr Herz; das Register ist ein Muster des sozialen Ausgleiches: nicht nach Titel und Besitz, schlecht-weg alphabetisch sind sie aufgezählt, die sonderbaren Schwärmer für Ottilie Voß, die Wittwe Ferdinands des jetzt Seligen. Da gibt's Geheimräthe, Gutsbesitzer, Professoren, Hofsekretäre, Bau- und Regierungsräthe, aber auch einen Koch, viele Kaufleute und Commis, einen Schriftsetzer, einen Tubabläser, einen Nachtwächter, einen Guitarren-Virtuosen, einen Schlosser, einen Brauer, einen Gärtner, einen Schuster, einen Schauspieler, zwei Schneider, Ferdinand's Bruder, der Capellmeister Voß, einen Garderobier, einen Butterhändler, einen Trommler, und endlich einen "Lumpenmatz". Sie hat sich seiner Liebe nicht geschämt; zwischen dem Butterhändlier und dem Major hat der liebende Lumpenmatz seine Stelle gefunden. Auch ein "Prophet" von Profession ziert das Register der tugendsamen Don Juana und mit inniger Rührung blicken wir auf zwei namenlose Anbeter: auf den "Herrn aus der Landmeisterstraße" und den "Schneider von vis-a-vis"! In ihren Augen hat sie einst gelesen, es glänzte drin von Lieb' und Glück ein Schein: Behüt' euch Gott, es wär' zu schön gewesen, "Und alle zu lieben, das ist gemein"!

Ottilie Vossens Wohnort kann man nur errathen. In einem tiefempfundenen Poëm, "Das Taschentuch", spricht sie von einer Polka und wieder ist ein hilfsbereites Sternlein da, uns zu benachrichtigen, daß nicht der Rundtanz etwa gemeint ist, sondern "Königsberger Argot für Buhlerin". Nun wissen wir doch, was ein Königsberger Polka ist und neidisch ahnen wir, es möchte die Stadt der reinen Vernunft und der sauren Klopse auch noch die Heimath unserer Ottilie sein. Von der Berufsthätigkeit einer Polka freilich kann eine edle Frau nichts wissen und so ist es zu entschuldigen, wenn Frau verw. Voß ihrer Polka sittsam entrüstet zuruft:

"Glaub' mir gewiß,

                   Das Stückchen Brod,

                   Was man sich selbst verdient,

                   Schmeckt noch einmal so schön,

                   Als von Andern es zu nehmen

Und vor denen zu bücken und zu beugen."

Zum Schluß aber gibt sie es ihr erst ordentlich, dieser schnöden Polka mit dem lasterhaften Spitzentaschentuch:

                   "Du strahlst in Seide und Sammet,

                   Verachtest stets die Armen.

                   Pfui, schäme Dich was,

                   Man sieht es Dir doch an,

                   Daß Du keine Fürstin bist."

"Verachtest stets die Armen!" Wer darf es wagen, so zu sprechen, wenn es die vom treuen Lumpenmatz geliebte Dichterin nicht darf?!

Wie mit der Polka, spricht Ottilie auch mit ihren Anbetern; jeder besingt sie in seiner Sprache. Der Kunstgärtner erinnert sie an jene selige Stunde, da sie "saß in einer Laube und pflückte eine Taube" und der Geliebte in ihre vom Taubenpflücken müden Arme eilte.

                   "Die Taube in der Laube,

                   Welche(?) sie hatte gepflückt,

                   Sollte für uns Beide

                   Ein Abendessen sein."

Ist das poetischer Realismus oder nicht? Und ist es nicht wie der erste Keim echter modern-sozialer Lyrik, wenn das dem Schuster gewidmete Gedicht "Die Nähterin" mit dem Abgründe entdeckenden Vers schließt:

                   "Die Näherin sprach zur Mutter,

                   Du sagst, ich soll schlafen geh'n;

                   Das Brod ist alle –

                   Und morgen ist wieder große Noth."

Ottiliens Lyrik ist frei von den beengenden Fesseln einer schulmäßigen Metrik, frei von ängstlicher Rücksichtnahme auf die aller Poesie feindliche Grammatik und den Geschmack der Alltagsmenschheit. Die Wittwe Voß ist kein trister Epigone. Selbst da, wo ihr ein von anderen, auch nicht unbegabten Dichtern vor ihr behandelter Stoff entgegenkommt, weiß sie ihm neue Seiten abzugewinnen. Wie viele Reimschmiede haben das arme Veilchen von der Wiese in ihre poetische Botanisirtommel gesteckt! Keiner hat so aus der Veilchenseele heraus empfunden wie Ottilie Voß, da sie sang:

                   "Das liebe Veilchen spricht:

                   Sieh' mich nicht an und knick' mich nicht;

                   Pflückst Du mich ab, trägst mich nach Haus,

                   Vertrocken ich bald und Du –

                   Schmeißt mich zur Thüre hinaus."

Von diesem Idyll führt uns das dem anbetenden Schiffsrheder gewidmete Gedicht "Das Schiff am Meere" direct  zur heroischen Landschaft. Ein drohender Schiffbruch, ein verzweifelter "Kapitän", ein Vater mit der Tochter, die zusammen wollen "in die Wellen springen rein". Vorher aber beten sie selbander. Und nun – das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind! – nun geschieht das Wunderbare:

                   "Auf einmal hörte Gott der Herr

                   Die Guten unten beten,

                   Drauf ließ Gott die Sonne scheinen,

                   Das war der Guten Beten.

           Der Vater nahm die Tochter im Arm

                   Und drückt sie an sein Herz so warm.

                   'Gott will ja haben, wir sollen leben,

                   Ich soll ja Freude an Dir erleben.'" –

Ferdinanden sind zwei Gedichte zugeeignet; eines schildert mit feinen Zügen den eifersüchtigen Gemahl, der schon ganz früh Ottiliens Ruhe stört, weil er verdächtige Tritte gehört und einen der 77 gegen Tilli im Schlafkämmerlein gewittert hat. Mit sanftem Wort beschwichtigt die edle Frau den Ungestümen, dem sich der Herzensschrei entringt:

                              "Die Blume.

                       Meinem Ferdinand gewidmet.

                   Im Winter bin ich ganz allein (?)

                   Dann pflegte ich meine Blume,

                   Und das ist meine Freud'

                   Die kann mir keiner rauben."

Lesen Sie und bereuen Sie bei Zeiten! Gibt es reinere Freude, als den langen Winter hindurch seine Blume zu pflegen? Und so war sie immer, Ihre, unsere Ottilie; sie sagte ja selbst:

                   "Und weil ich noch ein Kind war,

                   Liebt' ich die Blumen schon

                   Ich lief dann weit in's Felde,

                   Und pflückt' mir Blumen zum Kranz'

                   Und das war meine Freud'!"

Und das war ihre Freud'! Aber da kamen Sie gegangen und nun war es mit dieser ungebührlichen Freude aus, denn:

                   "Der Bräutigam, den ich hatte,

                   Der spielte auch Klavier,

                   Und das war meine Freud'!

                   Er konnte auch bezaubern,

                   Er componirte schön,

                   Er schlug die Augen auf,

                   Als wenn er melancholisch wär

                   Und das war meine Freud'!"

So haben Sie es also gemacht?! Schämen Sie sich, Herr Voß! Da kann man sich denn freilich nicht wundern, wenn es weiter geht:

           "Jetzt wurde ich auch Mutter,

                   Er ließ mich oft allein,

                   Ich nahm mein Kind im Arme,

                   Und das war meine Freud'!

           Und kam er spät nach Hause

                   Und lächelte mir zu,

                   Ich konnte nicht mehr lachen,

                   Daran hatte ich keine Freud'!"

Vor der Literaturgeschichte sei es festgestellt: so hat an Frau Voß Herr Voß gehandelt, an einer Frau, die nicht nur für Blumen Sinn hatte und ihr Kind "im Arme" nahm, sondern die auch was Gut's in Ruhe zu schmausen gab, wo sie liebte. Wie die Dichterin für den irdischen Menschen zu sorgen verstand, soll das einem Commis gewidmete, unendlich ergreifende Lied beweisen:

           "Sie könnten doch immer sagen,

                   Daß Sie Appetit haben,

                   Des Abends, eh' ich schlafen geh'

                   Besorge ich Ihnen ein Abendessen.

           Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',

                   Besorge ich Ihnen eine Tasse Thee.

           Und wenn Sie Mittags nach Hause kommen,

                   Besorge ich Ihnen ein Mittagessen,

                   Und trinken eine Tasse Kaffee dazu,

                   Dann sind Sie noch einmal so froh!"

Wie mag der Bursche, der Trommler, der Prophet, wie mögen andere, vom Vaterlande schlecht genährte Anbeter dieses realistische Frauenideal geliebt haben! In staunender Bewunderung stehen wir vor dieser menschlich und poetisch reichen Persönlichkeit, die ihres Herzens langwierige Geschichte in den knappen Vierzeiler zu bannen verstand:

                   "Seht die Lilien auf dem Felde,

                   Sie sind so einfach angezogen –

                   Einfach hab' ich auch geliebt –

                   Aufgedonnert nie!"

Die lachen Wollenden grüßen Dich, unaufgedonnert lyrische Ottilie!

(Hier endet der Artikel von Apostata.)

Brauchbare Informationen über Ottilie Voß bietet der Artikel nicht. Immerhin wird deutlich, daß „Apostata“ sich über seinen Gegenstand lustig macht. Die Vers-Zitate lassen vermuten, daß die Gedichte Seitenstücke zu denen der viel berühmteren Dichterinnen Friederike Kempner und Julie Schrader sind. Ein unabhängiges Urteil über alle relevanten Sachverhalte ist aber allein nach der Lektüre dieses Artikels nicht möglich.

So zufällig und ungesucht die zwei Voß-Trouvaillen sich eingestellt hatten, so plötzlich tauchte eine dritte, entschieden wertvollere, auf: ein Heftchen der Voßschen Gedichte wurde im Antiquariatsbuchhandel angeboten. Jetzt befindet es sich im Besitz von Michael Chrapkowski. (Jahre später, als die elektronischen Nachweissysteme umfassender zu werden begannen, ergaben weitere Nachforschungen, daß ein Exemplar der Voßschen Gedichte auch in der Bibliothek der University of Virginia in den USA vorhanden ist.)

Wer aber glaubt, daß damit alle Fragen geklärt gewesen wären, der irrt sich sehr. Durch das Auftauchen eines ihrer Werke wurde Ottilie Voß zu einer Phantomgestalt, wie es nur wenige in der deutschen Literaturgeschichte gibt. Entscheidend für diesen Entrückungsvorgang in Phantastische waren nicht die Gedichte selbst, sondern die Beigaben zu dem Büchlein: die Vorbemerkung des Professors Gerhard Wendelbein und die angehängte Verlagsanzeige, die beim Publikum für den Kauf des Buches „Buchholzens in Königsberg“ wirbt.

Bei der Vorbemerkung handelt es sich um einen hanebüchenen Geheimratsscherz, der, wären die Gedichte echt (und keine Parodieen oder Kontrafakturen), die Dame Voß und ihr Kunstwollen in die Schmutzsphäre unwissenschaftlicher Lustigmacherei herabgezogen hätten. Das darf man aber keinem echten Dichter und schon gar nicht einer echten, noch lebenden und schaffenden Dichterin antun. Somit ergibt sich ganz klar die Folgerung, daß die Gedichte unechte Produkte nachschaffender Pseudonaivität sein müssen.

Die Gedichte selbst jedoch machen den Eindruck, als seien sie echte Produkte eines unbedarften und unbelehrten Gemütes. Bestimmte Wendungen naivster Unbeholfenheit sind derart danebengegangen, daß parodierende Nachahmung die Gipfelhaftigkeit solchen poetischen Unvermögens nie erreichen könnte. Nur Originaldichtungen sind solch echter Falschheit mächtig.

In der Verlagsanzeige wird für ein Buch geworben, das angeblich im Entstehen begriffen war und bald in den Buchhandlungsschaufenstern ausliegen sollte: „Buchholzens in Königsberg“. Der Text ist leicht als Mystifikation zu erkennen, weil er in einem nachempfundenen Buchholz-Ton geschrieben ist, der den originalen Stindeschen Stil weit verfehlt. Brümmer kann seine im „Lexikon“ verarbeiteten Informationen nur aus diesem Anhang bezogen haben, das Buch selbst ist aber ganz sicher nie erschienen und kann ihm nicht vorgelegen haben. Durch diesen Umstand wird die Sache noch rätselhafter, da nun gefragt werden muß, ob Brümmer selbst (im vollen Bewußtsein der begangenen Tat) das Phantom in die Welt gesetzt hat, oder ob er in gutem Glauben gehandelt hat und nur von Verfechtern dubioser Interessen hinters Licht geführt worden ist.

Ein weiterer Zufallsfund eröffnet zwar Ausblicke in neue und sehr weitläufige Zusammenhänge, konnte aber letztlich doch nichts klären. Er betrifft die in Frau Buchholzens Vorwort beschriebene Episode, daß ein achtjähriges Mädchen, Goethe rezitierend, die Berlinerin zu Thränen gerührt hat. Dieses Detail (im Zusammenhang mit dem Namen Voß) rief Erinnerungen aus verschollenster Lektüre herauf. In Eisenbergs Bühnenlexikon gibt es einen Artikel über die Schauspielerin Agnes Freund, in dem zu lesen ist, daß sie in Königsberg als die Tochter des Militärkapellmeisters Voß geboren wurde. Weiter heißt es: „Schon als achtjähriges Kind betrat sie in ihrer Vaterstadt in Kinderrollen die Bühne.“ Aus diesen Mitteilungen ließe sich (bei einiger Leichtgläubigkeit) also der Schluß ziehen, daß Ottilie Voß die Mutter der Schauspielerin Agnes Freund gewesen sei.

Immerhin gibt es hier also einen Hinweis auf die möglicherweise doch reale Existenz der Ottilie Voß. Andererseits erhalten aber auch die Zweifel wieder Nahrung, denn ein berühmte Paukenmärsche komponiert habender Stabstrompeter Voß, wie ihn Brümmer und Gerhard Wendelbein annoncieren, ist selbst in den gründlichsten musikalischen Nachschlagewerken nicht zu ermitteln.

An diesem Endpunkt letztlich ergbnisloser Mühen angekommen, wäre ein hilfloses Achselzucken und ein ad-acta-Legen der ganzen Angelegenheit geboten. Es hat sich aber mit einer neu entwickelten buchhistorischen Untersuchungsmethode von bedeutendem Innovationspotential, die hier erstmals in Betrachtnahme kommt, noch ein weiteres Mosaiksteinchen zum schwankenden Bild der Autorin beisteuern lassen. Es handelt sich um die Vergleichende Zierleisten- und Vignettenforschung (VZV).

Über die theoretischen Voraussetzungen und die praktischen Verfahrensweisen der VZV wird die Öffentlichkeit demnächst durch mehrere Neupublikationen unterrichtet werden. Es kann hier deshalb auf weitläufige methodologische Darlegungen verzichtet werden. Die genaue Analyse hat ergeben, daß viele der im Druck der „Gedichte“ aufscheinenden Vignetten auch in Druckwerken des Berliner Verlages Freund & Jeckel, die in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen sind, Verwendung fanden. Oder umgekehrt: Für den Druck der „Gedichte“ der Ottilie Voß wurden Vignetten aus der Buchproduktion des Verlages Freund & Jeckel verwendet. Da nun die Frau des Verlegers Freund eine geborene Voß aus Königsberg (und möglicherweise die Tochter der Ottilie) gewesen ist, muß hier eine heute nicht mehr rekonstruierbare Beziehung bestanden haben.

Voß, Seite 9
Stinde, Der Liedermacher (5. Aufl. 1893), Seite 48
Stinde, Ut'n Knick (1894), Seite 68

Voß, Seite 23
Stinde, Der Liedermacher (5. Aufl. 1893), Seite 78

Voß, Seite 15
Stinde, Ut'n Knick (1894), Seite 65

Voß, Seite 9
Stinde, Der Liedermacher (5. Aufl. 1893), Seite 94

Besondere Beachtung verdient die Zierleiste mit dem Füllhorn, die Lesern der Buchholzbücher von Julius Stinde bekannt sein dürfte. In den höheren Auflagen dieser im Verlag Freund & Jeckel erschienenen Schriften findet sie so häufig Verwendung, daß sie als eine Art Markenzeichen angesehen werden muß. Nicht nur der Leipziger Verlag Albert Unflad hat sie in seinen Buchholz-Plagiaten verwendet, auch der „Lyrische Verlag“ druckt sie zu Häupten von Professor Gerhard Wendelbeins „Vorbemerkung“ zu den Voßschen Gedichten.

Halb untergegangen, halb wieder aufgetaucht, so segelt das Geisterschiff Ottilie Voß fortan durch die Letternmeere. Die alte Schaluppe ist jetzt wieder flott gemacht worden durch eine „Edition im Luttertaler Händedruck Bargfeld“:

Die Taube in der Laube. Gedichte von Ottilie Voß. Neu herausgegeben von Ulrich Goerdten. Bargfeld: Luttertaler Händedruck, 2001. (Edition im Luttertaler Händedruck 10) 58 Seiten. ISBN 3-928779-21-4, EUR 7,50

Zu beziehen durch jede gute Buchhandlung

oder direkt vom Verleger:

Ulrich Goerdten
2001-2010

Neueste Ergänzung: Bei der Staatsbibliothek zu Berlin liegt der Nachlass Brümmer, in dem alle Autoren-Mitteilungen an Brümmer erhalten sind. Dieses Material wird jetzt nach und nach aufgearbeitet. Dabei sind Briefe des Verlegers Carl Freund aufgetaucht, in denen ein Lexikoneintrag "Ottilie Voß" vorgeschlagen wird. Das Rätsel ist damit erst halb gelöst: Carl Freund, der mutmaßliche Schwiegersohn der Ottilie Voß ist der Urheber des Brümmer-Artikels.